Joel Hoekstra und Brandon Gibbs auf der Party im Zagreber Club Hard Place! (2023)
Mitwirkende: Joel Hoekstra & Brandon Gibbs (Vorbands: Marco Pastorino / The Spider Accomplice)
Datum: Samstag, 7. 10. 2023
Ort: Zagreb / Hard Place / Kroatien
Joel Hoekstra und Brandon Gibbs, zwei erstklassige und hoch angesehene Gitarren-Großmeister, haben ihre Kräfte im Duo Hoekstra/Gibbs vereint. In diesem Herbst haben sie u. a. auch den Mut aufgebracht, ihre erste gemeinsame Europatournee zu wagen. Im strikt akustischen Modus zweier Gitarren und mit dem Spielen von Material jener Künstler, mit denen ihre Karrieren schicksalhaft verknüpft sind – und natürlich nutzten sie die Tournee auch, um ihre eigenen kompositorischen Errungenschaften zu präsentieren.
Angesichts des Rufs beider Musiker (was sie bis zu diesem Tag alles vorzuweisen haben, steht HIER), weckte die Tournee zweifellos großes Interesse. In jeder Hinsicht. Vor allem wenn man sich die Karriere des Bekanntesten unter ihnen anschaut – Joel Hoekstra – aber auch Gibbs ist kein Kostverächter, ist er doch mit der Karriere von Poison verbunden. Es zeichnete sich also ein handfester akustischer Marathon ab, denn vor Gibbs und Hoekstra wärmten zwei Vorbands das Publikum auf. Als Erster betrat Marco Pastorino kurz nach acht Uhr abends die Bühne, bekannt als Teil der Besetzung der italienischen symphonischen Power-Metal-Festung Temperance, die wir in diesem Jahr nirgendwo anders erwischten als am 3.3.2023 im Kino Šiška vor dem Auftritt der großen Tarja Turunen. Doch die Geschichte dieses Musikers hört damit nicht auf. Er arbeitet auch mit Serenity und Fallen Sanctuary zusammen. Seine Integration in die Tournee sorgte für eine gehörige Überraschung. Der Typ, bewaffnet mit Gitarre und Stimme, nutzte die kurze Spielzeit für acht Adaptionen von Originalen. Sieben davon gehörten Temperance. Er ist ein exzellenter Gitarrist, daher gab es keinen Zweifel, dass ihm die Akustikgitarre keine Probleme bereiten würde. Mehr interessierte uns sein Gesang. Und den hat er gut hingekriegt. Eigentlich sehr gut, als er Temperance-Nummern in nackter akustischer Manier aneinanderreihte: I the Loneliness, Diamanti, die brandneue Daruma, Catch The Dream, Scent of Dye, Strong und abschließend Broken Dreams, die im Original Fallen Sanctuary gehört. Sehr elementare Adaptionen, abgespeckt, sogar ohne Soli. Deshalb übernahm der Gesang noch mehr Verantwortung. Leider verfolgten Marco Pastorinos Auftritt gerade mal rund 10 Leute, doch das störte ihn nicht. Er strahlte gute Laune aus und vergaß dabei nicht, die bescheidene Handvoll anzufeuern, die ihm ihre Aufmerksamkeit schenkte.
Nun, The Spider Accomplice sind eine ganz andere Hausnummer. Ein Duo aus Los Angeles, vertreten durch Sängerin/Gitarristin VK Lynne und Gitarrist Arno Nurmisto. Wieder 100% akustisch! Aber mit deutlich mehr energetischer Wucht. Das Duo hatte im Laufe seiner Karriere zunächst einige EPs und einzelne Singles veröffentlicht, letztes Jahr dann endlich auch das langersehnte Studiowerk bzw. Debütalbum „The Venomous Montage“, das im Hard Place ebenfalls ausgiebig vorgestellt wurde. Das Album ist sonst durch und durch mit handfestem, bissigem, verzerrtem Riffing beladen – doch dieses Mal haben die beiden ihr Material vollständig der akustischen Darbietung untergeordnet. In dieser Manier reagierten auch die Songs ganz anders. Das Konzert eröffneten sie mit der aufgeweckten und flotten Standalone-Single Oil Meets Rain. Vom neuen Album erklangen in dieser verwandelten Manier Rebels And Riders und Boots. Der großartige und oft chamäleonartig „anpassungsfähige“ Gesang von Sängerin VK Lynne zog in seiner Geschmeidigkeit und emotionalen Hingabe vollblütig in den Bann, während der großartige Arno mit seinen akustischen Begleit-Manövern einen ebenbürtigen Beitrag leistete, der nicht an beeindruckenden virtuosen Lösungen und der einfallsreichen Integration zusätzlicher Übergangsverzierungen sparte. Fans von knackigem und scharfem Hard Rock moderner Produktion müssen unbedingt zumindest ihr Studioerstlingswerk „The Venomous Montage“ checken. Das Duo legt auch großen Wert auf das Bühnenoutfit, was das Gefühl außergewöhnlicher Fokussiertheit auf die Konzertperformance noch verstärkte. Die Band spielte auch ältere Nummern, wie etwa Red And Green aus der EP „The Trap“, zur selben EP kehrten sie auch mit den atemlosen Balladen Butterflies und Beheeve zurück, bei denen VK Lynnes Gesang mit seiner Feinfühligkeit besonders berührte. Die Band vergaß auch ihre erste digitale Single Atmosfere nicht, die 2015 veröffentlicht wurde. Ebenso brachte sie das Publikum in der Konzertmitte auf die Beine, als sie zu einem Skid Row-Cover von I Remember You überging. The Spider Accomplice ist eine Crew, die es sich lohnt, auch in ihrer weiteren Karriere im Auge zu behalten.
Und schließlich Joel und Brandon. Exzellenter Sound. Echter Balsam für die Ohren. Wie geschaffen für das Clubambiente des Hard Place. Von der ersten Sekunde an. Die Musiker lieferten eine üppige Ernte an Bearbeitungen von Originalen: Devil City Angels (als Opener No Angels, direkt danach Boneyard), Poison (das erwartbare Every Rose Has It Torn – in der ersten Hälfte, sowie Something To Believe In kurz vor Konzertende) und die obligatorischen Whitesnake-Klassiker Is this Love sowie zum Abschluss Here I Go Again. Den Hauptgesang übernahm zum Löwenanteil Gibbs, der als exzellenter Sänger gilt. Vor allem im Vergleich zu Joel, der den Mut aufbrachte, seine beiden Joel Hoekstra’s 13-Nummern Hard To Say Goodbye und Until I Left You zu singen. Stimmlich bewegt sich Joel im mittleren bis tieferen Bereich. Er hat die Sache durchaus anständig hingekriegt. Beiden Musikern gehörten auch Gitarren-Solo-Einlagen. Gibbs‘ kam früh im ersten Teil mit dem Ziel, das Publikum ordentlich anzuheizen, während Hoekstra in der zweiten Konzerthälfte eine deutlich kniffligere und für Gitarren-Gourmets interessante akustische Solo-Einlage in Angriff nahm. Die Musiker flochten in der Konzertmitte auch ein The Doors-Cover von Love Me Two Times ein und heizten damit dem Publikum zusätzlich ein. Ihre Show gründete auf dem Erreichen des primären Ziels: eine perfekte Party zu schmeißen. Und das gelang ihnen in vollen Zügen.
Geredet wurde viel – dafür sorgte der aufgedrehte Gibbs zwischen den einzelnen Nummern. Seine Zunge läuft wie geschmiert. Wer sich nicht in seine Geschichten hineinfühlen konnte oder seinen Anekdoten nicht allzu sehr glaubte (Gequatsche gab es nämlich in rauen Mengen), konnte leicht den Konzertfaden verlieren und sogar abkühlen. Dieses Reden war absolut zu viel. Vielleicht amüsiert das die Amerikaner. Sollen sie. Aber wir Europäer sind ein anderes Publikum. Erheblich weniger naiv. Vor allem die Südslawen. Ich war sicher nicht die einzige „Perle“ des Abends unter den Besuchern, die statt diesem langen Gelaber, das eigentlich nur als eine Art Steel Panther-Parodie zündet, lieber noch einer weiteren Coverversion zugehört hätte.
Dieser Tag war auch deshalb besonders, weil der Club Hard Place sein 13-jähriges Bestehen feierte, weshalb in einer der Pausen auch das theatralische Anschneiden einer großen Torte nicht fehlte, die der legendäre Pišta auf die Bühne brachte. Im letzten Teil des Konzerts betrat noch ein weiterer Gitarrist die Bühne: Yogi Lonich. Ein kalifornischer Gitarrist kroatischer Wurzeln. Ein außergewöhnlicher Musiker. Daran gibt es keinen Zweifel. Seit Jahren lebt er mit seiner Familie in Zagreb. So erhielt er die Einladung, an diesem Abend der Party im Hard Place beizuwohnen. Yogi Lonich ist u. a. bekannt für seine Zusammenarbeit mit Buckcherry, The Wallflowers und Fuel, und hat in seiner Karriere u. a. auch mit folgenden Namen zusammengearbeitet: Chris Cornell, Shakira, Anastacia, Filter, The Doors und Cat Stevens. Interessant ist, dass Lonich keinen besonderen Einsatz oder Energie einbrachte, der in einem Mehrwert für dieses Konzert resultiert hätte. Er kam nicht zur Geltung. Vielleicht war das auch gar nicht der eigentliche Zweck seines Besuchs im Hard Place.
Suma sumarum. Ein sehr schöner Abend. Unterhaltsam. In jeder Hinsicht. Gibbs und Hoekstra haben den Besuchern – trotz souveräner Routine, die das Produkt aus Erfahrung und vielen Kilometern auf dem Buckel ist – eine glänzende Grundlage für das samstägliche Abschalten und Abfeiern geliefert. Mit exzellentem Sound und exzellenter Performance. Genau dafür sind wir an jenem Abend ins Hard Place gegangen.
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik & Edita Klemen






















