Fish hat kräftig unter dem Nostalgie-Kessel eingeheizt und die Besucher der halb leeren Halle erfolgreich aufgewärmt

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Ort: Bologna / Estragon / Italien
Datum: Samstag, 01.12.2007


Während mehr als die Hälfte der Einwohner des immer weniger grünen Ländchens auf der Sonnenseite der Alpen die neuesten Ausgaben der Zeitung Delo aus dem einen Grund aufkaufte, dass es gratis das derzeit gefragteste Musikstück in unserem wunderbaren Land dazu gab – nämlich das neue Album von Magnifico –, machten wir drei, gegenüber slowenischen Musikcharts und gesellschaftlichen Trends unverbesserlich ignorante Ausgestoßene, uns auf ins Herz von Bologna, um eines der größeren Progressive-Rock-Events mitzuerleben, die in letzter Zeit jenseits unserer Westgrenze stattgefunden haben. Die Italiener beehrte diesmal der legendäre Fish mit seiner Anwesenheit, noch immer am bekanntesten als ehemaliger Sänger der Kult-(Neo-)Progressive-Rock-Band Marillion, mit der er die größten kommerziellen Erfolge seiner Karriere feierte. Mit ihnen ist er trotzdem im guten Verhältnis geblieben, auch wenn er von einer möglichen Wiedervereinigung keinTerzett hören will. Trotz des langen Schattens seiner früheren Band ist Fish seit neunzehn Jahren solo unterwegs, ein in der musikalisch entwickelten Welt etablierter und respektierter Musiker, der in dieser Zeit eine Reihe solider bis sehr guter Alben veröffentlicht hat, unter denen Kenner als beste sein Debüt „Vigil In a Wilderness Of Mirrors“ (1989), „Sunsets On Empire“ (1996) sowie sein neuestes Werk „13th Star“ (2007) hervorheben.

Die erwartete Präsentation des größeren Teils der Songs vom neuen Album stand auf dieser Tour im Schatten seiner Interpretationen von Stücken des klassischen Marillion-Albums „Clutching At Straws“ (1987), das zugleich sein letztes mit dieser Band war. Es feierte dieses Jahr den 20. Jahrestag seiner Veröffentlichung. Nach der letztjährigen, unvergesslichen Begegnung mit dem legendären Hünen in Augsburg, wo er das komplette Marillion-Klassiker-Album „Misplaced Childhood“ (1985) live spielte, zusammen mit einigen weiteren Hits von Marillion und aus seiner Solokarriere, war das unser zweiter Besuch bei einem Fish-Konzert. Ehrlich gesagt hatte ich vorher nicht im Entferntesten damit gerechnet, dass dieser Auftritt mit dem in Augsburg mithalten oder ihn gar übertreffen könnte, trotzdem erwartete ich zu Recht eine hervorragende Interpretation einiger Marillion-Klassiker, eine theatralische Bühnenshow und eine Stimmung, wie sie nur dieser außergewöhnlich charismatische Musiker bieten kann, einer der wenigen, die in ihrer Bühnenperformance die völlig gegensätzlichen Gesichter des Clowns und des Märtyrers gleichzeitig vereinen können.

Kurz nach zehn machten wir uns dann doch auf in die halb leere Halle Estragon (dort waren wir zuletzt im April bei Marillion). Die Preise für „Souvenirs“ waren wie üblich übertrieben gesalzen. Für die limitierte Ausgabe von Fishs Soloalbum zum Beispiel wollten die Halsabschneider satte 28 Euro haben, was wirklich mehr als zu viel war. Als Vorgruppe traten diesmal die modernen italienischen Symphonic-Prog-Rock-Revivalisten The Watch auf, die sich am Ende als recht gelungene Wahl entpuppten, wenn auch (für anspruchsvolle Prog-Gourmets) nicht gerade als die originellste. Trotzdem waren sie ein wahrer Balsam für die Ohren im Vergleich zum letzten Jahr, als uns mit Fishs Segen irgendeine junge britische Singer-Songwriterin „unterhielt“, die abgesehen von ihren unbestreitbaren optischen Reizen musikalisch mit ihrem „Gejammer“ nichts Erwähnenswertes zu bieten hatte. The Watch, die unter dem mehr als offensichtlichen Einfluss von Genesis aus der Peter-Gabriel-Ära stehen (meiner Meinung nach könnten sie auch eine sehr solide Genesis-Tribute-Band abgeben), zeigten sich während ihres Auftritts mit solidem symphonischem Progressive Rock, der einen beinahe authentischen 70er-Keyboardsound enthielt und eine unverschämt ähnliche Bühnenaufstellung wie Genesis in ihren besten Jahren.

Während des Auftritts präsentierten sie größtenteils Stücke von ihrem aktuellen Album „Primitive“ (2007). Dem legendären Keyboardsound aus der Originalschule von Tony Banks, also dem Sound, den die meisten Prog-Rock-Feinschmecker bis heute am meisten schätzen, verhalf in vielem die Tatsache zum Leben, dass sich unter den Instrumenten zu meiner großen Überraschung auch ein vorsintflutliches Mellotron befand, das heute selbst bei Auftritten von Prog-Rock-Bands immer schwerer zu finden ist. Keyboarder Fabio Mancini bewies, dass es dort nicht nur zur Dekoration stand, sondern dass er es auch zu bedienen weiß. Sänger Simone Rossetti, der nicht nur wegen der poetischen Klangfarbe seiner Stimme, sondern auch wegen des eng anliegenden schwarzen Anzugs und der Schlaghosen ziemlich verdächtig an den jungen Gabriel erinnerte, zeigte für einen Italiener einen recht beneidenswerten Umgang mit dem Englischen, auch wenn er noch an seinem Stimmumfang arbeiten muss. Von der Ausstrahlung und Theatralik seines großen Vorbilds war er, trotz einiger Versuche in diese Richtung, natürlich ebenfalls weit entfernt. Auch Gitarrist Ettore Salati ahmte den Bühnenstil von Steve Hackett schon etwas zu offensichtlich nach, denn er saß während des gesamten Auftritts auf einem Hocker. Auch stilistisch kam sein Gitarrenspiel nicht ohne den für Hackett typischen Einsatz von Tapping und die klassizistischen weichen Linien einzelner Passagen aus.

Durch die Einzigartigkeit seines Auftritts stach am meisten Bassist Marco Schembri heraus, der mit dem Einsatz eines Sticks ihr audiovisuelles Image als eine Art italienische Genesis untergrub, denn an Mike Rutherford erinnerte er in nichts. Auch wenn es immer schön ist zu sehen, dass außer Tony Levin (King Crimson, Peter Gabriel) und Trey Gunn (UKZ, ex-King Crimson) noch jemand dieses anspruchsvolle Saiteninstrument benutzt, war es hier, angesichts dessen, dass Schembri darauf nichts allzu Besonderes zeigte, mehr oder weniger eine ungewöhnliche instrumentale Besonderheit oder einfach dazu da, damit man ihnen nicht auch noch das kriminelle Kopieren von Genesis vorwerfen kann. Schlagzeuger Roberto Leoni war ebenfalls mehr als offensichtlich von Collins‘ Drumtechnik inspiriert, auch wenn er noch viel Grütze essen muss, bevor er sich diesem Niveau annähert. Ihr Auftritt verging ziemlich schnell, ohne Zugabe, und am Ende verdienten sie sich auch von mir Applaus, was bei Vorgruppen nicht gerade oft vorkommt. Ich kann sagen, dass sich The Watch als echte Profis erwiesen und uns vor Fishs Auftritt gut aufgewärmt haben, auch wenn sie mit ihrem Ansatz kaum mehr darstellen als gute Nachahmer von Gabriels Genesis.

Fish kündigte seinen traditionell theatralischen Auftritt mit verschiedenen Bühnenprojektionen an. So konnten wir, bevor seine Besetzung auf die Bühne kam, den Countdown der Jahre seit der Veröffentlichung von „Clutching At Straws“ (1987) bis hin zum Jahr 2007 verfolgen. Darin überwogen Parodien auf einige Fan-Fragen, mit denen sich Fish seit Jahren konfrontiert sieht, wie etwa die zur Wiedervereinigung mit Marillion und zu seinem (Nicht-)Spielen des kultigen, 20-minütigen Marillion-Epos „Grendel“ (ursprünglich von ihrer ersten EP „Market Square Heroes“, 1982). Neben alten Aufnahmen von Fish mit Marillion liefen auch die wichtigsten gesellschaftlichen Ereignisse jener Jahre, und unter jedem stand ein ziemlich saftiger Kommentar. Der zweite größere Gag des Abends war, dass der DJ, als die Mitglieder von Fishs Band schon auf der Bühne waren, den Beatles-Klassiker „Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band“ auflegte, was bestimmt mit Absicht so abgesprochen war. Mit dem Blödsinn war es im Nu vorbei, als eine riesenhafte Gestalt, wie üblich selbstverständlich in ein arabisches Tuch gehüllt, autoritär auf die Bühne marschierte und die zentrale Position einnahm. Vor uns stand ein freundlicher, lachender Riese, den die unverschämt gähnende Leere in der Halle als echten Profi nicht im Geringsten aus dem Konzept brachte, sondern der sich dabei sogar amüsierte und einen so energiegeladenen Auftritt hinlegte, wie es sich für die Bühnenausstrahlung seines Kalibers gehört.

Fish und seine Truppe eröffneten ihren Auftritt, etwas ungewöhnlich, obwohl man den Löwenanteil von „Clutching At Straws“ erwarten durfte, mit dem Marillion-Klassiker „Slainte Mhath“. Danach lenkte Fish seinen Auftritt über eine energische Version von „Circle Line“ auf seine Solostücke um, unter denen die aus dem aktuellen Album „13th Star“ überwogen. Auch „So Fellini“ (Fellini Days, 2001) und das neue Stück „Square Go“ hinterließen einen guten Eindruck, trotzdem stach unter den Solostücken meiner Meinung nach das epische „The Perception of Johnny Punter“ vom Album „Sunsets On Empire“ (1996) heraus, das von den tragischen Ereignissen der jüngeren Geschichte auf dem Balkan inspiriert wurde. Das spiegelten auch die Bühnenprojektionen wider, auf denen Aufnahmen damaliger Kriegsszenen liefen. Diese flossen hervorragend in die Stimmung der Darbietung ein, die übrigens vollgestopft ist mit rohen Riffs wie mit subtileren Momenten. Der Fischer demonstrierte hier erstmals deutlicher seine theatralischen Fähigkeiten, indem er sich sein arabisches Tuch während des längeren Instrumentalteils ums Gesicht wickelte und so in der Rolle eines Islamisten auftrat. Dabei stand er eine Zeit lang wie versteinert da, was im scharfen Kontrast zu seinem sonst ziemlich lebhaften Bühnenauftreten stand. Nach der Auswahl seiner Solostücke zu urteilen, liegen Fish in letzter Zeit etwas düsterere und härter klingende Stücke, die auf fast halbtönigen Metal-Riffs basieren (eine der wenigen „neueren“ Prog-Bands, über die der mächtige Fischer eine positive Meinung hat, sind Porcupine Tree, sodass einige neuere Einflüsse sicher auch von dort stammen). Ich vermute, dass auch das seine aktuelle, Frauen gegenüber ziemlich unfreundliche Stimmung und die ewige Suche nach seinem „wahren Stern“ widerspiegelt, die im Konzept seines aktuellen Albums zu finden ist.

Fish hatte in der diesmaligen Besetzung gegenüber dem letzten Jahr einige Auffrischungen, etwa den neuen Rhythmusgitarristen Chris Johnson, den wir schon nach dem Interview kennenlernen durften. Erwähnen möchte ich, dass Chris stolz erzählte, er sei schon in Slowenien gewesen, weshalb er auch sofort unser Geschenk in Form eines Karst-Terans erkannte und Fish versicherte, dass wir ihn nicht vergiften wollen. Der junge Mann erwies sich an der Gitarre als guter Mitstreiter des alten Hasen Frank Usher, stellenweise zeigte er sich auch mit Begleitgesang. Auch hinter dem Schlagzeug saß jemand, den wir in Augsburg nicht gesehen hatten – Gavin Griffiths, ehemaliger Drummer von Mostly Autumn, einer Band, die der Fischer meiner Meinung nach nach seiner gescheiterten Verlobung mit deren Sängerin nicht mehr sehen noch hören will. An den Keyboards saß diesmal kein Geringerer als der im Prog Rock schon fast kultige Keyboarder Foss Paterson (der unter anderem auch mit Camel und Jethro Tull zusammengearbeitet hat), der sich erfolgreich als der ideale Keyboarder für Fishs Begleitband bestätigte. Der alte Fuchs Frank Usher, der Einzige, der schon von Anfang an mit Fish dabei ist, bestätigte seinen Ruf als einer der übersehensten Gitarristen im modernen Prog Rock, über die man normalerweise nicht allzu viel spricht. Auch Bassist Steve Vantsis ist schon langjähriges Mitglied von Fishs Besetzung und rühmt sich außerdem, einen großen Teil der Ideen für „13th Star“ beigesteuert zu haben. Fish stellte während des Auftritts jeden Einzelnen von ihnen vor und zeigte anschaulich, wer der Boss ist, sobald einige absichtlich anfingen zu provozieren und sich „auf die Brust zu trommeln“.

Nachdem er mit der Darbietung von „Manchmal“, ebenfalls vom aktuellen Album, den Höhepunkt seiner Solostücke erreicht hatte, gewürzt mit düsterer Stimmung und in halbtönige Hemden gekleideten Gitarrenpassagen, kehrte er über „Hotel Hobbies“ völlig unerwartet zu Stücken von „Clutching At Straws“ zurück. Das war auch vonseiten des Publikums ein mehr als willkommener Zug, denn trotz der sehr guten Ausführung der meisten seiner Solostücke muss man zugeben, dass die meisten von uns vor allem wegen der Stücke dieses Marillion-Klassikers zu seinem Auftritt gekommen waren. „Hotel Hobbies“ erweckte das schon merklich leicht verschlafene Publikum wieder ordentlich zum Leben, das von da an, zumindest in den ersten Reihen, aktiv mit der Band mitging und die Konzertstimmung notdürftig zu retten vermochte. Die gedämpfte Stimmung vonseiten des Publikums, die sich in der beschämend niedrigen Besucherzahl widerspiegelte, vertrieb Fish mit einer größeren Menge seines speziellen Humors, der unter anderem gesellschaftliche, Fußball- und Sexanspielungen sowie einiges an unverhohlener Selbstparodie enthielt. Mehrfach scherzte er auch auf Kosten der schlechten Besucherzahl, ihm gefalle „diese besondere Atmosphäre außergewöhnlicher Intimität sehr, und jetzt können wir uns gegenseitig mit Namen kennenlernen“. Anders als im letzten Jahr, als er zwischen den Songs fast ausnahmslos auf Deutsch sprach, konnte ich ihn diesmal trotz seines starken schottischen Akzents problemlos komplett verstehen.

Fish und seine Kameraden überraschten im weiteren Verlauf auch mit einer meisterhaften Version des Klassikers „Warm Wet Circles“, den Fish schon sehr lange nicht mehr in sein Konzertrepertoire aufgenommen hatte. Das Publikum ließ sich sogar so weit aufwärmen, dass die Begeistertsten bei „That Time Of The Night“ versuchten, die originalen weiblichen Begleitgesangsharmonien nachzuahmen, die am Ende dieses Songs einsetzen. Ein paar treue Fans fanden sich also doch. Damals und auch bei einigen weiteren Stücken von „Clutching At Straws“ fiel auf, dass Fish in seinen alten Tagen stimmlich die hohen Lagen nicht mehr erreichen kann und auch nicht mehr will, wie er sie zu Marillion-Zeiten hatte. Mit „Dark Star“, meiner Meinung nach einem der besten Stücke von seinem aktuellen Album, kehrten Fish und seine Besetzung für kurze Zeit aus den 80ern wieder in die Gegenwart zurück. Was die Instrumentaleinlagen, die Stimmung und Fishs charismatische Bühnenshow betrifft, war das neben dem bereits erwähnten „Perception of Johnny Punter“ sicher der beste Moment des Abends, wenn es um seine Solostücke geht. Vor „Sugar Mice“, das ebenfalls einer der besten Momente des Abends war, erinnerte sich Fish halb im Scherz, halb im Ernst an die Zeit, als er „noch jung war und noch ein paar Haare hatte, jetzt aber ein alternder Kerl ist, der um keinen Preis Perücken oder Implantate tragen würde, weil er so weniger Zeit hat, die er statt fürs Kämmen lieber fürs Anzünden von Zigaretten verbraucht“. Fish ist immer noch fast so leidenschaftlicher Raucher wie Trinker, auch wenn er während des Auftritts Plastikflaschen mit Wasser konsumierte, mit den Worten, dass „auch ein Fisch Wasser braucht“.

Im nächsten Moment klagte er, sie hätten ihren vorherigen Kellner auf einer der Reisen verloren, weshalb dessen Rolle kurzerhand Fishs Teenager-Tochter Tara übernommen habe. Im nächsten Moment marschierte mit einem Tablett ein sympathisches 16-jähriges Mädchen auf die Bühne, das sich in den nächsten paar Jahren mit Sicherheit zu einer attraktiven Frau entwickeln wird, und servierte Papa Fish und den übrigen Onkels aus seiner Besetzung Getränke. Tara kümmerte sich vor und nach dem Auftritt übrigens auch fleißig um den Verkauf der „Souvenirs“ ihres Vaters. „Sugar Mice“ ersetzte an diesem Abend so „Incommunicado“ als jener Moment von Fishs Auftritt, in dem Fish und seine Truppe traditionell die Wasserflaschen gegen berauschende Tropfen tauschen. Wen die „Zuckermäuse“ nicht ins Delirium bringen konnten, dem gelang das ganz sicher die ausgezeichnete Version von „White Russian“, die in einer Welt der unvermindert anhaltenden Welle von Intoleranz und Rassismus stets ein aktuelles Stück sein wird und die Fish, trotz Vermeidung einzelner hoher Lagen, auf seine spezifische dramatisch-erschütternde Art vorzüglich sang. Es folgte eine Zugabe mit dem etwas unerwarteten „Cliche“, im Kern eine recht durchschnittliche Liebesballade. Das hätte sicher als große Enttäuschung ausfallen können, doch die Begleitbesetzung erweiterte sie nach Fishs plötzlichem Abgang und spielte einen exzellenten instrumentalen Zusatz, vor allem durch Ushers vorzügliches „Gilmour trifft Latimer“-Gitarrensolo. Damit gelang es ihnen, mich unerwartet völlig zu verzaubern und für einen weiteren der schönsten Momente des Abends zu sorgen.

Nach seiner unerwarteten Abwesenheit kehrte Fish dann doch wieder auf die Bühne zurück, verkleidet in einem Fußballtrikot mit seinem Namen, es fehlte ihm nur noch das übliche obligatorische Whiskyglas und der Strohhalm. Alles war bereit für die lang ersehnte große „Party“ – den Fan-Gesang-Klamauk „Incommunicado“, der zugleich die letzte Darbietung des Abends war. Wenn die Stimmung an diesem Abend irgendwo so aufblühte, wie es sich gehört, dann bei der Darbietung dieses stets unterhaltsamen und witzigen Marillion-Klassikers, bei dem sich Fish, genau wie in dessen Video, für einen Moment wieder in jenen sympathischen Säufer verwandelt, der gerade von einem Fußballspiel zwischen Schottland und Italien zurückgekommen ist und sich nach der Niederlage an der Theke die Enttäuschung wegspült (auch rund um die traditionellen Fußballkonflikte wurde an diesem Abend ordentlich gelacht). Fish und seine Kameraden sorgten auch für den obligatorischen Tanz. Auch der im regulären Teil des Auftritts außergewöhnlich ruhige Chris Johnson gönnte sich hier ein paar Luftsprünge. Die Begeisterung des Publikums war auch dann nicht vorbei, als Fish sich schon bedankt und von der Bühne verabschiedet hatte. Leider blieben uns zwei Stücke vorenthalten, die eigentlich im regulären Repertoire der Tour standen. Fish gab der schlechten Besucherzahl nämlich am Ende doch noch eine Ohrfeige mit, sodass er trotz tosender Ovationen in den ersten Reihen nicht zurückkam, um die Zugabe zu spielen, die „The Last Straw“ hätte sein sollen. Ebenso ließ er „Vigil In a Wilderness of Mirrors“ aus der Auswahl weg. Trotzdem war ich nicht im Geringsten enttäuscht und kann sagen, dass Fish es irgendwie geschafft hat, das zu erfüllen, was ich von ihm erwartet hatte, auch wenn die erste Begegnung mit ihm zweifellos besser war, aber bei mir ist es meistens fast immer so, dass mir die erste Begegnung mit einem bestimmten Künstler immer schöner in Erinnerung bleibt als die nächste.

Manche waren allerdings deutlich kritischer und beschwerten sich nach dem Auftritt über die zu laute Beschallung, vor allem zu Beginn des Auftritts. Mich hat das nicht allzu sehr gestört, auch wenn ich zustimmte, dass die Beschallung offensichtlich auf eine größere Besucherzahl ausgelegt war als die letztlich erschienene. Größere Kritik würde ich persönlich vor allem an der schlechten Bühnenbeleuchtung üben, denn sie wurde oft unpassend eingesetzt, besonders was die Ausleuchtung des Hauptakteurs des Abends angeht. Ich kann aber auch nicht darüber hinweggehen, ohne mich über die kriminell niedrige Beteiligung (etwa 100 Leute) am Auftritt eines der wenigen Solokünstler im Rock zu empören, der seine Musik noch immer mit Herz und Seele macht und das Publikum, egal unter welchen Umständen, stets mit dem Maximum seiner Möglichkeiten belohnt. Fishs diesmaligen Auftritt kann ich als sehr gut bezeichnen, nicht phänomenal wie den in Augsburg, aber irgendwie trotzdem im Einklang mit meinen sonstigen Erwartungen. Besonders nachdem vor Beginn wegen des Lochs im Publikum noch einiges auf deutlich Schlechteres hindeutete. Sein diesmaliger Bühnenauftritt war anders angelegt als im letzten Jahr, sodass er diesmal nicht ein klassisches Album komplett spielte, sondern einige Stücke daraus wegließ und zwischen sie einige Solostücke einfügte, weshalb allein schon deshalb eine Wiederholung der Stimmung vom letzten Jahr nicht machbar war. Darauf wirkte sich dann natürlich noch die katastrophal niedrige Besucherzahl aus, die sowohl die Stimmung als auch die Tatsache entscheidend beeinflusste, dass sein Auftritt um eine zweite Zugabe verkürzt wurde.

Fish scherzte am Ende des Interviews sogar sarkastisch, dass er wegen unserer „wackeren“ Veranstalter die Sehenswürdigkeiten unseres Landes nicht besichtigen könne. Bei dem absurden Besuch seines Auftritts in Bologna möchte ich mir lieber nicht vorstellen, wie viele Leute zu seinem Auftritt gekommen wären, wenn es irgendein von selbstmörderischen finanziellen Neigungen beseelter Veranstalter gewagt hätte, ihn in unsere Gefilde zu holen. Selbst wenn man als Vorgruppe Magnifico geholt hätte, wäre die bis zum Bersten volle Halle bis zu Fishs Ankunft nach den optimistischsten Prognosen auf etwa fünfzehn Gestalten geschrumpft. Willkommen in der kleinen, aber echten Welt der Alpenvorland-Hüpfer, des sonntäglichen Rindsuppen-Rituals und des Turbo-Folk, wo erwünschte Fische nur die aus dem Angebot von Mercator sind.

Autor: Peter Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik


Setlist:
1. Slainte Mhath
2. Circle Line
3. So Fellini
4. Square Go
5. Perception of Johnny Punter
6. Manchmal
7. Hotel Hobbies
8. Warm Wet Circles
9. That Time Of The Night
10. Dark Star
11. Sugar Mice
12. White Russian
—Zugabe—
13. Cliche
14. Incommunicado

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