The Mission am Fünften im fünften Monat, bei Vollmond und Mondfinsternis – zum fünften Mal in Ljubljana (2023)
The Mission (supp. Wires & Lights)
Freitag, 5. 5. 2023
Ljubljana / CUK Kino Šiška / Slowenien
The Mission, die kultische britische Gothic- und Post-Punk-Rock-Formation, die mit ihrer musikalischen Vision beim Erscheinen auf der Szene Mitte der Achtziger auf revolutionäre Weise Elemente des Punk Rock mit der New-Wave-‚Romantik‘ verschmolz – zu einem eigenartigen Post-Punk-Kumulus aus Kreuzen, Kerzen und Sonnenbrillen –, musste eben wegen dieser frischen Vision, gewollt oder ungewollt, irgendwie auch in die Rolle eines Katalysators der britischen Invasion des Gothic-Rock-Genres schlüpfen, das in der zweiten Hälfte der Achtziger aufzublühen begann. The Mission gelten heute als Kultband jener Tage. Auf den Schwingen ihres zweiten Albums „Children“ besuchten sie bereits anno 1988 erstmals die Ljubljaner Hala Tivoli. Es folgten noch drei weitere Besuche der slowenischen Hauptstadt, zwei in der Hala Tivoli und eine Clubshow mitten im K4 im Jahr 2002 – also zu einer Zeit, als das Interesse an dieser Kultband völlig versiegt war.
Die Band der Höhen und Tiefen hat sich mit ihrer musikalischen Eigenständigkeit bis heute einen Kultstatus erarbeitet. Sie gilt als Generationsband. Doch bis zu ihrem erneuten Besuch in Ljubljana vergingen zwei stramme Jahrzehnte. Die Gruppe hatte ihr letztes und in jeder Hinsicht exzellentes Studioalbum „Another Fall From Grace“ zwar vor sieben Jahren veröffentlicht, doch nach einer längeren Auszeit fanden sie sich wieder zusammen, um auf die Tour namens „Deja Vu“ aufzubrechen. Schon am Namen der Tour ließ sich erahnen, dass es sich um ein Nostalgie-Manöver handelte, bei dem The Mission in ihren Konzertauftritten und Setlists ihr musikalisches Gesamtwerk abrunden würden.
Das Konzert in Ljubljana war sehr gut besucht. Wie man es leise erwartet hatte. Ein beträchtlicher Teil der diesmaligen Besucher gehörte tatsächlich zu jenen, die ihre Teenagerjahre Mitte der Achtziger verbracht hatten und so mit The Mission im Laufe der Zeit auch? Nun ja, gealtert waren. Sagen wir es schöner: gereift. Das war nicht zu übersehen. Nostalgie also. Hier und jetzt!
Das Aufwärmen für den Auftritt der Legenden übernahm die Berliner Band Wires And Lights. Es handelt sich um ein englisch-britisches Quartett, bestehend aus Justin Stephens (Gesang, Gitarre), Ralf Hünefeld (Gitarre, Synthesizer), Gabriel Brero (Bass) und Sebastian Hilgetag (Schlagzeug). Post-Punk-Drive, basierend auf einem einfachen rhythmischen Fundament, aktiv unterstützt von wuchtigen Basslinien und angeführt von einem düsteren Gesang. Das Ding muss sich von Bands wie Chameleons, The Sisters Of Mercy, Bauhaus und Siouxsie And The Banshees inspirieren lassen. Exzellenter, kompakter und eingespielter Auftritt. Engagiert und fokussiert. In allem sehr überzeugend. Auch kompositorisch. Die Songs stehen solide. Und in der Bühnenumsetzung packen sie einen – greifen zu. Der Sound (für eine Vorband) sehr gut, und Wires & Lights haben es in ihrer Funktion als Support-Act mit ihrem Auftritt geschafft, dass man, wenn man ihnen einmal zugehört hatte, einfach bei ihrer Show blieb und die Darbietung ihres Originalmaterials genoss, das ausgewählte Songs ihres Debüts »A Chams Here And Now« (2019) sowie die gesamte EP »Mayday« (2022) umfasste.
The Mission! Auf der Bühne erscheinen durch die orchestrale Einleitung einer nach dem anderen die drei Originalmitglieder: Bassist Craig Adams, Sänger/Gitarrist Wayne Hussey, Gitarrist Simon Hinkler – und hinter dem Schlagzeug nimmt das neue Gesicht im Team Platz, Drummer Alex Baum, der sich The Mission im vergangenen März angeschlossen hat. Das Quartett eröffnet das Konzert mit dem „Children“-Klassiker Beyond The Pale und etabliert sofort die typische Klang- und Stimmungskulisse. Im Nu. Das Publikum hat sie nicht vergessen, ein beträchtlicher Teil sang aktiv mit, und man spürte, dass das Zusammentreffen mit The Mission eine intensive – auch emotionale – Erfahrung sein würde. Die Songs kommen aus den Molltonarten, und The Mission sind Meister darin, eine Idee auf einfache, direkte und zugleich mitreißende Weise zu präsentieren. Durch eine düstere, atmosphärische Kulisse. Hussey bleibt ein brillanter Frontman – die Jahre haben seine Stimme etwas gesenkt, dafür aber ‚voller‘ gemacht. Doch die Essenz, das Charisma bleibt. Eine Präsenz von einzigartiger Substanz, die dem Kunstschaffen der Gruppe eine besondere Note verleiht. In diesem Zusammenhang müssen auch die Wirkungen von Husseys zwölfsaitiger halbakustischer Schecter ‚Corsair‘-Gitarre eingerechnet werden, von der er sich während des Konzertauftritts in Ljubljana keinen Augenblick trennte, und die dem Kunstschaffen der Gruppe eben diese besondere Note verleihen. Natürlich darf man dabei Hinklers wehmütige Ein-Saiten-Linien nicht vergessen, die er mit einem deutlich betonten ‚Sustain‘-Effekt in das Material einwebt.
Die Band spielt ausgezeichnet. Beeindruckt hat sie aber vor allem durch die Songauswahl. Mit Ausnahme von Within the Deepest Darkness (Fearful) vom letzten Studioalbum „Another Fall From Grace“ spielte sie ausschließlich Material, das zwischen 1986 und 1995 aufgenommen und veröffentlicht wurde, wobei natürlich auch das Material von den ersten beiden EPs nicht fehlte, das auf dem Dokument „The First Chapter“ (1987) vereint ist. Es ist unglaublich, wie nach all diesen Jahren ein Klassiker wie Stay With Me greift – den die Band zunächst mit einem rhythmischen Sample unterlegte, was zur außerordentlichen Packwirkung der Stimmungskulisse beitrug, die The Mission bei Auftritten aufbaut. In einer Pause fragte Hussey das Publikum: „You don’t like to sing much, do you?“, und heizte damit die Menge zusätzlich an und ermutigte sie zur Beteiligung. Dann folgt noch Düstereres als das schon so intensiv Düstere. Afterglow! Bis sich durch die undurchdringliche Bewölkung ein Schleier des Lichts schiebt. Natürlich. Die ‚Carved In Stone‘-Klassik – also der Single Butterfly On A Wheel.
Die Gefühle erwachen besonders und bringen den Saal zum Glühen beim einleitenden Craig-Motiv auf dem Bass, das hallte, als schriebe man Mitte der Achtziger. Anders durfte es gar nicht sein. Knallig, eindringlich, nostalgisch. Es konnte nur Wasteland vom Studioerstling „God’s Own Medicine“ sein. Und danach folgt der Abschluss des regulären Teils. Schon? Tatsächlich. Zu schnell. Nach gut einer Stunde. Aber mit dem exzellenten, unnachgiebig donnernden, unvergesslichen Song „Carved In Sand“ vom Album Deliverance.
Die erste obligatorische Zugabe eröffnete mit der balladenhaften Single Swoon vom Album „Neverland“ (1995). Es folgte der zum Volksschlager gewordene Hit des Debüts Severina, und das Publikum blieb auch im weiteren Verlauf fest in der Hypnose, als die Band das Geschehen auf dem Gelände mit einem weiteren unvergesslichen Kapitel ihrer markanten Karriere erneut ankurbelte. Exzellent: The Crystal Ocean in der verlängerten Version mit einem langen instrumentalen Einleitungsteil.
Als es schon so aussah, als wäre alles vorbei, kehrte die Band auf die Bühne zurück. Natürlich. Es fehlte noch der ein oder andere Song vom Album „Children“. Tower Of Strength, bei dem diesmal wieder die ganze Halle mit Hussey sang. The Mission verabschiedeten sich nach rund anderthalb Stunden im Geist einer außergewöhnlichen atmosphärischen Ausbeute. Das war leise zu erwarten. Doch wenn es einen noch live erwischt, weiß man, dass man an diesem richtigen (uralten) Platz ist. Wie vor (irgendwo dort) 35 Jahren, als man für Omas Taschengeld und in der Unterführung des Maximarket mitten in Ljubljana (spät in den Achtzigern) die Vinyl von „The First Chapter“ und „Children“ kaufte.
Das unvergessliche fünfte Konzert von The Mission in Ljubljana. Bildhaft und wie gesagt: nostalgisch. In jeder Hinsicht, die der Gruppe ihren Kultstatus und ihren Ruf eingebracht hat – sowie auch angesichts der Tatsache ihres fünften Auftritts in Slowenien. Obendrein am Fünften im fünften Monat, bei Vollmond und Mondfinsternis. Äußerst gotisch also!
Autor: Aleš Podbrežnik & Edita Klemen
Fotos: Aleš Podbrežnik (1-21) & Edita Klemen (22-25)
The Mission Setlist:
1. Beyond the Pale
2. Serpent’s Kiss
3. Over the Hills and Far Away
4. Within the Deepest Darkness (Fearful)
5. Kingdom Come
6. Stay With Me
7. Like a Child Again
8. Afterglow
9. Never Again
10. Butterfly on a Wheel
11. Wasteland
12. Deliverance
—Zugabe I.—
13. Swoon
14. Severina
15. The Crystal Ocean
—Zugabe II.—
16. Tower of Strength
























