‚Marillion Weekends Convention XXI‘ in Padua – erster Tag (2023)

foto: EDITA KLEMEN 2023
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Marillion
‚Marillion Weekends Convention XXI.‘ (erster Tag)
Freitag, 28. 4. 2023
Padua / Gran Teatro Geox / Italien


Marillion, die Größen des Progressive- und Art-Rock, die vor gut einem Jahr ihr letztes Studioalbum „An Hour Before It’s Dark“ veröffentlicht haben (Rockline Rezension), organisieren seit 2002 zwei- oder dreitägige Treffen mit ihren treuesten Fans. Diese nennen sich ‚Marillion Weekends‘-Conventions. Die diesjährige Ausgabe ist bereits die 21. in Folge. Die Band hat in diesem Jahr erstmals zwei solcher Conventions auch auf dem Boden Deutschlands und Italiens bestätigt. Italiens? Wenn es sich nicht um Rom, Mailand, Florenz oder Neapel handelt, könnte das auch für das dezimierte Grüppchen potenzieller Prog-Rock-Fans aus Slowenien ein sündhaft lohnenswertes Erlebnis werden – und die lassen sich an einer Hand abzählen. Bei uns wird es immer so bleiben, dass Halid Bešlić Hallen mit mehreren tausend Leuten füllt, während unsere westlichen Nachbarn das Genre Progressive Rock seit jeher schätzen. Immer wenn die Rede auf ‚Progressive Rock‘ kommt – ein Genre, das in Italien seit Anfang der Siebziger eine reiche kreative Tradition hat – füllen dort die Hallen (nach wie vor aktive) King Crimson, Peter Gabriel, Van Der Graaf Generator, Steve Hackett, Yes, aber auch die deutlich jüngeren Porcupine Tree sowie das erste Ziel dieses Textes – ‚unsere‘ Marillion.

Padua also. 220 km von Pivka. Ein Klacks. Besser hätte es nicht klingen können. Eine der sechs diesjährigen Conventions fand also dort statt. Die Tickets waren in drei Kategorien aufgeteilt. Darunter auch die Kategorie ‚Tribüne‘. Beide Marillion-Konzerte bzw. beide Convention-Tage also, zum sensationell günstigen Preis von 60,00 €. Gekauft. Im Nu.

Nach den beiden diesjährigen Marillion Weekend XXI.-Conventions in den Niederlanden (Port Zelande, Haarlem) war zum ersten Mal auch Italien an der Reihe (in diesem Jahr folgen noch drei weitere Conventions: in Kanada (Montreal), Großbritannien (Leicester) und, wie bereits erwähnt, Deutschland (Berlin)). Am Veranstaltungsort begann es bereits um fünf Uhr nachmittags zu brodeln. Auf dem Hof vor dem Eingang zur Halle wurde alles Mögliche gegrillt und gebrutzelt, dabei verbreiteten sich Gerüche, die eher abstoßend als verlockend wirkten. Jedes Mal, wenn wir vor dem Gran Teatro Geox ankamen, wurden wir mit diesem Ritual begrüßt. So läuft das in Italien. Auch diesmal war es nicht anders. Aber zum Wahnsinnigwerden teuer. Zum Beispiel: 0,4 l Bier im Plastikbecher kostet 6,00 €, wobei man bedenken muss, dass Bier in Italien mindestens so mies ist wie Kaffee auf der Autobahn in Österreich oder Deutschland.

Es ist 19.00 Uhr, dann 19.30 Uhr und schließlich langsam auch 20.00 Uhr. Das Gelände wird von Minute zu Minute voller. Der Zugang zum Merchandise-Tisch ist buchstäblich unpassierbar, und dieser plötzliche Bienenkorb sorgt für ziemlich viel Chaos beim Verkaufsteam der Band. Niemand kann nämlich Italienisch oder versteht es (letztendlich sind sie selbst schuld daran – im Gegensatz zu uns, den slowenischen Polyglotten, die durch die Kleinheit unseres Landes buchstäblich in diese Findigkeit hineingedrängt werden). Um halb neun abends begann Riccardo Romano (mit seiner Begleitband) die halbvolle Halle aufzuwärmen. Riccardo Romano ist ein italienischer Multi-Instrumentalist, Sänger und Komponist – und außerdem Partner von… wem sonst als Jennifer, der Tochter von Marillion-Gitarrist Steve Rothery. Seit einiger Zeit ist auch das Album des Projekts Riccardo Romano Land bzw. die Konzept-Rockoper namens „RB612“ draußen, auf der eine Reihe interessanter Gastmusiker zu hören sind, darunter auch beide Steves von Marillion (‚H‘ und Rothery). Die Musik ist so oder so stark von Elementen des symphonischen Progressive Rock inspiriert – Genesis kommen einem sofort in den Sinn –, aber ‚abgemildert‘ durch moderne Kniffe des musikalischen Artismus, der natürlich mit Pop-Rhetorik arbeitet, was die Sache nicht allzu weit von den Zügen eines Peter Gabriel der Achtziger entfernt, aber auch nicht weit von dem einen oder anderen Marillion-Album aus der ‚H‘-Ära. Auf der Bühne erschienen als besondere Gäste Ricardos Lebensgefährtin Jennifer sowie ihr Vater Steve Rothery. Ein angenehmes und charmantes Warm-up, dem allerdings mindestens die Hälfte der Besucher kaum Aufmerksamkeit schenkte. In dieser Zeit belagerten viele Besucher weiterhin den Merchandise-Tisch und schmausten lieber an den Tresen mit allerlei Getränken und Essen.

Genau um neun Uhr fünfzehn ging es dann richtig los! Da war er. Der erste der beiden Marillion-Konzerte der ersten italienischen Marillion Weekends Convention. Das Rad muss man nicht neu erfinden, wenn es um den klanglichen und darstellerischen Perfektionismus von Marillion geht. Diese beiden Elemente gehen Hand in Hand. Immer. Und die Band, die bereits auf 45 Jahre Bandgeschichte zurückblickt, probt und ‚frischt sich‘ noch immer regelmäßig auf. Auch wenn sie extrem gereift ist und schon vor langer Zeit alle Stürme überstanden sowie die größten (kommerziellen) Höhen und Tiefen erlebt hat. Es war zu erwarten, dass die Band ein stattliches Paket Material aus dem aktuellen „An Hour Before It’s Dark“-Album spielen würde. Das erste Drittel des Konzerts war diesem ausgezeichneten neuen Studiowerk vollständig gewidmet, und die Band beeindruckte mit dem, was sie am besten kann. Dem Erschaffen einer spezifischen, von Mystik und Tiefe durchdrungenen Atmosphäre, die häufig für Bands von den britischen Inseln charakteristisch ist – im Fall von Marillion aber einzigartig für das künstlerische Werk des Quintetts.

Klangliche Erhabenheit, bei der man selbst das Fallen einer Nadel in der arrangementmäßig-darstellerischen Verdichtung voller artistischer Expression heraushören kann, herrschte im brechend vollen Gran Teatro Geox. 3.000 heiße Köpfe, die von absoluter Hingabe an die Band geprägt sind, wiegten sich bei den ‚ernsthaften‘ Passagen in eine Art Trance und genossen jeden Moment. Hier tat die Hypnose ihre Wirkung, und das Publikum verfolgte das Konzert in Stille. Kein Lärm. Wie im Theater. Natürlich haben dabei auch die Sitzplätze ihren Teil beigetragen. Aber wenn es kochte, kochte es natürlich vor allem in den vorderen Reihen, und dann tiefer in der Halle in Richtung der Tribüne, die im Hintergrund der ‚Zeltkonstruktion‘ der Halle platziert ist. Diese Plätze besetzten die ‚Eingefleischtesten‘, aber auch die vermögendsten Fans der Band, die regelmäßig und überall auf Marillion Conventions gehen. Besucher aus aller Welt. Darunter eine beachtliche Horde Briten, die nach Padua gereist waren.

Mr. ‚H‘, der Charmeur des Quintetts, begleitete jede Pause zwischen den Songs mit einer kurzen Ansprache und einer Geschichte, die mit der Botschaft des nächsten Stücks im Repertoire zusammenhing. Die intensive Atmosphäre, die die Band im ersten Drittel des Konzerts schuf – als sie fast die Hälfte des neuen Studioalbums spielte –, packte einen und wirkte hypnotisch. Darauf folgte Fantastic Place. Ein Juwel eines der stärksten Alben der Marillion-‚H‘-Ära, nämlich des Albums „Marbles“ (2004). Eine wahnsinnige Steigerung. Von Runde zu Runde. Aufbau. Vom Intensiven ins immer Intensivere. In einen stimmungsvollen finalen Crescendo. Eine Band, die die Zuhörer mit Energie auflädt. Sowohl live als auch im Studio. Und live trifft Marillion-Material noch einmal ganz anders. Bis zu einem gewissen Grad noch intensiver. Das Wummern von Trewavas‘ hypermusikalischen Bassgitarrenlinien auf dem Warwick, mit der ererbten Klangästhetik aus dem Œuvre des unvergesslichen Yes-Bassisten Chris Squire, war definitiv eine ganz eigene Geschichte der außergewöhnlichen klanglichen Kalibrierung dieses Konzerterlebnisses – ergänzt durch den unfehlbaren Perfektionismus des Gitarren-Gurus Steve Rothery und seines höchst aufmerksamen Weggefährten und Keyboarders Mark Kelly. Der Mann im Hintergrund, Hüter des Takts in diesen guten zwei Stunden und zwanzig Minuten des Spektakels, Ian Mosley, der in diesem Jahr runde 70 Jahre alt wird, beeindruckte mit seinem Gespür für das Einbetten verschiedenartiger Übergangspassagen, was das Gefühl außergewöhnlicher Weichheit und Entspanntheit dieses Konzerterlebnisses noch vergrößerte. Und da ist natürlich Steve Hogarth. Mr. ‚H‘ – der Charmeur der Band. Mit seinem einzigartigen und für viele, die schulbuchmäßige Stimmtechnik erwarten, überraschend ‚eigenwilligen‘ Vokalstil. Eine Figur, die der Antriebsmotor des Marillion-Spektakels ist. Es stimmt, dass Trewavas auf der Bühne sehr agil ist, aber bei der sonstigen Statik der anderen Instrumentalisten ist der unglaubliche ‚H‘ – unglaublich eben deshalb, weil sein vokaler Ansatz unglaublich ist (eine Menge Dinge erschafft und ‚verbiegt‘ er direkt mit der Kehle; vom atemberaubenden Falsett, mit dem er gelegentliche – fast esoterische – Stimmungen verstärkt, fange ich erst gar nicht an) – der Katalysator des Spektakels. Irgendjemand muss das sein. Ob er bewusst den Narren spielt, oder mehrfach quer über die Bühne rennt, oder all seine Requisiten auf den Boden wirft. Von Tamburinen, Plektren und allem anderen, was auf seinem Bühnen-‚Ständer‘ liegt. Alles fliegt nur so von ihm. Die ruhigen Passagen singt er oft so, dass er sich hinsetzt und die Beine im Schneidersitz kreuzt; in vielen Teilen wirkt er aber auch als zusätzlicher Keyboarder und/oder Gitarrist mit. Und noch ein Tipp für sein Management: Bietet dem Mann doch eine anständige Biermarke an und ‚tötet‘ ihn nicht mit einem billigen Abklatsch vom Typ Heineken oder Beck’s. Lasst ihn lieber ein tschechisches Lager probieren, oder zumindest das Salzburger Stiegl. So eine Geste würde ihn auf der Bühne sicher noch zusätzlich befeuern und antreiben. ‚H‘ ist ein Magnet. Mit einem Charisma, das man mit dem Messer schneiden könnte. Und das kann ihm niemand nehmen. Er ist eine besondere Figur. Des Rock and Roll. Und so wird es bleiben.

Wir haben alles abgehandelt. Den Hauptteil. Na ja, natürlich gibt es noch die ‚Sahnehäubchen‘, ohne die man sich Auftritte der Band im Stil der Marillion Weekend Conventions kaum vorstellen kann. Dazu gehören definitiv die „Anoraknophobia“ (2001)-Momente Map Of The World und etwas später The Fruit Of the Wild Rose. Normalerweise wählt die Band von diesem Album bei Live-Auftritten am häufigsten Quartz für ihr Repertoire. Einen eigenwilligen Höhepunkt brachte die Aufführung zweier „Clutching At Straws“ (1987)-Klassiker. Das leise erhoffte Warm Wet Circles, dem eine weitere Setlist-Überraschung folgte: That Time Of The Night (The Short Straw) – das Sahnehäubchen aller Sahnehäubchen des Konzertabends. Vor allem für die, die die Zeiten der Band mit dem ikonischen Fish nicht vergessen können. Unnötig zu sagen, dass die Halle in diesen beiden Momenten aus der Achtzigerjahre-Ära der Band komplett ausgerastet ist. ‚H‘ nutzte seinen Gesang in diesen beiden Songs manchmal nur als Marker. Das übernahmen die verrückten Fans der Band, die die Texte auswendig kennen. In diesen Momenten erreichte die Atmosphäre den Siedepunkt und es fehlte nicht viel, um das Dach buchstäblich ‚in die Luft‘ zu heben.

Eine ganz eigene Geschichte ist aber auch das eingängige „Holidays In Eden“-Evergreen No One Can, das die Herzen zusätzlich erweichte, vor allem die des zarten Geschlechts. Die Band ließ auch das Vorgängeralbum „F.E.A.R.“ (2016, Rockline Rezension) nicht aus und spielte White Paper; ein neues atmosphärisches Gebilde lieferten Marillion, als sie sich dem Titeltrack des Albums „Afraid Of Sunlight“ annahmen, der kurz danach durch einen weiteren unerwarteten Setlist-Track vom genannten Album ergänzt wurde. Es war nämlich Afraid Of Sunrise.

Das Publikum brodelte allgemein, als Marillion gegen Ende zwei aufeinanderfolgende „Clutching At Straws“-Klassiker spielten, und Öl ins Feuer goss die brillante „This Strange Engine“-Komposition Estonia. Es ist ein Song mit einer Botschaft, die von den Ereignissen des 28. 9. 1994 inspiriert ist, als ein Schiff dieses Namens auf mysteriöse Weise in der Nordsee versank (zwischen den Küsten Finnlands, Schwedens und Estlands). Ein außergewöhnlicher Schlussteil.

Zugabe. Die obligatorische Zugabe. Eine neue, über 15 Minuten lange und in mehrere Teile gegliederte Komposition mit dem Titel Care. Das war die erste Zugabe, und Marillion versetzten das Publikum mit diesem brillanten Progressive-Epos erneut in eine Art Trance. Dieser Magie ist schwer zu entkommen. Du kannst aber ein Konzert nicht mit einem Song vom letzten Album beenden, wenn du davon ein wahres Meer in der Tasche hast und deine Karriere bis ins Jahr 1978 zurückreicht. Denn da ist noch eine weitere Zugabe – und? Garden Party aus dem Debütalbum „Script for a Jester’s Tear“ (1983). Das Publikum dreht völlig durch, die Band genießt es auf der Bühne. Die Bremsen lösen sich endgültig. Die Chemie zwischen Publikum und Band ist außergewöhnlich. Dabei ist Rotherys anhaltende Gelassenheit während der Performance faszinierend zu beobachten. Auch in den finalen Momenten der Konzertauftritte. Der Mann wirkt durchgehend unglaublich fokussiert und achtsam und lächelt dabei unentwegt, während er Augenkontakt mit dem Publikum hält. Dieser Kontrast zum entfesselten Hogarth, der im Finale alle Zügel losließ, ist verblüffend. In einem Moment sah es so aus, als würde ‚H‘ von der Bühne kippen, doch er fing sich am Bühnenrand im letzten Moment geschickt ab. Zwei Gegensätze in der Band, die sich aber in vollen Zügen anziehen. Und der gemeinsame Nenner? Keiner von beiden patzt.

So verging der erste Tag der dritten diesjährigen ‚Marillion Weekends XXI‘-Convention, die erstmals auch in Italien organisiert wurde. Ein makelloses und hypnotisches Erlebnis außergewöhnlicher klanglicher und darstellerischer Perfektion. Was für die Band längst eine Art Routine geworden ist (bei der sie aber noch immer grenzenlos auf der Bühne genießt), bleibt für die Fans weiterhin ein Traum. So ist es. Die Hälfte der Paduaner Convention liegt hinter uns. Es bleibt noch ein Konzert. Am nächsten Tag…

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Edita Klemen & Aleš Podbrežnik

Setlist:
1. Be Hard On Yourself
(I) The Tear in the Big Picture
(II) Lust For Luxury
(III) You Can Learn
2. Only a Kiss
3. Murder Machines
4. Reprogram the Gene
(I) Invincible
(II) Trouble-Free Life
(III) A Cure for Us?
4. Fantastic Place
5. Map of the World
6. The Fruit of the Wild Rose
7. No One Can
8. Afraid of Sunlight
9. White Paper
10. Afraid of Sunrise
11. Warm Wet Circles
12. That Time of the Night (The Short Straw)
13. Estonia
—Zugabe I.—
14. Care
(I) Maintenance Drugs
(II) An Hour Before It’s Dark
(III) Every Cell
(IV) Angels on Earth
—Zugabe II.—
15. Garden Party


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