Steve Vai – das freche Steckenpferd in den Zähnen der Hydra (2023)

foto: Aleš Podbrežnik 2023
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Steve Vai
Zagreb / Dom sportova (kleine Halle) / Kroatien
Donnerstag, 13. 4. 2023, 20.30 Uhr


Steve Vai ist zurück in Europa. Mit dem Album „Inviolate“ (2022, RockLine Rezension) und dem zweiten Teil der „Inviolate“-Tournee. Letzten Sommer haben wir ihn beim ersten Teil auf der Burg von Udine, dem Castello Di Udine, erwischt, wo er am 1. 7. 2022 auftrat. Das Album „Inviolate“ erschien Ende Januar letzten Jahres. Wie ihr wisst, ist es Vai (wer sonst), der darauf das wundersame Gitarren-/Bassgitarren-Ungetüm mit drei Hälsen in den Händen hält, genannt Hydra. Diese Hydra hatte er in Udine nicht dabei, obwohl er Material des neuen Albums spielte, denn er hatte sich während der Albumaufnahmen die rechte Hand verletzt. Diesmal kehrte er völlig fit zurück, und seine Konzertspektakel versprachen auch die Anwesenheit dieses monströsen Instruments, das inzwischen die Rolle des allseits bekannten Steve Vai-Glamours übernimmt, der die Karriere dieses genialen und einzigartigen musikalischen Virtuosen und Künstlers seit jeher begleitet.

Steve Vai kehrte so nach elf Jahren wieder nach Zagreb zurück und trat damit zum dritten Mal in seiner Karriere dort auf. Das Interesse war außerordentlich. Vor elf Jahren trat er zum zweiten Mal in der Tvornica kulture auf. Es war der 9. 11. 2012. Dort hätte er also nun zum dritten Mal auftreten sollen, doch die Nachfrage nach dem Konzert war so groß, dass man ihn in die kleine Halle des Dom sportova verlegte. Spielort und Entfernung verlangen die bedingungslose Zustimmung zum Besuch eines solchen Spektakels. Dem kann man nicht entkommen. Es wäre eine Sünde. Fünf Tage vor Vais Zagreber Stopp düste RockLine zum Aufwärmen in Sachen farbenfroher Gitarren-Kapriolen los und schaute sich am 8. 4. 2023 den Wiener Auftritt von Vais ehemaligem Mentor und Lehrer Joe Satriani an. Was für eine Abfolge von Konzertgenüssen und Wollüsten. Noch Fragen? Besser geht’s nicht. Dieses Konzert von Vai im Dom sportova hatte noch aus einem weiteren Grund Symbolcharakter. Genau vor 23 Jahren nämlich stand Steve Vai zum ersten Mal in Ljubljana auf der Bühne (Hala Tivoli, 13. 4. 2000).

Auf zum dritten Zagreber Konzert von Vai also. Die Anreise war schwieriger als man hätte denken können. Ungeachtet der Tatsache, dass Zagreb vom slowenischen Pivka knapp 200 km entfernt ist, war der Tag gespickt mit riesigen Autobahn-Staus, Verkehrsunfällen und gnadenlosem Regen. Obendrauf kommen noch alles andere als glänzende Bedingungen bei der Parkplatzsuche in der Nähe des Dom sportova — das Maß ist voll. Wie auch immer. Es ist halb neun abends, und wie versprochen beginnt das Konzert. Alle haben ihre Positionen eingenommen. Links (von der Bühne aus gesehen) steht Zusatz-Gitarrist Dante Frisiello, der in der Begleitband Dave Weiner inzwischen offensichtlich vollständig ersetzt hat, rechts Bassist Philip Bynoe, im Hintergrund Vais langjähriger Schlagzeuger Jeremy Colson, den manche vielleicht auch schon beim Besuch eines Auftritts von Billy Idol erwischt haben. Colson ist seit 2002 bei Vai. Intro. Der wohlbekannte Gitarren-Sound ist bereits Mittelpunkt des Geschehens, aber Vai ist auf der Bühne noch immer nirgendwo zu sehen. Wieder neckt er uns. Auf seine eigene Art, die wir lieben und gewohnt sind. Die verspielte Gitarren-Phrase im neuen Avalancha weckte das Publikum eingangs auf, das blitzschnell aufsprang, als die berühmte Silhouette der Gitarrenspinne schließlich mit ihr auf der Bühne erschien.

Das Repertoire, das wir zu hören bekamen, wich nicht allzu sehr von der letzten Konzerterfahrung mit dem stattlichen und großartigen Musiker ab, die wir letztes Jahr in Udine erleben durften, wurde aber um gut zwanzig Minuten verlängert. U.a. dank der berühmten Hydra. Um fünf Nummern verlängert!

Der furchterregende Gitarren-Großmeister brachte auf die Bühne genau das, weswegen sein Publikum kommt. Vielleicht hat er sich eine Spur beruhigt — er schmeißt seine Gitarren nicht mehr in die Höhe, um dann theatralisch ihren freien Fall zu beobachten, bis sie am Boden zerschellen, er läuft auch nicht mehr über sie drüber und ähnliches. Aber er bleibt umwerfend. Sofort. Das Unmögliche wird möglich. Bei Vai immer. Und in Zagreb einmal mehr. Mit Verspieltheit und Schelmerei sowie dem Theater aus Grimassen und Verrenkungen auf der Bühne, das seinesgleichen sucht, kaufte er das Publikum im Nu. So wie ihm das immer gelingt. Angesichts des Repertoires, das viele Nummern des neuen Albums „Inviolate“ umfasste, gönnte sich der Mann auch ausgedehntere experimentelle Ausflüge, während ihn das Team der drei erstklassigen Begleitmusiker wie in Trance ‚deckte‘ und ihm in jeder Sekunde engagiert und treu folgte. Keine Patzer. Und wenn doch, sind sie absichtlich eingebaut, um das Publikum zu schockieren — in solchen Momenten fängt Vai sich meisterhaft ab und entwischt auf seine ganz eigene einzigartige Weise, die eher noch mehr verblüfft. Er wirkt wie ein Stuntman, der gleichgültig dem Schlund des Todes entgegenblickt beim wilden Wirbel seiner fliegenden Gitarren, wobei es ihm kurz über dem Boden immer wieder und wieder gelingt, sich aus der vernichtenden Landung herauszuwinden. Bei alledem verleiht Vai seinem Theater den zusätzlichen Charakter eines Ultra-Spektakels, das seinesgleichen sucht. Er bleibt schlicht unfassbar und einzigartig.

Das Konzert war wunderbar. Auch in jenem sogenannten am wenigsten angenehmen Element. Dass es einfach zu schnell vorbeigeht. Wo die guten zwei Stunden von Vais Bühnenherrschaft und einzigartiger Gitarren-Dominanz diesmal geblieben sind, weiß nur das Teufelchen selbst. Einen der Höhepunkte brachte sicherlich die Hydra (auf dem Ständer) auf die Bühne sowie die Darbietung des neuen Stücks Teeth Of The Hydra, dem nicht minder Zeuss In Chains folgte, und Vai kündigte das große Finale mit dem lang ersehnten „Passion And Warfare“-Moment an, als er sich an das einleitende Liberty machte.

Ja. Worauf haben wir alle gewartet? For the Love Of God. Steve Vai, der in seinen Ansagen sehr explizit bleibt, begleitete die Einleitung zu diesem Stück mit der Vorstellung eines Mitglieds seines technischen Stabs. Das ist Danni G, der auf die Bühne trat und im Opernsänger-Stil einige Zeilen des Hauptmotivs sang. Dann aber: Action. Vai in die vorderen Reihen des Publikums auf der linken Seite (von der Bühne aus gesehen). Wer am 13. 11. 2005 bei seinem Konzert in der Tvornica kulture dabei war, kann berichten, dass der Mann sich während des Solos in diesem fantastischen Stück mit dem Rücken auf die Hände des Publikums legte, das ihn durch das gesamte Solo hindurch auf Händen durch die ganze Halle trug. Aber das war die Tvornica kulture. Lange her. Ein unvergessliches Stück. Immer wieder und wieder. Als Komposition nimmt es in Vais diskografischem Werk definitiv einen besonderen Platz ein. Seinen Thron. Das ist jener Moment bei Vais Konzert, von dem du nicht willst, dass er endet, auch wenn du weißt, dass es das finale Crescendo des regulären Teils seiner Auftritte ist. Ende!

Jedenfalls kommt man nicht an Momenten vorbei wie dem stets unterhaltsamen Bad Horsie, das auf einem kathartisch vermetallten Riff basiert, und dem obligatorischen, zärtlichen Tender Surrender, beide entnommen aus dem Kultstück „Alien Love Secrets“ (1995), ebenso war es interessant zu erleben, wie Vais Verständnis von Blues funktioniert (Greenish Blues), das (ihr habt’s erraten) meilenweit vom Konventionellen entfernt ist.

Von Vais Bühnentheater kann man einfach nicht genug bekommen. Es ist nicht nur grenzenlos unterhaltsam, sondern Vai bleibt vor allem schockierend. Alles wird mit federleichter Leichtigkeit abgeliefert, auch wenn es im Assoziationskortex der durchschnittlichen Wahrnehmung ’schmerzhaft‘ komplex nachhallt. Der Mann wird Anfang Juni 63. Aber auf der Bühne wirkt er unaufhaltsam in seinem Show-Theater. Dieses Jahr erschien sein neues Album „Vai/Gash“. Es ist ein Album der Entspannung, ein Album des künstlerischen Abweichens, ein Album, das Vai in einem noch etwas anderen Licht zeigt, und ein Album, das den Künstler im Fokus der Massen hält. Interessant, dass er auf der Tournee keine einzige Nummer von diesem Album präsentiert, das sehr interessant und in jeder Hinsicht hervorragend ist. Angesichts der Form, die das Niveau eines unerschöpflichen Hengsts voll Beweisdrang erreicht, ist klar, dass Vai (was Konzerte betrifft) schon bald wieder bei uns sein wird. Angesichts des neuen unvergesslichen Zagreber Treffens mit ihm hoffen wir: so bald wie möglich.

Autor: Aleš Podbrežnik & Edita Klemen
Fotos: Aleš Podbrežnik

Steve Vai Setlist:
1. Avalancha
2. Giant Balls of Gold
3. Little Pretty
4. Tender Surrender
5. Lights Are On
6. Incantation
7. Bass Solo (Philip Bynoe)
8. Lights Are On
9. Candlepower
10. Guitar Solo (Dante Frisiello)
11. Building the Church
12. Greenish Blues
13. Bad Horsie
14. I’m Becoming
15. Whispering a Prayer
16. Dyin‘ Day
17. Drum Solo (Jeremy Colson)
18. Teeth of the Hydra (Vai spielt die ‚dreihalsigeʻ Ibanez Hydra)
19. Zeus in Chains
20. Liberty
21. For the Love of God
—Zugabe—
22. Fire Garden Suite IV – Taurus Bulba


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