Myles Kennedy im Jahr des Tigers auf der verregneten Burg von Udine (2018)

ALEŠ PODBREŽNIK
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Ort: Udine / Castello di Udine / Italien
Wann: 21.07.2018

Der Sommer ist die Zeit der Urlaube, und auch das Angebot an Konzerten auf Open-Air-Bühnen blüht auf. Leider ist der diesjährige Juli im italienischen Friaul ziemlich nass und launisch. Plötzliche Schauer, länger anhaltende Regenfälle, sogar Gewitter. So ein Jahr kommt halt vor. Ein Jahr wie 2018. Hat es uns in Udine schon am zehnten Juli beim Simple Minds-Konzert erwischt, wiederholte sich die Geschichte auf dem Burggelände des Castello di Udine, wo elf Tage später der Auftritt von Myles Kennedy angekündigt war. Der renommierte Alter Bridge-Vokalist (und Rhythmusgitarrist) sowie Sänger der Band Slash feat. Myles Kennedy & The Conspirators gilt auch als sehr guter Komponist, Poet, und ist zudem ein außerordentlich guter Gitarrist. Ganze neun Jahre hat er an seinem ersten Studioalbum »Year of the Tiger« gefeilt, das im März dieses Jahres endlich das Licht der Welt erblickt hat. Myles Kennedy ist ein großer Perfektionist. Er hat außerordentlich lang an seinem Album gefeilt, und eingebettet ist darin auch eine Geschichte, die die Kindheit Kennedys erforscht, als sein Vater starb. Dieser verstarb nämlich 1974, als der kleine Myles noch nicht einmal fünf Jahre alt war, und nach dem chinesischen Kalender war das damals das Jahr des Tigers (daher der Albumtitel). Myles Kennedy ist ein großer Perfektionist. An seinem eigenständigen Studio-Erstling hat er mehr als neun Jahre gefeilt, und die gewählte Geschichte bzw. das Konzept stellte für den Musiker von vornherein nicht nur eine ganz eigene Herausforderung dar, sondern bis zu einem gewissen Grad auch eine Last (zumindest aus Respekt vor dem verlorenen Vater). Das lange Warten auf das Album hat sich also gelohnt. »Year of the Tiger« ist nämlich ein außerordentlich vollendetes Singer-Songwriter-Werk. Konzeptuell abwechslungsreich und in genremäßiger Hinsicht ein vielschichtiges Bekenntnis.

Um 20:00 Uhr hätte als Vorband der französische Gitarrist Dorian Sorriaux auftreten sollen, der in diesem Jahr, genauer Ende Juni, seine EP »Hungry Ghost« veröffentlicht und damit selbst Singer-Songwriter-Gewässer betreten hat. Sorriaux, seines Zeichens Leadgitarrist der immer beliebter werdenden Blues Pills, erschien jedoch nicht auf der Bühne. Die Leute sammelten sich zu dieser Zeit noch beharrlich auf dem durchnässten Gelände, einige suchten Schutz vor dem Regen unter einem nahe gelegenen Dach, andere saßen auf Stühlen vor der Bühne. Es regnete nicht stärker als vor und während des Simple Minds-Konzerts, doch offenbar hängt alles vom Management der Band ab. Der Regen hörte um 20:45 Uhr auf, die Techniker brauchten jedoch eine gute halbe Stunde, um alles für das Konzert vorzubereiten. Und das, obwohl auf der Bühne schon alles aufgebaut war. So atmeten wir auf. Der Konzertabend fiel nicht aus, und Myles Kennedy erschien mit seiner Begleitband fünfzehn Minuten nach neun Uhr auf der Bühne. Neben Myles gehören zum Team sein langjähriger Weggefährte und Schlagzeuger Zia Uddin sowie Bassist Tim Tournier. Beide Genannten wirkten auch an Kennedys aktuellem Solo-Werk mit, während die Zusammenarbeit zwischen Uddin und Kennedy noch in die gemeinsame Schulzeit und die Band The Mayfield Four zurückreicht.

Das Konzert, um dessen Stattfinden wir mehr als eine Stunde gezittert hatten, nahm seinen Lauf. Myles Kennedy überzeugte bereits zu Beginn mit seiner unglaublichen und breiten Bühnenpräsenz, einem außergewöhnlich gefühlvollen Gesang, dem es weder an Sanftheit noch an aufwallender Leidenschaft mangelt. Er eröffnete das Konzert mit dem rockigsten Stück der Solo-Platte namens Devil on the Wall. Kennedy wechselte für fast jeden Song die Gitarre, und das Konzert erklang mal akustisch, mal elektrisch. Der Mann probierte sich unter anderem auch an einer National Steel-Gitarre und zeigte neben seiner außergewöhnlichen vokalen Qualität, dass er auch ein hervorragender Gitarrist ist, der sich sowohl in den entscheidenden Teilen der Songs, wo ein markantes Gitarrensolo gefragt ist, als auch bei einer malerischen Akkordfolge geschickt zu behaupten weiß.

Das Publikum verließ beim vierten Stück Haunted by Design die Sitzplätze und begab sich gemeinsam bis vor die Bühne, wo es die Absperrung aufhielt, und genoss das Konzert von da an stehend. Zum ersten Mal brach echter Jubel aus, als Kennedy sich Slashs Starlight von Slashs gleichnamigem Debüt-Studioalbum vornahm, und diesen Moment hob Kennedy unmittelbar danach atmosphärisch auf ein noch höheres Level, als er den Alter Bridge-Hit Addicted to Pain anging.

»Year of the Tiger« ist ein außerordentlich bildreiches und vollendetes Album, und Kennedy weiß das, daher war das Repertoire reichlich damit bestückt. Er spielte den Großteil der Stücke daraus. Knapp die Hälfte des Konzerts gehörte jedoch dem Neuinterpretieren von Werken anderer Künstler. Welche nicht eigens hervorgehoben werden müssen – doch unter ihnen überraschte besonders stark die neu arrangierte und vollständig akustisch dargebotene Iron Maiden-Klassik The Trooper, die Kennedy in einer mittel bis tief intonierten Lage sang. Im neuen, sprich akustischen Gewand gelang sie ihm hervorragend. Die vielseitige Versiertheit krönte dieser herausragende Musiker mit seiner Band auch durch die Einbeziehung von Robert Johnsons Travelling Riverside Blues, während zahlreiche Alter Bridge-Fans auf ihre Kosten kamen, als der Mann in der zweiten Konzerthälfte Watch Over You und All Ends Well spielte.

Das gut anderthalbstündige Konzert barst also durchgehend von bildreichen Emotionen und Leidenschaften sowie dem außergewöhnlichen Können des Trios, das die Show von Anfang bis Ende im Klangmassiv einer kalibrierten rhythmischen Figur vorantrieb. Die Songs des Albums »Year of the Tiger« verkörpern eine unverwechselbare Mischung aus amerikanischem Folk, Southern Rock, Blues sowie Anklängen von Alternative Rock, die beim außergewöhnlichen und schwer fassbaren Vokalauftritt von Myles Kennedy voll aufblühen und ein Gefühl bekenntnishafter Einzigartigkeit vermitteln. Myles Kennedy präsentierte sich an diesem Abend dem Publikum nicht nur als außergewöhnlicher vokaler Chamäleon, sondern auch als unglaublich durchdringender Singer-Songwriter und Komponist, der zugleich ein großer Meister des Gitarrenspiels ist. Bleibt zu hoffen, dass er auch in Zukunft in den Singer-Songwriter-Sphären bleibt und so den durchdringenden Geist der eigenständigen musikalischen Expression seines Erstlingswerks weiter ausbaut und pflegt. Die Vorstellung spielte sich also unter instabilen Wetterverhältnissen und ständig drohendem Blitzen aus den umliegenden Wolken ab, und hinterließ mit ihrer eindringlichen Erlebnistiefe einen starken Eindruck sowie Gefühle beim Publikum, die noch lange nach dem Konzert nachwirkten. Und das ist es, was zählt. Bei jedem Konzertauftritt. Und Kennedy hat mit seiner Band bewiesen, dass er ein ausdrucksstarker, in der Leitung einer Show unglaublich erfahrener und souverän geschliffener Musiker und Künstler ist.

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Setlist:

  1. Devil on the Wall
  2. The Great Beyond
  3. Ghost of Shangri La
  4. Haunted by Design
  5. Starlight (orig. Slash)
  6. Addicted to Pain (orig. Alter Bridge)
  7. Turning Stones
  8. Blind Faith
  9. The Trooper (orig. Iron Maiden)
  10. White Flag (orig. The Mayfield Four)
  11. Songbird
  12. Watch Over You (orig. Alter Bridge)
  13. Travelling Riverside Blues (orig. Robert Johnson)
  14. World on Fire (orig. Slash feat. Myles Kennedy & The Conspirators)
  15. Year of the Tiger
  16. All Ends Well (orig. Alter Bridge)
    —Zugabe—
  17. Love Can Only Heal

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