Alter Bridge, Halestorm & Mammoth WVH bei einer sensationellen Konzertorgie in Zagreb (2022)
Auftretende: Alter Bridge (plus Support-Bands: Halestorm & Mammoth WVH)
Veranstaltungsort: Zagreb / Dom sportova / Kroatien
Konzertdatum: Samstag, 26. 11. 2022
Manchmal kommen Tourneen, bei denen du keine Sekunde zögerst – die musst du einfach zumindest bei einem Konzert miterleben. Eine Kombination aus drei Bands, die sich in ihrer musikalischen Ausdrucksweise deutlich voneinander unterscheiden, die aber alle drei in relativ kurzer Zeit eine enorme Beliebtheit unter Fans harten Sounds erspielt haben. Alter Bridge, Halestorm und Mammoth WVH!
Alter Bridge, hochgeschätzte und kommerziell äußerst erfolgreiche experimentelle Metaller, die Mitte Oktober dieses Jahres ihr siebtes Studioalbum „Pawns & Kings“ veröffentlichten, gelten als Quartett außergewöhnlicher musikalischer Talente, dem es an Kreativität nie mangelt. Über das neue Album lässt sich sogar behaupten, dass es das härteste Werk der Band in ihrer bisherigen Karriere ist. Die Florida-Festung hat einen mutigen Schritt gewagt, als sie die heißen Halestorm mit auf die Tournee nahm – angeführt von einer der stärksten Frauenstimmen der Rockszene derzeit, Lzzy Hale –, denn so mancher hätte leicht denken können, dass Halestorm als Special Guests einfach Alter Bridge die Shows auf der Tournee stehlen würden. Aber wie gesagt: Angesichts des stilistischen Unterschieds zwischen den beiden Bands ergibt sich auch ein entsprechender Unterschied zwischen den jeweiligen Fanlagern. Erwähnenswert ist, dass dieses Tournee-Zusammentreffen der beiden Bands nicht das erste ist. Beide haben bereits 2013 gemeinsam gespielt.
Für die Eröffnung dieses überaus interessanten Konzertabends sorgte der Sohn der verstorbenen Gitarren-Ikone Eddie Van Halen – nämlich Wolfgang Van Halen. Der Auftritt des jungen Mannes mit seiner Begleitband bestätigte, dass der Apfel nicht weit vom Stamm fällt. Das Quintett Mammoth WVH, das im vergangenen Jahr sein gleichnamiges Studiodebüt veröffentlichte, agierte nicht nur als Begleitband für Wolfgang. Es agierte als Band. Geerdet und kompakt. Dazu lieferten sie einen sehr guten Sound ab, vor allem wenn man das Konzert im Parkett direkt unter der Tribüne verfolgte. Wolfgang deutete bereits mit dem Eröffnungssong Mammoth an, dass die Familie Van Halen ein Ort ist, wo die Musik ihr permanentes Zuhause gefunden hat. Nicht nur das: Sie hat dort schon immer gewohnt und wird dort auch in Zukunft wohnen. Wolfgangs ungeahnte handwerkliche Fähigkeiten rechtfertigten den Einsatz sowohl der Gitarren seines Vaters als auch der Ausrüstung. Die Musik, die Mammoth WVH spielen, ist eine interessante, energetisch vibrierende und potente Mischung aus klassischem Party-Hard-Rock der Achtziger, den auch Van Halen maßgeblich popularisierten, sowie modernen Griffen und Tricks, die dem Ganzen eine Alternative-Konnotation verleihen. Wolfgang präsentierte sich auf der Bühne auch als sehr guter Sänger und glänzte natürlich in einem multi-instrumentalen Kontext – in gut einer halben Stunde Konzert wechselte er ständig aktiv zwischen der Position des Gitarristen und der des Keyboarders hin und her (und umgekehrt). Die positiven Vibes, die großartige Rock’n’Roll-Energie, mit der die Band bei Don’t Back Down einen fetten Party-Abschluss hinlegte, sind ein Versprechen, dass von dem jungen Mann und seiner Mammoth WVH-Garde in Zukunft noch so manche musikalische Glanzleistung zu erwarten ist. Mammoth WVH haben die Menge als Opener mehr als effektiv angeheizt. Für viele Besucher war der Auftritt dieser Band bereits der erste kleine Höhepunkt des Konzertabends – vor allem wenn dabei die Nostalgie der Fans der legendären Van Halen im Spiel war.
Dann kamen Halestorm. Diese Band tourt ständig. Na ja, zumindest durch Nordamerika. Sie sind bekannt für eine der charismatischsten Frauenstimmen überhaupt, die durch außergewöhnliche Ausdrucksstärke und Variabilität besticht. Lzzy Hale kann mit herzzerreißender Feinfühligkeit aufwarten, was die Sängerin beim Konzert grandios in der Ballade Familiar Taste of Poison demonstrierte – vor allem aber fühlt sie sich wohl, wenn es gilt, eine gehörige Portion Explosivität aus sich herauszuschütteln, die sie faszinierend und scheinbar mühelos mit ihrer Stimme im Großteil der Songs entfaltet. Kein Wunder, dass der Single Love Bites (So Do I) 2012 einen Grammy für die beste Hard Rock/Heavy Metal-Performance einbrachte. Nach dem Aufwärmen mit dem stechend-dröhnenden und mittelschnellen neuen Song The Steeple kam es sehr schnell zu Love Bites (So Do I), das den gesamten Veranstaltungsort zum Abheben brachte. Lzzy und ihre Crew haben die Location zum Wahnsinn getrieben. Frecher, lausbubenhafter Hard Rock mit jeder Menge Punk-Finesse und einer ordentlichen Dosis Refrain-Bombastik, die einen außergewöhnlichen Magnetismus zwischen dem aufgeheizten Publikum und dem Quartett entfaltete. Bassist Josh Smith, von dem bekannt wurde, dass seine Familie aus Zadar stammt, Lzzys Zwillingsbruder Arejay Hale am Schlagzeug, Leadgitarrist Joe Hottinger und natürlich Lzzy haben in unveränderter Besetzung alle fünf Studioalben eingespielt. Die außergewöhnliche Anzahl gespielter Konzerte, die die Band (in den Zeiten vor der P(l)andemie) auch rund 250 pro Jahr absolvierte, hat in Zagreb allenfalls die außergewöhnliche Bühnenstärke der Band bestätigt. Attacke um Attacke – Halestorm füllten das Repertoire mit Material des bahnbrechenden zweiten Albums und fügten noch zwei Songs vom Studiodebüt hinzu (die bereits erwähnte brillante Ballade Familiar Taste of Poison sowie die erwartete Single I Get Off).
Ein paar Kritikpunkte seien trotzdem erlaubt. Das unnötige Schlagzeug-Solo (vor allem für alle, die je Neal Peart live gesehen haben) hätte locker durch einen weiteren Song ersetzt werden können. Ansonsten nichts zu bemängeln. Mit Abstand eine vernichtende Vorstellung, die im Finale vom zündenden Hit des zweiten Albums I Miss the Misery gekrönt wurde. In diesem Song feuerte Lzzy im Ausklang einige ohrenzerreißende Schreie ab, mit denen sie die Statik der kleinen Halle des Dom sportova in Frage stellte – die Grundmauern zitterten ordentlich.
Alter Bridge lieferten das Sahnehäubchen. Wie erwartet. Die Band zeichnet sich durch großen Perfektionismus aus. Das Duo Kennedy – Tremonti ist im Songwriting unerschöpflich an Ideen. Myles Kennedy gilt derzeit als einer der besten Sänger seiner Generation – da wundert es nicht, dass Slash ihn in sein Team geholt hat –, während Mark Tremonti schlicht gesagt ein wahrer Gitarren-Zauberer ist. Alter Bridge hört eine bunt gemischte Menge von Musikliebhabern, die sowohl Metal-Puristen als auch Fans von Bands aus der Post-Grunge-Ära vereint – kein Wunder, denn Alter Bridge setzt sich seit jeher aus drei Vierteln der Creed-Besetzung zusammen.
Alter Bridge überzeugten mit ihrem Perfektionismus. Sowohl klanglich als auch in der Ausführung. Das Konzert war schlicht makellos abgespult. Dabei ist es schlicht unglaublich, was Tremonti mit einer einzigen Gitarre anstellt. Okay, Kennedy hält ihm die Phrasen natürlich mit, aber der Effekt würde kaum fehlen. Kennedy ist ein Vokal-Ass. Gemeißelt. Seine durchdringende, klare, dominante und autoritär musikalische Stimme in Kombination mit der massiv fetten Klangwand, die der pedantische Mark Tremonti aufbaut, sowie den Groove-Linien der Rhythmussektion bewahrt die gesamte elementare Schlagkraft, die Alter Bridge auf den Sockel einer der angesehensten und kommerziell erfolgreichsten modernen Metal-Bands katapultiert hat.
Die Band hatte für diese Tournee ein Repertoire zusammengestellt, das den Fans der Gruppe wie auf den Leib geschrieben sein musste. Gleich zu Beginn eröffnete die Gruppe den Abend kraftvoll mit dem stahlharten neuen Silver Tongue, dem die älteren und bekannteren Karriere-Hits Addicted To Pain und Ghosts Of Days Gone By Schlag auf Schlag folgten – womit Alter Bridge das Publikum schon beim Auftakt in echten Delirium versetzten. In der Setlist dominierten jedoch die Songs des Debütalbums „One Day Remains“ (2004), angeführt von den beiden Singles Open Your Eyes und Burn It Down. Bei Letzterem übernahm Mark Tremonti den Hauptgesang, während Kennedy mit einem Gitarrensolo mitwirkte. Die Band widmete sich auch der wohlklingenden Ballade In Loving Memory, ebenfalls vom Debütalbum „One Day Remains“, die Kennedy und Tremonti allein auf der Bühne in akustischer Besetzung darboten. Kennedy brillierte vor allem in diesem Moment mit vokaler Zerbrechlichkeit.
Auf den Schwingen des aufgeheizten Publikums konnte nichts schiefgehen. Erst recht nicht, wenn du zu den größten Karten der Karriere greifst – wie der erfolgreichsten Single Isolation, bei der die gesamte Halle aus den Nähten platzte –, und wenn klar wird, dass du auf den Schwingen des Hits-Arsenals das Konzert durchgehend auf außergewöhnlichem atmosphärischen Niveau halten und es am Ende zu einem großen finalen Crescendo führen kannst, was Alter Bridge mit spielerischer Leichtigkeit auch bei der obligatorischen Zugabe schafften, als sie noch den Hit Open Your Eyes abfeuerten, auf den die ganze Halle während des Konzerts fieberhaft gewartet hatte.
Die Darbietung: brillant. Der Sound: mehr als exzellent. Natürlich vor allem in den hinteren Reihen des Parketts. Das einzige Handicap, das der Band seit jeher anhaftet, ist eine gewisse Statik. Kennedy ist ein Spitzensänger – das hat er in Zagreb bewiesen. Den schmeichelhaften Titel nimmt ihm so leicht keiner weg. Aber die Gitarre hindert ihn irgendwie daran, einen noch authentischeren und energetischeren Kontakt zum Publikum zu entwickeln. Das ist wohl eine alte Beobachtung, die die echten Fans der Band kaum wahrnehmen. Ansonsten in allem Meister ihres Fachs. Routiniert, engagiert, souverän und, man kann es sagen, nahe an makelloser Ausführung. Ein Alter Bridge-Konzert zu besuchen ist für jeden Pflicht. Auch für die, die keine begeisterten Fanatiker der Band sind, sondern (klanglichen und darstellerischen) Perfektionismus suchen. Ein Alter Bridge-Konzert bringt einen ganz eigenen Hörgenuss – auch wenn du ein anspruchsvollerer Musikkonsument bist. Neben dem hervorragenden Songwriting, das das diskografische Werk dieser Band auszeichnet, belohnt live die außergewöhnliche Bühnenkohärenz des Quartetts. Ob es der voluminös-durchdringende ‚Groove‘ ist, den die Rhythmussektion entfaltet, ob Kennedys überragende Vokalperformance oder das massive klangliche Unikum des donnernden Brummens der Gitarren-Phrasen aus Tremontis pedantischem Perfektionismus – ohne das man sich Alter Bridge schlicht nicht vorstellen kann.
Kurz gesagt: Das Konzertereignis gehört in die Kategorie spektakulär. Drei genremäßig unterschiedliche Bands, zwei mit starkem diskografischem Rückhalt und kommerzieller Erfolgsbilanz, und der junge Wolfgang, der bereits eine handfeste Reputation genießt. Man könnte meinen, dass drei solche sich im Boxring schnell gegenseitig K.O. hauen würden – aber die Erfahrung in Zagreb bestätigte eine außergewöhnliche Symbiose und gegenseitige Ergänzung, und es ist schon jetzt klar, dass die „Pawns & Kings“-Tournee einem großen Erfolg nicht entgehen kann.
Autor: Aleš Podbrežnik & Edita Klemen
Fotos: Aleš Podbrežnik
Setlist Mammoth WVH:
1. Mammoth
2. Mr. Ed
3. Epiphany
4. Think It Over
5. Distance
6. You’re to Blame
7. Don’t Back Down
Setlist Halestorm:
1. The Steeple
2. Love Bites (So Do I)
3. Wicked Ways
4. I Get Off
5. Mine
6. Familiar Taste of Poison
7. Drum Solo
8. Back From the Dead
9. Freak Like Me
10. I Miss the Misery
Setlist Alter Bridge:
1. Silver Tongue
2. Addicted to Pain
3. Ghost of Days Gone By
4. This Is War
5. Before Tomorrow Comes
6. Broken Wings
7. Wouldn’t You Rather
8. Isolation
9. Burn It Down
10. Pawns & Kings
11. In Loving Memory
12. Metalingus
13. Blackbird
14. Rise Today
—Zugabe—
15. Cry of Achilles
16. Open Your Eyes





















































