Dream Theater mit Blick vom Gipfel der Welt erneut zu Gast in Zagreb (2022)

foto: EDITA KLEMEN 2022
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Auftretende: Devin Townsend, Dream Theater
Spielstätte: Zagreb / Mala dvorana doma sportova / Kroatien
Datum: Freitag, 27. 5. 2022


Der Konzertpuls hat sich im Mai dieses Jahres endlich wieder Bahn gebrochen. Bands hetzen. Alle sind unterwegs. Auf der ganzen Welt. Im Rückstand mit der Promotion neuer Alben – beziehungsweise Alben, die in der Zeit erschienen sind, als der Planet ‚unter Verschluss‘ lag. Das traf auch die amerikanischen Prog-Metal-Größen und in vielerlei Hinsicht Begründer des Genres, Dream Theater. Mit dem neuen Album »A View From The Top of the World« im Gepäck und am südöstlichen Zipfel Europas, mit einem Stopp in der kroatischen Hauptstadt, der einen der letzten Termine der ausklingenden Tournee darstellte.

Der diesmalige Konzertbesuch war nicht nur ein Muss, weil Dream Theater eben auftreten. Die Veranstaltung war besonders dadurch, dass der Eröffnungsteil des Konzertspektakels niemand anderem als dem kanadischen Musikgenie Devin Townsend gehörte. Devy hat diesmal seine Begleitband etwas verkleinert. Er kehrte wieder zur ‚Projekt‘-Variante zurück, obwohl er unter dem Label Devin Townsend auftritt. Er hat die Truppe auf ‚Vollgas‘ eingestellt. Ein Quartett reicht. Die Mala dvorana doma Sportova hat Townsend diesmal keine Gnade gezeigt. Die Akustik zeigte ihre Zähne, und alles – allen voran der Gesang, die aufgespielten Keyboards und die massiven Riffs – wirkte in der Vorstellung, die kaum eine Stunde dauerte, sehr zerstreut – diffus. Kurz gesagt: der Sound beziehungsweise die Beschallung war schlecht. Doch das Publikum hat sich darüber kaum den Kopf zerbrochen. Das Parkett war knallvoll, und da konnte man kaum atmen. Nun, auch Devin hat in einer der Pausen festgestellt, dass die Kombination aus Parfüm und Schweiß eher eine störende Mischung aus ‚körperlichem Duft‘ ist, als dass man ihr huldigen sollte. Devin bleibt Devin. Sein Vorrat an Witzen geht ihm nie aus. Failure als Eröffnungsstück, gefolgt von Kingdom, bestätigte sofort, dass im Parkett eine echte Menge seiner treuen Anhänger auf Devin gewartet hatte. Bei By Your Command hob er die Menge vollständig zur Mitarbeit, sodass sie ihm bereitwillig aus der Hand fraß. Alle Hände waren in der Luft. Der Mann sorgte auch für alle Fans von Strapping Young Lad, als das Quartett durch Aftermath tobte. March of the Poozers kündigte an, dass wir uns langsam dem Ende des Konzerts näherten. Der theatralisch luzide Rhythmusmarsch kombiniert mit einem packenden Riff, gefolgt von More! – mit dem das Publikum durch den Refrain wieder vollständig auflebte –, und dann war das Konzert irgendwie viel zu schnell vorbei. Normalerweise haben wir Devin immer in der Rolle des Headliners gesehen. Außer bei Festivals natürlich. Entschieden zu kurz, und natürlich angesichts der eher tristen Klangeigenschaften der Beschallung, hat der Mann mit seinem Team Stephen Flatt (Gitarre), James Leach (Bassgitarre) und Darby Todd (Schlagzeug) sowie bei allerbescheidenster Beleuchtung es in jeder Hinsicht geschafft, seine Anhänger vollständig zu entfachen. Darby Todd? Ja. Genau jener Schlagzeuger, der sich kürzlich den legendären Schweden Kaipa angeschlossen hat und der Mitte Oktober 2019 als Teil der Begleitband des ehemaligen Jethro Tull-Gitarristen Martin Barre in unseren Goriška Brda aufgetreten ist.

Nach dem Auftritt von Devin Townsend mischte sich das Publikum im Parkett ordentlich durch, was bedeutete, dass viele an diesem Abend in Zagreb vorrangig wegen Devin Townsend ins Konzert gekommen waren und dass der andere Teil des Publikums Devin Townsend nicht unbedingt kannte oder kennen musste. Nun, ein echter Musikgenießer kann sich weder Dream Theater noch Devin Townsend entziehen, doch die stilistische Kluft zwischen dem stets polierten und erforschenden kanadischen Musiker, der in seinen Fünfzigern ideell keineswegs versiegt, und Dream Theater ist mehr als nur beträchtlich. So ausgeprägt, dass Devin Townsend auch nach dem Konzert in Zagreb auf der Liste jener Acts bleibt, die einen Konzertbesuch mit mindestens zweistündiger Vorstellung gebieten.

Dream Theater sind eine Maschine, die keine einleitenden Gedanken, Sätze und überlange Philosophiererei braucht. Wenn du zu ihrem Konzert kommst, weißt du in der Regel, was du bekommst, was du erwarten kannst.  Die Band strahlt Robustheit und unglaubliche Beliebtheit aus. Sie sind nämlich die Größten unter den Größten ihres Genres. Ich erwähne nur, dass nach dem Konzert so ziemlich alles an ihrem offiziellen Konzert-Merchandise vergriffen war. Die Leute haben T-Shirts und den restlichen offiziellen Merch buchstäblich weggekauft. Die diesmalige Setlist war besonders interessant, vor allem für jene Feinschmecker, die sich gegen spätere, also post-millenniale Alben der Band nicht sperren. Die Band brachte in dieser Hinsicht einiges an Material zurück in die Setlist, das sie schon lange nicht mehr live gespielt hatte, weshalb ihr beim einzigen kleinen Minus dieses Konzerts eigentlich nur die Ignoranz gegenüber den ersten fünf Studioalben anzukreiden ist – wobei die Darbietung von  6:00 im ersten Konzertteil eher ein schlecht sitzender Pflaster auf die Wunden jener war, die sich vor allem für die klassische Ära der Band begeistern.

So oder so: Enttäuschung ist unmöglich. Auch diesmal war es nicht anders. Sänger James LaBrie präsentierte sich in sehr guter stimmlicher Verfassung und lieferte die gesamte Performance auf hohem Niveau ab. Über die übrigen Bühnenakteure dieses ’super titanischen‘ Quintetts braucht man kein Wort zu verlieren. Herausgestochen hat einmal mehr John Petrucci, der im Laufe des Konzerts seine umfangreiche Serie von ‚Signature‘ Ernie Ball Gitarrenmodellen zur Schau stellte – doch beim Theater selbst blieb ihm Keyboarder Jordan Rudess nichts schuldig, vor allem nachdem er irgendwo in der Konzertmitte einen ‚Keytar‘ in die Hand genommen und sich neben Petrucci gestellt hatte, sodass man für einen Moment das Gefühl bekam, als würden KK Downing und Glenn Tipton vor einem stehen. Spaß beiseite. Aber dass es ein gewöhnlicher ‚Keytar‘ wäre, wäre für Rudess eben zu billig. Nein. Auf seinem ‚Keytar‘ waren sämtliche Tasten des Keyboards völlig schwarz – und nicht wie sonst, wenn nur die ‚Halbton‘-Tasten schwarz sind. Theater muss Theater sein. Ein traumhaftes eben.

Die Shows von Dream Theater sind im Laufe der Jahre zu einem Spektakel eigener Art geworden. Einem heißen Spektakel.  Das Zusammenspiel aus Bühnenbeleuchtung, Scheinwerfern und Bühnenkulissen sowie natürlich die Vorstellung selbst, die das restliche ‚Beiwerk‘ gar nicht braucht, nimmt einem schlicht den Atem. Vor Dream Theater-Konzerten ist es immer so, dass dir jemand erklärt, dass dort Dinge passieren, zu denen die allgemeine Beschreibung durch verbale Kommunikation einfach nicht reicht. Worte sind zu wenig, um angemessen zu fassen, was diese Band live bietet. Nun, auch wenn viele Vertreter vor allem der jüngeren Generation weltweiter Prog-Metal-Bands sie in Tempo und Präzision kombiniert mit den Extremen technisch-brillanter Verkomplizierung eingeholt haben, bleiben Dream Theater eben ein Name. Ein riesiger Name. Ein Pionier-Name. Und genau das ist der wesentliche Teil des Spektakels. Dass bei Dream Theater das ‚Unmögliche‘ eben immer wieder und wieder möglich wird. Die Band hat in den letzten Jahren auch die Dynamik ihres Bühnenauftritts weiterentwickelt. Insbesondere der stets zurückhaltende und stille Bassist John Myung fand sich mehrfach im Rampenlicht wieder, vor allem als er sich Richtung Petrucci zur rechten Position (von der Bühne aus gesehen) vorbewegte und gemeinsam mit Petrucci durch Notenstürme tobte, als beide die Bühnenmitte einnahmen. Den Sound kalibrierte die Band in den ersten zwanzig Minuten des Konzerts, und die hervorragend besuchte Mala dvorana Doma sportova konnte die Magie des Traumquintetts grenzenlos genießen.  Es kam natürlich darauf an, wo man stand. Wer näher bei Petrucci war, hörte Myung eben etwas schlechter. Die Position beim Mischpult bleibt in dieser Hinsicht Gold wert.

Für das große Finale in der obligatorischen Zugabe sorgte die Band für einen der definitiven Höhepunkte des gesamten Abends, als sie sich ambitioniert an eine der längsten Kompositionen ihrer Karriere wagte – nämlich The Count of Tuscany aus ihrem zehnten Album »Black Clouds & Silver Linings« (2009). Dream Theater wachsen in die Reihen der Legenden. Sie halten ihre Kraft und wirken, als könnte sie absolut nichts aufhalten. Ein in jeder Hinsicht ausgezeichnetes Konzert, das – wie gesagt – sicher viele erfreut hat, vor allem die glühendsten Anhänger der Band, dank der Setlist selbst, die so manchen überrascht hat.

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Edita Klemen & Aleš Podbrežnik


Devin Townsend Setlist:
1. Failure
2. Kingdom
3. By Your Command
4. Aftermath
5. Regulator
6. Deadhead
7. Deep Peace
8. March of the Poozers
9. More!

Dream Theater Setlist:
1. The Alien
2. 6:00
3. Awaken the Master
4. Endless Sacrifice
5. Bridges in the Sky
6. Invisible Monster
7. About to Crash
8. The Ministry of Lost Souls
9. A View From the Top of the World
—Zugabe—
10. The Count of Tuscany

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