`Pumpkins United` und ein Drei-Stunden-Spektakel mit Helloween in Bratislava (2017)
Ort: Bratislava / Aegon Arena / Slowakei
Datum: Sonntag, 26.11.2017
Die Urgesteine des deutschen Power Metal aus Hamburg – wir sprechen hier von einer der erfolgreichsten Metal-Bands aller Zeiten, die der deutsche Metal je hervorgebracht hat, nämlich Helloween – haben in diesem Jahr eine sensationelle Neuigkeit verkündet. Sie haben zwei außergewöhnliche Musiker und ehemalige Mitglieder wieder in ihre Reihen aufgenommen, die mit ihrem Wirken das Bild der Band in den Achtzigern für immer geprägt und die künftige Entwicklung sowie Popularisierung des Power Metal maßgeblich beeinflusst haben – nicht nur in Europa, sondern weltweit. Helloween, die heute in vielerlei Hinsicht als Pioniere des Power Metal gelten, haben sich mit Michael Kiske und Kai Hansen wieder zusammengetan und dabei die bestehende Besetzung behalten. So wuchsen sie vom Quintett zum Septett, und die ausgedehnte Welttournee wurde »Pumpkins United« getauft.
Alle Konzerte sind bereits im Voraus ausverkauft, und der europäische Teil der Tour kam Slowenien am nächsten, zuerst am 12.11.2017, als Helloween in München auftraten, und zwei Wochen später, als sie die Tennishalle Aegon Arena in der slowakischen Hauptstadt Bratislava besuchten – wohin auch RockLine reiste, um die eigene Neugier zu stillen. Angesichts der Rückkehr der beiden musikalischen Größen aus der goldenen Ära von Helloween (die Achtziger) war es berechtigt zu erwarten, dass die Setlist den Schwerpunkt auf das Material der Band aus den Achtzigern legen würde. Also auf das, was auf den kultigen ersten drei Studioalben der Band zu finden ist. Immerhin spielen Helloween heute mit Deris als Sänger schon lange auf ihren aktuellen Tourneen kaum noch die unvergesslichen Perlen, die zur Zeit der ersten drei Alben entstanden sind – und das muss man ehrlich sagen. Eine mehr als überzeugende Antwort und Bestätigung, warum das so ist, liefert auf der aktuellen Tour genau Michael Kiske, der trotz seines Alters, das sich unerbittlich dem Abraham nähert, nach wie vor in unglaublicher Gesangsform ist. Kiske hat kein bisschen seiner Höhe und Ausführungskraft eingebüßt – verglichen mit seinem Beitrag der Achtziger –, was auch unsere Erfahrungen bei Konzerten von Unisonic bestätigt haben, in der er zusammen mit Hansen aktiv ist. Das gilt besonders für jene Momente bei Unisonic-Konzerten, als Kiske mit unglaublicher Intensität die Helloween-Stücke March of Time und I Want Out gesungen hat. Nun, Kiske hat zwar seine außergewöhnliche Gesangscharisma und -kraft behalten, was man von seiner neuzeitlichen »Frisur« allerdings nicht behaupten kann. Diese Bemerkung wäre in diesem Kontext eigentlich fehl am Platz, hätte Kiske in der Aegon Arena nicht in einer der Pausen amüsant verkündet, dass er sich früher, als er noch jung, hübsch, langhaarig und blond war, schon immer so ausgesehen haben wollte wie Elvis Presley – am Ende lief es aber darauf hinaus, dass er heute aussieht wie Rob Halford. Hauptsache, der Gesang bleibt!
Das diesmalige Konzert von Helloween dauerte, man glaubt es kaum, ganze drei Stunden. Inklusive Zugaben und ohne Pausen zwischendurch. Beginn war um 19:00 Uhr. Die Band, die in erweiterter Besetzung mit drei Leadsängern und drei Gitarren auftrat, hatte eine wunderschöne Kulisse aufgefrischt und vorbereitet. Das Schlagzeug von Dani Löble war innerhalb einer scheinbaren Krone aufgestellt, erhöht auf einem zusätzlichen Bühnenpodest, das die übrigen Mitglieder während des Konzerts ständig aktiv nutzten. Die Vorderbühne war um einen zusätzlichen »Catwalk« erweitert worden. Im Hintergrund prangten Projektionsleinwände, die thematisch detailliert und im Einklang mit dem Verlauf des Konzertrepertoires gestaltet waren. Brillante deutsche Pedanterie. Ein unglaublicher Sprung verglichen mit dem letzten Erlebnis, also vor vier Jahren, als Helloween im Ljubljanaer CUK Kino Šiška auftraten und dort von einem Publikum mit solider Besucherzahl von rund 550 Personen empfangen wurden. In der Aegon Arena sah es aus, als wäre Helloween mindestens eine Band vom Format Whitesnake. So hoch ist das musikalische Werk der Achtziger in den Augen der Fans dieser Band und der Retro-Nostalgiker des klassischen Metal der Achtziger angesehen. Das ist also entscheidend. Die Frage ist nur, wie lange das Geld das Septett in diesem Format zusammenhält und wie viel sie mit den aktuellen Konzerten in Zukunft noch verdienen wollen. Immerhin haben sie zusammen bereits eine Single aufgenommen, was bedeutet, dass sie im Septett-Format auch ein ganzes Album einspielen könnten. Über alles entscheidet also das Geld – trotzdem ist diese Tournee und die gemeinsame Zeit mit Hansen und Kiske herzlich willkommen, auch damit sich die Band nach dem letzten, konzeptionell vielbesprochenen Album ideell auffrischen und erneuern kann und das nächste Studioalbum zusammenbekommt, das wieder auf beneidenswertem Qualitätsniveau sein wird.
Helloween starteten das Konzert in großem Stil. Mit einem der ambitioniertesten Stücke der Achtziger, nämlich Halloween, wo Kiske und Deris gleich zu Beginn andeuteten, wie sie sich die Gesangsrollen aufteilen würden. Die Band ist bekannt für ihr schelmisches Theater, bei dem es an Witzen und Klamauk nicht mangelt. Davon gab es auch diesmal reichlich. Wenn nichts anderes hilft, bringt dich schon allein der Anblick der Grimassen zum Lachen, die Bassist Markus Grosskopf mit seiner dehnbaren Gesichtsmimik produziert. Beide Sänger, die drei Gitarristen und »Shogun« Markus am Bass nutzten den Catwalk ausgiebig, und unter den Gitarristen zog Kai Hansen bei weitem die meiste Aufmerksamkeit auf sich. Er übernahm den Großteil der Soli und gleichzeitig im theatralischen Medley Starlight / Ride the Sky / Judas sowie in den vollständigen Heavy Metal (is the Law) und How Many Tears die Rolle des Leadsängers. Dabei ist es sehr wahrscheinlich, dass ihm Playback-Spuren geholfen haben. Nicht nur weil Hansen bei Gamma Ray kürzlich einen neuen Sänger eingeführt hat, sondern vor allem, weil ich stark bezweifle, dass er den Refrain von Ride the Sky noch so gut hinbekommt, wie er ihn in Bratislava hinbekommen hat. Die andere Sache bei Hansen, mit der er diesmal so »unter die Haut ging«, ist, dass sich neuerdings seine neue Auserwählte um sein äußeres Erscheinungsbild kümmert. Hansen trägt so bei den neuen Konzerten eine schön gepflegte, toupierte Frisur, die eher an einen Steve Stevens (Billy Idol) erinnert als an irgendjemanden, der dem echten Kai Hansen in der Vergangenheit je ähnlich gesehen haben könnte, wobei der »neue Kai« noch eine bordeauxrot gefärbte Strähne und einen dicken Auftrag Mascara und Schminke um die Augen trägt. Diesen Umstand konnte sich auch Andreas Deris nicht verkneifen, der im Moment der Vorstellung aller Bandmitglieder ausgerechnet Hansen theatralisch als »She« bezeichnete. Noch ein Quäntchen »brennbarer« wirkte der ohnehin selbstverliebte Sascha Gerstner, der sich für die neue Tournee eine Frisur nach dem Vorbild uriger Gothics, Darks oder schwarzer Sleaze-Metaller zugelegt hat, wobei einem dabei Murderdolls, Wednesday 13 usw. in den Sinn kommen…
Die beiden Sänger haben ihre Kräfte geschickt aufgeteilt. Deris übernahm die Initiative bei Material, das mit ihm entstanden ist. Ihm gehörten If I Could Fly, I Can, Power (ohne quälendes Dehnen), beide »7 Sinners«-Stücke, nämlich Where the Sinners Go und Are You Metal?, sowie drei Kirschen auf der Sahnetorte – drei Glanzlichter des hervorragenden »Master of the Rings«-Albums: Why?, Sole Survivor und Perfect Gentleman.
Auf der anderen Seite herrschte Kiske, der mit seiner Stimme nach wie vor kompromisslos alles niedermäht und ackert, buchstäblich in I’m Alive, Rise And Fall, Little Time, Eagle Fly Free und Future World. Auch in den Songs, in denen er sich mit Deris die Vocals teilte, übernahm Kiske mehrmals den Großteil der schwierigeren Linien – also jener, bei denen man die meiste Höhe und Kraft aufbringen muss, z.B. gerade in der abschließenden I Want Out, der einleitenden Halloween oder Dr. Stein. So hätte auch im Schlussteil die epische Suite Keeper of the Seventh Keys part II niemals so gut geklungen, wenn Kiske nicht die schwersten, anspruchsvollsten, also höchsten Gesangslagen dieses Stücks übernommen hätte. Die restlichen Songs haben sich die Sänger je zur Hälfte aufgeteilt, und bei How Many Tears gesellte sich ihnen Kai Hansen in der Rolle des Leadsängers dazu. Die Band hat die Balladen nicht vergessen. Aus den Achtzigern haben wir A Tale That Wasn’t Right gehört, aus den Neunzigern den »Time of the Oath«-Schlager Forever And One.
Drei Stunden außergewöhnliches Theater. Drei Stunden traumhafte Rekapitulation der legendären Achtziger und der »Andi Deris-Ära«. Hoppla, noch eine spitze Assoziation! Hellloween haben beim »Vereinen« noch zwei ehemalige Mitglieder ignoriert, die wichtige Ideen zur Definition des Sounds und Stils der Band durch die Neunziger bis einschließlich des Albums »The Dark Ride« beigetragen haben. Das sind Schlagzeuger Uli Kusch und Gitarrist Roland Grapow. Ich weiß nicht warum, aber es wäre witzig, wenn Helloween in einem solchen Fall als Nonett auftreten würden, also auf der Bühne mit zwei Schlagzeugern und vier Gitarristen. Aber das, was wir in Bratislava bekommen haben, befriedigt vollauf jeden Nostalgiker, der nach einer ordentlichen Dosis seltener gespielter Klassiker der Band aus den Achtzigern dürstet. Angeblich wird die Tournee konkret ins nächste Jahr verlängert, obwohl es noch keine offiziellen Termine gibt. Helloween sind heiß und werden das Eisen schmieden, solange es glüht. Daran gibt es keinen Zweifel. Wer ihr Konzert in Bratislava besucht hat, hat in jeder Hinsicht grenzenlos genossen. Sound super, Show super, Energie und ausgelassene Stimmung der Band – hervorragend! Die Halle kochte vor Begeisterung und Euphorie. Blasphemisch laute Kürbis-Pasta also! In jeder Hinsicht. Hoffen wir, dass wir bald noch eine davon genießen können.
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik & Nataša Pišljar
Setlist:
1. Let Me Entertain You (orig. Robbie Williams, eingespieltes Intro)
2. Halloween
3. Dr. Stein
4. I’m Alive
5. If I Could Fly
6. Are You Metal?
7. Rise and Fall
8. Where the Sinners Go
9. Perfect Gentleman
9. Starlight / Ride the Sky / Judas
10. Heavy Metal (Is the Law)
11. Forever and One (Neverland)
12. A Tale That Wasn’t Right
13. I Can
14. Schlagzeugsolo (Dani Löble) Ingo Tribute
15. Livin‘ Ain’t No Crime
16. A Little Time
17. Why?
18. Sole Survivor
19. Power
20. How Many Tears
—Zugabe I.—
21. Eagle Fly Free
22. Keeper of the Seven Keys pt. II
—Zugabe II.—
23. Gitarrensolo (Kai Hansen)
24. Future World
25. I Want Out
26. Braveheart Soundtrack (eingespieltes Outro)






















































