Janez Dovč & Sounds of Slovenia: Sozvočja

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Label: Celinka
Erscheinungsdatum: 8. 2. 2021 (digitales Format) / Mai 2021 (Vinyl-Format)
Produktion: Janez Dovč
Genre: Folk/World Music/Pop/Art Rock/Jazz Fusion
Bewertung: 9.5/10


Janez Dovč ist im slowenischen Musikbetrieb ein wichtiger Name. Als Chef des Labels Celinka, das sich in erster Linie auf die Förderung von Bands konzentriert, die slowenische Volksmusik in ihren Kunstanspruch einweben, und vor allem als außerordentlich interessanter Musiker. Besonders das vergangene Jahrzehnt ist jenes, in dem sich Dovč mit seinem Fleiß und seinem unglaublichen Engagement in die Alben einer ganzen Reihe von Projekten, Bands und auch eigenen künstlerischen Werken eingeschrieben hat — dokumentiert unter anderem durch sein hervorragendes Album Akordion (2015, RockLine Rezension). Sounds of Slovenia ist nur eines von Dovčs Projekten, in dem sein musikalisches Visionärtum in den Vordergrund tritt. Der Mann übernimmt die Rolle des künstlerischen Leiters des Projekts und seines Hauptdirigenten. Das Album »Sozvočja«, das unter der Schirmherrschaft dieses Projekts erschienen ist, lässt sich unmittelbar mit der Veröffentlichung des Albums »The New Slovenian Resonance« (2014, RockLine Rezension) in Verbindung bringen.

Also? Wenn die Slowenen vor 100 Jahren noch davon fasziniert waren, dass im Winter die Blümchen nicht blühen und dass der Hirtenstock schwerer aus den Händen gleitet, wenn er gekrümmt ist, dann ist der heutige Lebensstil im Vergleich zu jenen recht unschuldigen Zeiten ein ganz anderer Vogel.

Das Album »Sozvočja« ist die Fortsetzung der Geschichte seines Vorgängers aus dem Jahr 2014 und ein neues, faszinierendes Dokument des harmonischen Ineinandergleitens zahlreicher musikalischer Horizonte, die über Zeit und Jahre hinweg den musikalischen Puls auf der Sonnenseite der Alpen geprägt und mitgeformt haben. Bis heute. Es ist ein Echo der Vergangenheit durch die Gegenwart. Die Fusion all dessen. Ein Auffangen der Schwingungen, der Energie, die über Jahrhunderte Teil dieses Raums ist. In ein neues, faszinierendes und begeisterndes musikalisches Manifest. Ein Dokument der eklektischen Symbiose eines harmonischen Zusammenlebens musikalischer Vaterschaft, geführt durch die Linse der aktuellen musikalischen Zeit, die wir hier und jetzt atmen. In einem Raum, den wir geografisch als Slowenien kennen. Auch wenn die Musik eklektisch wirkt und mit dem Eskapismus harmonischen Komponierens ganz eigenständig anspricht, ist die Verbindung jedes Menschen, dessen Heimaterde unsere Heimat ist, mit dem Album »Sozvočja« unmittelbar vertraut, bezaubernd und verführerisch. Irgendwie bekannt. Diese Energie, diese Schwingung tragen wir in unserem uralten Gedächtnis. Sie hat uns gegeben, verbindet uns und lebt in uns. Sie transformiert und übersetzt sich. Durch uns. In Form von Schöpfungen. Auch musikalischen. Aus der Vergangenheit durch die Gegenwart in die Zukunft.

Lass mich den Rahmen des einleitenden Philosophierens verlassen, obwohl ich hoffe, mit diesen Gedanken die Mission des Albums »Sozvočja« auf irgendeine Weise beleuchtet zu haben. Janez Dovč hat für das Album »Sozvočja« wieder eine breite Palette mitwirkender Musiker um sich versammelt. Mit ihm zusammen ist auf dem Album ein neues, hochkarätiges Team slowenischer Musiker vereint. Hatte Janez auf dem Vorgängeralbum die Gesangsrollen noch gleichmäßiger auf beide Geschlechter verteilt, hat er sich diesmal dazu entschieden, die zentrale Gesangsrolle nahezu vollständig Metod Banko (Silence) zu überlassen, der bereits auf dem vorigen Album mitgewirkt hatte. Neben Metod Banko wirkte auf dem vorigen Album auch eine ganze Reihe von Musikern mit, die auch auf dem neuen vertreten sind, doch ist die Liste der Mitwirkenden auf »Sozvočja« deutlich kürzer. Die kürzere Liste der Beteiligten dürfte durchaus den aktuellen pandemischen ‚Unternehmungen‘ der Welt geschuldet sein, denen wir noch immer beiwohnen. Aber keine Sorge. Die musikalische Substanz des neuen Albums »Sozvočja« bewahrt den gesamten Glanz seines Vorgängers und ergänzt ihn in einigen Elementen, ja steigert ihn künstlerisch sogar. Vor allem ist der Inhalt stellenweise deutlich experimenteller und erkundender ausgerichtet. Das Album spricht erneut mächtig, feierlich und in seinem gesamten klanglichen Reichtum vollkommen orchestral an. Ein Philharmonisches Orchester könnte es mühelos für sich beanspruchen.

Gehen wir noch näher an die klangliche Substanz dieses Albums heran. Wenn der Hörer beim Zuhören den Empirismus abschaltet, wird er schnell damit ‚davonschwimmen‘. Der Einstieg ins Album bietet dafür nämlich eine ausgezeichnete Vorlage. Das ist das Stück Zemlja. Es wird von zwei Teilen geprägt. Der erste ist ausgesprochen mystisch. Er wirkt wie eine Schöpfung des Universums — durch die Sprache der Musik. Der zweite Teil des Stücks hingegen spricht wie ein Fest. In ihm entfalten sich vor allem rhythmische Strukturen, die die Staffel aus den Händen der einleitenden Schichtung klanglicher Pastelle übernehmen, die auf der Farbigkeit von Bläsern und Tasteninstrumenten beruhen, verwoben mit dem engelgleichen Mysterium weiblicher Chorharmonien. Ein Einstieg also, der vollblütig fesselt. Jeden. Auch den anspruchsvollen musikalischen Feinschmecker. Eine ähnliche Vibration, allerdings mit einem deutlich anderen arrangierten Ausgangspunkt, bringt kurz vor dem abschließenden Ende das Stück Gora je gora ins Album. Auch dieses entfaltet Mystik, beschwört sie, erweckt sie überzeugend, wenn es seinen donnernd zerfurchten, wilden und unzugänglichen, doch von jungfräulicher Ungeschliffenheit und Unberührtheit bezauberten Charakter zum Leben erweckt. Wie ein echter Berg, vor dem man sich verneigt und den man bewundert. Das Stück ist meisterhaft graduiert. In einer Atmosphäre, die sich zu einem finalen Crescendo aufbaut. Durch ein dichtes Geflecht von Instrumenten, während ‚der donnernde‘ Banko mit einem tiefer intonierten vokalen Charakter herantritt. Besonders intensiv ist Šentjanževo, das den Geist alter religiöser Bräuche — urslawischer — weckt und besonders rituell anspricht. Die Melodien und gegenseitigen Übergänge wirken wie eine Art Mantra. Hypnotisch.

Bisher habe ich nur drei Stücke hervorgehoben, aber… So oder so bin ich schon zu lang. Die Informationen, die das Album enthält, sind wirklich zahlreich, und daher braucht es einige Durchläufe, bis es sich ‚ins Ohr setzt‘. Engagierte Hörer werden dafür dankbar belohnt, denn mit jedem weiteren Durchgang enthüllt sich immer wieder ein neuer musikalischer Schleier, ein neues Detail. Wir sprechen also von einem Fusion-Album. Die Brücke zwischen Tradition und aktueller Übertragung von Schwingungen ist in allem faszinierend und theatralisch eigenständig. Die Stimmungen drehen sich in den abwechslungsreichen Kompositionen mehrfach völlig unerwartet. In all dieser prägnanten Formatierung der Arrangements findet sich reichlich Raum für ansprechende Ausschmückungen solistischer Ausflüge, mit denen die Instrumentalisten die fixen Rahmen der Motive beleben.

Banko wurde bis hierhin schon mehrmals erwähnt. Den Vokalisten muss man aber auch dafür hervorheben, dass er mit federleichter Leichtigkeit mehrere verschiedene Charaktere auf dem Album zum Leben erweckt. Hat Dovč auf dem vorigen Album die Charaktere noch auf mehrere Vokalinterpreten verteilt, hat er nun alle diese Charaktere in einem einzigen Vokalisten vereint. Genau das, was er gesucht hat. Metod Banko ist nämlich ein Mann mit vielen Gesichtern des vokalen Chamäleonismus, der sich mit seinen vokalen Qualitäten besonders eindrucksvoll etwa in einem Stück wie Bosa pojdiva, dekle, obsorej einschreibt, das eine Theatralität von Chansonnier-Natur erhält. Da es sich um Adaptionen von Volksliedern handelt, sind natürlich stellenweise traditionelle Melodien erhalten, die vom weiblichen Chorgesang übernommen werden (Tri jeretve, Zeleni Jure,…). Diese werden begleitet von der kühnen experimentellen Natur des kompositorischen Aufbrechens und genreübergreifenden Fusionierens, dem versöhnlichen Dialog zwischen Elementen neoklassischer Musik, Jazz und Pop, die den Kern des slowenischen Volksmelus begleiten und ihn mit einer eigenartigen musikalischen Aussagekraft erfüllen. Theatralisch, luzide, funkelnd und trotz der breit angelegten Fusion zahlreicher elementarer Bausteine stets im Rahmen eines wahrnehmbaren Fadens kompakten Komponierens. Auch in Momenten, die zu einer völligen Fragmentierung führen können, kehrt die Komposition stets zur Kompaktheit zurück. Es lohnt sich hinzuzufügen, dass das Team hier nicht aufhört. Es gibt Momente, die ansprechen — Chormelodien, Rhythmuskombinationen, das Aufschichten von Klangpastellen — wie Weltmusik. Von den Kelten bis ins Herz Afrikas, und dazwischen liegt natürlich der Balkan. Seid also auf alles vorbereitet.

Das Team ist, wie gesagt, glänzend. Janez Dovč ist mit seiner Harmonika dabei. Mit seinem unverkennbaren Ansatz verwebt er sich in die gesamte Geschichte des Albums. Man findet ihn sofort. Er ist quasi ein integrales Instrument. So muss es auch sein. Denn das ist die Mission des Albums als Ganzes. Und doch. Wenn man sich nur auf die Harmonika konzentriert — beziehungsweise nicht nur auf das Spielen, sondern auf das Einweben dieses Instruments in die Arrangements —, ist die aktualisierte und einzigartige klangliche Natur dieses Instruments in den Händen von Janez Dovč an sich eine Brücke zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit des Erbes slowenischer Volksmusik. Das Zusammenleben aller Elemente an der Spitze mit der Interpretation ist glänzend. Dahinter stehen Musiker mit außerordentlicher Laufleistung und Wissen sowie Musiker, die seit Jahren miteinander in verschiedenen musikalischen Bündnissen verbunden sind. All das hat Dovč die Rolle des Dirigenten und mehr deutlich erleichtert. Hat ihm umso größere Freude und Vergnügen gebracht. Dass sich einige Inhalte dieses Albums mit dem Erbe der slowenischen Schlager-Popmusik, die in den Siebzigern und Achtzigern aufgeblüht ist, assoziieren lassen, muss man kaum eigens betonen. Es wirkt, als würde man Sauerstoff atmen. Völlig natürlich. Noch eine Sache ist hervorzuheben. Janez Dovč hat die Texte aller Stücke aus Gedichten von Volksliedern und Gedichten der größten slowenischen Patrioten kombiniert: Edvard Kocbek, Kristina Šuler, Karel Destovnik Kajuh, Oton Zupančič, France Prešeren, Ivan Cankar, Josip Murn-Aleksandrov, Srečko Kosovel, Simon Jenko. Diese Situation hat noch mehr offenen Raum für die Verfolgung künstlerischer Herausforderungen geboten, weshalb auch dieser Zug beim Aufbrechen und Beleben der Entwicklung von Kompositionen und vor allem der eingefangenen Stimmungszustände ein sehr wichtiger Faktor ist.

Mission erfüllt. Auftrag realisiert. Das Projekt Sounds of Slovenia bewahrt das unfassbare und einzigartige Unikat des musikalischen Kunstanspruchs auch mit der neuen Fortsetzung des überaus glänzenden Debüts aus dem Jahr 2014, das nicht aufhört zu begeistern. Vor allem durch den höheren Ertrag an forscherischer und experimenteller Kühnheit, was den Charakter seiner künstlerischen Unfassbarkeit zusätzlich stärkt.

Autor: Aleš Podbrežnik

Tracklist:
Seite A
1. Zemlja
2. Kabinetni ljudje
3. Neusmiljena gospoda
4. Punt
5. Bosa pojdiva, dekle, obsorej
Seite B
6. Šentjanževo
7. Zeleni Jure
8. Tri jeterve
9. Šepetanje tajno
10. Pod oknam

Besetzung:
Metod Banko – Gesang
Janez Dovč – Harmonika, Elektronik, Gesang
Boštjan Gombač – Klarinette, Flöten, Klanginstrumente, Gesang
Klemen Kotar – Saxophone, Flöte
Kristijan Krajnčan – Schlagzeug
Marino Kranjac – Dudelsack, Sopele, Mandoline, Gesang
Goran Krmac – Tuba, Bass
Robert Pikl – Gitarren, Ukulele
Petra Vidmar – Marimba, Schlagwerk
Gregor Volk – Gesang, Gitarre, Violine
Gesangsgruppe Maroltovke (Hana Brezovnik, Lucija Firbas, Mojca Kostanjevec, Ema Kovač, Mojca Kren, Katarina Mohorič, Nejka Pažon, Špela Polc, Jasna Žitnik, Nina Žvanut)


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