Flotsam And Jetsam: Blood in the Water

0 179

Label: AFM Records
Erscheinungsdatum: 4. 6. 2021
Produktion: Flotsam And Jestsam (Mix & Mastering: Jacob Hansen)
Spielzeit: 53.44 min
Genre: Thrash Metal
Bewertung: 9.5/10


Es sind nur noch wenige übrig geblieben, aber die, die durchgehalten haben, beißen und knuspern, als hätten sie keine fast 40-jährige musikalische Karriere hinter sich. Zurück zur alten Schule des Thrash Metal. Nordamerika, Arizona, Phoenix. Flotsam And Jetsam. Ja, die Rede ist von der Band, die vor allem durch die Geschichte um Jason Newsted bekannt ist, den Metallica 1986 von Flotsam And Jetsam »entführte«, als Ersatz für den tragisch verstorbenen Bassisten Cliff Burton. Die gesamte übrige Geschichte einer Serie herausragender Studioalben, die Flotsam And Jetsam veröffentlicht haben, verblasst daneben im Nu. Eine Serie, von der Metallica seit gut 30 Jahren nur träumen kann.

Die Band über Wasser gehalten hat all die Jahre Sänger Eric »A. K.« Knutson, und Flotsam And Jetsam haben auch danach weiterhin für sehr gute Studioalben gesorgt. Wie schnell die Zeit vergeht, zeigen einem in der Regel die Veröffentlichungsdaten der Alben einer Band. Es kommt einem vor wie gestern, dass 2019 »The End Of Chaos« erschien – schon steht das neue »Blood in The Water« vor der Tür, und man fragt sich unweigerlich, wo zum Teufel die letzten zwei Jahre geblieben sind.

Zwölf neue Songs, mit einem neuen Bassisten an Bord – das ist Bill Bodily, der letztes Jahr Michael Spencer ersetzt hat. Der Zündstoff ist da. Er quillt über, und die Band liefert erneut erstklassiges Material. Die Achtziger haben ihre eigene Geschichte, aber generell betrachtet – vor allem in der reifen Ausgestaltung der Gitarrenphrasen, die in einer explosiven und durchweg intensiven Verbindung mit dem Luxus der dynamischen und unglaublich lebendigen Rhythmuslinie koexistieren, sowie mit dem nach wie vor hervorragenden Gesang von Eric »A. K.« Knutson an der Front – ist »Blood In The Water« eine giftig-teuflische Bestie, die keine Überlebenden zurücklässt. Overkill, Testament, Heathen und allen voran der triumphierend und unversiegbar kreative Death Angel sind jene Thrash-Metal-Fossilien, die auch heute noch mit unverminderter Kraft kicken und exzellente Alben veröffentlichen. In diese Gesellschaft lassen sich Flotsam And Jetsam getrost einreihen.

Das neue Album folgt dem Gerüst seines Vorgängers – was zu erwarten war. Von der Spielzeit her ist es ähnlich lang und enthält die gleiche Anzahl an Tracks. Dabei wirkt es aber noch eine Spur verbissener und kompromissloser, sogar konzeptionell flexibler und inspirierter – auch wenn zwischen den beiden Alben gerade mal zwei Jahre liegen und man keine besonderen Abweichungen im Sinne einer künstlerischen Weiterentwicklung erwarten durfte. Genau das ist dem neuen Album aber gelungen.

Die ersten drei Songs sind brillant funkelnder Old-School-Thrash-Metal-Hochprozenner, der Köpfe abreißt und Wirbelsäulen bricht. An Schärfe und Mark mangelt es nicht, das Phrasing ist maximal toxisch, unterstützt vom Rumpeln und dem zerstörerischen Knüppeln der Rhythmuslinie sowie Knutsons unerbittlichem Gebrüll. Als zusätzliches Öl ins Feuer wirken die ungemein eingängigen Refrains, die stets einen brillant wirksamen Kontrastabstecher und Stimmungswechsel bringen. Die Abfolge der Songs Blood in the Water, Burn the Sky und Brace the Impact ist schlicht ohrenbetäubend. Eingepeitscht in einer Manier, von der jeder Old-School-Thrash-Metal-Fan nur träumen kann. Dann kommt A Place To Die – ein Song, um den Iron Maiden in den Jahren 1982–84 neidisch wären. Dieser Moment setzt sich in The Walls fort, wo der Rhythmus auf höchstem Niveau reitet und Knutson in seinen Gesangslinien weiterhin außergewöhnliche Musikalität entfaltet. Düster, verderblich und im Kern des hoffnungslosen endgültigen Untergangs. Der Welt und der Menschheit. Die Wände stürzen ein.

Diese Momente sind keine Überraschung. Auch auf den beiden letzten Heathen-Alben gibt es davon einige, und sie sind schlicht ein Spiegelbild der musikalischen Zeiten, aus denen diese legendären Thrash-Metal-Bands tatsächlich stammen. Die konzeptionellen Sprünge zwischen den Songs sind deutlich spürbar, und das Album spricht einen durchgehend in einem ungemein raubgierigen Hochoktanrausch an, bei dem die Band den Hörer in ständiger Spannung eines apokalyptischen Dramateaters hält. Cry for the Dead trägt einen bombastischen Kontrast zwischen ruhiger Strophe und zugespitztem, aufgepeitschtem Refrain in sich.    Ein in dieser Manier komponierter Song entlädt den maximal aufgeheizten Eröffnungstornado der vier absoluten Krachbolzen hervorragend. Im gesanglichen Ertrag erreichen Knutsons Linien genau in diesem Song das meiste an Melodie.

Die Band ist auch in der zweiten Albumhälfte unerbittlich. Da ist der geschwindigkeitstechnisch gnadenlose Klatscher Grey Dragon, oder Reagression, wo das Phrasing das wahre Rattern von Maschinengewehren widerspiegelt, sowie die abschließende, abwechslungsreichste Komposition des Albums Seven Seconds ‚til the End of the World, die buchstäblich eine Reflexion dessen ist, was ihr Titel trägt. Kein Nachlassen. »Blood in the Water« ist – unbescheiden gesagt – in der engeren Auswahl für das Thrash-Metal-Album des Jahres. Ja. Klingt seltsam. Klingt wie Übertreibung. Ist es aber nicht. Angesichts der Tatsache, dass dies bereits das vierzehnte Album der Band ist, ist eine solche Aussage umso gewagter. Aber sie hält Wasser. Definitiv. Von der ersten bis zur letzten Sekunde ist »Blood in the Water« ein Zeugnis der unglaublich wirkungsvollen Chemie einer Besetzung reifer und abgebrühter Musiker, die begeisternd spielen und sich dabei brillant ergänzen. Der Weg ist lang. Oft gesäumt von Dornen und wundgeriebenen Fingern, bis Blut unter den Nägeln hervortritt. Aber so ist das nun mal, wenn man auf dem richtigen Weg ist. Dem Weg des eigenen Herzens. Dem Weg der Freiheit. Ungezähmt und der eigenen Überzeugung ergeben. Das ist das Album »Blood in the Water«. Es tötet ohne falsche Bescheidenheit. In seiner Gesamtheit. Eine brillante Leistung, auf Augenhöhe mit den ersten beiden Alben. Aber mit einer handfesten »Frische«, die die Jahre mitbringen.

Autor: Aleš Podbrežnik

Trackliste:
1. Blood In The Water
2. Burn The Sky
3. Brace For Impact
4. A Place To Die
5. The Walls
6. Cry For The Dead
7. The Wicked Hour
8. Too Many Lives
9. Grey Dragon
10. Reaggression
11. Undone
12. Seven Seconds ‚Til The End Of The World

Besetzung:
Eric „AK“ Knutson – Gesang
Steve Conley – Gitarre
Michael Gilbert – Gitarre
Bill Bodily – Bassgitarre
Ken K Mary – Schlagzeug


Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies