Abel Ganz: The Life of the Honey Bee and Other Moments of Clarity

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Eigenveröffentlichung
Veröffentlichungsdatum: 6. 7. 2020
Produktion: Denis Smith
Albumlänge: 46.18 min
Genre: neo-progressive rock
Bewertung: 8.0/10


Die schottischen Neo-Progressivrocker Abel Ganz sind mit einem lang ersehnten neuen Studioalbum zurück, das den ‚ellenlangen‘ Titel »The Life of the Honeybee and Other Moments of Calirty« trägt. Allein schon der Albumtitel klingt nach etwas, das dem jungen Peter Gabriel in jener Zeit eingefallen wäre, als er noch Mitglied von Genesis war – während die musikalische Ausrichtung der neuen Abel Ganz größtenteils sowohl aus dem klassischen Genesis als auch aus Gabriels späteren, solistischen Unternehmungen schöpft, was bei zeitgenössischen Prog-Revivalisten gar nicht so üblich ist und ziemlich interessant wirkt.

Gut geschulte Ohren werden auf dem neuen Abel Ganz-Werk auch einige nicht allzu experimentelle Einflüsse von Gentle Giant heraushören – allerdings nur dort, wo sich die Streicharrangements befinden. In allen anderen Belangen sind Abel Ganz recht klassische Neo-Progressivrocker, die stilistisch zuletzt am ehesten ihren Kameraden Jadis, Big Big Train und The Tangent ähneln, vor allem aufgrund der zahlreichen ’schönen‘, melodischen Arrangements, der Vermeidung übertriebener ‚Kompliziererei‘ und der allgegenwärtigen Melancholie, die auch ihr neuestes Album prägt.

»The Life of the Honeybee and Other Moments of Clarity« wäre ein sehr gutes Album, enthielte es keinen ziemlich ‚verschlafenen‘ Mittelteil, der gleich zwei Balladen und ein instrumentales Akustikstück umfasst. Wirklich schade – denn das einleitende und gleichzeitig titelgebende Stück kündigt einen exzellenten und eklektischen Albumauftakt an, an dem so mancher Fan der zuvor genannten Bands seine Freude haben wird, auch wenn Abel Ganz durchaus einige eigene klangliche und kompositorische Besonderheiten mitbringt. Mick Macfarlane ist ein hervorragender Sänger, dessen Stimme zahlreiche Genre-Grenzen überschreitet und häufig der entscheidende Faktor ist, dass keinem einzigen Stück auf dem Album mangelnde Seele vorzuwerfen ist. Besonders gut kommt der originelle, jazzig gefärbte Abschluss mit einem Saxophon-Solo an, das ein wenig an die unvergesslichen Steely Dan erinnert.

Die Fortsetzung des Albums fällt, wie bereits erwähnt, deutlich weniger beeindruckend aus als der Auftakt (und Abschluss). Statt aufs Gas zu drücken, aus dem Vollen zu schöpfen und in ähnlichem Stil weiterzumachen, überrascht die Band unangenehm mit der süßlichen, akustisch ausgerichteten Ballade »One Small Soul«, die als Bonussong auch in einer für das Radio bearbeiteten, gekürzten Version vorhanden ist. Das Männer-Frauen-Duett klingt zwar gut, und Gastmusikerin Emily Smith liefert einen souveränen Gesangsbeitrag – doch die Liebesballade gerät allzu schnell in Vergessenheit. »Arran Shores« ist ein stilles Akustikgitarren-Instrumental von Davie Mitchell, das der schottischen Insel Arran gewidmet ist. »Summerlong« ist eine folkrockartige Elegie mit wehmütigen Klavier- und Streicherklängen, die – abgesehen vom lebhaften Moog-Solo unter der Regie von Jack Webb – keinen tieferen Eindruck hinterlässt.

Mit »Sepia and White« erwacht die Band wieder aus dem ‚Winterschlaf‘ und liefert das nächste interessante Progrockstück von hoher Qualität, das – ähnlich wie das Titelstück – auch bei Big Big Train gut ankäme. Gleichzeitig ist es der packendste Moment des Albums, obwohl die Band mehrheitlich auf eine melancholische Atmosphäre setzt. Ebenfalls ausgezeichnet ist der abschließende »The Light Shines Out«, auch wenn die Band dabei bestimmte spätere Werke aus Peter Gabriels Solokarriere fast zu offensichtlich kopiert. Den Hauptgesang übernimmt diesmal Schlagzeuger Denis Smith, der tatsächlich ein wenig an den ‚reifen‘ Peter Gabriel aus der Ära des Albums »Up« (2001) erinnert, während zur klanglichen Verwandtschaft auch abwechslungsreiche Percussion, programmierte elektronische Samples, Orchestrierung sowie Flötenklänge mit Elementen der Weltmusik beitragen.

»The Life of the Honeybee and Other Moments of Clarity« ist ein Album mit einem hervorragenden Eröffnungs- und Abschlusspart, während sein Mittelteil am ehesten als ‚Nachtmusik‘ vor dem Einschlafen taugt. Abel Ganz blieben in den Achtzigern im Vergleich zu ihren bekannteren neoprogressiven Landsleuten ziemlich unbeachtet, doch ihre späteren Alben stießen auf positiveren Zuspruch und gewannen zahlreiche neue Fans. Ihr neuestes Werk verschiebt leider keine Grenzen und versinkt im mittleren Teil allzu sehr in Sentimentalität – verdient sich dank des Eröffnungs- und Abschlussteils aber dennoch die Aufmerksamkeit von Fans des zeitgenössischen Progrockrevivalismus.

Autor: Peter „Dr. ProgRock“ Podbrežnik


Trackliste:
1. The Life of the Honey Bee and Other Moments of Clarity (12:37)
2. One Small Soul (5:52)
3. Arran Shores (2:40)
4. Summerlong (5:22)
5. Sepia and White (13:31)
6. The Light Shines Out (6:16)

Besetzung:
Davie Mitchell – Gitarre
Jack Webb – Keyboards
Mick Macfarlane – Gesang, Gitarre, Bouzouki
Stephen Donnelly – Bassgitarre
Denis Smith – Schlagzeug, Gesang auf Track Nr. 6
David King – Gitarre, Keyboards auf den Tracks Nr. 1 und 6, Drum-Programmierung auf Track Nr. 6

Gastmusiker:
Alan Hearton – Keyboards auf den Tracks Nr. 1, 5, 6, Vibraphon auf Track Nr. 5
Fiona Cuthill – Flöten, Blockflöten auf Track Nr. 1
Alex Paclin – Mundharmonika auf Track Nr. 1
Snake Davis – Saxophon auf Track Nr. 1
Emily Smith – Gesang auf Track Nr. 2
Frank van Essen – Streicher auf Track Nr. 4
Stevie Lawrence – Pfeifen auf Track Nr. 6
Signy Jakobsdottir – Congas, Percussion auf Track Nr. 6
Marc Papaghin – Waldhorn auf Track Nr. 6

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