Iron Maiden: Nights Of The Dead, Legacy Of The Beast: Live in Mexico City

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Label: Parlophone Records
Erscheinungsdatum: 21. 11. 2020
Produktion: Tony Newton
Albumlänge: 100.46 min
Genre: Heavy Metal
Bewertung: 8.5/10


Da ist er. Das neue Live-Album von Iron Maiden. Offensichtlich, und wenn man dem Grundverständnis der Mathematik seitens des Autors dieser Zeilen trauen darf, offiziell bereits das dreizehnte. Vor drei Jahren erschien das Konzertalbum »The Book of Souls: Live Chapter«. Fühlt sich an wie gestern. Die Zeit fliegt wie nie zuvor. Unter den kommerziell erfolgreichen, gereiften Metal- und Rockbands gelten Iron Maiden als besonders konzertaktiv. Wenn kein Studioalbum ansteht, gehen sie auf Tour und feiern ihre historischen Meilensteine. Nun, die letzte Tour hängt auch mit dem Spiel »Legacy of the Beast« und der späteren Veröffentlichung einer Comicserie zusammen. Hut ab vor der Band, dass sie nach 45 Jahren noch so aktiv auf der Bühne steht. Das Ganze erinnert flüchtig an die Ed-Hunter-Ära und die damals von den Fans gewählte Kompilation. Das war allerdings vor zwanzig Jahren, als Iron Maiden fünf Alben weniger im Gepäck hatten und eine Setlist leichter zusammenzustellen war. Sie konnte „klassischer“ klingen. Angesichts des Namens der neuen Tour, aus der dieses Live-Dokument stammt und das Wort „Vermächtnis“ trägt, lässt sich im Voraus schlussfolgern, worauf sich das Konzertrepertoire konzentrierte. Und wenn man das mit der Tatsache kreuzt, dass jedes Iron-Maiden-Konzert eine Stunde und dreiviertel dauert, weiß man, dass jede nach dem Prinzip des Erbe-Präsentierens zusammengestellte Setlist die Fans weitaus schwerer zufriedenstellen wird als vor 20 Jahren. Die Band war nämlich erneut gezwungen, einen Haufen guter Songs zu opfern, die live ungespielt und ungeschliffen bleiben — gleichzeitig aber als Diamanten „archiviert“ sind, als einige der besten Sachen, die Maiden je geschrieben haben.

Ja. Im Vergleich zur vorigen Tour ist die Setlist komplett auf den Kopf gestellt. Das war aber nicht schwer, denn die neue Konzerttour folgte auf jene, die ein Studioalbum promotete. Und wenn Maiden ein Studioalbum promoten, kann es passieren, dass ihnen die Finger so sehr jucken, dass sie das gesamte neue Album spielen. Abend für Abend. Man erinnere sich an die Tour von 2006. Das Werk ist außergewöhnlich, und die Band musste ein Gleichgewicht finden zwischen den Hits, die nicht fehlen dürfen, und der Füllung des restlichen Zeitrahmens, indem sie sämtliche Studioalben durchforsten. Dieses Mal zogen unter ihnen folgende Alben den Kürzeren (ach, diese trockene Faktografie): »Killers« (Rezension), »Somewhere In Time« (Rezension), »No Prayer for the Dying«, »Dance of Death« und die letzten beiden, also »The Final Frontier« und »The Book of Souls«. Die Band holte Flight of Icarus zurück in die Setlist — erstmals seit 1987 — und spielte sogar zwei Songs aus der Blaze-Bayley-Ära, die seit der »Brave New World«-Tour nicht mehr gespielt wurden. Auch ein Song vom Album »A Matter of Life And Death« (2006) bekam endlich einen offiziellen Eintrag auf dieser Live-Veröffentlichung (For the Greater Good of God). Leider ist darunter wieder kein Song, den Iron Maiden noch nie live gespielt haben. Daher werden sie den Vorwurf des Stiefmütterlichen auch diesmal nicht ganz loswerden. Okay, bei der Setlist-Auswahl ist die Sache immer offen und diskutabel, und niemand wird je vollständig zufrieden sein — aber so ist das nun mal bei einer Band, die, schlicht gesagt, in ihrer Karriere schlicht zu viel gute Musik geschrieben hat. Es ist jedoch schön zu sehen, dass die Band dem leicht übersehenen Album »Piece of Mind« (Rezension) mehr Aufmerksamkeit gewidmet hat, das zwischen zwei deutlich berühmteren Maiden-Alben klemmt und ewig in deren Schatten steht. Zu dem obligatorischen The Trooper gesellten sich das bereits erwähnte Flight Of Icarus sowie Where Eagles Dare und Revelations.

Was sind die aufregendsten Momente des neuen Live-Albums? Kann überhaupt noch etwas aufregend sein? Ekstatisch? Ihr seid doch in Ekstase, oder? Okay, das erste kommt sprichwörtlich. Das ist die chemische Verbindung zwischen Band und Publikum. Das definitiv. Wieder eine eigene Geschichte, wieder diese fanatische und unwiederholbare Energie, die eine vielköpfige Menge temperamentvoller Mexikaner erzeugt, getragen von Dickinsons bekanntem Anheizen: „Schrei, Mexico City!“ Noch mehr als das wird allerdings vor allem jene Fans, die jeden Atemzug der Band kennen, aufregen oder auch ärgern — wie die Band im Jahr 2019 gewisse Klassiker angeht, aber auch neuere Nummern. Jenseits von Bruce Dickinsons stimmlicher Reichweite, auf die wir später noch eingehen, ist neben der einzementieren Rhythmusachse Harris-McBrain das Zusammenspiel der drei Gitarren am interessantesten. Zum Beispiel in alten Songs wie Hallowed Be Thy Name. Sofort überrascht die Integration von Murrays Solo nach dem Intro, das es so (bis auf einen „Hammer-on“-Einschub) nie gab — und gleichzeitig ist am Ende das zweite Solo von Gers, bei dem man die Band wirklich bitten würde, es künftig lieber Murray oder Smith spielen zu lassen, was bedeutet, dass zu viel Demokratie an bestimmten Stellen des Albums wieder mehr Schaden als Nutzen angerichtet hat. In Where Eagles Dare bekommt Gers den ganzen Raum, um frei mit seinem Tremolo zu spielen. Diese Version der „Piece of Mind“-Klassikerin ist deutlich besser als jene vom Live-Album „The Real Dead One“. Die Band kümmert sich schon lange nicht mehr pedantisch darum, dass die im Studio aufgenommene Sache live möglichst originalgetreu reproduziert wird. Das ist ihr gutes Recht, und so soll es auch sein. Aber Maiden sind nicht Purple, und der Spielraum für solche Scherze ist geringer. Dreistimmige Terzen-Harmonien sind seit 1999 Realität, und das merkt man (The Trooper, Where Eagles Dare …). Auch die Gitarrensoli sind aktualisiert, manche spürbar verändert, manche weniger. Das ist gut. Es vertreibt die Langeweile und erhält die Attraktivität der Darbietung. Für alle drei Gitarristen ist das gleichermaßen wichtig. Und genau das ist gleichzeitig der größte Reiz beim Entdecken des neuen Live-Dokuments. Manche finden darin allerdings auch einen Fluch. Die Puristen. Und natürlich all jene untröstlichen Seelen, die nach der Live-Magie der Band aus den Achtzigern lechzen.

Und jetzt Bruce Dickinson. Bruce hat 2019 bereits seinen 61. Geburtstag hinter sich gebracht. Es ist keine Neuigkeit, dass die Stimme nicht mehr so frisch und makellos ist wie einst, und er bekommt auch konkrete Unterstützung vom Mischpult — dennoch hält sich der Mann äußerst respektabel. Die Band verwendete Aufnahmen von allen drei Konzertabenden in Mexico City, nämlich vom 27. 9., 29. 9. und 30. 9., und hat daraus das Beste herausgelesen. Aces High bereitet Dickinson traditionell Kopfzerbrechen. Wann immer es auf der Setlist steht, eröffnen Maiden damit ihr Konzert. Von diesem Podest könnte es allenfalls eine Invaders stoßen — was aber nie passieren wird. Dickinson muss also schon beim Konzertauftakt in Topform sein. Das bedeutet zumindest eine angemessen aufgewärmte Stimme. Klar ist, dass er nicht mehr 25 ist, und das merkt man. In der neuen Live-Version dieses Songs mehr denn je. Auch Where Eagles Dare, im Repertoire direkt nach Aces High, vermittelt diesen Eindruck. Aber der Sänger ist zu schlitzohrig und zu erfahren, um sich zu blamieren. Entweder überlässt er bestimmte Gesangslinien dem fanatischen Publikum oder er passt sie sich an. Es wirkt irgendwie so, als würden Bruces Vocals im zweiten Teil des Repertoires besser sitzen, der mit der zweiten CD beginnt und von Sign of the Cross bis zum Ende der Setlist reicht. Dort steigert er nämlich die Gesangsleistung, was sehr gut ist, weil er damit geschickt die Abnutzungserscheinungen kaschiert, die seine Stimme im ersten Konzertteil zeigt. Es muss nicht extra betont werden, dass das Repertoire so zugeschnitten ist, dass der Sänger die Vocals anständig meistern kann — sein „Instrument“ steht schließlich immer wieder unter dem größten Druck. Und mit 61 machen sich solche Belastungen umso stärker bemerkbar. Als Beispiel sei hier der offensichtliche Unterschied zwischen den Darbietungen von Aces High und Flight of Icarus genannt — er spricht eindeutig für Letztere.

Iron Maiden konntest du auf dieser Tour in Triest erleben, am 27. 7. 2018 (RockLine Konzert-Rezension), weshalb du als begeisterter Fan diese Veröffentlichung sicher begrüßt — sie ist eine schöne Erinnerung. Viele werden dieses Album schlicht deshalb greifen, weil Iron Maiden draufsteht. Einfach weil sie die Band außerordentlich schätzen und respektieren. Das Live-Dokument ist auf echtem Iron-Maiden-Niveau gespielt. Live After Death und die anderen offiziellen Veröffentlichungen aus den Achtzigern haben ihren Platz auf dem Podest, den kein in neuerer Zeit veröffentlichtes Live-Dokument wiederholen kann — aber trotzdem. Iron Maiden können sich nicht verleugnen. Auch diesmal nicht. Die »Legacy of the Beast«-Tour läuft übrigens noch. Ein paar Konzerte sind ins Jahr 2021 verschoben. Auch ein Termin in Zagreb ist dazugekommen (im Juni). Hoffen wir, dass die Konzerte (weltweit) wieder anlaufen, auch wenn das wenig wahrscheinlich erscheint. Die Band sammelt derweil Material für ein neues Album, und es kursieren Gerüchte, dass Dickinson genug Material für ein Soloalbum zusammen haben soll.

Maiden bleiben neben Metallica die größte Metalband aller Zeiten. Lass mich das etwas abmildern, falls es provokativ wirkt. Wenn man nämlich die Diskografien beider Bands vergleicht, weiß man, wer die Größten sind. Das gibt letztlich den Ausschlag. Nicht der Ticketverkauf, nicht die Konzertbesucher, nicht der Kitsch und Glanz all des Bühnenrummels, mit dem Bands wetteifern, wer das größere Spektakel veranstaltet. Was zählt, ist die Musik. Das Vermächtnis, das du hinter dir lässt. Und Maiden können auf dieses Vermächtnis monströs stolz sein. Das Vermächtnis des Biests, mit dem seine Fans aufwachen und einschlafen. Das Vermächtnis von Generationen von Metal-Anhängern. In die Ewigkeit. Das Vermächtnis der Größten. Verneigung und Ehre den Ikonen.

Autor: Aleš Podbrežnik


Trackliste:
CD 1.:
1. Churchill’s Speech
2. Aces High 
3. Where Eagles Dare 
4. 2 Minutes To Midnight
5. The Clansman 
6. The Trooper
7. Revelations
8. For The Greater Good Of God 
9. The Wicker Man
CD 2.: 
1. Sign Of The Cross 
2. Flight Of Icarus 
3. Fear Of The Dark
4. Iron Maiden
5. The Number Of The Beast
6. The Evil That Men Do 
7. Hallowed Be Thy Name
8. Run To The Hills 

Besetzung:
Bruce Dickinson – Gesang
Dave Murray – Gitarre
Adrian Smith – Gitarre
Janick Gers – Gitarre
Steve Harris – Bass
Nicko McBrain – Schlagzeug

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