Peter Hammill und der Donnerzorn mitten in Triest (2012)

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Ort: Triest (Trieste) / Dom pristaniških delavcev (Teatro Miela) / Italien
Datum: Donnerstag, 10.05.2012


Ein Konzert von Peter Hammill – ob als Soloauftritt oder im Rahmen seiner legendären Band Van Der Graaf Generator – ist eine großartige Gelegenheit für Prog-Rock-Gourmets, das Glas zu heben und die Ohren zu schärfen beim Lauschen der Meisterwerke, die aus den Fingern und Stimmbändern einer britischen Legende fließen, die bereits fünfundvierzig Jahre aktives Schaffen im Bereich des ungezügelten musikalischen Abenteuers und Experimentalismus hinter sich hat. Herr Hammill, eine der größten und eigenartigsten Gesangsautoritäten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, meldete sich diesmal als Solist inmitten des Triester Saals Teatro Miela zu Wort. Die Italiener hängen an ihm und VDGG schon seit den frühen Siebzigern wie Fliegen am Honig, daher war es keine Überraschung, dass alle Stühle im Saal besetzt waren, als das Licht ausging und die wohlbekannte, weißhaarige und hagere Erscheinung auf die Bühne marschierte, die mit ihrer asketischen Lebensweise den meisten ihrer musikalischen Zeitgenossen als Vorbild dienen könnte.

Der ‚Zungendoktor‘ brauchte für die Darbietung von Klassikern aus einer mehr als vierzigjährigen Solokarriere sowie einiger Werke vom neuesten Studioalbum »Consequences« (2012) nicht viel Platz zum Manövrieren. Dafür reichte ihm ein großer Flügel in der Bühnenmitte, während in der rechten Ecke eine Akustikgitarre bereitstand, nach der er am liebsten griff, wenn jene Standards mit etwas treibenderem Puls an der Reihe waren. Meistens braucht er diese Instrumente für die Schaffung einer gewaltigen, ungemein intensiven Atmosphäre gar nicht, denn seine wichtigste ‚Waffe‘ ist seine vollkommen eigenartige, donnernde Stimme, mit der er scheinbar mühelos durch hohe und tiefe Register gleitet. Trotz seiner zierlichen Statur verfügt Meister Hammill über eine Stimmgewalt auf dem donnergewaltigen Niveau eines literarischen Giganten wie Pantagruel oder Gargantua, vor dem selbst der König der Höllenteufel vor Angst in die Hosen machen würde. Und immer wieder, wenn er beim Singen in jene spezifische Vokalphase verfällt – eine Art cholerischer Ekstase –, beginnt er buchstäblich vor dem Mikrofon zu zittern, und man gewinnt das Gefühl, dass dieser geniale Musiker gleich vor Wut platzen wird.

Schon der erste Akt seines Auftritts war eine überaus angenehme Überraschung, denn wahrscheinlich hatte niemand im Saal erwartet, dass diese Ehre dem VDGG-Klassiker »The Siren Song« vom Kultalbum »The Quiet Zone/The Pleasure Dome« (1977) zuteilwerden würde. Nun, am Ende stellte sich heraus, dass dies auch die einzige VDGG-Darbietung des Abends war, denn der ‚Zungendoktor‘ spielte im weiteren Verlauf ausschließlich Werke aus dem Soloschatz, darunter langjährige Favoriten wie »Shingle Song«, »Just Good Friends«, »Central Hotel« und »Amnesiac«. Im Saal herrschte sofort tiefe Stille, als Hammill plötzlich hinter dem Flügel aufstand, sich auf einen Stuhl setzte, nach der Akustikgitarre griff und sich an den »Over«-Klassiker (1977) »Time Heals« machte – jenen Song, der ihn immer wieder an seine ‚jugendlichen Dummheiten‘ erinnert, als er Zeit in einer unpassenden Beziehung verschwendete. Einer der Höhepunkte des Abends war auch der »ph 7«-Klassiker (1979) »Faculty X«, bei dem es Meister Hammill wieder mal ‚herumwarf‘ und er die Galle wie um die Wette ins Publikum versprühte.

Mit einer hervorragenden Darbietung einer weiteren beliebten Soloklassikerin, »Patient« vom Album »Patience« (1983), erinnerte er uns an die frühen Achtziger, als er mit einer Begleitband namens K Group zusammenarbeitete. Das neueste Studiowerk war mit »Bravest Face« und »A Run of Luck« vertreten. Das bedeutet, dass trotz etwas anderer Erwartungen kein allzu großer Schwerpunkt darauf lag – auch wenn Meister Hammill erneut stolz auf sein aktuelles Studiowerk sein darf. Auch das Album »Thin Air« (2009), das stilistisch »Consequences« verwandt ist, war mit je zwei Stücken vertreten: »Stumbled« und »The Mercy«. Als Abschluss hatte er ebenfalls eine Überraschung parat und lieferte eine hervorragende akustische Adaption des »The Silent Corner and the Empty Stage«-Epos (1974) »Forsaken Gardens«. Danach verabschiedete er sich nach tosendem Applaus zügig – als hätte er Feuer unter den Fersen – von der Bühne. Der ‚Zungendoktor‘ ist trotz des jähzornigen Eindrucks, den er auf der Bühne oft erweckt, ein durch und durch freundlicher Kerl und echter englischer Gentleman, der das Publikum niemals mit langatmigen Reden, überflüssigen Witzen oder billigen politischen Parolen langweilt. So sprach er das Publikum in der Regel nur dann an, wenn er die Anwesenden darauf hinwies, dass es sich um ein Stück vom neuesten Studiowerk handelt.

Meister Hammill hat uns erneut vollständig in seinen Bann gezogen und bewiesen, dass er vielleicht der einzige Sänger auf der ganzen Welt ist, der allein durch die Kraft seiner Stimme eine so intensive Atmosphäre schaffen kann, dass man dabei das Fehlen einer Begleitband kein bisschen vermisst. Trotz der Tatsache, dass sein Gesicht mit jedem Jahr etwas furchiger wird und die Haare eine Spur grauer als zuvor sind, ist seine Stimme noch immer in unglaublicher Form – und das ist genau das, was bei Hammill schon immer das Wichtigste war; bei jenem Hammill, von dem sich nach eigenen Aussagen auch David Bowie das Einmaleins des Gesangs abgeschaut hat.

Autor: Peter Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Setlist:
1. The Siren Song
2. To Many of My Yesterdays
3. Just Good Friends
4. Bravest Face
5. Time Heals
6. Comfortable
7. Shingle Song
8. Central Hotel
9. Stumbled
10. Amnesiac
11. Patient
12. Faculty X
13. The Mercy
14. A Better Time
15. A Run of Luck
16. Traintime
17. Forsaken Gardens


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