Lusterdam : Lepo mi godrnjaš
Label: Eigenveröffentlichung
Erscheinungsjahr: 2018
Produktion: Hieronim Vilar & Mirko Medved
Laufzeit: 34:48
Lusterdam ist vielleicht ein frischer Name in der slowenischen Rock- (und Pop-)Szene, doch stecken hinter der Band Kilometer, Schweiß, zahlreiche Entbehrungen und noch einiges mehr, was eben zum Dornenweg gehört, den die Band bis zur Veröffentlichung ihres Debüts zurückgelegt hat. Kurz gesagt: eine schöne Ära des Erfahrungsammelns und Reifens. Das Debüt »Lepo mi godrnjaš« ist ein Werk, das sich also sehr lange gehärtet hat und aus evolutionärer Sicht ein Dokument darstellt, das bestätigt: Lusterdam ist eine Band, die schon vom ersten Moment an einen ausgeprägten musikalischen Grundcharakter besitzt. Das ist genau das, wonach »grüne«, also weniger erfahrene Bands auf ihrem Weg oft lange suchen und dafür mehrere Alben brauchen. Nun, Lusterdam erreichen das eben schon mit dem Debüt – was angesichts der langen Entstehungsphase ziemlich logisch ist. Deshalb muss man daraus auch kein großes Drama machen, denn so eine Tatsache bringt – wenn wir natürlich von gesundem Artismus reden – jede Menge positive Dinge mit sich. Die Songs haben verschiedene Transformationsphasen durchlaufen, bevor das Quartett, das dem Perfektionismus offensichtlich verfallen ist, sie schließlich doch »aus den Händen gelassen« und auf seinem ersten, offiziellen und schon heiß ersehnten Tonträger festgehalten hat.
Lusterdam sind keine Bringer einer neuen musikalischen Revolution. In ihrer Ausdrucksweise haben sie ihr Visionärtum äußerst gut, geschickt und nicht zuletzt durchdacht dem allgemeinen Erkenntnisstand des slowenischen Rocks und Pops angepasst. Also dem musikalischen Erbe und der Tradition von Rock und Pop slowenischer Herkunft. »Lepo mi godrnjaš« ist also ein Album voller wirklich alter Songs – wie viel Material an anderen Ideen und Entwürfen noch in den Archiven schlummert, wird die Band natürlich selbst in Zukunft verraten. Es ist durchaus möglich, dass schon jetzt genug Material für etwa die nächsten drei Studioalben vorhanden ist.
Okay, damit ich nicht zu sehr und zu lange philosophiere. Nach dem, was auf »Lepo mi godrnjaš« zu hören ist, lässt sich schlussfolgern, dass die Jungs von Lusterdam Jahrgänge sein müssen, die in ihrer Teenager-Zeit vor allem vom Grunge gepackt wurden und teilweise auch von jener Post-Grunge-Welle erfasst wurden. Durchs assoziative Kortex schießen dabei auch Singer-Songwriter der alten Schule – von Johnny Cash über Bob Dylan bis hin zu ästhetischen Alternativ-Acts wie R.E.M. Produktionstechnisch ragen die Gitarren entschieden aus dem Klangbild heraus. Sie tragen eine ausgeprägt organische Charisma und eine »Live-«, also lebendige Wärme. Einige Tracks, allen voran der Titeltrack des Albums, »packen« einen außerordentlich schnell und gut – und schaffen damit einen künstlerischen Riss, wenn man die Kompositionen untereinander vergleicht.
Ansonsten verbindet das Album immer wieder träumerisches, sehnsuchtvolles Plätschern, eine Sehnsucht nach jenen Momenten, die man lebt und sich das Herz wünscht, die aber oft ungesungen bleiben, die wir selten erleben und wenn doch, auch sehr schnell vergehen (Sonce). Was zusätzlich auf die reife Geradlinigkeit und die intellektuelle Schärfe des Quartetts hinweist, sind auch die Texte, die die Bitterkeit über die Verirrungen der Menschheit nicht verbergen – was die Band ohne Blatt vor dem Mund im gesellschaftskritischen Amerika zum Ausdruck bringt. Es ist ein wachrüttelndes Stück, das mit seinen Botschaften und ohne »Parental Advisory«-Aufkleber direkt auf jeden beliebigen Musikkonsumenten »zielt«.
Das Album trägt eine außerordentliche akustische Unterstützung und ein organisches Klangfundament. In dieser Hinsicht ist es produktionstechnisch außerordentlich gut gelöst, denn es besitzt gleichzeitig auch ein extrem starkes und durchdringendes Bassfundament, das den riesigen Klangraum ausfüllt, der sich dem Bass auf dem Album tatsächlich durchgehend öffnet. Deshalb wirkt »Lepo mi godrnjaš« gleichzeitig groovy und spricht mit einer anziehenden kinetischen Charisma der Rhythmik an, die den Hörer wie von selbst zum Bewegen einlädt.
»Lepo mi godrnjaš« ist ein Album, das direkt auf die Wellen der Radiofrequenzen einschlägt. Mehr auf die allgemeine Reichweite des slowenischen Pops und Rocks ausgerichtet kann es kaum sein. Der Raum zur Pflege und zum Wachstum des künstlerischen Wesens steht der Band in Zukunft offen – was bedeutet, dass noch einige expressionistische Reserve auf Lager ist. Jetzt ist nur noch die Frage, wohin sich die Band künstlerisch in Zukunft orientieren bzw. schwingen wird. Die Band bringt mit ihrem Charakter, ihrer Identität – die ansteckend ist, aber gleichzeitig mitunter auch »herrlich bescheuert« –, genau das mit, was vielen fehlt. Direktheit und Ehrlichkeit. Eine musikalische Substanz also, die ganz natürlich anspricht und deshalb umso ansprechender ist. Ohne auch nur den Hauch eines Gefühls, dass sie aufgesetzt wäre, geschweige denn künstlich süßlich. Deshalb steckt dahinter ein solides Fundament künstlerischer, Pop- und Rockmusik-Ausdruckskraft. Ein Album, das mit Stil meckert.
Autor: Aleš Podbrežnik
Wertung: 8.0 / 10
Tracklist:
1. S kolesom sem prišel
2. Bele miši
3. Lepo mi godrnjaš
4. Dan
5. Moram
6. Mesec
7. Sonce
8. Amerika
9. Brki
10. Modro je nebo
Besetzung:
Hieronim Vilar – Gesang, Akustikgitarre
Mirko Medved – E-Gitarre, Akkordeon, Klavier, Bouzouki, Backing-Vocals
Ven Jemeršič – Bassgitarre
Jure Volgemut – Schlagzeug