Begegnung mit Kamelot in Triest (2013)

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Ort: Triest (Trieste) / Teatro Miela (Haus der Hafenarbeiter) / Italien
Datum: Donnerstag, 21. 11. 2013


Kamelot! Die symphonischen Power-Metaller, die seit 1991 aktiv sind und aus dem floridianischen Tampa stammen, haben letztes Jahr ihr neues Studioalbum »Silverthorn« veröffentlicht! Das zehnte der Reihe nach. Und es war höchste Zeit, es auch in Europa zu promoten. Kamelot galten schon immer als internationale Truppe, obwohl ihr Chef der Amerikaner Thomas Youngblood ist. Keyboarder Oliver Palotai lebt in Stuttgart, Newcomer im Team Tommy Karevik, der den langjährigen Sänger Roy Khan ersetzt hat, kommt aus Schweden. Die musikalische Schiene des Power Metals, beladen mit symphonischen Elementen von episch-bombastischem Ausmaß, hat in der Karriere einige herausragende Alben und noch mehr Songs hervorgebracht, die im Zusammenspiel von metallischer Wucht und hypnotisch eingängigen Melodien eher europäischen als amerikanischen Ohren entsprechen. Deshalb hat Kamelot in Europa eine solide Fanbasis – echte Anhänger.

2013 ist Metal grandioser denn je – in noch mehr Subgenre-Formen als je zuvor. Die Latte, die klanglichen Extreme der »Selbst-Brutalisierung« zu überbieten, wird von Jahr zu Jahr immer höher gelegt. Power Metal ist heute im Grunde »Liebe auf den ersten Blick« – vor allem für jene, die das Reich der Metal-Musik gerade erst entdecken. Das ist vor allem die Jugend mit durchschnittlich 20 Jahren. Natürlich gibt es da noch einige unermüdliche Fans, die auf Pomp und melodische Eingängigkeit stehen – versammelt rund um eine zentrale Vokalperson, die unbedingt singen und nicht growlen muss!  

Kamelot haben auf diese Tour zwei Vorgruppen mitgenommen: die norwegischen Tellus Requiem und die niederländischen ReVamp. Tellus Requiem haben ihren Auftritt in Triest abgesagt, sodass die Aufgabe, das Publikum vor dem Kamelot-Konzert aufzuwärmen, ausschließlich bei ReVamp lag. Diese sind eine Art Fortsetzung des musikalischen Erbes der Band After Forever. In der Besetzung steckt eine der eindrucksvollsten weiblichen Vokalkräfte, wenn es um symphonische  Power-Metal-Bands geht. Floor Jansen.

Die Band betrat gegen neun Uhr die Bühne der rappelvollen Teatro Miela und präsentierte ihr zweites Studioalbum »Wild Card«, das Ende August dieses Jahres bei Nuclear Blast Records erschienen ist. Verblüffend war, dass ein guter Teil des dicht gedrängten Vorderpublikums die Texte auswendig kannte und Floor auf Schritt und Tritt begleitete. Die Sängerin selbst machte keinen Hehl aus ihrer Begeisterung über die positiven Reaktionen des Publikums. So übergab sie das Mikrofon gleich mehrmals direkt ans Publikum! 45 Minuten routinierter Darbietung, in der die Erfahrung und die souveräne Kraft der dynamischen Floor Jansen klar spürbar waren und die natürlich den Löwenanteil der Aufmerksamkeit auf sich zog.

Der Sound für die Vorgruppe: verdammt gut! Am Mischpult wachte der »erleuchtete« Achim Koehler, einer der besten Toningenieure Europas momentan, wenn es um die Produktion von Heavy-Metal-Musik geht. Eine knackige, alles niederwalzende Riff-Wand beider Gitarren, etwas weniger präsente Keyboards, solide und treibende Rhythmusfraktion. Natürlich aber an erster Stelle, wie bereits erwähnt, das ausgearbeitete Spiel und die souveräne Bühnenpräsenz der beeindruckenden Floor Jansen.

Natürlich waren aber alle wegen Kamelot gekommen. Das Konzert war schon rund drei Wochen vorher ausverkauft. Man hatte sogar den Oberbalkon geöffnet. Mehr noch: Die Sitze im Parkett wurden entfernt, um wertvolle Stehplatzfläche zu gewinnen. Die Atmosphäre war außergewöhnlich. Ich bin nicht zum ersten Mal in der Teatro Miela, aber ich kann fast mit Sicherheit sagen, dass es in dieser Halle noch kein solches Metal-Fest gegeben hat. Und der enorme Zuspruch öffnet die Tür für künftige Metal-Spektakel dieser Art weit auf, was bedeutet, dass auch jede Menge slowenische Metal-Fans in Zukunft auf ihre Kosten kommen werden.

Kamelot schlugen vor dem Publikum mit dem aufgepeitschten Marsch der neuen Platte »Silverthorn« namens Thorn los. Das Volk in die Luft! Das italienische Temperament überflutete den Saal, und vom ersten bis zum letzten Moment des Konzerts trugen die Fans ihre Helden fanatisch auf Händen. Die Leidenschaft des italienischen Publikums ist unglaublich – und die Hingabe in diesem Fall sowieso. Sie hatten sogar einen Fangesang geschmiedet – eine bekannte Fußballstadion-Melodie, natürlich umgetextet auf die Ankunft der »grandiosen« Kamelot in Triest! Karevik erwies sich als neuer Chef des »Kamelot-Theaters« als souveräner Ersatz für den vermissten Roy Khan, der die Band 2012 aufgrund von Erschöpfung dauerhaft verlassen hatte. Noch mehr Öl ins Feuer goss kurz darauf Ghost Opera, und den feurigen Konzertauftakt unterbrach für ein paar Momente Bandchef Thomas Youngblood, um das Publikum einleitend zu begrüßen. In The Great Pandemonium schleicht sich Backing-Sängerin Alissa White-Gluz zu einem Duett mit Tommy Karevik auf die Bühne – der schönste Anblick des ganzen Abends! Die Band hielt die außergewöhnliche Atmosphäre aufrecht, indem sie sich kräftig auf ihr klassisches Repertoire stützte, das unter den Fans mittlerweile natürlich in Fleisch und Blut übergegangen ist. Das Miterleben dieses Zusammenspiels zwischen Publikum und Band war außergewöhnlich – die Menge sang jeden Text mit, kannte jeden Song. Und die Begeisterungsstürme bei der Ankündigung der Ballade Don’t You Cry wollten einfach nicht abreißen. Das Publikum fraß Karevik aus der Hand. In der Mitte ließ die Band kurz durchschnaufen, zog sich backstage zurück, und Casey Drillo lieferte in diesen Momenten ein kurzes, wildes Drum-Solo.

Show-Theater jenseits aller Grenzen! Regie. Alles bis auf den letzten Millimeter durchgeplant. Aller Pomp, jede Sekunde des Auftritts. Alles ist ein einziges großes Theater. Und wenn du dann feststellst, dass neben all dieser professionell abgestimmten »Ästhetik« auch handfester Playback-Einsatz mit von der Partie ist, kann dir diese »Plastik« den gesunden Geschmack gründlich verderben. Ja. Bass und Gitarre. Schon merkwürdig war die Tatsache, dass die Gitarren der Vorgruppe dynamischer und lebendiger klangen als die Gitarre von Thomas Youngblood danach. Die Keyboards wurden im ersten Drittel des Konzerts entschieden in den Hintergrund gedrängt. Man hörte kaum, was »dort irgendwo im Hintergrund« Oliver Palotai trieb. Im weiteren Verlauf besserte sich das. Aber der Gesamtsound der Band war während des gesamten Auftritts nicht optimal. Die Riffs wirkten dumpf und matschig. Man kann sagen, der Sound »atmete« nicht so, wie er sollte. Was kaum verwundert, wenn du dich hinter Playback versteckst.  

Hätte nicht der Einsatz von Playbacks den Eindruck getrübt, man würde sagen, es war eine unvergessliche Heavy-Metal-Gaudi, bei der all jene, die dem satten Sound der Metal-Distortion verschrieben sind, für ihr Seelenheil nichts mehr verlangt hätten. Doch blieb ein kleiner bitterer Nachgeschmack. Dabei hat Karevik Khans Fußstapfen souverän ausgefüllt, und »Silverthorn« ist ein hervorragendes Studiowerk, das der künstlerischen Nachfolge der gesamten bisherigen Kamelot-Diskografie – geprägt von Khans starker Stimme – würdig ist. Im Zugabenblock springt die magische Floor noch einmal für ein Duett mit Tommy ein und performt The Haunting, bevor die Band die Show mit zwei heiß ersehnten Kamelot-Klassikern auf den absoluten Höhepunkt treibt: Karma und – erwartungsgemäß – das abschließende March Of Mephisto (mit Alissa und Tommy im Duett). Das Publikum war sichtlich befriedigt. Und die Begeisterung ließ nicht nach. Noch lange nach dem Konzert nicht. Am Ende ist es – trotz der unnötig geschluckten Dosis „Plastik“ – das Entscheidende, dass die meisten mit zufriedenen Gesichtern, voller Heiterkeit und Freude im Herzen nach Hause gegangen sind, oder?

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

KAMELOT:
1. Torn
2. Ghost Opera
3. The Great Pandemonium
4. The Human Stain
5. Soul Society
6. Song for Jolee
7. Veritas
8. Center of the Universe
9. Sacrimony (Angel of Afterlife)
10. When the Lights are Down
11. Rule the World
12. My Confession
13. Keyboard and Drum Performance
14. Forever
—Zugabe—
15. Bass Solo
16. The Haunting (Somewhere in Time)
17. Karma
18. March of Mephisto
Continuum (taped outro)

REVAMP:
1. The Anatomy of a Nervous Breakdown: On the Sideline
2. The Anatomy of a Nervous Breakdown: The Limbic System
3. Head Up High
4. Wild Card
5. Sweet Curse
6. In Sickness ‚Till Death Do Us Part: Disdain
7. The Anatomy of a Nervous Breakdown: Neurasthenia
8. In Sickness ‚Till Death Do Us Part: Disgraced
9. Wolf and Dog


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