50 Jahre des Albums „Deep Purple In Rock“
Vor gut einer Woche war es genau ein halbes Jahrhundert her, als Deep Purple mit ihrem vierten Studioalbum »Deep Purple In Rock« eine neue Ära des Rocks ausriefen und sich auf den weltweiten Thron einer der größten und bedeutendsten Bands katapultierten, die das Gesicht des Rock ’n‘ Roll – oder gleich des Heavy Rock – geprägt haben. Nach diesem Album war die Welt des Rocks nie mehr dieselbe. Es handelt sich um eines der grundlegenden und wichtigsten Werke in Bezug auf die Evolution des Stils und Sounds der Band, das mit seiner Radikalität, wie ein Dominoeffekt, eine nachfolgende Radikalisierung des Sounds und Stils des Rock ’n‘ Roll auslöste. Dies ist eines jener legendären, buchstäblich ins Gestein gemeißelten Rockalben, über das es wirklich keine Mühe macht, einen sagenhaften Mythos zu erschaffen.
Doch der Weg von Deep Purple zu diesem zeitlosen Felsgestein war alles andere als einfach. Nach drei Alben, die zwar andeuteten, dass es sich um eine Band mit potenziell vielversprechenden Dimensionen handelte – durchaus interessant –, hatten der Band Coverversionen von Songs folgender Künstler Bekanntheit verschafft (vorerst nur jenseits des Atlantiks): Cream, Joe Stump, Jimi Hendrix, The Beatles, Neil Diamond, Donovan sowie Ike & Tina Turner. Mit ihrem dritten Album »Deep Purple«, das im Juni 1969 erschien, fand sich die Band an einer Art künstlerischem Scheideweg wieder. Auf diesem Album hatte Deep Purple eine Art Transgression durch das Einspannen psychedelisch-progressiv-rockiger Ansätze erfasst. Niemand wusste mehr, was man im weiteren Verlauf ihrer Karriere erwarten konnte.
Stell dir vor. Anfang der Siebziger. Die Welt erholte sich gerade vom verkaterten Kopfschmerz, den die Hippiebewegung des Blumen-in-Gewehrläufe-Steckens verursacht hatte. The Beatles hatten sich aufgelöst, Jimi Hendrix – der Mann, der die Rockgitarre den Massen vorstellte – war plötzlich viel zu früh gestorben, und der berühmte »Eidechsenkönig« Jim Morrison hatte nur noch ein paar Monate vor sich, bevor er sich Jimi anschließen würde. Cream und Blind Faith erloschen so blitzartig, wie sie meteoritenhaft mit ihren Millionen-Plattenverkäufen aufgeleuchtet hatten. Es blieben The Kinks und The Who, die Mitte der Sechziger begannen, durch ihr musikalisches Arsenal ein höheres Dezibelniveau beizusteuern. Nun, sie waren nicht die Einzigen – aber sie gehörten zu den Frühen, die das taten.
Anfang 1970 deuteten Black Sabbath mit ihrem veröffentlichten Debütalbum und dem Schmieden ausgesprochen schwerer Riffs sowie grotesk »schaurig-böser« Texte an, wohin eine der neuen Versionen des Rocks führen würde, die auf betonten Gitarrenphrasen basiert (Heavy Metal). Auf der anderen Seite standen Led Zeppelin, die bis 1970 schnell zwei Alben veröffentlicht hatten. Ihr Sound erschuf einen rohen und ungezügelten Lärm, beladen mit »Blues Roots«-Rhetorik, Ausschweifungen sowie gelegentlichen Folk-Einlagen, der jedoch jede Gleichsetzung mit dem Label „heavy“ ablehnte. Deep Purple traten mit dem Album »Deep Purple In Rock« – oder kurz »In Rock« – so in den Bund einer unheiligen Dreifaltigkeit ein, die für eine gute Ära die Entwicklung des Rocks mitdefinierte, der auf der Bevorzugung aufgebürsteter Gitarren basierte. Bei all dem gelösten, für jene Zeit ohrenbetäubenden Lärm und der farbenfroh-virtuosen Verspieltheit, die »Deep Purple In Rock« verkörperte, wirkten Black Sabbath starr, holprig und rau. Das dritte Studioalbum von Led Zeppelin, obendrein noch mit Akustik- und Folk-Elementen gewürzt, konnte mit dem umfangreichen Riff-Arsenal auf „Deep Purple In Rock“ nicht annähernd mithalten. Schon gar nicht mit dem übermütigen Rondo, das die vielfältige Kanonade ungezügelter Gitarrenphrasen in Kombination mit dem felsigen Orgelklang erzeugte – womit »Deep Purple In Rock« im Überfluss beladen war.

Nach dem Debüt „Shades of Deep Purple“ und seinem Nachfolger „Book Of Taliesyn“ brachte auch das dritte Album „Deep Purple“ der Band keinen besonderen Fortschritt – außer dass die »frechen« Medien auf dem amerikanischen Kontinent aufhörten, sie mit Vanilla Fudge zu vergleichen –, deutete aber allmählich an, dass sich die Mitglieder der ersten Besetzung von Deep Purple langsam auseinanderentwickelten. Jon Lord – in der ersten Purple-Ära der stille Anführer und Visionär der Band –, Richie Blackmore und Ian Paice wollten sich an einem aggressiveren und härteren Klangansatz versuchen, wofür sie das Gefühl hatten, dass Rod Evans und Nick Simper ihnen schlichtweg nicht würden folgen können.
So wandte sich Blackmore eines Tages an seinen Kollegen Mick Underwood aus gemeinsamen The Outlaws-Zeiten, damit dieser ihm einen guten Sänger empfehle. Mick machte keine großen Umwege und schlug vor, er solle doch einfach Ian Gillan fragen, der damals zusammen mit Underwood in der Band Episode Six aktiv war. Man vergesse nicht: Ebendiesen Mick Underwood gründete später Quartermass, und Blackmore überarbeitete mit Rainbow deren einzigen Quartermass-Hit für den Song Black Sheep of the Family. Aber das ist eine andere Geschichte. Kein Geheimnis war auch, dass Gillan bereits damals zusammen mit Underwood und Episode Six-Bassist Roger Glover die Idee hegte, eine eigene Band zu gründen, da er das Gefühl hatte, Episode Six käme nirgendwohin. So begaben sich Lord und Blackmore bei erster Gelegenheit zu einem Konzert von Episode Six, wobei Blackmore zuvor bereits ein Werbegespräch per Telefon mit Gillan über einen möglichen Einstieg des Sängers bei Deep Purple geführt hatte. Gillan konnte die Neuigkeit nicht für sich behalten und teilte sie Glover noch vor dem Konzert mit, weshalb die gesamte Band sofort erkannte, dass parallel zu ihrer Geschichte noch eine andere ablief. Richie kletterte während des Konzerts sogar selbst auf die Bühne für einen gemeinsamen Jam mit der Band. Am nächsten Tag verkündeten die Bandmitglieder die Absicht Gillans, die Gruppe zu verlassen, ihrer Managerin Gloria Bristow. Alle einigten sich auf den Abgang des Sängers, und als Gegenleistung für den Segen versprach Gillan, gewissenhaft alle Verpflichtungen zu erfüllen, die ihn an die Gruppe banden, einschließlich der Mitwirkung bei den verbleibenden, bereits bestätigten Konzertterminen.

Da Deep Purple auch einen Bassisten suchten, musste Gillan bereits zu diesem Zeitpunkt Glover gegenüber andeuten, er solle selbst die Option eines Einstiegs bei Deep Purple erwägen. Doch Glover wollte als Gründungsmitglied von Episode Six auf gar keinen Fall etwas tun, das zum Zerfall von Episode Six führen könnte. Immerhin war er vom ersten Tag an dabei. All das spielte sich fast genau ein Jahr vor dem Erscheinen des Albums »Deep Purple In Rock« ab. Zu Glover kamen Deep Purple etwas schwieriger, fanden aber schließlich einen Konsens. Am 7. 6. 1969 erschienen Glover und Gillan bei Jon Lord zu Hause. Ian und Roger stellten Jon das Material vor, das sie gemeinsam erarbeitet hatten. Da Deep Purple für genau diesen Nachmittag eine Studiosession gebucht hatten, konnte der Bassist jedoch nur im Kontext der Aufnahme eingesetzt werden und in keinem anderen. Daher nutzten sie die Gelegenheit und nahmen eine frühe Version des Songs Hallelujah auf. Dieser war als nächste Single für den amerikanischen Markt gedacht. Lord war von Glovers Spiel zusätzlich begeistert, doch Glover fand die Idee, Hallelujah als Single herauszubringen, ziemlich bizarr, da er den Song für zu seicht hielt. Ebenso brachte ihn das erste Treffen mit Lord, Blackmore und Paice zum Lachen – wegen ihrer Frisuren und ihres Gesamterscheinungsbildes, das ihm für jene Zeit altmodisch vorkam. Am nächsten Tag wurde Glover bei Deep Purple aufgenommen. Im Laufe des Juni mussten beide Bands eine Reihe von Konzerten absolvieren, wobei die beiden Deep Purple-Manager (HEC Ltd.) – das waren Tony Edwards (als »E«) und John Colleta (als »C«) – Glover und Gillan andeuteten, sie sollten sich in dieser Zeit möglichst weit von Episode Six-Managerin Gloria Bristow fernhalten, da diese höchstwahrscheinlich einen Nervenzusammenbruch erleiden könnte.
In der neuen Besetzung trafen sich Deep Purple bereits heimlich und arbeiteten weiter am Song Hallelujah, wobei Simper und Evans nicht im Entferntesten ahnten, was sich im Hintergrund vorbereitete – sie glaubten, ihre Plätze bei Deep Purple seien nach wie vor gesichert. In einer der zeitlichen »Lücken« zwischen Auftritten der Mk I-Besetzung buchten Blackmore und Lord einen Raum im Hanwell Community Centre, wo die Band in der Mk II-Besetzung am ersten Tag einige Jams absolvierte und am nächsten Tag auch den Song Hallelujah aufnahm. Danach buchten sie das Studio De Lane Lea, wo sie auch die endgültige Version des Songs aufnahmen. Im Laufe des Juli absolvierten sowohl Deep Purple als auch Episode Six Konzertauftritte. Bei einem der Termine traten die beiden Bands sogar gemeinsam auf, wobei Glovers erste Begegnung mit den Roadies interessant war: Als er nach dem Auftritt begann, sein Equipment selbst abzubauen, tauchte plötzlich aus dem Nichts ein Kerl auf und sagte, er solle gefälligst nicht seine Arbeit verrichten – was den Bassisten, der einen solchen Komfort nicht gewohnt war, ziemlich schockierte.
Im Juli 1969 erfuhren Evans und Simper langsam von ihrem Schicksal. Dafür fanden sie absolut keinen Grund zur übermäßigen Freude. Mehr noch: Den gelassenen Simper stichelte sogar ein Freund am Telefon: »Ich hab gehört, du spielst angeblich nicht mehr bei Deep Purple?« Nick glaubte ihm das natürlich nicht, las die Nachricht aber einige Tage später in einem der Printmedien. Die Mk I-Besetzung spielte ihren letzten Auftritt Anfang Juli 1969 mitten im walisischen Cardiff, und schon eine Woche später gaben Deep Purple ihr erstes Konzert in London mit der völlig neuen Mk II-Besetzung. Gillan verwendete bei diesem Konzert zum ersten Mal in seiner Musikkarriere Congas. Damit konnte er sich während der längeren Instrumentalpassagen der übrigen Bandmitglieder die Zeit vertreiben. Er war begeistert. Den ersten Auftritt der Band begleitete er mit der persönlichen Erkenntnis, dass der Ansatz von Deep Purple zur Musik absolut radikal und sehr abstrakt war. Völlig anders als der Zugang zur Musik, den damals beispielsweise Black Sabbath, Jethro Tull oder Led Zeppelin pflegten.
Und was wurde aus Evans und Simper? Nichts Besonderes. Rod Evans schloss sich der Band Captain Beyond an, bevor er völlig von der Bildfläche verschwand – er wurde noch Kopf eines »unglückseligen Deep Purple-Fakes«, der nach der Einleitung eines Gerichtsverfahrens schnell zum Erliegen kam. Simper blieb in London, wo er die Band Warhorse gründete und sich später als Maler und Anstreicher durchschlug. Überhaupt konnte sich Letzterer nur schwer damit abfinden, wie Deep Purple die beiden Musiker losgeworden war. Aber auch das hatte positive Eigenschaften. All diese Gefühle von Eifersucht, Verrat und Wut, die die Entstehung der Mk II-Besetzung umgaben, erwiesen sich als wichtiger Katalysator, der die Kreativität der neuen Deep Purple befeuerte.
Da die Bandmitglieder für jene Zeit bravouröse technische Fähigkeiten besaßen und Gillan damals als atemberaubender Sänger galt – er entfaltete in jeder Lage eine außerordentliche Stimmkraft –, konnte das Quintett bei Auftritten eine für jene Zeit schlicht undenkbare Bühnenmonstrosität entfachen. Inzwischen hatten sich die Gemüter zwischen Gloria Bristow und dem HEC Ltd.-Management beruhigt, und Episode Six hatten außerdem einen Kerl in ihre Reihen aufgenommen, der gleichzeitig Bassist und Sänger war – das ehemalige Big Three-Mitglied Johnny Gustafson. Episode Six spielten ihren letzten Auftritt mit Gillan und Glover am 26. 7. 1969.
Roger Glover sagte über die gleichwertigen Beiträge aller fünf Mitglieder der neuen Besetzung auch Folgendes: »Ritchie war nicht nur Gitarrist, er war ein brillanter Innovator. Er war phänomenal in dem, was er in den späten Sechzigern und frühen Siebzigern tat. Er schuf Dinge, auf die ich selbst nie gekommen wäre. Er war ein ansteckender und dynamischer Komponist. Aber ich glaube, das hätte er selbst nicht zustande gebracht. Er brauchte die anderen. In der Band übernahm er die Rolle des Motivators.«
Wenn wir schon bei Richie sind, sollte man einen Backstage-Vorfall erwähnen, als die Band bei einem der Konzerte im Jahr 1970 auftrat. Richie erinnert sich: »Ich gebe mir oft selbst die Schuld daran. Wir waren im Club Rock’n’Roll Circus. Das war eine größere Location in Frankreich. Ich kenne den Grund dafür nicht, aber ich habe schon immer gerne Kinderstreiche auf Kosten anderer gespielt. Streiche praktischer Natur. Es war backstage. In einem Moment wollte Ian (Gillan) sich setzen. Ich sah, dass er betrunken war, und zog ihm schnell den Stuhl weg. Ich hatte aber nicht bedacht, dass wir uns am Rand eines Bereichs befanden, der etwa 5 Meter über dem Boden erhöht war. Ian fiel in diese Tiefe und landete direkt auf dem Kopf. Ich hörte, wie er mit dem Kopf auf den harten Boden knallte. Ich dachte, es ist alles vorbei und er ist tot. Dann kam er wieder nach oben, und ich fragte ihn: »Bist du okay?« Er antwortete: »Ja. Ich hab mir ein bisschen den Kopf verletzt, das ist alles.« Danach war er aber nie mehr derselbe. Von dem Moment an, als er mit dem Kopf aufschlug, war das nicht mehr dieselbe Persönlichkeit.«
Wie erwähnt, hatte Gillan bei den ersten Konzerten der Mk II-Besetzung auf der Bühne oft nicht viel zu tun, doch bereits im Juli begannen neue Ideen schnell zusammenzutropfen, an denen sich der Sänger bei den Proben aktiv beteiligte. Die Band spielte das neue Material in den Räumlichkeiten des Hanwell Community Centre durch.

Roger Glover erinnert sich: »Alle neuen Ideen, die ich den Bandmitgliedern vorstellte, wollten diese sofort ausprobieren, wie sie funktionieren. So entstand zunächst der Song Speed King. Blackmore suchte nämlich nach einem rasanten Opener, mit dem die Band die Konzerte eröffnen würde.«
Speed King hieß in seiner ersten Version Kneel & Pray, und die Band testete den Song Ende August zum ersten Mal auf der Bühne. Bevor er auf dem Album Platz fand, änderte die Band das Arrangement zweimal komplett, und auch als sie ins Studio kamen, um ihn in der endgültigen Version aufzunehmen, war er noch nicht ganz fertig. Glover fügt hinzu: »Richie schlug vor, ich solle eine ähnliche Phrase entwickeln, wie sie Hendrix‘ Fire besitzt.« Gillan deutet an, dass zwischen den Mitgliedern der damaligen Deep Purple-Besetzung sofort eine hervorragende gegenseitige Chemie entstand, die auf der einen Seite Exzentrizität zuließ und diese auf der anderen Seite mit »Normalität« verband. Ian Paice ergänzt: »Plötzlich war in einem solchen Arbeitsumfeld absolut alles möglich.«
Bei den musikalischen Einflüssen des »In Rock«-Albums sticht ein interessanter Kontrast hervor: Gillans und Glovers Episode Six-Hintergrund, der aus präzisem und leichtem Pop stammte, traf auf etwas, das abenteuerlich klang, dem Experimentieren gegenüber weniger verkrampft war und Erfahrungen mitbrachte, die nicht viel Konzentration erforderten. Gillan sagt: »Alles akkumulierte sich. Jon Lord war ein klassisch ausgebildeter Musiker, inspiriert vor allem von Jimmy Smith. Ian (Paice) verkörperte meisterhaft Buddy Rich. Was mich betrifft, haben Elvis Presley, Little Richard, Chuck Berry, Fats Domino, Ella Fitzgerald und Jerry Lee Lewis auf mich eingewirkt. Der spätere Einfluss von Roger, der sich dann immer stärker bemerkbar machte, war Bob Dylan. Wenn du das alles zusammenwirfst, ist das eine Garantie für etwas Einzigartiges. Wenn du einen von uns aus dieser Geschichte wegnimmst, wäre das Ergebnis immer noch dasselbe. Für mich war Rockmusik eine Art Haltung.«
Die Ideen sprudelten, und Deep Purple erschufen rasch neues Material. Obwohl sich das Hanwell Community Centre in einem ausreichend abgelegenen Teil des westlichen Londons befand, was den Anwohnern einen ruhigen Schlaf garantieren sollte, produzierte die Band beim Durchspielen und Kreieren des Materials eine ganze Menge Lärm, der nicht ungehört blieb. In dieser Zeit probte in dem angrenzenden Raum desselben Gebäudes nämlich noch eine andere Band ihr Material – namens Spice. Diese steckte sich schnell mit der lauten Phraseologierhetorik an, die aus dem Nebenzimmer kam und von Deep Purple erzeugt wurde, und borgten sich kurzerhand zwei oder drei ihrer Phrasen aus, die sie in ihre ersten Kompositionen einbauten. Nicht lange danach änderte diese Band ihren Namen in Uriah Heep.
Noch vor den Aufnahmen zum »In Rock«-Album spielte sich für Deep Purple aber noch ein weiteres wichtiges Ereignis ab. Die Entstehung des Konzertdokuments »Concerto For Group And Orchestra«. Ab August war Lord bis zum Hals in die Arbeit an diesem Projekt eingespannt, dem Edwards und Colleta grünes Licht gegeben hatten. Die beiden buchten The Royal Albert Hall und erzielten einen Konsens über die Zusammenarbeit mit dem Royal Philharmonic Orchestra. Lord verpasste damit die Proben mit der Band, die bereits eifrig das neue Material durchspielte, was besonders Blackmore ärgerte. Schließlich kam der September, und die Band führte Lords Werk in Kombination mit dem Orchester bei einem Konzert auf, das aufgezeichnet und später als Konzertalbum veröffentlicht wurde. Gillan erinnert sich, dass ihn Skepsis befiel, wie die Leute diesen Schritt der Band aufnehmen würden – dabei irrte er sich, ähnlich wie die anderen Bandmitglieder. Die Band hatte es zu jenem Zeitpunkt durch all ihre Manöver und immer überzeugendere Konzertauftritte bis zu dem Tag, an dem sie mit dem Orchester in The Royal Albert Hall spielte, geschafft, in den Augen der breiten Öffentlichkeit große Aktualität und Interesse zu wecken. Daher regnete es nach dieser kühnen »Fusion von Rock und klassischer Musik« von überall her hervorragende Musikkritiken.
Als »dieser Sturm sich gelegt hatte«, richtete die Band erneut all ihre Energie auf die Aufnahmen zum »In Rock«-Album. Dieses wurde in drei verschiedenen Londoner Studios aufgenommen. Zunächst im Studio IBC, wo Speed King auf Band gebannt wurde, gefolgt von Living Wreck. Ian Paice sagt über Letztere, das sei sein Lieblingsstück von »In Rock«, was die Drums betrifft. Wegen des Schlagzeugklangs, der in diesem Song nach Ians Worten ausgesprochen lebendig, hart, stählern und unverschämt klingt! Der Rest der Crew überlegte bis zum letzten Moment, ob der Song überhaupt auf das Album aufgenommen werden sollte. Die Jungs waren nämlich der Meinung, dass das Stück dafür schlicht zu schwach sei.
Die Band nahm das kurze, aber ausgesprochen laute und bewusst chaotische Intro zu Speed King separat auf. Als Blackmores gitarristisches Toben in diesem Intro nachlässt, setzen Lords Hammond-Orgeln ein, und Glover erinnert sich: »Jon verspielte sich in der Mitte seines Einsatzes. Er spielte einen falschen Akkord. Anstatt die Sache zu wiederholen und neu aufzunehmen, machte er eine kurze Pause und wandelte die atonale Linie geschickt zu seinen Gunsten um. Offensichtlich hat dieser Trick Lord vollkommen zufriedengestellt.« Doch auch mit dieser Version von Speed King war die Band nicht zufrieden und kehrte so im Januar 1970 ins Studio IBC zurück, wo der Song noch einmal aufgenommen wurde.
Anfang November 1969 begann auch der berühmte Child In Time zu entstehen. Glover sagt: »Auch dieser Song ist nicht völlig original und schöpft Inspiration aus einem anderen Song. Das Erste, was ich nach meinem Einstieg bei Deep Purple tat, war, dass Richie, Ian (Paice) und ich gemeinsam in Urlaub fuhren. Eines Tages mieteten wir ein Boot, mit dem wir die Themse entlangfuhren und den ganzen Tag Platten verschiedener Künstler hörten. In dieser Auswahl befand sich auch ein Album der Band It’s A Beautiful Day, darauf der Song Bombay Calling.« Auch Jon Lord, der diesen Song damals bereits kannte, konnte seine Begeisterung für dessen Arrangement nicht verbergen. Deep Purple einigten sich mit It’s A Beautiful Day so, dass sie der Band im Austausch für die Nutzung des Hauptmotivs des Songs Bombay Calling gestatteten, nach Belieben die Leitmotive des Songs Wring that Neck zu verwenden – der so in den Händen von It’s A Beautiful Day zu Don And Dewey wurde und auf deren zweitem Album »Marrying Maiden« (1970) landete. Deep Purple stellten diesen kultigen Song schnell zusammen, der zum berüchtigten Favoriten ihrer Konzerte wurde. Als sie damit zur Aufnahme kamen, war er durch die Bühnenerprobung bereits sehr gut ausgefeilt.
Auch Into the Fire stammt aus den Aufnahmen im IBC-Studio, ebenso das Instrumental Jam Stew. Die Band hat nie eine Vokalversion dieses Instrumentals aufgenommen, und als es bei einem Auftritt in einer der BBC-Sendungen auftauchte, markierte Gillan den Song erstmals überhaupt vokal. Auch für Into the Fire kam die Idee von Glover, und das Stück basiert auf einer chromatischen Blackmore-Phrase von besonders zerstörerischer Natur, die schnell einen Platz im Konzertrepertoire fand. Die Band genoss dessen Aufführung besonders, da sie gerade in diesem Stück die höchste Stufe ihrer neu entdeckten donnernden Schlagkraft entfalten konnte.
Am 1. 1. 1970 zog die Band ins Studio De Lane Lea um, wo sie an jenem Tag Hard Lovin‘ Man aufnahm. Dabei arbeitete mit der Band ein Toningenieur namens Martin Birch zusammen. Auch dieser Song stammte von Glover und geht auf Jams zurück, die im Hanwell Community Centre stattfanden. Glover fährt fort: »Das ist ein monstruöser Song. Mein Lieblingssong dieses Albums. Er vereint unsere gesamte Essenz jener Zeit und überträgt unsere Energie, die wir auf der Bühne erzeugten, am ehrlichsten und anschaulichsten auf Band. Das gilt besonders für Jon Lords Solo, das demjenigen sehr nahe kam, was er bei der Aufführung dieses Songs auf der Bühne machte. In diesem Song spiegelt sich unser Kern wider – die Experimentierfreude, die ganze Schrulligkeit bei der Wahl der Einlagen und Übergänge, zwei hervorragende Solos, unbändige Schlagkraft, machohafter Songtext und große Ausgelassenheit.« Die Band war von Birchs Ansatz begeistert. Dieser war für jene Zeit sehr modern, denn Martin war einer der wenigen Ingenieure (neben Alan McKenzie – er arbeitete mit Episode Six zusammen), der der Band damals zuhörte und sich bemühte, ihre Essenz auf Band einzufangen. Birch produzierte später alle Alben der Band – bis zu ihrer Auflösung 1976. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: »In Rock« produzierten Deep Purple noch selbst. Aber nicht alle waren mit dem Studio De Lane Lea zufrieden. So etwa Ian Paice, den der kleine Raum störte, in dem seine Drums nicht die Klangcharakteristiken erreichten, die er erwartet hatte: »Der Schlagzeugklang war ›flach‹. Damals war es sehr schwer, einen geeigneten Raum für Schlagzeugaufnahmen zu finden.«
Der Mut, den die Band mit der Absicht bewies, das Album selbst zu produzieren, brachte andererseits auch einen Überfluss an Chaos in den Entstehungsprozess des Albums. Plötzlich befanden sich alle zehn Hände des Quintetts gleichzeitig an den Reglern des Mischpults, wobei jedes Mitglied diktierte, welchen Klang es haben wollte. Paice kommentiert: »Es ist noch verwunderlich, dass wir keinen Rauschpegel erreicht haben. Der Klang wurde schlicht überladen!« Glover ergänzt: »Wir alle handelten unbewusst nach Impulsen, durch die das Album immer härter und härter wurde. Und da das Album in den Intervallen zwischen Konzertauftritten entstand, übertrugen wir diese Bühnenenergie ins Studio. Alle Aussteuerungsmesser standen ständig im roten Bereich!«
Noch einen weiteren Song nahmen Deep Purple im Studio IBC auf. Das kurze, aber knackige Cry Free, für das sie jedoch mindestens dreißig Takes benötigten. Dieser Song wurde später nicht auf das Album aufgenommen. Der letzte Song, den die Band für das Album im Studio De Lane Lea aufnahm, war Flight of the Rat. Es war März 1970, und die Band hatte das Stück im Hanwell Community Centre entwickelt, nachdem Lord mit der Hammond-Orgel herumgespielt hatte und jemand Rimski-Korsakows Hummelflug erwähnte. Der letzte Song für das Album, den Deep Purple jedoch im Studio Abbey Road aufnahmen, war Bloodsucker.
»In Rock« ist ein Album, das niemals so geworden wäre, wie es ist, wenn Deep Purple nicht im Grunde eine Live-Band gewesen wären. Alle Ideen entstanden auf der Bühne oder backstage, ebenso in den Räumlichkeiten des Hanwell Community Centre. Und bevor sie auf die Aufnahmebänder kamen, floss noch so manches Wasser den Fluss hinunter. Die Jungs spielten sie nämlich in verschiedenen Varianten auf der Bühne und bei den Proben durch und probierten sie aus, wobei Arrangements komplett auf den Kopf gestellt werden konnten. Am schwersten war es, sich das alles zu merken. Damals gab es nämlich noch keine handlichen Geräte, mit denen man eine Idee schnell hätte festhalten können. Aber oft kamen Deep Purple mit einem neuen Song ins Studio, den sie zuvor auf der Bühne gründlich ausgefeilt hatten. Ian Paice fügt hinzu: »Wenn ein Song auf dem Album großartig klang, klang er live schlicht brillant.«
In den folgenden Monaten kämpfte die Band mit den Problemen, die der Bankrott des Plattenlabels Tetragrammaton Records mit sich brachte, mit dem die Band in den USA unter Vertrag stand. Zum Glück erwarb Warner Bros Records die Rechte. Es blieb noch die Suche nach einem Hit! Edwards und Colleta traten vor die Band mit einer unangenehmen Frage, die die Band die ganze Zeit schon erwartet hatte: »Wir brauchen einen Hit!« In der ersten Maiwoche 1970 begaben sich Deep Purple noch einmal ins Studio De Lane Lea, fanden dort jedoch keinen rechten Einfall. Roger Glover erinnert sich: »Gegen zwei Uhr nachmittags kehrten wir ins Studio zurück und versuchten es erneut. Aber ohne Erfolg. Also gingen wir um acht Uhr in den Pub und tranken uns einen an. Richie und ich verließen die anderen und gingen zurück ins Studio. Richie schnappte sich die Gitarre und begann, ein Motiv zu spielen, das mir gefiel und von dem Richie sagte, er habe es von Ricky Nelsons Sometime ausgeliehen. Ich sagte: »Das können wir doch nicht verwenden!« Richie antwortete: »Warum nicht? Hast du den Song schon mal gehört?« »Nein«, antwortete ich, und Richie fügte hinzu: »Na dann.« Als die anderen aus dem Pub zurückkamen, stellten wir den Song fertig. Den Titel borgten wir von einem alten Song von Arthur Alexander, den rhythmischen Schlüssel übernahmen wir von Canned Heats Hit On the Road Again. Gillan fügt hinzu: » Im Zustand, in dem ich mich nach der Rückkehr aus dem Pub ins Studio befand, war es verdammt schwer, den denkbar banalsten Text für einen Hit zu verfassen.« So entstand der Song Black Night. Am nächsten Tag waren Edwards und Colleta in heller Begeisterung!
»Deep Purple In Rock« erschien am 5. 6. 1970 beim Label Harvest Records und verkaufte sich sehr gut. Im September 1970, als die Single Black Night gerade erst anfing, die Musikcharts zu stürmen, stand »Deep Purple In Rock« bereits hoch oben in den Charts! Dort hielt es sich ganze 68 Wochen lang. Lord sagt, die Idee für das Cover habe Manager Tony Edwards gehabt, und fügt hinzu, dass »Deep Purple In Rock« sein Lieblingsalbum sei, das Deep Purple je gemeinsam aufgenommen hätten. Das Album erreichte Platz vier der britischen Albumcharts und hielt sich noch ein ganzes Jahr danach unter den dreißig meistverkauften Platten dieser Charts – bis es schließlich durch das Album »Fireball« verdrängt wurde, doch auch danach kehrte es mit gelegentlichen Vorstößen immer wieder in die Charts zurück. Zum guten Verkauf trug wahrscheinlich auch das attraktive Cover bei, auf dem die Bandmitglieder, in den Felsen des Mount Rushmore gemeißelt, die Plätze der Köpfe von fünf amerikanischen Präsidenten einnehmen. Mit »In Rock« betraten Deep Purple ihre kreativste Ära, in der sie die Alben »Fireball«, »Machine Head«, »Made In Japan«, »Who Do We Think We Are«, »Burn« und »Stormbringer« aneinanderreihten. Diese erschienen in den nächsten vier Jahren und krönten Deep Purple zu einer der berühmtesten und angesehensten Rockbands der Welt.
Jon Lord begleitete die Bedeutung des Albums »In Rock« in einem Interview aus dem Jahr 1971 mit den Worten: »In Rock war wirklich das Ergebnis all unserer Konzertaktivitäten. Die ersten drei Alben waren nett, aber ohne Richtung. Niemand auf dem Planeten wusste nämlich, was zum Teufel die Band überhaupt schafft und was sie will. Dann haben wir uns bewusst einen Moment gestoppt, gesammelt und begonnen, über das Komponieren von Material nachzudenken, das wir alle verstehen. Das Ergebnis davon ist »In Rock«, das für uns einen Wendepunkt bedeutete. Wir begannen an das zu glauben, was wir schaffen. Es interessiert uns nicht, unser Publikum zu erziehen, uns interessiert mehr, wie wir es unterhalten. Und das ist die Essenz von allem.«
Jon fügt hinzu: »Mit »In Rock« haben wir enorm viel gelernt. Das Album entstand in sechs Monaten, und ich glaube, dass sich das wirklich alles gelohnt hat. Ich kann offen sagen, dass dies das erste Album ist, mit dem wir vollständig zufrieden sind. Es hat unser Selbstbewusstsein gestärkt. In dieser langen Zeit seiner Entstehung haben wir viel über uns selbst und unsere Musik gelernt, ebenso über unsere Wahrnehmung einer neuen musikalischen Richtung. »In Rock« ist die Grundlage für unseren gesamten neuen Sound und unsere neue Denkweise. Wir gelten als sehr extrovertierte Persönlichkeiten. Wir heizen unserer Menge gerne ein und mischen uns unter sie.«
Angesichts der Tatsache, dass vor dem Album »In Rock« noch »Concerto For Group And Orchestra« erschienen war, erwarteten viele, dass »In Rock« in seiner Inspiration stärker von Elementen der klassischen Musik gestützt würde. Dem war jedoch nicht so. Jon Lord erklärt: »Ich habe das Gefühl, dass wir uns jetzt von der klassischen Musik entfernen, da es nie beabsichtigt war, dass klassische Musik auch die musikalische Richtung der Band sein sollte. Mehr oder weniger war das ein musikalisches Experiment. Wie euch vielleicht bereits bekannt ist, haben wir uns auf frühen Alben mit Themen der klassischen Musik beschäftigt, aber das hat sich alles allmählich ausgespielt. Derzeit verwenden wir überhaupt keine Kompositionsansätze mehr, die aus der klassischen Musik stammen würden. Gelegentlich sind einige unserer Solopassagen dabei die Ausnahme.«
Bis Mitte der Siebziger war das Bild des sagen wir mal »Heavy Rock« mit extravaganter, arroganter – auch machohafter, wenn man so will – Pose auf den Flügeln einer ganzen Invasion von Bands endgültig gefestigt, die dabei das Ursprungsformat verwendeten, das »In Rock« beim Anbruch der Siebziger gezeichnet hatte. Deep Purple hauchten dem »Rock ’n‘ Roll-Fernseher« Farben ein. Und diesen Farben folgte die Invasion der Bands. Der Stammbaum des Rocks verzweigte sich nach dem Erscheinen des Albums »Deep Purple In Rock« schnell in Genres und Subgenres. Doch allen war das Album »In Rock« als Grundlage gemein, mit nur wenigen Künstlern, die Deep Purple damals hätten herausfordern können. Einer davon waren Queen.
Gillan sagte viele Jahre später: »Dieses Album war ein Unikat, denn es war das erste Studioalbum, das die Mk II-Besetzung gemeinsam aufnahm. Den Genuss, der seine Entstehung begleitete, erlebten wir bei der Aufnahme späterer Alben wieder – aber nicht bei allen. Wenn ich als Beispiel das Album »Who Do We Think We Are« nehme, das ich mir noch immer hin und wieder auflege und auf dem es keinen schlechten Song gibt – die sind eigentlich sogar noch ausgefeilter –, fehlt dem Album ein wesentliches Element. Es heißt Seele. Das ist ein Album, das ich nur als eine Auswahl von Songs verstehe. Aber wenn wir über die Alben »In Rock«, »Fireball«, »Machine Head« sprechen, ebenso über »Perfect Strangers« und jene, die wir in letzter Zeit aufgenommen haben, so begleitete diese Alben im Studio genau derselbe Genuss. Wir wussten gar nicht, in welchen Schacht wir mit »In Rock« gefallen waren.«
Offensichtlich bodenlos – denn mit dem Erscheinen des Albums »In Rock« kam der »Heavy Rock« zu uns. Und er ist auch geblieben! Für immer.
Autor: Aleš Podbrežnik