50 Jahre King Crimson Album „In The Wake Of Poseidon“
King Crimson veröffentlichten am 15.05.1970 ihr zweites Studioalbum „In the Wake Of Poseidon“. Für den europäischen Markt erschien das Album beim Label Island Records, Atlantic Records brachte es für den amerikanischen Markt heraus, Vertigo für den neuseeländischen. Das Album wurde im Londoner Wessex Sound Studio zwischen Januar und April 1970 aufgenommen. Produziert wurde es von Robert Fripp und Peter Sinfield. Die Band veröffentlichte von diesem Album auch eine Single, nämlich zur damals ausgesprochen nicht-kommerziellen Nummer „Cat Food“. Auf der B-Seite befand sich ein Instrumental namens Groon.
Dieses Album wurde vor Beginn der Aufnahmen, also noch Ende 1969, vom beinahe erfolgten Zerfall der Band überschattet, da nur noch Gitarrist Robert Fripp, Poet Peter Sinfield sowie Vokalist und Bassist Greg Lake übrig geblieben waren.

Trotzdem schuf die Band ein neues hervorragendes Studiowerk, das mit seiner Eklektik glänzt und als absolutes Unikat des Rock-Universums gilt. Als solches erschloss es damals weiterhin neue Dimensionen und ebnete der Startbahn des neu geborenen Genres namens „Progressive Rock“ den Weg. „In the Wake Of Poseidon“ ist ein Album aus einer ungewöhnlichen und einzigartigen experimentellen Mischung aus apokalyptischen Gitarrenphrasen, die alles kurz und klein schlagen, scharfen Kontrasten einer musikalischen Eingängigkeit, die sich durch Beatles-Pop-Einflüsse in den Charakter der Stücke eingeschlichen hat, sanft mystischen Balladen, dem rauschenden, raffgierigen Klangteppich der Mellotrons sowie geheimnisvollen Abenteuern atonaler Zügellosigkeit — was die avantgardistische Haltung der Band aufrechterhält, die mit dem Erstling „In the Court Of the Crimson King“ begründet wurde.
Als absolute Höhepunkte des Albums lassen sich Fripps gitarristisches Wüten in der Komposition „Picture Of A City“ und der atemraubende Gesangsansatz von Greg Lake im Titelstück des Albums ausrufen — was gleichzeitig auch Lakes letzter Akt bei King Crimson war, bevor er zu ELP (Emerson Lake & Palmer) wechselte.
Dank des Erfolgs des Erstlings „In the Court of the Crimson King“ gelang es der Band in dieser turbulenten und unsicheren Phase, genug Schwung und Rückenwind zu bewahren, um im Mai 1970 ein neues Studioalbum aufzunehmen und zu veröffentlichen, das auf Platz vier der meistverkauften Platten Großbritanniens einstieg und bis heute als das Werk der Band gilt, das in der gesamten Karriere der Band den höchsten Platz in den Charts erreicht hat. Die Band erhielt schmeichelhafte Kritiken, einer der Rezensenten schrieb damals über das Album: „Wenn Wagner heute noch am Leben wäre, würde er mit King Crimson zusammenarbeiten.“

Trotz aller Schwierigkeiten gelang es Fripp, Sinfield und Lake, den einzigen verbliebenen Mitgliedern der Originalbesetzung, hervorragende Gastmusiker um sich zu scharen und die Besetzung damit weiter zu festigen. Der größte Treffer darunter war vor allem der geniale Flötist und Saxophonist Mel Collins (ex-Circus), der schon damals ein äußerst gefragter Gastmusiker war und als einziger Musiker (neben Fripp und Texter Sinfield) auch nach dieser Platte Mitglied der Besetzung blieb. Fripps ehemaliger Schulkamerad Gordon Haskell singt anstelle von Lake auf der wunderschönen Ballade „Cadence And Cascade“. Letzteren lud Fripp auch zur Mitarbeit an ihrer dritten Platte ein.
Obwohl es vielleicht den Anschein hat, als hätte sich die Band für das neue Album in einer neuen Besetzung (als Oktett) erneuert, repräsentierten es damals tatsächlich nur zwei (Gründungs-)Mitglieder: Fripp und Sinfield. Greg Lake war mit Kopf und Gedanken da bereits bei ELP. Die übrigen Musiker, die am Album mitgewirkt haben, waren im Grunde auf irgendeine Weise angeheuert beziehungsweise Gastmusiker. Neben Fripp, der auf diesem Album auch das Mellotron übernahm, Sinfield und dem sich verabschiedenden Lake wirkten auf dem Album noch mit: Michael Giles (Schlagzeug), Peter Giles (Bassgitarre), Keith Tippet (Klavier), Mel Collins (Saxophon & Flöte) und Gordon Haskell, der den Gesang für die Ballade ‚Cadence And Cascade‘ beisteuerte.

Gleich drei Stücke befassen sich mit dem Einfluss der Umwelt auf die Menschheit und umgekehrt („Pictures Of The City“ (ursprünglich „A Man A City“), „Cadence And Cascade“ sowie „Cat Food“), während die gesamte Trilogie „Peace“, das Titelstück sowie „Devil’s Triangle“ (ursprünglich „Mars“) dem Pazifismus gewidmet ist. Die Band schuf also erneut eine hervorragende Platte, die in vielerlei Hinsicht eine Weiterentwicklung des unnachahmlichen Erstlings darstellte, jedoch etwas avantgardistischer ausfiel.
„In the Wake of Poseidon“ folgt im Großen und Ganzen in vieler Hinsicht der musikalischen Atmosphäre und dem erfolgreichen Rezept der ersten Platte. Musikalisch und stilistisch gibt es zumindest im ersten Teil der Platte keine nennenswerten Stilabweichungen im Vergleich zum Erstling — was für diese Band eigentlich ungewöhnlich ist —, dafür trifft man im zweiten Teil auf einige ihrer avantgardistischsten Stücke, die den wesentlichen Unterschied zwischen dieser und der vorherigen Platte ausmachen.
Laut Sinfield war die vorherige Platte Zeus bzw. Friedrich II. gewidmet, die neue hingegen, wie ihr Titel schon sagt, Poseidon.
Das Album ziert ein erstklassiges Cover des Mystiker-Künstlers Taam de Jong. Es stellt 12 menschliche Archetypen und gleichzeitig Gegensätze dar (jeder hat sein Gegenstück). Auf dem Cover sieht man so (nach Sinfields Konzept) unter anderem den griechischen Gott Dionysos (im Text „Madman“ genannt, lächelndes rotbackiges Gesicht – Hedonist), die Göttin Demeter (ernste dunkelhaarige Frau mit Mond – uralte Weisheit, Kräfte der Natur), Hades (gehörnter Bärtiger mit Helm, (Symbol) Gott der Unterwelt – Krieg und Tod), ein hellblondes Mädchen mit Schlüssel (Symbol der Reinheit, Unschuld), den Harlekin (Mut), einen Schwarzen (Sklaverei), einen alten Mann mit Brille („Cold Plato Spawn“, der kalte Keim des Rationalismus – der Wissenschaftler) und eine alte Frau-Schnitterin (Harvest Hag, Vertreterin alten Wissens, Konservative, die sich dem Fortschritt widersetzt), Hekate (Midnight Queen, Hexe, Frau mit blauen Haaren), den Meeresgott Poseidon (alter Mann mit Krone), einen Weisen bzw. Astronomen (Mann mit Spitzmütze und Sternen) und Mutter Natur (ruhiges, schlafendes Gesicht im Gras).

„In the Wake of Poseidon“ ist also ein hervorragender Nachfolger eines Albums, das schwer zu beerben war. King Crimson haben damit ihren Studioerstling in vielerlei Hinsicht übertroffen — musikalisch, stilistisch und inhaltlich. „In the Wake of Poseidon“ folgt dem Vorgänger treu und stilistisch, bleibt trotzdem ein unterschätztes Album in der Diskographie der Band, denn er steht ständig im Schatten seines berühmten Vorgängers. Mögen die meisten Kritiker sagen, was sie wollen — die Wahrheit ist, dass Musikkritiker eigentlich nie mit einem nachfolgenden King Crimson-Album zufrieden waren, weil sie immer erwarteten, es würde wie sein Vorgänger klingen, und wenn nicht, warfen sie der Band vor, sich zu wiederholen — was für diese Band völlig untypisch ist. „In the Wake of Poseidon“ kam diesem Prinzip noch am nächsten, wenn man zwei Alben aus dem musikalischen Werk von King Crimson miteinander vergleicht.
„In the Wake of Poseidon“ ist also gerade dank einiger neuer avantgardistischer Elemente eine noch weniger berechenbare Platte als der Erstling und daher ein echter Genuss für Musikkenner.
Autoren: Peter Podbrežnik & Aleš Podbrežnik
Redaktion: Aleš Podbrežnik
Mehr Informationen über das Album und die Band King Crimson findest du im erweiterten Rockline-Essay beziehungsweise der ausführlichen Rezension des Albums „In the Wake of Poseidon“ von Peter Podbrežnik.
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