Bang Your Head!!! 2008 – Nostradamus‘ Prophezeiung (zweiter Tag)
Ort: Balingen / Messegelände / Deutschland
Datum: 28.06.2008
Auftretende:
JUDAS PRIEST, SAXON, YNGWIE J. MALMSTEEN’S RISING FORCE, GRAVE DIGGER, LIZZY BORDEN (zweiter Auftritt), TANKARD, OBITUARY, LIZZY BORDEN (erster Auftritt), ONSLAUGHT, BREAKER, SECRECY, AGE OF EVIL
AGE OF EVIL: 09.30-10.10
Am zweiten Tag brummte mir der Schädel gewaltig, dank der ganzen Alkoholderivate. Ich schleppte mich mit ordentlich Verspätung aufs Gelände und kam gerade noch zum Ende des Auftritts der Band, die den zweiten Tag des Bang Your Head!!! Festivals eröffnet hat: Age Of Evil. Was meine Ohren noch erwischt haben, war eine geile Mischung aus klassischen Rock-’n‘-Roll-Grundlagen im extremen Old-School-Thrash-Gewand, mit Maiden-Terzen. Die Jungs aus Arizona sind gerade mal 18 geworden, noch nicht mal geboren waren sie, als das Thrash-Biest schon über den Planeten wütete, und ihr Auftritt macht Hoffnung, dass die Mission des Thrash Metal auf gesunde Weise von der älteren an die jüngere Generation weitergegeben wird. Die Verspätung habe ich natürlich bereut.
SECRECY: 10.20-11.00
Balingen ist offenbar eine Stadt der glücklichen Reunions. So hat es der Veranstalter geschafft, die seit 15 Jahren ruhenden Deutschen Secrecy zusammenzubringen, deren Karriere bis tief in die Achtziger des letzten Jahrtausends zurückreicht. Die Band fand in Originalbesetzung wieder zusammen und ergänzte sie um einen zusätzlichen Gitarristen, Dennis Krüger. In den Achtzigern brachte die Band zwei Alben heraus, nämlich „Art Of Motion“ und „Raging Romance“, die im deutschen Metal-Underground Kultstatus genießen.
Die Band ließ auf der Bühne ihre Klassiker wieder aufleben. Secrecy haben einen charakteristischen, um nicht zu sagen geradezu „neotenischen“ Rush-artigen Gesang, der die nötige obskure Note in die Atmosphäre bringt. Die Jungs sind eine echte Achtziger-Band. Riffs und Melodik zogen stark Richtung amerikanischer Old-School-Speed-Metal und der zweiten Hälfte der Achtziger. Dass sie ihre Ärsche gerade erst wieder hochgekriegt haben, sah man der Band an ihrem kläglichen Auftreten deutlich an. Ein paar Cent mehr in ihr Äußeres hätten sie ruhig investieren können. Außerdem war die extreme Statik der Band auf der Bühne ein bisschen öde. Mal sehen, ob Secrecy wieder in See stechen oder ob diese Reunion nur für einen Tag war.
BREAKER: 11.10-11.50
Ziemlich ähnlich sieht die Geschichte bei Breaker aus, die aus Cleveland (USA) stammen. Auch sie haben sich, wie Secrecy, auf die Einladung des Veranstalters hin zusammengetan, um beim Bang Your Head!!! Festival zu spielen. Die Reunion war zunächst mit dem Originalsänger Jim Hammar geplant, der aber wegen Krankheit und einer Operation in letzter Minute absagen musste. Die Band holte Greg Wagner in ihre Reihen und stand als Sextett kurz nach elf Uhr vormittags auf der Bühne. Breaker waren der erste echte Weckruf des Festivals.
Die Jungs sind aus ganz anderem Holz geschnitzt als die schlappen Secrecy. Sie wirkten, als könnten sie es kaum erwarten, auf der Bühne loszuballern. Vor zwei Tagen waren sie schon bei der BYH!!! 2008 Warm-up-Show in Hechingen, nahe Balingen, aufgetreten. In der Besetzung haben sie satte drei Gitarren, alle drei Flyin‘ V, und alle drei Gitarristen solieren. Die Jungs präsentierten sich als hochgradig eingespielte Einheit, und insgesamt beeindruckte Greg Wagner die Anwesenden mit einer erstklassigen Bühnenshow, allgemeinem Wahnsinn und dem Anheizen des Volkes. Greg hat eine Stimme, die man noch immer zu den melodischen Typen zählen kann, aber mit einem scharfen, leicht rohen Unterton, der nur vom Gehör her an Blackie Lawless (W.A.S.P.) erinnert und in jeder Lage bestens erhalten und explosiv ist. Breaker haben mit voller Wucht zugeschlagen. Enorm angespornt von einzelnen Leuten in der Menge, die die Zeilen ihrer Klassiker wie Ten Seconds Day draufhatten, lieferten sie einen einzigartigen, ausgefeilten und energiegeladenen Auftritt ab. Der hallte noch lange in den Ohren nach, und richtig geschockt und aufgeweckt hat das Publikum Sänger Greg, der einen „Stage Dive“ hinlegte und aus zweieinhalb Metern Höhe von der Bühne in die Menge sprang. Die Band warf auch einen Haufen ihrer Breaker-Shirts unters Volk.
ONSLAUGHT: 12.00-12.40
Legendäre Bands regneten an diesem Tag geradezu auf die Bühne. Noch mal wiedervereinigte Thrasher, diesmal aus Großbritannien, was gar nicht so oft vorkommt, die exzellenten Onslaught, stürmten die Bühne Punkt zwölf Uhr mittags. Mit Killing Piece bestätigten sie sofort, dass sie hungrig sind nach Musik, hungrig nach Thrash, so geschlossen und kompakt traten sie als Einheit auf, bei der man nie gedacht hätte, dass sie überhaupt jemals aufhören und pausieren konnte. Die Jungs sind phänomenal eingespielt, und der wichtigste Faktor ist trotz aller Tugenden, die der klassische Old-School-Thrash-Stil der Band mitbringt, der Gesang von Sänger Sy Keeler. Der funktionierte bestens. Er nutzt eine enorme Bandbreite an Gesangsansätzen. Von aggressivem, brutalem Gesang bis zu melodisch-obskurem mit scharfem Unterton, der vor allem in den mittleren bis höheren Lagen gefragt ist. Am meisten aber hat uns der Sänger mit extrem hohen, ausgefeilten „Screams“ gesättigt, ohne die man sich eine perfekte Live-Umsetzung des Onslaught-Materials gar nicht vorstellen kann. Die Maschine mahlte, und das Publikum vor der Bühne gab der Band die Energie mit „Bangen“ und Mitsingen zurück. Die 40 Minuten waren im Nu vorbei. Ein teuflisch gutes, maximal auf Schärfe getrimmtes Konzert. Die Band verzauberte schlicht mit der Essenz von Direktheit und Echtheit, durch die der unheilvolle Zorn der Widerspenstigkeit eines verwundeten Löwen scheint. Konformisten, Yuppie-Massenmanipulatoren und der ganze Rest an leerem Grau! Nehmt euch in Acht!
Onslaught bedankten sich nach dem Konzert überschwänglich beim Publikum und beim Veranstalter. Sie waren satte 16 Stunden nach Balingen gefahren, und das war ihnen bei Weitem weder zu viel noch leid. Wie gut sie sich fühlten, zeigte auch, dass sie nach dem Konzert ganz locker durch die Menge vor der Bühne spazierten, wo sie die Auftritte der anderen Bands genossen, und sich auch gern im Pressezelt blicken ließen, wo ihnen ein Humpen (zwei oder mehr) Fürstenberg-Bier definitiv nicht fremd war.
Onslaught Setlist:
1. Killing Peace
2. Let There Be Death
3. Angels Of Death
4. Destroyer Of Worlds
5. Metal Forces
6. Planting Seeds Of Hate
7. Demoniac
8. Burn
LIZZY BORDEN: 12.55-13.45
Lizzy Borden sind nach neun Jahren an den Tatort zurückgekehrt. Die Band hat sich nach der Mörderin benannt, die ihren Vater und ihre Stiefmutter mit einer Axt erschlug, was bis heute als eines der grausamsten und rätselhaftesten Verbrechen der amerikanischen Geschichte gilt. Lizzy Borden spielen klassischen amerikanischen Metal, der sich im Lauf ihrer Karriere nicht sonderlich verändert hat.
Die Band enterte die Bühne und startete ihren Auftritt mit dem Titelsong des brandneuen Albums „Appointment With Devil“. Das erscheint Ende Oktober dieses Jahres. Ein Konzert von Lizzy Borden ist immer etwas Besonderes. Lippenstift und Puder bitte! Alle Mitglieder waren mit einer dicken Schicht weißer Creme eingeschmiert, und Lizzy kam in einem schwarzen Umhang auf die Bühne gerannt, mit einem Baseballschläger in der Hand. Die Haare hatte er sich schwarz gefärbt und in der Mitte zu einem Schopf gebunden. Für einen Moment hätte man glauben können, man sieht Marilyn Manson höchstpersönlich auf der Bühne.
An einer der Gitarren steht jetzt Ira Black, der früher bei Vicious Rumors und Heathen die Gitarre geschrubbt hat. Lizzys Gesang bleibt überragend und erinnert zeitweise an Bruce Dickinson in besseren Zeiten oder an Kiske (Ex-Helloween). Die Band packte Songs von allen veröffentlichten Alben ins Programm, und Lizzy unterhielt das Volk mit Axtschwingen, Begießen und Trinken von „Blut“, und zum Schluss marschierten spärlich bekleidete Häschen aus dem nahen Partyzelt auf die Bühne, kletterten am Sänger herum und wanden sich an ihm, der sich in dieser Zeit in die deutsche und die amerikanische Flagge gehüllt hatte.
All das wäre albern und ein Ablenkungsmanöver, wenn es schlecht ausgebildete Musiker wären. Da das aber nicht der Fall ist, verstärken und befruchten sich das Bühnentheater und die hervorragende Umsetzung des Materials höchstens gegenseitig, was heißt: Lizzy Borden lieferten ein hochbombastisches Konzert mit hypnotischem Zauber, der dich in sich hineinsog und keinen Moment aus seinen Klauen ließ. Nach zwanzig Jahren hat Lizzy Borden mit seiner Band ein ausgeprägtes Gespür für Rock-’n‘-Roll-Verrücktheit bewahrt, das er in den Bahnen von echtem Old-School-Heavy-Metal auslebt, vollgepackt mit Melodie und Schock-Ohrwurmqualität.
Lizzy Borden Setlist (erster Auftritt):
1. Appointment With Death
2. Abnormal
3. Notorious
4. Rod of Iron
5. Tomorrow Never Comes
6. Red Rum
7. We Only Come Out At Night (intro)
8. There Will Be Blood Tonight
9. Me Against the World
10. We Got the Power
TANKARD: 14.00-14.50
Einen echten Sturm und in der Folge ein Unwetter vor der Bühne entfachten die deutschen Bier-Thrasher Tankard. Sie schüttelten über vierzig Minuten lang ihre Wut aus sich heraus, und die Leute strömten trotz größter Hitze herbei und schlossen die Reihen vor der Bühne. Sänger Andi, optisch ohnehin der ideale Typ für Tankard, riss wild an seinen Haaren und schmiss seine Fettmassen über die Bühne, während die anderen drei Kumpels wie in Trance abfackelten. Rectifier und ähnlich betitelte Songs, was bei Tankard-Bierhumor ohnehin Standard ist, brachten das Publikum in Ekstase. Abgehackt und einem ins Gesicht getreten, dabei aber in Zeilen gehüllt, bei denen man sich bis zur Bewusstlosigkeit wegschmeißen kann. Andi ist ein furchtbar guter Frontmann. Mit so einem Ansatz wird ihr Tankard nur schwer jemals ganz leer sein!
OBITUARY: 15.05-15.55
Die einzigen Vertreter des Death Metal auf dem Festival, die Floridianer Obituary, gehören definitiv zu den Legenden ihres metallischen Handwerks. Und das ist noch nicht alles. Mit ihrem Auftritt bei der BYH!!! 2008 lieferten sie den Inbegriff von Metal in seiner extremsten Ausprägung, so viel davon, wie das Festival in zwei Tagen erlebt hat. Als eine der Begründerinnen dieses Genres setzte die Band schon 1989 neue Meilensteine der extremen Musik, als sie ihr Debüt „Slowly We Rot“ veröffentlichte. Auch diesmal wurde die Band, die auch ihr neues Album „Xecutioner’s Return“ (2007) vorstellte, vom Publikum vor der Bühne begeistert aufgenommen, das trotz der größten Hitze um etwa drei Uhr nachmittags einen wilden Todestanz mit der Band begann. Wieder stach der hervorragende Gesang von John Tardy heraus, der der entscheidende Faktor in der Band ist, mit dem du die Obituary-Musik entweder zu deiner machst oder komplett ablehnst. Er gehört zu den besonderen Growl-Sängern mit etwas höher intonierter Stimme, aber eben einer Stimme aus einer anderen Galaxie, die auf dem Festival wirklich jede Betonwand durchschlug, so durchdringend und kraftvoll ist sie.
Die Band hatte mitten im Konzert ein paar Probleme mit der Beschallung, die man zu beheben versuchte, weshalb wir zwei etwas längere Unterbrechungen während des Auftritts erlebten. Ansonsten spielten die Jungs wie in Trance. Die Arbeit der beiden Gitarren griff hervorragend ineinander und baute aufeinander auf. Das schwarze Ambiente eines totalen, düsteren, apokalyptischen Tages der Schwärze aller Schwärzen, aus dem es kein Zurück gibt, leuchtete unter der Obituary-Folter aus lärmendem Auspeitschen und Misshandeln der Monitore blutig auf und brachte das Publikum vor der Bühne in die Knie. Obituary sind gerade in Topform und sehen ihre zwei Jahrzehnte bei Weitem nicht an.
LIZZY BORDEN: 16.10-17.05
Schon am Vormittag wurde durchgegeben, dass Hardcore Superstar und Obituary die Reihenfolge ihrer Auftritte getauscht haben. Obituary spielten ihr Set, Hardocore Superstar aber tauchte auf der Bühne nicht auf und nicht auf. Stattdessen konnten wir aus dem Publikum die Mitglieder von Lizzy Borden sehen, wie sie sich hinter den Verstärkern und Marshall-Wänden herumtrieben. Seh ich richtig? Lizzy Borden bauten ihren Sound selbst für einen weiteren Auftritt auf. Hardcore Superstar mussten ihren Auftritt offenbar absagen, und so bot sich Lizzy Borden von sich aus dem Veranstalter Horst an, dass seine Band noch einmal auf der Bühne des Bang Your Head Festivals spielt.
Lizzy Borden boten dem Publikum für den zweiten Auftritt eine völlig andere Setlist als beim ersten! Fair gegenüber den Fans und überhaupt gegenüber dem Veranstalter, der dieses Ereignis mit dicken Buchstaben in sein Bang-Your-Head-Tagebuch eintragen wird! Der zweite Auftritt erwies sich sogar als energiegeladener und lockerer als der erste. Überhaupt nahm das Publikum den neuen Lizzy-Borden-Auftritt völlig unbelastet auf und drehte mit der Band wild durch. Die Band musste eine neue Setlist zusammenstellen, wofür sie zwei Stunden Zeit hatte. Das Material, das sie in dieser Besetzung vorher noch nie live auf der Bühne gespielt hatten, wurde schnell hinter der Bühne eingeübt. Und zwar so gut, dass man auf der Bühne vom vorherigen „Nichtspielen“ überhaupt nichts merkte.
Im etwas gekürzten Programm präsentierten sie auch ihre vielleicht größten Klassiker Give ‚em the Axe und American Metal, die eine zusätzliche Dosis Adrenalin ins Blut der Zuhörer jagten. Auf der Bühne fehlten auch die anrüchigen Mädels nicht, die wieder wild mit dem Arsch wackelten und sich in allen möglichen Posen auf der Bühne drehten. Lizzy inszenierte einen regelrechten Dracula-Angriff auf eines der Mädels und tränkte sich, sie und die Bühne wieder reichlich mit Kunstblut.
Die Band traf mit einer gelungenen Umsetzung von Covern klassischer Bands den Nagel auf den Kopf, Rainbow (Long Live Rock N‘ Roll) und Steppenwolf (Born To Be Wild), und verließ den Ring als absoluter Sieger. Mit ihrer aufopferungsvollen Geste bewiesen Lizzy Borden großen Charakter, wie man ihn im Musik-Showbusiness nicht jeden Tag antrifft. Die goldenen Achtziger, in Schock-Tradition gekleideter Heavy Metal, zeigten sich für einen Moment in jenem klassischen Licht, bei dem nicht mal echte Musiklaien völlig gleichgültig geblieben wären. Hut ab, Jungs!
Lizzy Borden Setlist (zweiter Auftritt):
1. Perfect World
2. Be One of Us
3. Give ‚em the Axe
4. Psychopath
5. American Metal
6. Long Live Rock And Roll
7. Born To Be Wild
GRAVE DIGGER: 17.25-18.25
Grave Digger, heute darf man sagen: legendäre deutsche teutonische Heavy-Metal-Holzfäller, sind zu einer sehr vorhersehbaren Band geworden. Jedes zweite Jahr ein Album, darauf folgt eine Wintertour und sporadische Auftritte auf Sommerfestivals. Dieses Jahr war es ein kleines Kunststück, Grave Digger live zu erwischen, denn in Balingen spielte die Band ihr einziges Sommerkonzert in Europa. Grave Digger sind unter den Deutschen heute ein geschätzter und respektabler Name, und so drängte sich vor der Bühne eine ordentliche Menge an „Headbangern“. Das Konzert begann interessant, mit dem eingespielten Intro des Albums „Tunes Of War“ (The Brave), um dann zur Überraschung aller in die urzeitlich giftige Marschhymne The Reaper überzugehen. Schon ganz am Anfang war klar, dass das, was die Zusammenarbeit von Publikum und Band angeht, einer der intensivsten Auftritte des Tages werden würde. Chris Boltendahl, der allseits bekannte und erfahrene Krächzer „Uncle Reaper“, rannte wieder wie ein Wegelagerer von einer Bühnenseite zur anderen und genoss die Aufmerksamkeit, die er von der ganzen Masse unter der Bühne bekam. Grave Digger peppten ihren Auftritt trotzdem auf. Sie holten ein sechstes Mitglied in die Mannschaft, den Gitarristen Thilo Herrmann (Ex-Running Wild) mit dem Bürstenschnitt, der bei den Soli mit Manni Schmidt völlig auf Augenhöhe ist.
Die Setlist der Band war Standard. Grave Digger deckten praktisch jede Platte ab, mit Ausnahme von „Heart Of Darkness“ (1995), und spielten von ihnen die bekanntesten Stürmer. Angenehm überraschte dabei die Aufnahme des hervorragenden, hochatmosphärischen Midtempo-Songs The Silence („The Grave Digger“, 2001) in die Setlist, ansonsten lief das Konzert ganz nach Routine, schablonenhaft und vorhersehbar. Am Ende gaben die Jungs mit dem glühenden Trio von The Grave Digger noch mal Gas, besonders bei Rebelllion (The Clans Are Marching), das praktisch das ganze Publikum mit Inbrunst mitsang, und dem abschließenden Heavy Metal Breakdown, bei dem Chris und Co. dem Publikum noch ein paar zusätzliche Energiequanten entlockten. So hinterließen sie einen hervorragenden Eindruck, der bestätigt, dass Grave Digger auf der Bühne kaum patzen und dass sie von der deutschen Metal-Garde der Achtziger eine der erfahrensten Bands sind, die es verstehen, den Hörer mit ihren kompakt gebauten Auftritten voll zufriedenzustellen, mit dem elementarsten Heavy-Metal-Schuss.
Grave Digger Setlist:
1. The Brave (intro)
2. The Reaper
3. Excalibur
4. Valhalla
5. The Dark Of The Sun
6. Knights Of The Cross
7. The Silence
8. Silent Revolution
9. Last Supper
10. The Grave Digger
11. Rebellion (The Clans Are Marching)
12. Heavy Metal Breakdown
YNGWIE J. MALMSTEEN: 18.45-19.55
Der Auftritt des „Barocco-Hair“-Rockers war zweifellos ein Genuss der besonderen Sorte. Allerdings lief nicht alles ganz nach dem Wunsch der Fans. Das Warten auf den Maestro zog sich nämlich hin, weil es den Technikern partout nicht gelang, Yngwies Gitarre einzustellen. Die Ungeduld wuchs von Minute zu Minute, vor allem bei allen, die wissen wollten, wie sich Yngwies neuer Sänger Tim „Ripper“ Owens (Ex-Iced Earth, Ex-Judas Priest) auf der Bühne schlagen würde. Bestimmt 15 Minuten warteten wir, bis endlich ein zwei Meter großer Hüne mit seiner cremefarbenen Fender Stratocaster auf die Bühne stürmte. Barock aufgemotzt und mit Ritchie Blackmore in den Adern süchtig, eröffnete Yngwie sein Konzert mit einem Standardklassiker seines Repertoires, Rising Force. Gleich am Anfang, als er zunächst zu Ripper auf seiner rechten Seite rüberstolzierte, ließ er eine Dusche von Plektren los und warf einige ganz spontan vor sich und unter die Bühne zu den Fotografen, die sich um das edle Plastik gegenseitig zu prügeln begannen (lies: arme, liebe Foto-Ausrüstung).
Na ja, „Dr. Ripper“ ist der Sänger, von dem man sagen kann, dass er ein typischer „Metal-Screamer“ ist und überhaupt nicht in die Hardrock-Musik gehört. Yngwie ist im Kern ein Hardrocker, und wenn er nicht gerade Plejaden klassischer Notenzeilen abfeuert, können seine Songs sehr gefällig schlagkräftig und rockig besitzergreifend sein. Ripper ist deshalb eine sehr mutige Wahl, denn Yngwie hat bisher nur typische Hardrock-Sänger in seine Reihen geholt, was Tim Owens bei Weitem nicht ist und auch nicht sein kann. Ripper sang ohne Probleme alles, was sich singen ließ. Die Songs bekamen eine emotional kühlere Ausstrahlung, wuchsen auf der anderen Ebene aber auf einer explosiven Ausrichtung und bekamen einen Hauch mehr Düsternis dazu. Ripper sang wirklich alles, was sich Yngwie ausgedacht hat. Besonders witzig war das Zusammenspiel von Sänger und Gitarrist beim Erreichen des äußersten Höhenextrems, das Instrument und Rippers Stimme eben hergeben. Ripper ist wirklich ein Metal-Terminator. Der Mann schert sich gar nicht mehr darum, wo er singt. Bei Malmsteen wird er hübsches Geld verdienen, und interessant wäre es, wenn der Gitarrenvirtuose ihn ins Studio einladen würde, um ein neues Album aufzunehmen. Das wäre bestimmt etwas Besonderes in Malmsteens Repertoire.
Yngwie, der auf der Bühne die ganze Zeit Probleme mit dem Sound hatte, hörte während des Auftritts nicht auf, an den Knöpfen zu drehen, der Auftritt wurde wegen dieser Schwierigkeiten gekürzt, trotzdem war Yngwie eine besondere Bereicherung auf der Bühne, er erweckte diesen besonderen musikalischen Zauber zum Leben, dem du erst glaubst, wenn du ihn live erlebst, und Ripper widmete neben dem hervorragenden Gesang die ganze Zeit auch dem Egomanen Yngwie viel Aufmerksamkeit, der sie einfordert. Vielleicht ist Ripper in dieser Rolle sogar Yngwies erster Sänger, der der Aufgabe gewachsen ist und dem Sprüche im Stil von „Yngwie fuckin‘ Mouseteen“ von Ripper sogar gefallen. Mal sehen, was die Zeit bringt.
Yngwie J. Malmsteen Setlist:
1. Rising Force
2. Never Die
3. Far Beyond the Sun
4. I Am a Viking
5. Guitar Solo
6. You Don’t Remember, I’ll Never Forget
7. I’ll see the Light Tonight
SAXON: 20.20-21.35
Die alten Recken noch aus der Geburtsstunde der „New Wave of British Heavy Metal“ sind immer eine ganz eigene Attraktion, wenn man sie live sehen will. Ähnlich wie bei Grave Digger kann man auch von Saxon heute sagen, dass sie schon lange in völlig vorhersehbaren Bahnen unterwegs sind. Auf die Herbsttouren folgen Festivalauftritte, außerdem vergessen die Jungs nicht, ziemlich regelmäßig Studioalben zu veröffentlichen. Saxon gehen heute völlig rational vor. Sie verschwenden keine überflüssige Energie. Für Festivals stellen sie eine Setlist aus den größten Hits zusammen, streuen noch einen Song vom aktuellen Album ein, und die Sache ist erledigt.
Auch diesmal machten sie es genau so, und als Konzerteröffnung wählten sie etwas unglücklich, um nicht zu sagen ziemlich unklug, oder andererseits mutig, den Song Attila the Hun („The Inner Sanctum“, 2007). Der Song mit dem stockenden Riff verhinderte komplett, dass die Band über die Bühne fegte, was zu Saxon angesichts ihres Œuvres zweifellos sehr gut gepasst hätte. Würde man die Band fragen, warum, würden sie diplomatisch antworten, dass sie den Song super finden und sich nie darum kümmern, mit welchem Song sie ihre Konzerte eröffnen. Na gut, lassen wir die Philosophie beiseite, denn schon der nächste Track, mit Byfords Pfeifen, bedeutete, dass Motorfuckin’cycle Man über die Piste angebraust kam. Alte Recken ohne Mucken. Sie spielen fehlerfrei, sie spielen scharf, sie spielen mit vollem Einsatz und natürlich mit viel Selbstvertrauen, das ihnen die lange, lange Konzertkilometrierung gebracht hat. Biff wirkte deutlich frischer und ausgeruhter, er hatte sogar ein paar Kilo abgenommen, verglichen mit dem Erlebnis im Salzburger RockHouse (11.12.2007). Natürlich vergaß er auch nicht, seine charakteristisch lange Zunge kreisen zu lassen, und weil der Mann gern labert, nahm das dem Konzert selbst eine gute Portion gesunden Geschmacks, vor allem deshalb, weil es um 15 Minuten gekürzt war.
Saxon boten trotzdem einen interessanten Höhepunkt des Konzerts. Zur Aufführung von Denim & Leather holten sie Yngwie Malmsteen auf die Bühne. Kaum hatte Biff sein Erscheinen angekündigt, ergoss sich schon das klassische Arpeggio von hinter der Bühne, und dann sprang Yngwie wie der glücklichste Hund auf die Bühne. Glaubt ihr, sein klassisch geschliffener Stil bei den Soli passte zum Rock-’n‘-Roll-Grundgerüst des Songs? Ganz bestimmt nicht. Aber Yngwie peppte die ansonsten lässige Routine des Auftritts der Legenden auf. Zum Abschluss kam die Band zurück auf die Bühne und feuerte noch das dreiminütige And The Bands Played On ab, das dem Auftritt zusätzliche Qualitäten brachte. Aber wie gesagt, Biffs Gelaber, dass Deutschland Saxon in den Neunzigern gerettet habe, und ähnliches Auf-die-Tränendrüse-Drücken beim Publikum, trotz der allgemeinen Massenunterstützung des Publikums, die bewies, wie groß der Name Saxon in Deutschland ist und wie zufrieden die Leute mit dem Konzert waren, wusch den Konzertfleck nicht ab, den sich die Band leistete, als sie das Repertoire um 15 Minuten kürzte.
Saxon Setlist:
1. Atilla the Hun
2. Motorcycle Man
3. Let Me Feel Your Power
4. To Hell And Back Again
5. Heavy Metal Thunder
6. Strong Arm Of The Law
7. 20.000 Feet
8. Crusader
9. Wheels Of Steel
10. Princess Of The Night
11. Denim And Leather
—Zugabe—
12. And The Bands Played On
JUDAS PRIEST: 22.05-23.50
Und so haben wir uns bis zum großen Finale des Bang Your Head Festivals 2008 durchgekämpft! Der Auftritt der Band, die in den Siebzigern wider Willen und unwissentlich einen ordentlichen Teil der Metal-Bibel geschrieben hat und sich in den Achtzigern zu den unsterblichen Legenden aufschwang. Sogar Biff Byford selbst gab zu, dass Saxon auf ihrer ersten Tour als Vorband von Judas Priest gespielt haben, und bezeichnete es als besondere Ehre, dass Saxon auch heute Abend vor Judas Priest auftreten durften.
Judas Priest haben gerade ihr neues Album „Nostradamus“ (2008) veröffentlicht, das vor 14 Tagen erschienen ist (vom Priest-Auftritt in Balingen aus gezählt), weshalb der Kulissenaufbau im Geiste des neuen Albums nur logisch war. Mehr noch. Gleich nach dem Intro erscheint auf der obersten Stufe der Bühne Rob Halford, als Nostradamus verkleidet. Der bärtige Rob Halford in einem silbernen Priestergewand, mit einem Stab, der oben in dem charakteristischen Judas-Priest-Kreuz endet. Der Song weckt Interesse am neuen Album, aber wir alle waren wegen etwas anderem vor die Bühne gekommen. Das war Judas Priest völlig klar, also brachten sie die Leute gleich im Anschluss mit dem obligatorischen Metal Gods auf die Beine. Das folgende Eat Me Alive war die Ankündigung einer hervorragenden Setlist, und erst Between The Hammer and the Anvil zeigte den größten Haken an der aktuellen Essenz der Band. Rob Halfords Stimme platzt nämlich aus allen Nähten. Um dem Kollegen in der Not zu helfen, stimmten Priest die Gitarren einen halben Ton tiefer, und während des Auftritts halfen Halford an einzelnen Stellen auch eingespielte hohe „Screams“, die das traurige Bild seines heutigen Gesangs erfolgreich kaschierten. Natürlich ist das Gesang gemessen an den Kriterien von Judas Priest. Halford wirkte zwar in etwas besserer Verfassung als vor gut zwei Wochen beim Nova Rock Festival in Österreich und ist trotzdem bei Weitem nicht mehr der Rob Halford, den wir noch vor drei oder vier Jahren gewohnt waren. Der Teufel allein weiß, was über Nacht mit dem Mann passiert ist, dass er so nachgelassen hat. Die Leute machten sich nach dem Konzert augenzwinkernd darüber lustig, dass er Breaking The Law noch am besten gesungen habe (in dem er ohnehin das Mikrofon in die Menge hält, damit die den Großteil des Songs singt).
Weder die fantastischen Perlen der Setlist Devil’s Child, Rock Hard, Ride Free, Dissident Aggressor oder Hell Patrol, noch die hervorragende Arbeit des unzerbrechlichen Gitarrenduos Tipton/Downing und der kanonenartigen Rhythmuslinie Travis/Hill, noch eine Horde verschiedener Lederkostüme und sogar die Motorradfahrt bei Hell Bent For Leather konnten den Makel und die bittere Erkenntnis vertreiben, dass es sich praktisch um einen Auftritt handelt, dem etwas ganz Wesentliches fehlt.
Auch der Kontakt zum Publikum ist unzureichend. Halford meidet den Blickkontakt, dafür trägt er einen schönen Teil des Konzerts die Brille, oder er kompensiert das mit seinem Bühnenspiel, wenn er sich ans Mikrofon lehnt und beim Singen verkrampft den Kopf dreht und mit dem Gesicht auf den Bühnenboden starrt. Man sah und spürte, dass sich Halford trotz allem maximal bemüht, aber die Tatsache, dass ihm die hohen Lagen versagen, bleibt und ist Realität. In Songs wie Angel, Hellion/Electric Eye, Hell Bent For Leather oder Eat Me Alive trotzte der Mann den Hindernissen noch einigermaßen erfolgreich, weil sie keine hohen bis höchsten Gesangslinien erfordern, ebenso in Songs, in denen die „Screams“ nur als Zierde dazukommen, wie You’ve Got Another Thing Comin‘, Between The Hammer And The Anvil, Devil’s Child, da störte die Sache nicht, während Painkiller, Rock Hard, Ride Free, Sinner oder Hell Patrol niederschmetternd klangen. Früher war diese Halfordsche Unbeholfenheit beim Herstellen des Kontakts zum Publikum gar nicht zu spüren, beziehungsweise war sie völlig unstörend, denn der Mann durchschlug alle Mauern mit seinem einmaligen und einzigartigen Gesang der höchsten Lagen, der samt ihm auch Judas Priest einzigartig macht.
Judas Priest haben im Vergleich zum Konzert beim Nova Rock Festival in Österreich diesmal das komplette Set gespielt. In der zweiten Zugabe vor You’ve Got Another Thing Comin‘ nahm sich Halford sogar 5 Minuten, um das Publikum anzuheizen, indem er es (Standardmanier bei Judas-Priest-Konzerten) zum Mitsingen der charakteristischen Halford-„Oh! Yeah!“s brachte.
Ansonsten sind Szene, Umsetzung und Sound reine Perfektion und Standard, was der Band natürlich die außerordentliche Unterstützung des erfahrenen Teams garantiert, das ihnen die Bühne bereitet, sowie die große Kraft und das Können der Band.
Das Konzert wäre ein echtes Mega-Spektakel gewesen, wenn Halford die hohen, höheren und höchsten Lagen hätte singen können, aber das ist nicht passiert. Wie geht es weiter für Judas Priest? Kann Halford seine Stimme vielleicht wieder hinkriegen? Hoffen wir’s, aber bitte so schnell wie möglich. Falls das nicht geht, müssen Judas Priest so bald wie möglich den Sänger wechseln. Kandidaten gibt es unter den jungen Hoffnungsträgern jede Menge, aber ideal wäre es, wenn die Jungs den Legionär Tim „Ripper“ Owens wieder in ihre Reihen zurückholen würden. Wo bist du, Ripper?!?! Wir vermissen dich!
Nur zwei Tage nach dem Konzert in Balingen passierte es, dass Glenn Tipton wegen einer Blinddarmentzündung dringend ärztliche Hilfe aufsuchen musste. Die Schmerzen spürte er schon etwa eine Woche vorher, und Gott sei Dank hat er die Zähne zusammengebissen, sodass wir Zeugen eines Konzerts der Legenden werden konnten. Deshalb mussten Judas Priest die bereits angekündigten Konzerte in Zagreb und Belgrad aus dem Terminplan streichen. Es passierte zum ersten Mal, dass Judas Priest in ihrer Karriere gezwungen waren, so etwas zu tun.
Judas Priest Setlist:
1. Intro: Dawn Of Creation
2. Prophecy
3. Metal Gods
4. Eat Me Alive
5. Between The Hammer And The Anvil
6. Devil’s Child
7. Breaking The Law
8. Hell Patrol
9. Messenger of Death
10. Dissident Aggressor
11. Angel
12. The Hellion/Electric Eye
13. Rock Hard, Ride Free
14. Sinner
15. Painkiller
—– Zugabe —–
16. Hell Bent For Leather
17. Green Manalishi (with the Two Pronged Crown)
18. You’ve Got Another Thing Comin‘
Was gibt’s zum Abschluss des 10. Bang Your Head!!! Festivals in Folge im deutschen Balingen noch zu sagen? Mission erfüllt. Das Festival lief reibungslos, Verspätungen gab es keine. Abgesehen von der Absage von Hardcore Superstar und Rob Halfords geschwächter Stimme gab es keine Enttäuschungen. Das Metal-Paradies auf Erden bot den Besuchern wirklich sein Maximum. Vom Verkauf verschiedenster Plastikware, die nützlich sein kann oder wirklich nur Krempel im engeren Sinn, über Tonnen von Shirts und Fetischen bis hin zur Metal-Börse mit CDs, die praktisch so viel kosteten wie ein großes Bier. Unübersehbare Stapel von CDs, die du nicht jeden Tag in Läden siehst oder gar nie. Nach dem Ende des Judas-Priest-Konzerts spazierte der Hauptveranstalter mit seiner Begleiterin Doro, der deutschen Metal-Diva, über die Bühne, um sich ans Volk zu wenden. Er bedankte sich aufrichtig bei allen Besuchern, zündete sich verdient eine Zigarre an, setzte sich mit Doro auf den Bühnenrand, und dann sahen wir gemeinsam das abschließende Feuerwerk über dem Festivalgelände. Obendrein begann Doro, von den Leuten angefeuert, in „a capella“-Regie den Warlock-Song All We Are zu singen, und vor der Bühne wurde es wieder lebendig, als sich das Publikum ihr anschloss. Ein magischer Abschluss eines magischen Festivals. Nach allem Erlebten fällt am Ende die Erkenntnis nicht schwer, dass das Bang Your Head!!! Festival ein Ort ist, an den du immer gern zurückkehrst. Immer!
Fotos: Aleš Podbrežnik
Text: Aleš Podbrežnik
Text Lizzy Borden: Aleš PodbrežnikundJani Mihevc
Setlisten Yngwie J. Malmsteen und Lizzy Borden: Jani Mihevc













































































