40 Jahre Iron Maiden-Debüt!
Vor vier Jahrzehnten, am 14.04.1980, erblickte das gleichnamige Studio-Debüt der Heavy-Metal-Giganten Iron Maiden das Licht der Welt. Der Weg dorthin war steinig, und das fertige Werk kletterte bei seiner Veröffentlichung sogar einen Platz höher in die Charts als die damals heiß begehrten Saxon, die zu jener Zeit kurzzeitig die Rolle der treibenden Kraft des neuen, sogenannten N.W.O.B.H.M.-Genres übernommen hatten – das Publikum kannte sie bereits bedeutend besser, nicht zuletzt dank der gemeinsamen und sehr erfolgreichen Tournee mit Motorhead im Herbst 1979, und sie hatten bereits ihr Debütalbum in der Tasche. Saxon, die im Gegensatz zum deutlich moderneren Klangbild von Iron Maiden ihren schnellen, lauten und druckvollen Sound eher in den Traditionen des Boogie-Rock, Blues und Rock’n’Roll verwurzelten, veröffentlichten ihr zweites Album »Wheels Of Steel« gerade mal zehn Tage vor dem Debüt von Iron Maiden.
Bevor wir uns über das Album »Iron Maiden« auslassen, lohnt es sich, den Kalender noch ein paar Jahre zurückzudrehen – in die Mitte der Siebziger. Großbritannien steckte bekanntermaßen zu jener Zeit in einer erheblichen Wirtschaftsrezession. Das traf die Arbeiterklasse hart und verschlechterte ihre Lage. Massive Arbeitslosigkeit herrschte. Die erste Reaktion und der Aufstand kamen mit dem Ausbruch des Punk, der mit der Elite in der Sprache von Eskapismus und Nihilismus abrechnete. Doch gleichzeitig öffnete sich im musikalischen Untergrund weit eine weitere Front, auf die zunächst kaum jemand besonders aufmerksam war und die die Medien anfangs ganz bewusst ignorierten. Und während der Punk verblasste – er hielt sich im Fokus der Popularität später durch die musikalische Sprache von New-Wave- und Post-Punk-Bands –, brodelte es Ende der Siebziger im musikalischen Untergrund buchstäblich. Viele Menschen suchten Auswege in neuen Lebensherausforderungen, neuen Chancen, mit denen sie den großen Wurf landen könnten, um nicht Opfer der durch die Rezession verursachten Not zu werden. Genau 1979 zog unter anderem auch Frau Thatcher in die Räumlichkeiten der Downing Street 10 ein. Auf der Insel entstanden jede Menge neue Bands, und es kamen immer mehr dazu. Der Punk war abgeflaut, aber es gab viele neue Aufsteiger, die sich in einer anderen musikalischen Sphäre versuchten. Darunter auch absolute musikalische Analphabeten. Manche konnten keine Instrumente spielen, andere schon, aber sehr, sehr schlecht. Doch der Punk hatte gezeigt, dass man auch mit wenig musikalischem Können erfolgreich sein konnte. Alles hing von Biss und Talent ab. Diese Strömung künftiger Musiker inspirierte sich an den Pionieren des Siebziger-Rock, vor allem an jenen Bands, die neben kompositorischem Talent und Können eine Menge Lärm entwickelten. Ihr Ziel war nicht die Abrechnung mit den Rock-Dinosauriern, die den Progressive Rock aus der Elite der gut situierten Mittelschicht erfunden hatten – das war Sache des Punk.

Die Rezension des Iron Maiden-Debüts „Iron Maiden“, die einst der stets gewissenhafte Rok Klemše für RockLine verfasst hat, kannst du HIER lesen!
Die Perspektivlosigkeit traf vor allem die Bewohner der Industriestädte Großbritanniens am härtesten. Auch dem jungen Steve Harris blieb das nicht erspart – er entschied sich damals dafür, kein Fußballer zu werden, sondern sich lieber der Musik zu widmen. Ein paar Umstände, die der aufkommenden Welle neuer Bands bei der Etablierung des neuen Genres in die Hände spielten, verdienen es, hervorgehoben zu werden. Die drei damaligen Giganten – Deep Purple, Black Sabbath und Led Zeppelin, von der ganzen Welt gekannt – hatten zu jener Zeit mit Problemen zu kämpfen. Erstere lösten sich auf, die Zweiten hatten ihre Glanzzeit hinter sich, nachdem sie den „unreifen“ Ozzy rauswerfen mussten, und die Dritten trugen eine unglückliche Anhäufung von Umständen auf den Schultern (persönliche Tragödien, ein Schlägerei-Zwischenfall unter Beteiligung des Managements und Schlagzeuger John Bonham bei einem Konzert der US-Tournee, Drogen …) und mussten ihre Aktivitäten drastisch zurückfahren. Dadurch öffnete sich auf der Szene Raum für andere Bands. Zum Beispiel für eine zweite Front von Bands, die auf der Szene bereits allgemein bekannt war, aber immer noch darum kämpfte, die Karrieregipfel zu erklimmen. Von Thin Lizzy, UFO, Judas Priest, Whitesnake bis hin zu Rainbow. Und nicht zuletzt gab es noch eine Band, deren Popularität zu dieser Zeit exponentiell wuchs: Motorhead. Die lehnten von Beginn ihrer Karriere an beharrlich jede Gleichsetzung ihres Rock’n’Roll-Lärms mit Metal ab. Sie waren eine Band, die schnell spielte, alle Energie in grenzenlose Lautstärke steckte und bei ihrer Performance jeden Hauch von Technik mied. Das war die einzige Band, die damals (und bis heute) Punker und eine neue Schar von Hörern, die man „Muthas“ nannte, unter einem Dach vereinte. Letztere fanden nämlich ihre Zuflucht in einer Phalanx neuer Bands, die als ihre Generationsgenossen entstanden – darunter Saxon, Def Leppard, Girlschool, Diamond Head, Angel Witch und natürlich Iron Maiden. Mit der Musik der Zukunft also, die die Welt schon bald verändern sollte. Eine weitere Sache spielte diesen Bands bei der Popularisierung ihres wuchtigen Sounds in die Hände. Der Karrieredurchbruch von Motorhead und Judas Priest, die 1980 »Ace Of Spades« und »British Steel« veröffentlichten. Dazu gesellte sich auch »Back in Black« der australischen AC/DC. Hinzu kommt, dass etablierte Bands wie Uriah Heep, Rainbow, Black Sabbath (Ende April desselben Jahres erschien »Heaven And Hell«) und Wishbone Ash zu jener Zeit nach einem kommerziellen Sound suchten, der einen höheren Anteil an verzerrten Dezibel diktierte.
Das Interesse von Managements, Labels und A&R-Personal an der Strömung neuer Bands wuchs. Es entstanden jede Menge unabhängige Labels (Rondolet, Ebony, Killerwatt, Neat Records), neben den bereits bestehenden EMI, MCA, Polydor, Mercury Records, die dem neuen Stil die Tür öffneten. Damals war es schwer, in eine Position zu kommen, mit Heavy Metal – der noch ein Neugeborenes war – größeres Interesse zu wecken. Die Medien hegten schlicht kein Interesse am musikalischen Underground. Zum Glück dachte Neal Kay anders: Er organisierte im Bandwagon Heavy Metal Soundhouse in London Konzertauftritte von Bands ohne Plattenvertrag, vor ungefähr 100 fanatischen Muthas, und sorgte gleichzeitig als DJ für die Radio-Präsentation dieser neuen Musik.
Diesen Ort besuchten im Dezember 1979 auch Iron Maiden. Aber bevor wir zu ihrem Debüt kommen, lohnt es sich, noch ein paar Details aus dem Sommer 1978 zu beleuchten. Damals bestand Iron Maiden aus Steve Harris (Bass), Dave Murray (Gitarre) und Doug Sampson (Schlagzeug). Die Jungs übten fleißig und schrieben Musikmaterial, wobei Harris auch die Rolle des Sängers übernahm, den die Band damals nicht hatte. Harris wollte Murray schon früher dabei haben, doch wegen des Gegenschlags damaliger Bandmitglieder löste sich die Band sogar für eine Weile auf. Dann kam der November 1978, als der legendäre Paul Samson Harris im Red Lions Pub in Leytonstone mit einem Kerl zusammenbrachte, der auf den Namen Paul Di’Anno hörte. Der stieß nach einer erfolgreichen Audition als Sänger zur Truppe. Iron Maiden operierten damals also als Quartett, wobei Murray so ein guter Gitarrist war, dass es schwer war, jemanden Gleichwertigen oder Besseren zu finden. Harris hatte stets einen weiteren Gitarristen in seiner Vision, aber die meisten Kandidaten waren wegen Murrays Qualitäten einfach zu frustriert, um zur Band zu stoßen. Die Band entschloss sich daher – nachdem sie von der Gruppe V1 gehört hatte, die ihre erste Demo aufgenommen hatte und vom ehemaligen Iron Maiden-Sänger Dennis Wilcock (dem Mann, der als Erster auf die Idee von Eddie kam, und dem Mann, der die Band viele Jahre später wegen Urheberrechten verklagen sollte – aber das ist eine andere Geschichte) angeführt wurde –, selbst eine Demo aufzunehmen. Es war am 30.12. & 31.12.1978, als Iron Maiden die Songs Iron Maiden, Invasion, Prowler und Strange World auf Band aufnahmen. Die Band kratzte kaum 200 Pfund zusammen, so viel wollte Mike Kemp, der Besitzer des Spaceward Studios, wo die Demo aufgenommen wurde. Iron Maiden wählten vier Songs, die sie laut Harris damals auf der Bühne am überzeugendsten spielten. So wollten sie nachträgliches Überspielen und Verschönerungen so weit wie möglich vermeiden – denn wie gesagt: Sie hatten kein Geld. Alle vier Demo-Aufnahmen wurden also größtenteils im ersten Anlauf eingespielt. Das Spaceward Studio wollte laut Murray später zusätzliche 50 Pfund verdienen, um den rohen Sound der Originalaufnahmen zu „verschönern“. Iron Maiden hatten das Geld nicht, aber das Studio nahm die Klangkorrekturen trotzdem ohne ihr Wissen vor, was die Band sehr überraschte und schockierte. Iron Maiden akzeptierten das. Sie nahmen also mit, was sie damals hatten. Noch etwas: Obwohl offiziell nicht vermerkt, wirkte bei der Aufnahme noch ein fünftes Mitglied mit – Paul Cairns, der direkt aus der Band Mad Mac kam, aber nicht lange in der Truppe blieb.
Und da sind wir wieder bei Neal Kay. Mit dieser Aufnahme – genauer gesagt mit einer Kassettenkopie – wandte sich Harris kurz darauf an Neal. Der war begeistert von dem, was er hörte, und begann bald, die Band kräftig zu pushen. Unter anderem führte er auch seine eigene Soundhouse-Charts, und Prowler kletterte dort bald auf Platz eins. Gleichzeitig funktionierte Neals Zusammenarbeit mit Geoff Barton vom Magazin Sounds (Barton schreibt heute für Classic Rock) sehr gut – in der Geoff Barton auch den Begriff „New Wave Of British Heavy Metal“ zum ersten Mal verwendete, nachdem er im Mai 1980 den gemeinsamen Auftritt von Samson, Iron Maiden und Angel Witch gesehen hatte. Durch diese Manöver von Kay – und auch Barton – drang der gute Ruf der Band zu Rod Smallwood durch, der ebenfalls eine Kassettenkopie der Demo-Aufnahmen erhielt. Er nahm die Band unter die Fittiche seines Managements, das er später nach einem Iron Maiden-Song benannte (Sanctuary), und marschierte schnurstracks zu den Verantwortlichen bei EMI Records, wo er sie davon überzeugte, einen Vertrag mit der Band abzuschließen.
Während die Band auf den offiziellen Vertragsabschluss mit EMI Records wartete, beschlossen die Jungs, die im Spaceward Studio entstandene Demo in Eigenregie zu veröffentlichen. Einfach deshalb, weil die Nachfrage nach irgendwelchen Tonträgern bei Iron Maiden-Konzerten enorm war und die Fans schlicht nicht begreifen konnten, dass die Band noch keinen einzigen käuflichen Tonträger ihrer Musik hatte. Ihre erste offizielle Veröffentlichung nannten sie »The Soundhouse Tapes«; auf ihr fanden Iron Maiden (A-Seite) sowie Invasion und Prowler (beide auf der B-Seite der Sieben-Zoll-Vinyl) Platz. Die Auflage war auf 5.000 Exemplare begrenzt, davon gingen 3.000 allein durch Vorbestellungen (per Post) weg. Das Interesse an dieser Veröffentlichung war so groß, dass HMV und Virgin Records zusammen 20.000 Exemplare bestellten – aber laut Smallwood wollte die Band ihren echten Fans treu bleiben, auch wenn Iron Maiden mit Nachdrucken damals schon schöne Summen hätten verdienen können. Also warteten sie auf die Veröffentlichung des Debütalbums.
Noch vor der Unterzeichnung des Vertrags mit EMI Records im Dezember 1979, genau am 14.11.1979, traten Iron Maiden in der Sendung »The Friday Rock Radio Show« auf (nach Def Leppard, Samson und Praying Mantis als vierte Band in einer Reihe von Sendungen, die damals gerade beim BBC anliefen). Dort spielten sie Iron Maiden, Running Free, Transylvania und Sanctuary. Neben Murray spielte damals bei Iron Maiden Tony Parsons Gitarre, der sich aber nach drei Monaten von der Band verabschiedete. Schon damals versuchte Murray, seinen Schulkameraden Adrian Smith zu Iron Maiden zu lotsen, aber der blieb wegen seiner Verpflichtungen gegenüber seiner damaligen Band Urchin, wo er auch verblieb. Harris wandte sich daraufhin an Dennis Stratton, nachdem er dessen Auftritt mit der Band Remus Down Boulevard gesehen hatte. In dieser Zeit gab es noch eine weitere Umbesetzung. Doug Sampson verließ die Band wegen Erschöpfung und angeschlagener Gesundheit. Seinen Platz übernahm am 26.12.1979 Clive Burr, den Stratton Harris empfohlen hatte. Clive Burr war ohne richtige Arbeit – das ganze Jahr über, nachdem er Ende 1978 Samson verlassen hatte. Dort hatte ihn ausgerechnet Thunderstick ersetzt, der zuvor auch für Iron Maiden gespielt hatte.
Im Januar 1980 begab sich die Band ins Kingsway-Studio, das im Westen Londons untergebracht war, und begann dort, das Studio-Debüt aufzunehmen. Für Promotionaktivitäten reservierten sie sich zwei Wochen, in denen elf Konzerte stattfinden sollten. Am 10.02.1980 traten Iron Maiden in der Sendung Top of The Pops auf, wo sie Running Free spielten. Als zweite Band in der Geschichte dieser Sendung schafften sie es, den Song live zu spielen. Vor ihnen hatte das 1972 nur The Who geschafft. Ihre Bedingung war von Anfang an, als sie den Vertrag mit EMI Records aushandelten: Falls sie eine Einladung zu »Top Of the Pops« bekämen, würden sie dort nur auftreten, wenn man ihnen die Bedingungen eines echten Konzertauftritts ermöglicht – also ohne jedes Playback. In dieser Zeit veröffentlichte EMI Records am 15.02.1980 auch die Kompilation »Metal For Muthas«, auf der die Iron Maiden-Songs Sanctuary und Wrathchild in der Quartett-Version vertreten waren – also noch mit Doug Sampson am Schlagzeug. Die Veröffentlichung der Kompilation, mit der das Label den Markt „sondierte“, legte den Grundstein für eine Tournee, auf der sich die Bands der Kompilation präsentierten. Insgesamt waren es später 22 Bands, die vor Motorhead, Samson und Saxon auftraten, die abwechselnd als Headliner der einzelnen Tourneekonzerte ausgewählt wurden. Iron Maiden spielten bei den ersten elf Konzerten dieser Tournee, die am 01.02.1980 begann. Während der Tournee erschien am 08.02.1980 die erste Single Running Free, die Platz 34 der britischen Single-Charts erreichte. Nach der Tournee erledigten Iron Maiden noch im selben Februar die letzten Abmischungen des neuen Albums im Morgan-Studio im Norden Londons.
Die Band hatte einige Schwierigkeiten bei der Wahl des Produzenten. Zunächst trennte sie sich noch im Dezember 1979 von Guy Edwards, weil sie mit dem zu „schmutzigen“ Sound nicht zufrieden war. Auch mit The Sweet-Gitarrist Andy Scott klappte es nicht, der Harris dazu drängte, seine Bass-Linien mit einem Plektrum zu spielen. Obwohl Wil Malone auf dem Album als Produzent genannt wird (der Mann hatte zuvor Black Sabbath im Studio beim Arrangieren von Songs geholfen), waren Iron Maiden auch mit ihm nicht zufrieden und umgingen den desinteressierten Toningenieur taktisch, indem sie sich selbst um die Endabmischung des Albums kümmerten. Der Sound behält seine Rohheit, seine Ursprünglichkeit, er drückt Ungehorsam und Aggression aus – er verkörpert die Geburt einer neuen schweren Musik, die aus harten Zeiten für neue Zeiten hervorgegangen ist. Obwohl Iron Maiden also nie vollständig zufrieden mit dem Klangbild des Debüts waren, hat es gerade wegen dieses Sounds bei den Fans eher an Sympathie gewonnen. Auch wenn der Sound eine gewisse Verwandtschaft mit der Entstehung von Musik in der Zeit widerspiegelt, als der Punk über den Planeten tobte, betont Harris entschieden, dass die Band damals alles verabscheute, was irgendwie mit Punk zusammenhing. Ach ja, nebenbei: Martin Birch, den die Band schon beim Debüt gewollt hätte, war zu dieser Zeit bis über beide Ohren mit dem Black Sabbath-Album »Heaven And Hell« beschäftigt. Bekanntermaßen stieß Birch dann beim nächsten Album zur Zusammenarbeit mit der Band.

Über den Text von Running Free, der ersten Single des Iron Maiden-Albums, sagte Di’Anno, die Botschaft sei sehr autobiografisch. Es ist eine Reflexion auf die Zeiten, als er ein Punk-Rüpel war. Obwohl der Text darauf anspielt, dass er sechs Tage in einem Gefängnis in Los Angeles verbringt, klingt dieser Vers prophetisch – denn 1991 landete Di’Anno genau dort. Auf dem Debüt gilt Running Free als einer der am traditionellsten aufgebauten Rock-Songs, dem Di’Anno eine besonders ausgeprägte Punk-Note verleiht. Die B-Seiten-Aufnahme der Single Running Free – nämlich der Song Burning Ambitions – stammt aus der Zeit, als Iron Maiden noch als Quartett auftraten und Doug Sampson für sie Schlagzeug spielte. Interessant dabei ist, dass Iron Maiden für den japanischen Markt einen etwas anderen Weg wählten. Als Single wählten sie Prowler, und die europäische Single-Version von Running Free steckten sie auf die B-Seite. Auch das Single-Cover war für den japanischen Markt anders. Sie wählten die zensierte Version des europäischen Covers der Single Sanctuary.
Der Song Sanctuary wurde als zweite Single des Debüts ausgewählt. Diese erschien am 23.05.1980. Sie ist mit einem kontroversen Cover versehen. Die spätere Zensur des Covers soll Rod Smallwood selbst bei EMI Records vorgeschlagen haben, da er mit Bauernschläue der Meinung war, dass das die Medien noch mehr dazu animieren würde, die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Single zu lenken. Laut Smallwood ist auf dem Cover Premierministerin Margaret Thatcher abgebildet, die beim Abreißen von Iron Maiden-Plakaten von einer Wand von Eddie selbst erwischt und mit einem Dolch zur Rechenschaft gezogen wird. Die Originalversion der Sieben-Zoll-Single enthält auf der B-Seite die Live-Versionen der Songs Drifter und I’ve Got the Fire (eine Coverversion des Montrose-Originals), beide aufgenommen beim Konzert der Band am 03.04.1980 im Marquee. Die Single-Version für den niederländischen Markt ist erweitert. Die A-Seite enthält auch die Live-Version von Prowler, ebenfalls aus dem Marquee, und das Cover ist unzensiert – das Gesicht der hilflosen uniformierten Frau erinnert tatsächlich stark an Thatcher. Einigen Quellen zufolge soll Sanctuary, obwohl als Werk von Harris, Di’Anno und Murray ausgewiesen, vom Gitarristen Rob Angelo geschrieben worden sein, einem ehemaligen Bandmitglied aus dem Jahr 1977, der später auf seine Urheberrechte verzichtet haben soll und dafür eine Zahlung von 300 Pfund erhielt. Hinzu kommt, dass die europäische Version des Albums »Iron Maiden« diesen Song nicht enthielt, die amerikanische dagegen schon. 1998 erlebten die ersten neun Alben ein Remastering und eine Wiederveröffentlichung. Die neu veröffentlichte Version des Debüts enthält auch Sanctuary; gleichzeitig wurde aber Di’Annos „verzerrter“, schaurig-schöner Schrei in der Wiederholung des Schlussverses von Phantom Of the Opera – »… you torture me back at your lair…« –, kurz vor dem Beginn des Instrumentals Transylvania, in der neuen Version herausgeschnitten (das gilt auch für die Picture-Disc-Ausgabe, die Sanctuary jedoch nicht enthält).

Das Album eröffnet Prowler. Aggressiv! Murray stellt gleich zu Beginn seine treffsichere kreative Dynamik vor, als er das Riff mit einem Wah-Wah verziert – und der Song wirkt zu jener Zeit definitiv wie etwas, das niemand auf dem Planeten bis zu diesem Tag je gehört hatte. Di’Annos Text in diesem Song ist natürlich kindisch und trägt eine Portion luziden Comic-Machismus in sich. Laut Di’Anno erzählt Prowler von einem bestialisch triebhaften Mann auf der Suche nach sexueller Befriedigung. Der Song Remember Tomorrow – ein Stück mit außergewöhnlicher Steigerung zwischen Strophe und Refrain – beschreibt laut Di’Anno seinen Großvater, der Diabetiker war und bei einer Operation zunächst einen Finger verlor, dann ein Bein, und sich danach in sein Schicksal ergab. Etwas Ähnliches trug auch den ehemaligen Marschall der SFRJ in die ewigen Jagdgründe, der im Klinischen Zentrum in Ljubljana weniger als einen Monat nach dem Erscheinen des Iron Maiden-Debüts verstarb.
Charlotte The Harlot ist einer der wenigen Iron Maiden-Songs der gesamten Karriere, der vom Autorenrecht her vollständig Murray gehört. Es ist der erste Teil der Saga über ein Mädchen, das sein festes Domizil in einem Bordell gefunden hat und seinen Körper verkauft – wobei stets die Gefahr besteht, dass du verloren bist, wenn du dich in sie verliebst, denn sie ist eine „femme fatale“. Ein ungemein druckvoller Song des Debüts, der nach dem verträumten Strange World den Hörer auf das große Finale des Albums vorbereitet. Das bringt natürlich der abschließende Titelsong Iron Maiden. Ohne diesen Song ist kein einziges Konzert der Band in all den Jahren ihres Bestehens vorstellbar. Geschweige denn Eddie, der ohne diesen Song seinen ganzen Sinn verlieren würde.
Das Iron Maiden-Debüt ist aus mehreren Perspektiven interessant. Es ist schlicht und einfach ein Unikat der Zeit, in der es geschaffen wurde. Obwohl Harris sagte, die Band habe alles verabscheut, was mit Punk zusammenhing, kann das Album dieses Element nicht abschütteln – und gerade dieses Element verleiht ihm einen Geist der Zeitlosigkeit, was es insgesamt so besonders macht. Ungeachtet dessen, dass Harris schnell das theatralische Komponieren liebgewann, bei dem der Rhythmus mehrfach wechselt und die Stimmung in der Dynamik wechselnder Leitphrasen und in Terzen geführter Harmonien springt, ist Di’Annos Punk-Energie auf dem Album allgegenwärtig. Harris war schon immer fasziniert von den Werken progressiver Rock-Bands wie Genesis, Yes, Jethro Tull, und ließ sich gleichzeitig von Uriah Heep, Wishbone Ash, Nazareth, Nektar, UFO, Deep Purple und Thin Lizzy inspirieren. Mit Phantom of the Opera liefern Maiden eine Art des Komponierens, die sich später verfeinerte und reifte – durch Harris‘ Killers, Hallowed Be Thy Name, To Tame A Land, Rhyme Of The Ancient Mariner, Alexander the Great –, um in dem unvergesslichen Epos Seventh Son Of A Seventh Son ihren progressiven Höhepunkt zu erreichen. Phantom of the Opera ist gewissermaßen der ursprüngliche Prototyp dieses Harris’schen Ansatzes. Dann ist da noch Transylvania. Ein hervorragendes Instrumental voller Drama, das auf dem Studio-Nachfolger »Killers« (Genghis Khan) eine Fortsetzung fand und viele Jahre später zu Zeiten des Albums »Horror Show« von Iced Earth gecovert wurde.
Di’Anno hatte sich von Beginn seiner Zeit bei Maiden an eine Art Unantastbarkeit erkämpft. Er konnte sich alles erlauben. Er trug kurze Haare, konnte sich praktisch in alles kleiden, und sang und wählte die Vokallinien nach eigenem Gutdünken, ganz wie es ihm gefiel. Niemand widersprach ihm. So wurde er mit seiner sprichwörtlichen Frechdachsigkeit bald etwas arrogant – und laut Stratton, der keine solche Immunität genoss und dessen Tage im Gegensatz zum Sänger gezählt waren, litt Di’Anno damals auch unter einer persönlichen Identitätskrise. Laut Stratton konnte Di’Anno in einem Moment eines Konzerts anfangen, wie Sting von The Police zu singen, und schon in der nächsten Minute erschien er auf der Bühne mit einem Hut, der die damalige SKA-Bewegung symbolisierte (die Briten nennen ihn „pork pie hat“, da er an eine Fleischpastete erinnert – eine traditionell britische Spezialität).
Der Riss, der sich langsam zwischen dem Sänger und dem Rest der Truppe auftat, wurde zur Realität, als der damals schon ziemlich aufgeblasene Di’Anno es wagte, Judas Priest – die Iron Maiden im März auf den britischen Teil ihrer Tournee mitnahmen – zu provozieren, dass Maiden sie auf der Bühne „wegblasen“ würden. Einen Monat zuvor – zur Zeit der Konzerte der »Metal for Muthas«-Tournee – drängte Di’Anno laut Stratton die Band dazu, einen ihrer Auftritte wegen seiner entzündeten Kehle abzusagen. Iron Maiden dachten nicht daran, ihre Fans zu enttäuschen, und gaben das Konzert ohne Di’Anno – wobei Steve Harris die Vocals übernahm. Während des Konzerts beobachtete Di’Anno seine Kameraden schweigend von der Seite der Bühne, und Stratton erinnert sich an seinen stechenden Blick, aus dem ständig Blitze schossen. Dennis fügt hinzu, dass Di’Anno sich danach solche Manöver nicht mehr mal im Traum geleistet hat.

Im Gegensatz zu Di’Anno musste sich Stratton wegen unterschiedlicher musikalischer Ansichten bald von Iron Maiden verabschieden. Sein letztes Konzert für Maiden spielte er am 13.10.1980. Eines Abends, während der Aufnahmen zum Debüt, blieben Stratton und Toningenieur Martin Levan noch lange im Studio, nachdem die anderen nach Hause gegangen waren. Stratton kam auf die Idee, auf eigene Faust und ohne Zustimmung der anderen Bandmitglieder den Song Phantom of the Opera mit zusätzlichen Gitarren-Arrangements zu „veredeln“, und fügte außerdem zusätzliche Chor-Vokalharmonien hinzu, die stark an den Stil von The Queens Bohemian Rhapsody erinnerten. Ein Schachzug, durch den Harris wie auch Smallwood so manches (kostbare) Haar ergraute. Im Übrigen unterschied sich Dennis auch vom Rest der Bandmitglieder, was das Alter betraf. Er war ein paar Jahre älter und hörte auch „weicher“ klingende amerikanische Bands wie Styx, REO Speedwagon und Eagles – was natürlich nicht in den Kontext der Band passte. Harris fügt hinzu, dass er bemerkte, wie Stratton bei Konzerten Strange World deutlich mehr genoss als etwa Prowler oder Iron Maiden.
Iron Maiden traten im März jenes Jahres als Vorband beim britischen Teil der Judas Priest-Tournee auf, mit der diese ihr kommerziell durchbrechendes Album »British Steel« präsentierten. Interessant ist, dass die Alben »British Steel« und »Iron Maiden« am selben Tag erschienen!
Das Iron Maiden-Debüt kletterte bei seiner Veröffentlichung auf Platz 4 der britischen Charts. In den britischen Bestseller-Charts überlebte es ganze 15 Wochen! Von der Kritik wurde es hervorragend aufgenommen. Sein Inhalt ist zeitlos, und mit seinem für jene Zeit revolutionären Erscheinungsbild und seiner einzigartigen Charisma ebnete es den Weg für den Aufstieg und die Entwicklung des Metal durch die Achtziger. In dieser Hinsicht gilt es als eines der grundlegenden Alben, an dem sich der Metal in der Zukunft orientiert hat.
