The Aristocrats: You Know What?
Label: Boing!
Erscheinungsdatum: 28.06.2019
Produktion: The Aristocrats
Albumlänge: 59.43 min.
Genre: Jazz Rock Fusion / Progressive Rock / Progressive Metal
Wertung: 9.5 / 10
Das Album, das uns durch eine seltsame Verkettung von Umständen, als es Ende Juni letzten Jahres erschien, irgendwie durchgerutscht und untergetaucht ist. Entwischt. Unerhört. Unbemerkt darf es auf keinen Fall bleiben, denn wir wissen, von wem und wovon die Rede ist. Von vielem und vielen. Zumindest die fünf slowenischen Liebhaber musikalischer Ungewöhnlichkeiten, die sich das Beste zu gönnen wissen, müssen dazu etwas sagen.
Von drei intergalaktischen Weltraumreitern, bis an die Zähne (und darüber hinaus) mit musikalischem Talent und Können bewaffnet, die bei einem völlig harmlosen, ja sogar unerwarteten Jam (statt Greg Howe, der ursprünglich für diesen Jam vorgesehen war, sprang Govan in letzter Sekunde ein) im Jahr 2011 beschlossen, in diese Richtung weiterzumachen. So entstanden The Aristocrats, vertreten durch drei Supermusikhelden unserer Zeit. Also der bereits erwähnte Guthrie Govan (Gitarre), Marco Minnemann (Schlagzeug) und Bryan Beller (Bassgitarre). Ein Engländer, ein Deutscher und ein Amerikaner. Alle beherrschen mehrere Instrumente und veröffentlichen auch Soloalben (Bellers letztjähriges – RockLine Rezension, gilt allgemein als eines der besten Dinge, das sich in letzter Zeit im Progressive Rock ereignet hat), wobei Minnemann auf seinen Alben buchstäblich alles selbst spielt und dabei auch die Lead-Vocals übernimmt. Ebenso kennen wir diese Musiker aus der Zusammenarbeit mit namhaften Künstlern wie u. a. Steven Wilson und Joe Satriani – und wenn Zappa heute noch am Leben wäre, wären alle drei Genies garantiert in seiner Band.
Etwas länger haben wir auf das vierte Kapitel dieser unterhaltsamen musikalischen Geschichte gewartet, die eine eklektische Mischung aus Ausflügen in die grenzenlosen Weiten der Jazzrock-Fusion ist, ebenso wie aus Progressive-Rock- bis hin zu Progressive-Metal-Ausreißern – wobei in diesem Schmelztiegel auch Einsprengsel einer ganzen Reihe anderer Genres ihren Platz finden (Blues, Funk, Surf,.. ergänzt selbst), sowie luzide Prisen Weltmusikwürze und sogar Folk-Ethno-Elemente. Aber kurz gesagt: Im Kern reden wir von einer extrem bescheuerten Variation aus Jazz und Rock. Das Ganze funktioniert so, als würden The Aristocrats auf ihre Speisekarte die verrücktesten musikalischen Bestellungen setzen, die sprichwörtlich und nach dem Prinzip der Logik überhaupt nicht zusammenpassen, in ihrer Sprache aber stets universelle Versöhnlichkeit und symbiotischen Charakter finden. Stellt euch vor, Einstein müsste einen Beweis auf dem Niveau der Atomphysik erbringen und steht dabei vor einem Haufen bis dahin unlösbarer mathematischer Gleichungen. The Aristocrats kennen nämlich die Antwort auf alles.
The Aristocrats bleiben auch auf »You Know What« theatralisch freche Lausbuben, die den Hörer mit grenzenloser Fusion aus stürmischem Dialog und dem »Feuern« aus drei Grundpositionen verwöhnen, wobei die wertvollste Erkenntnis ist, dass trotz aller unglaublichen instrumentalen Streiche diese drei Meister einander ständig enormen Raum öffnen für die vollkommen gleichberechtigte und gleichwertige Entfaltung der individuellen Genialität. Mehr noch: Als Komponisten schreiben sie füreinander Teile der Songs. So schreibt etwa Govan in seiner Komposition einen Part, der auf die Dominanz von Bellers Bassgitarre ausgelegt ist – und umgekehrt. Wie es der Name der Gruppe gebietet, mit seinen grenzenlosen spöttischen Luzidismen und Humoresken, die ihr verinnerlichtes Gespür für saftige Einlagen kabarettistischen Absurds erzeugt, ist klar, dass sich dem ganzen Theater mit einem breiten Lächeln im Gesicht auch der verstorbene Frank Zappa tief verneigt hätte.
Der Einstieg ist Jazzrock (wenn man die Anteile von »diesem und jenem« in der frech-bescheuert betitelten Komposition D-Grade F*ck Movie Jam abwägt). In der Regel gravitiert der Charakter aller Kompositionen zur Fusion von Jazz und Rock bzw. zu Abweichungen des Jazz in Richtung Metal, wobei für eine ultraunterhaltsame Ereignis-Evolution natürlich das ständige Wechseln der »auf bescheuert-schräge Weise gebrochenen« Taktarten sorgt, durch die The Aristocrats jedoch mit federleichter Hand waten – mit der dauerhaften theatralischen Attraktivität, das Gefühl einer spontanen Entwicklung zu erzeugen (obwohl sie eine grob skizzierte Orientierungskarte besitzen), die den Hörer bei jedem Schritt dennoch überwältigend überrascht. Das ist die Basis. Zu den absolut humorvollsten »Wundern« des neuen Albums zählt zweifellos auch Spanish Eddie, wo The Aristocrats, wie der unterhaltsame Titel es gebietet, bewusst Elemente des andalusischen Melos und des Flamenco einbringen, die Govan natürlich im Einklang mit seiner inneren Intelligenz implementiert – dem Garant für ein einzigartiges Fusion-Ergebnis. When We All Come Together ist eine weitere, unverschämt freche parodistische Abenteuerreise in die Welt der Spaghetti-Western-Burleske, und es findet sich immer genug Raum für einen Track, bei dem wucherndes Metal-Phrasing in den Vordergrund tritt – wie in Terrible Lizard –, was dann im weiteren Verlauf, in einer neuen Verkörperung dieses geradlinigen Theaters der komischen Satire, der Song Spiritus Cactus ergänzt. Hier gibt es mehrere Gitarrenlinien (Guthrie gestaltet die Dinge mit Multi-Delay-Effekten und greift dabei sogar auf synthetisierte, durch die Gitarre gespielte Linien zurück). Eine Schüssel voller Gelächter. Durchgängig.
Im Grunde genommen überraschen The Aristocrats mit dem neuen Album nicht mehr. Aber sie verblüffen. Sie erschüttern. Ihre Kombination aus eklektischer Bescheuertheit des Fusionierens ist schlicht außergewöhnlich, ungewöhnlich und deshalb immer enorm zündend! Der Stil und Sound, den The Aristocrats entwickelt haben, ist einzigartig, ungewöhnlich und in allem 110 % ihr eigener – und er schluckt effektiv jeden noch so abgefahrenen kreativen Gag. Keine Sorge. Neben dem ausgiebigen instrumentalen »Wichsen« (die Briten verwenden in entsprechenden Publikationen bekanntlich den Begriff »wankery«) blasphemischer Orgasmen dieser heiligen Dreifaltigkeit ist das Album mit einem Überfluss an hochmusikalischer Versöhnlichkeit beladen, mit fest formatierten Motivstrukturen, die den Kompositionen durchgehende Kompaktheit garantieren und sogar eine größere Zugänglichkeit, als man anfangs erwarten konnte. Genau wegen dieses Gefühls, dass das Album sogar »zu wenig belastet« ist, kann mancher besonders anspruchsvolle Musikgourmet diesmal sogar ein bisschen zu kurz kommen, unbefriedigt bleiben und laut aufseufzen: »Im Grunde zeigen sie ja nichts Neues!«. The Aristocrats spannen zwar erneut mehrmals ihre Muskeln an, doch das Album dominieren Passagen und kompositorische Strukturen, die das Spielen mit absolutem Gefühl bevorzugen sowie, im überwiegenden Teil, eine große Zuneigung des Trios zum Verweilen in organischen, also klanglichen Pastellen akustischer bzw. »rein-klanglicher« Natur.
Also? Vor uns liegt ein neues The Aristocrats-Album in einem genialen Maß an geistreichen Weiten und atemberaubender Virtuosität, das man nicht genug hören kann und dessen man einfach nicht müde wird. Natürlich ist Voraussetzung, dass nicht jeder empfänglich für die musikalische Substanz von Alben dieser Branche ist. In Slowenien lassen sich die Konsumenten solcher Musik z. B. an den Fingern beider Hände abzählen.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. D Grade F*ck Movie Jam
2. Spanish Eddie
3. When We All Come Together
4. All Said And Done
5. Terrible Lizard
6. Spiritus Cactus
7. The Ballad Of Bonnie And Clyde
8. Burial At Sea
9. Last Orders
Besetzung:
Guthrie Govan – Gitarre
Bryan Beller – Bassgitarre
Marco Minnemann – Schlagzeug
