Havok, Warbringer, Gorod, ExMortus – Thrash-Krieg im Orto bar (2017)
Bands: Havok / Warbringer / Gorod / Exmortus
Ort: Ljubljana / Orto bar / Slowenien
Datum: Donnerstag, 20.04.2017
Wer behauptet, Thrash sei tot und ausgelutscht, hätte das Donnerstagkonzert von Warbringer, Havok und Exmortus – aber auch Gorod (wenngleich ein anderes Genre) – unbedingt in der ersten Reihe erleben müssen, denn das war der lebende Beweis, dass Thrash quicklebendig und vital ist. Diesmal wurde uns im Orto bar eine der schönsten Konzerttourneen der letzten Zeit geboten, und auch der Besucherandrang hat überrascht und begeistert – der große Saal des Orto bar war praktisch bis auf den letzten Platz gefüllt.
Als Erste betraten die kalifornischen Death/Thrash-Metaller Exmortus die Bühne – ihr erster Auftritt bei uns, und trotzdem hatten sie bis zum Ende ihres Sets für eine erste Vorband beachtlich viele Leute vor die Bühne gelockt. Exmortus spielen im Grunde eine typische Mischung aus Death und Thrash Metal, heben sich von der Masse ähnlicher Bands aber dadurch ab, dass sie technische bzw. neoklassische Elemente in ihre Musik verweben. Allen voran glänzen dabei die Gitarristen Jadran »Conan« Gonzalez und David Rivera, die auf den Hälsen ihrer Äxte wahre pyrotechnische Exkursionen veranstalten, für die sich selbst Yngwie »Ich-bin-Gott« Malmsteen nicht schämen müsste. Zum Glück übertreiben es Exmortus mit diesen Elementen nicht und bleiben im Kern eine qualitativ hochwertige, melodische Death/Thrash-Metal-Band – die neoklassischen Elemente sind eine willkommene Belebung und Auffrischung eines ohnehin schon ziemlich ausgelutschten Genres. Exmortus haben sich in einer halben Stunde dem Ljubljanaer Publikum von ihrer besten Seite gezeigt und sich mit Metal Is King verabschiedet, wobei Gonzalez und Rivera auch einen spektakulären Trick einbauten: Mit überkreuzten Körpern solieren sie dabei auf den Gitarren des jeweils anderen.
Das »schwarze Schaf« des Abends waren zweifellos Gorod – nicht nur wegen ihrer Nationalität, da sie die einzige europäische Band des Abends waren, sondern auch wegen ihrer Genreausrichtung, die tief im technischen Death Metal verwurzelt ist. Die Franzosen waren auf unseren Bühnen schon mal zu Gast, galten also nicht als komplette Unbekannte, und entsprechend hatten sich vor der Bühne schon mehr Leute eingefunden als noch bei Exmortus. Gorod stellten in gut einer halben Stunde ausgiebig ihr aktuelles Album A Maze of Recycled Creeds vor, spielten dazwischen noch ein paar ältere Sachen und warfen den Orto bar damit in einen Blender aus technischem Death Metal voller ständiger Tempo- und Rhythmuswechsel sowie sich verflechtender Gitarren- und Basslinien, die das Gitarrentrio herumreichte wie mit Edelschimmelkäse gefüllte Schnecken. Auf der Bühne herrschte dabei durchgehend lockere Stimmung und ausgelassener Schabernack – Medaillen verdienen sich hier vor allem Bassist Benoit, der seine Bünde knallen ließ und seinen Bass nach allen Regeln der Kunst misshandelte, sowie Sänger Julien, der aussieht wie Eros Ramazotti beim Sanremo-Festival und nicht wie der Frontmann einer Death-Metal-Band. Julien bedankte sich beim Publikum mehrmals in fließendem Slowenisch, und auch Gorod gebührt für den Temperatur- und Tempoanstieg ein herzliches »Danke schön«!
Auch Warbringer sind bestens bekannte Gäste auf unseren Bühnen, und man weiß genau, was man von ihnen jedes Mal erwarten kann: nichts anderes als einen echten Thrash-Krieg – und diesmal war es nicht anders, mehr noch, so einen Thrash-Schwall hat der Orto bar schon lange nicht mehr erlebt. Warbringer meldeten sich dieses Jahr nach einer kurzen Funkstille zurück, in der sogar ihre Existenz auf der Kippe stand; mit leicht veränderter Besetzung kehrten sie mit ihrem fünften Studioalbum Woe to the Vanquished aufs Schlachtfeld zurück. Damit sind Warbringer stark und blutdurstig zurückgekehrt, was sie auch im Orto bar unter Beweis stellten, den sie mit der ersten Hälfte des neuen Albums begrüßten. Auch wenn die Riffs auf diesen Songs vielleicht nicht ganz die Wirkung erreichen wie in der Ära von Gitarrist John Laux, bleiben Warbringer eine der besten jungen Thrash-Bands überhaupt. Das verdankt sich in erster Linie dem durchgeknallten Frontmann John Kevill, der auf der Bühne wirkt wie eine Mischung aus dem wahnsinnigen, psychotischen Hauptmann Hartman aus Kubricks Full Metal Jacket und der »kill the posers«-Attitüde von Paul Baloff. Ein echter Thrash-Frontmann eben! Ohne große Mühe brachte Kevill mit seinen Thrash-Kriegern den Orto bar zu einem Mosh, den die Halle lange nicht erlebt hatte – das gilt erst recht für den Wall of Death –, und Warbringer brannten den Orto bar mit den Brechern Living Weapon, Combat Shock und Total War schließlich bis auf die Grundmauern nieder. Also: Warbringer auf der zweiten Bühne des diesjährigen Metaldays – absolutes Muss!
Havok hatten nach dem überragenden Auftritt von Warbringer eine sehr schwere und undankbare Aufgabe vor sich – die sie zwar mit Bravour und Souveränität meisterten, doch den gleichen Eindruck wie ihre Vorgänger hinterließen sie trotzdem nicht. Auch Havok kamen mit dem neuen Album Conformicide nach Ljubljana, begrüßten den Orto bar mit dem unheilvollen eingespielten Intro aus Orwells Lesung eines Abschnitts des Romans 1984 (»If you want a vision of the future, imagine a boot stamping on a human face – forever«) und traten dann mit Point of No Return aufs Gas. Havok präsentierten das neue Album ausgiebig, überzeugten mit hervorragender Bühnenenergie und erstklassigem Sound, und Frontmann David Sanchez punktete mit guter Stimmform – doch an die Überzeugungskraft von Warbringer kamen sie diesmal leider schlicht nicht heran. Trotzdem bewiesen sie, dass sie gemeinsam mit Warbringer gerade das wohl beste junge Thrash-Duo der Szene sind, und mit solchen Bands braucht man sich um die Zukunft des Genres keine Sorgen zu machen.
Autor: Rok Klemše
Fotos: Nina Grad









































