Lordi beim Ritual des „Zombie-Sexorzismus“ (2018)
Acts: Lordi, Silver Dust
Ort: San Dona Di Piave (Treviso), Revolver Club, Italien
Datum: Samstag, 24.11.2018
Lordi! Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll, die neue Konzertgeschichte zu besingen. Die Rede ist von ihrer neuen Europatournee namens »Sextourcism«, auf der Lordi ihr neues Studioalbum »Sexorcism« vorstellen. Diesmal in der Rolle von Zombie-Sexorzisten. Was soll man sagen. Die »Pillen« (lies: Treiber einer üppigen Fantasie) lassen nicht nach. Die Crew der finnischen „verwesenden Hoheiten“ hat mit dem Schwung von Verwesungsgerüchen bereits diesen Sommer die europäischen Festivals erobert, auf denen Tracks des neuen Albums zu hören waren – im Herbst haben sich die finnischen Hard-Rock- und Glam-Rock/Metal-Jungs dann noch auf eine Klub-Europatournee begeben.
Wieder mal an Slowenien vorbei. Am Tag der Toten, also dem 1.11.2018, machten sie Halt in Klagenfurt, einen Tag zuvor in Graz – aber wir haben beide Konzerte ausgelassen, da sich noch eine weitere Option für einen Konzertbesuch bot. Der vorletzte Termin der Tournee. Es war Samstag, der 24.11.2018, als wir im italienischen Ort San Dona Di Piave bei Treviso und im dortigen Revolver Club landeten. Endlich ein echter Klubbesuch. Es war voll.
Vor Lordi erschienen, ungefähr zwanzig Minuten nach neun Uhr abends, die Schweizer Silver Dust. Ein Quartett, das sowohl Gothic-Elemente als auch Dark-Rock-Elemente in den Metal »reinpresst«, mit der erwartbaren Dosis Bühnen-Kitsch und Glitter. Eine Band, die also auf Theater und Optik setzt. Silver Dust sind keine Grünschnäbel und nicht von schlechten Eltern. Sie wissen, was sie wollen, und gehen die Dinge deshalb mit äußerstem Ernst und vollem Engagement an. Sie sind seit 2013 aktiv und haben bereits drei Studioalben in der Tasche – das aktuelle »House 21« erschien dieses Jahr und trägt ein Konzept (Psychothriller). Es ist die zweite gemeinsame Tournee der Band mit Lordi, zu hören gab es aber ausschließlich Tracks der neuen Platte, die Silver Dust quasi vollständig durchgespielt haben. Angesichts der eher generischen Musik haben sich zwei Momente ins Gedächtnis eingebrannt. Erstens der Einsatz einer Ibanez-Gitarre vom Modell, das S. Vai gehört – ein Requisit, das Sänger und Gitarrist Lord Campbell am Ende dann doch konkreter »geführt« hat, als er über die Playback-Spur solierte (Bachs Toccata und Fuge in d-Moll). Zweitens die Integration des großen Eighties-Hits Bette Davis Eyes (ursprünglich von Kim Carnes). Die Band hat ihn für ihr neues Studioalbum gecovert. Ansonsten sind Silver Dust kluge Gothics. Sie machen auch durchaus solide Musik, die zwar nichts Neues bringt, in den Arrangements aber gefällig ist und hält. Stilistisch wie gemacht, um Konzerte vor Lordi zu eröffnen. Lord Campbell hat einen interessanten mittel- bis tief intonierten Gesang, der der Hauptfaktor für den Gothic-Einschlag ist. Die Band ergänzen außerdem der riesige Bassist Kurghan, der stämmige Gitarrist Tiny Pistol sowie seit diesem August das neue Mitglied, Schlagzeuger Magma.
Lordi brachten auf die Bühne des Revolver Clubs ein ordentliches Bühnenbild, das an einen Eingang in eine ägyptische Pyramide erinnerte. Mauern, geschmückt mit allerlei Totenschädeln. Eine Kreation also, die geradewegs in einen Horrorfilm gehört.Ihr Theater, wie man es noch vor zehn Jahren und etwas weniger gewohnt war, ist inzwischen deutlich »abgemildert«. Einige Bühnenbilder waren offenbar für die »zivilisierte Welt« zu brutal und extrem, und die Band begann Verwarnungen zu kassieren, dass es so nicht weitergehen könne. Wer im März 2009 in Cerknica bei ihrem Konzert war, weiß, wovon ich rede. So genießt man heutzutage eigentlich am meisten die kleineren Tricks, die Mr. Lordi während des Konzerts einsetzt – wie die Nebelmaschine, die Konfettisalven bei Who’s Your Daddy? (auch während It Snows in Hell) – und natürlich seine Art, Humoreinlagen zu wählen, mit denen er das Publikum durchgehend erfolgreich bei sich hielt, sodass es ihm aus der Hand fraß (z. B. die Frage ans Publikum, ob es ausgezogen werden wolle, vor der Intro zu Naked In My Cellar, oder »I can see you, but I can’t hear you«, woraufhin das Publikum es kapierte und anfing, den Lärm zurückzuwerfen usw. …). Kurz gesagt, erwartungsgemäß. Die obligatorischen Eisen-Hits und vier Tracks vom neuen Album „Sexorcism“. Dazwischen Solo-Einlagen, auf die man auch gut verzichten könnte. Einiges an Playback-Kulissen, woran man sich halt gewöhnen muss – ansonsten grenzenloser Spaß. Eigentlich gehst du auf ein Lordi-Konzert, um Spaß zu haben. Und die Band versteht das bis ins Detail und weiß deshalb wirklich alle Hebel zu bedienen, die durch einen professionellen Ansatz erstklassige Rock’n’Roll-Unterhaltung liefern. Du kannst dich auch zu Tränen lachen, wenn es halt so kommt.
Die Solo-Einlagen sind zwar völlig überflüssig, aber das Hausen in luftdichten Gummikostümen verlangt den Bandmitgliedern wirklich stählerne Nerven ab – solches Füllen der Spielzeit im Konzert ist daher völlig verständlich (und akzeptabel). Pausen zwischen den Songs sind deshalb ohnehin ganz selbstverständlich. Die Band hat im Schlussteil natürlich die Temperatur zum Siedepunkt getrieben, zu dem sie (erwartungsgemäß) mit Karriere-Hits vorstieß. Lordi feuerten für das Finale die Triade der obligatorischen Who’s Your Daddy?, Devil Is A Loser und natürlich das tosend geschmetterte Rock Hard Halleliujah ab.
Auch ihren vorletzten Gig der langen Europatournee haben Lordi auf dem Niveau strikter Professionalität abgespult, der man nichts vorwerfen kann. Sie bleiben eine echte Mischung aus Absurdität und Geistesschärfe sowie die genau richtige Dosis Schocktheater, die – nach wie vor fest auf dem Räderwerk eingängiger Riffs und noch eingängigerer Verse im Sattel – den Titel eines echten Konzertspektakels behauptet.
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Setlist:
- God of Thunder (orig. KISS, aufgenommenes Intro)
- Sexorcism
- Would You Love a Monsterman?
- Missing Miss Charlene (eingebetteter Refrain von House of Ghosts in der Mitte)
- Your Tongue’s Got the Cat
- Blood Red Sandman
- It Snows in Hell
- She’s a Demon
- Naked in My Cellar
- Rock Police
- Hug You Hardcore
- The Riff
- Who’s Your Daddy?
—Zugabe—
- Devil Is a Loser
- Hard Rock Hallelujah




























