Max und Igor Cavalera auf den Spuren des Sepultura-Erbes (2019)

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Ort: Roncade (Treviso) / New Age Club / Italien
Datum: Dienstag, 26.11.2019


Sepultura! Am Ende kommen wir alle dort an. Jeder von uns. Auch die, die sie nicht kennen. Auch bei der Band, die die Brüder Max und Igor Cavalera 1984 gegründet haben. Ihr Visionärtum war damals eine fortschrittliche Art von Kunstfertigkeit, die vor allem die extremen Horizonte des Metal-Genres erweiterte und den Blick weit in neue Dimensionen öffnete, in die ganze Generationen von Boten neuer Bands aufgebrochen sind – Bands, für die Sepultura eine enorme kreative Inspiration darstellten. Nun, Igor und Max sind schon lange nicht mehr bei Sepultura, aber ihr Erbe innerhalb dieser Kult-Band ist ein felsiges Massiv auf der Metal-Landkarte der Welt. Bereits 2016 traten sie unter dem Namen Cavalera auf und spielten auf der damaligen Tour Sepulturas Album Roots – in diesem Jahr aber haben sie erneut eine Konzertserie bestätigt, diesmal mit einem Repertoire rund um das dritte und vierte Studioalbum von Sepultura, nämlich Beneath The Remains und Arise. Zu Igor und Max gesellen sich noch der außergewöhnliche Gitarrist Marco Rizzo, der Max schon seit Jahren bei Soulfly aus der Patsche hilft, und Bassist Mike Leon, ebenfalls Rizzos und Maxs Soulfly-Kollege.

Ein starker Besuch beim einzigen italienischen Auftritt der Cavalera-Brüder war zu erwarten. Das war absehbar. Der New Age Club im Ort Roncade bei Treviso war bestens gefüllt. Rund 600 glühende Anhänger der klassischen Sepultura-Sounds drängten sich in diesen langlebigen Club, der in seinen langen Jahren des Bestehens so manche wirklich beneidenswerte Namen der Rock- und Metal-Welt beherbergt hat.

Die Eröffnungsminuten des Abends gehörten dem Trio Healing Magic, angeführt von Bassist und Sänger Igor Amadeus Cavalera, begleitet von Schlagzeuger Johnny Valles und Gitarrist Trevor Scott. Ihr habt’s erraten: Amadeus ist Maxs Sohn. Die Ähnlichkeit mit dem Vater ist unverkennbar – mit dem wesentlichen Unterschied, dass der Junge mit seinen »zarten« 24 Jahren deutlich schlanker ist als sein berühmter Vater. Die Band hat erst letztes Jahr mit ihrer Arbeit begonnen, hat es aber schon geschafft, einige Eigenkompositionen unter der veröffentlichten EP »Restoration« zu versammeln, die sie in kurzem Zeitrahmen vor einem Publikum präsentierte, das eigentlich fieberhaft auf die Hauptacts des Abends wartete. Eine Mischung aus Old-School-Thrash-Einflüssen, wüstenhaft versunkenen Stoner- bis Sludge-Phrasen, gestützt auf eine »Groove«-betonte klangliche Hyperplasie – da spürt man natürlich auch den Einfluss der Schule von Papa Max. Das Trio mit dem feurigen Amadeus an der Spitze lieferte ein angenehmes (und zum Glück nicht zu langes) Warm-up, bevor die Nostalgie für Sepulturas klassische Zeiten aufflammte.

Lang haben wir gewartet, bis Cavalera endlich auf die Bühne kamen. Etwa 20 Minuten vor zehn Uhr abends ging’s los – wobei Rizzo schon längst auf der Bühne stand, sich aber irgendwo in der linken Ecke hinter den Drums versteckt hatte, wo er, während er auf den Rest der Band wartete, die Finger mit schnellen Arpeggio-Läufen aufwärmte. Der Club verdunkelt sich, als Erster betritt Igor im roten Scheinwerferlicht die Bühne, grüßt das Publikum und setzt sich hinters Schlagzeug. Ihm folgt Maxs mächtige Silhouette – das Publikum dreht durch. Die Band legte schnurstracks mit Beneath The Remains los, die Lichter gingen an und Max stand auf der Bühne im Outfit, das seine Sepultura-Ära verkörpert: zerfetzte Jeans und eine versiffte schwarze Weste voller verschiedenster Aufnäher. Rizzo fing den Old-School-Mesa-Boogie-Sound perfekt ein, auf dem der Sound von Beneath The Remains basiert und den Sepultura damals von den floridanischen Death-Metal-Pionieren wie u.a. Death, Obituary und Morbid Angel übernommen hatten.

Die Band hämmerte Songs raus. Einen nach dem anderen. Einfach der Reihe nach. Der Club bebte. Bis auf die Grundmauern. Was uns natürlich vor allem interessierte, war die Form von Max und seinem Gesang. Überraschend gut hielt er sich. Verglichen mit dem, was man in den letzten Jahren bei Soulfly-Auftritten erlebt hat, fuhr Max den Gesang diesmal wirklich sehr solide. Song für Song. Klar, die Gitarre kratzt er eher, als dass er sie wirklich spielt – das war nicht nur zu hören, sondern auch ein paarmal sehr gut zu sehen. Aber Rizzo macht alles wett. Buchstäblich alles. Er trägt diesen unglaublich aufgeladenen, massiven Sound, scharf fokussiert, wuchtig, und soliert dabei wie in Trance. Rizzo ist hier schlicht und einfach der Hauptmotor. Auch Igor lieferte an den Drums absolut souverän, auch wenn man vielleicht noch den einen oder anderen erschütternden Schlag mehr erwartet hätte – aber Igor hat sich als Drummer, anders als viele seiner Zeitgenossen im Thrash und Death Metal, über die Jahre nicht sonderlich weiterentwickelt. Korrekt. In allem korrekt, sodass die Klassiker angenehm zündeten. Wie gesagt. Der Fokus lag auf Max, und der hielt sich überraschend gut. Die Band ließ bei Beneath the Remains drei Songs aus (Sarcastic Existence, Lobotomy, Hunger) und schloss den ersten Teil mit Primitive Future ab, bevor sie ohne große Überleitung zu Arise überwechselte. Gerade mal fünf Songs. Trotzdem. Das Publikum kam voll auf seine Kosten. Max strahlte an diesem Abend eine heitere Stimmung aus und brüllte – statt der üblichen klassischen Anfeuererei – kein einziges Mal »Jump«. Diesmal nutzte er die Bühne ausgiebig für Spaziergänge: jetzt zu Rizzo, dann zu Leon, ein Abstecher zu den Drums, um zu checken, was der Bruder so treibt – und schenkte dem Publikum dabei jede Menge Lächeln. Gleichzeitig hielt er viel Augenkontakt mit den vorderen Reihen. Maxs Charisma bleibt ansteckend und unverwechselbar. Allein sein durchdringender Blick ins Publikum nimmt einen mit. Er ist eine Figur. Eine große Figur. Auch was den Bühnenoutfit angeht, ließ der große Krieger die klassischen Zeiten seiner Band wieder aufleben.

Schade also, dass es bei Arise nur fünf Songs waren (Arise, Dead Embryonic Cells, Desperate Cry, Altered State, Infected Voice) – wobei einen schon wundert, dass die Band nicht wenigstens noch Under Siege (Regnum Irae) oder sonst irgendetwas aus diesem Kultalbum gespielt hat (z.B. Murder), das damals auch deutlich mit dem aufsteigenden Death Metal geflirtet hatte. Stattdessen verneigten sich Cavalera vor Person und Werk von Motorhead mit einer Darbietung von Orgasmatron – die B-Seite der Single Dead Embryonic Cells. Einen besonderen Spaß gönnte sich Max bei Altered State, als die Band im zweiten Drittel des Songs anfing, War Pigs (Black Sabbath) zu spielen und der Vers »Oh lord yeah!« langsam und immer lauter in »Porko Dio« überging – das ist eigentlich das übliche Theater bei Maxs Konzerten in Italien, auch wenn er mit Soulfly auftritt. Diesmal hat ihn dabei niemand aus dem Publikum angestachelt, sondern er fing ganz von selbst an, den Fluch von der Bühne zu brüllen, mit dem sich die Menge sofort identifizierte und den sie geschlossen mitschrie.

Im weiteren Verlauf sorgten Cavalera mit der Darbietung von Bestial Devastation, vom gleichnamigen Kult-EP, für eine echte Überraschung. Diesen Song hatte das Cavalera-Gespann nämlich seit 1988 nicht mehr gespielt. Zum ersten Mal wieder – und zwar genau bei diesem einzigen italienischen Auftritt. Öl ins Feuer goss Troops Of Doom vom Debüt, das im Schlussteil einen Einschub von Escape to the Void enthielt, und als Max dann noch den Chaos A.D.-Klassiker Refuse/Resist ankündigte, war klar, dass das ohnehin feurige und heiß aufgepeitschte Beisammensein sich dem Finale näherte. Das Publikum war begeistert. Mehrfach schaffte es Max, das ganze Haus mitzureißen. Von den ersten Reihen bis zum Eingang des Veranstaltungsortes – der ungefähr so groß ist wie die Szene Wien – flogen die Hände in die Luft.

Die Stunde und zwanzig Minuten vergingen wie im Flug. Der Besuch hat sich auf jeden Fall gelohnt. Klar, der Repertoire beider Kultalben war etwas zusammengestrichen und die Spielzeit lag im erwartbaren Rahmen – aber die Crew hatte vor der Tour nie angekündigt, beide Alben vollständig zu spielen, also gibt’s da nichts zu meckern. Max hat das wirklich gut hingekriegt, besser als erwartet, denn sein Bühnenverschleiß der letzten Jahre ist gelegentlich regelrecht bemitleidenswert. Rizzo hat dabei wieder einmal die wichtigste Rolle gespielt. Der Abend hat alle Seelen zufriedengestellt, die sich auf den Weg nach Roncade gemacht hatten, um ein paar Strahlen klassischer Sepultura unter der Regie ihrer beiden Schöpfer zu genießen – und das nicht nur aus Slowenien: Man konnte auch einige Kfz-Kennzeichen aus Rijeka und sogar aus Pula entdecken.

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Setlist:
1. Beneath the Remains
2. Inner Self
3. Stronger Than Hate
4. Mass Hypnosis
5. Slaves of Pain
6. Primitive Future
7. Arise
8. Dead Embryonic Cells
9. Desperate Cry
10. Altered State
11. Infected Voice
12. Orgasmatron
13. Odens Ride Over Nordland (orig. Bathory, Einspielung)
14. The Curse (Einspielung)
15. Bestial Devastation
16. Troops of Doom (mit Einschub von Escape to the Void)
17. Refuse/Resist
18. Beneath the Remains / Arise / Dead Embryonic Cells


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