Joe Satriani – „Mr. Whammy“ auf neuer Gitarren-Sturmtour durch Ljubljana (2013)

foto: ALEŠ PODBREŽNIK 2013
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Ort: Ljubljana / Cvetličarna / Slowenien
Datum: Samstag, 25.05.2013


Über Joe Satriani wurde viel geschrieben. Er ist der Mann, der mit seinem Auftreten eine echte Autobahn in das musikalische Universum des Gitarren-Rocks gebahnt und sich mit seinem legendären Album »Surfing With The Alien« (1987) an die Spitze der bedeutendsten und einflussreichsten Gitarren-Virtuosen unserer Zeit katapultiert hat – jener Virtuosen, die ihr musikalisches Talent und Genie nicht nur in eine Reihe wunderschöner Studiokunstwerke materialisierten, sondern dieses Wissen uneigennützig an eine Generation von Musikern weitergaben, aus der später auch Bands wie unter anderem Metallica, Testament, Primus, Exodus, Possessed,… hervorgingen.

Vor gut 14 Tagen trat im nahen Vrba in Kärnten ein weiterer Meister der sechssaitigen Gitarrentheorie auf: Andy Timmons – RockLine-Reportage HIER. Ein sehr guter Freund von Joe Satriani, bekannt für seine Zusammenarbeit im G3-Bund in der (ewigen) Achse Steve Vai – Joe Satriani. Diese Achse hat im Laufe der Jahre, zusammen mit Spitzen-Gitarristen auf der Position des dritten Mannes der G3-»Dreierbande«, Tourneen mit erstklassigen musikalischen Leckerbissen hervorgebracht, an denen unter anderem Steve Lukather (Toto), Robert Fripp (King Crimson), Yngwie J. Malmsteen, John Petrucci (Dream Theater) sowie die beiden Ex-»Skorpione« Michael Schenker (ex-UFO) und Uli Jon Roth teilnahmen – und die Liste ist noch lange nicht vollständig. Kurzum: Joe Satriani ist die Figur in der Unterhaltungswelt der Rockmusik, die beständig Berge versetzt. Eine Figur, die mit ihrer Natur, ihrem wohlwollenden und fürsorglichen Charakter ein Umfeld positiver kreativer Energie erzeugt!

Joe Satriani veröffentlichte Anfang Mai dieses Jahres das Album »Unstoppable Momentum«  – RockLine-Rezension HIER. Das ist wieder ein wunderschönes Dokument in seiner reichen Diskographie, eine Sünde wert für alle Genießer von Speed, Kontrolle, dem optimierten Lehrbuchprinzip des Fetzens entlang des Gitarrenhalses, Super-Jamming, unvorhersehbaren musikalischen Wendungen und Genre-Fusion. Wenn also die Sprache der Gitarre auf eine Art spricht, die für jeden Erdenbürger zugänglich ist!

Und dennoch betrat eine Vorband die Bühne der Cvetličarna. Ein Joe-Satriani-Konzert braucht keine Vorband. Eigentlich ist die am besten geeignete Vorband bei einem solchen Konzert jene Gruppe, die gar nicht auftritt. Also keine. Das kroatische Quintett Žanamari & J’Animals, eher von den »grauen Eminenzen« uns verborgener (höherer) Sphären aufgezwungen als erwünscht, steht also auf der Bühne. Nicht passendere slowenische Künstler wie etwa Uroš Planinc Group, Grega Habič Band, The Elevators und so weiter. Wie auch immer. Fakten sind Fakten, und die Feinschmecker von Satrianis Spiel mussten die Zähne ein bisschen zusammenbeißen. Die Vorband spielte allerdings wunderbar. Im ersten Moment schoss einem der Vergleich mit Evanescence durch den Kopf – natürlich mit weit weniger düsterem atmosphärischen Schleier. Stellt euch einen Soul-Pop-Gesang vor, gefangen in der tiefer gestimmten Welt des Metal-Riffings. Eingefangen in einer koketten, kinetischen Form des rhythmischen Schaukelns. Du hörst einen Song und hörst alle. In einer Frequenz gestimmt, arrangiert und aufgeführt. Wo es keine Distortion gibt, ist der »clean«-Sound mit dem »stereo chorus«-Effekt beladen, was den »groove« auch in den weniger rockig aufgedrehten Teilen der Songs aufrechterhält. Süß und gleichzeitig laut. Hand in Hand. Angenehmes Ambiente. Aber bei einer anderen Gelegenheit lieber woanders. Žanamari ist eine ausgezeichnete junge Sängerin. Sie ist ein Magnet. Sie ist attraktiv, versteht es, das Publikum zu gewinnen – und was die Hauptsache ist: All das rechtfertigt sie glaubwürdig. Mit exzellentem Gesang. Die Band bricht offensichtlich Eis. Hier liegen die Motivation und ein konkreter Vorteil gegenüber der Konkurrenz, damit Konzerne und MTV sie »zu ihren eigenen machen«. Vor allem, wenn man davor erfolgreich Unterwäsche bewirbt.

Satch betrat die Bühne um 21:20 Uhr! Die Cvetličarna war ausgezeichnet gefüllt. Ähnlich muss es vor wenigen Tagen in der Zagreber Tvornica kulture gewesen sein! Und nebenbei bemerkt: Satrianis Tour, gewidmet der Promotion seines neuen Studiowerks »Unstoppable Momentum«, erreichte Ljubljana in der Richtung Zagreb – Belgrad – Ljubljana und nicht, wie man normalerweise erwarten würde: Belgrad – Zagreb – Ljubljana. Doch die extra Kilometer waren Satriani auf der Bühne nicht anzumerken. Der Kerl war ausgeruht, da die Band am 24.05.2013 »pausiert« hatte. Den Eröffnungsteil des Konzerts überließ Satch theatralisch der Rhythmussektion. Die sollte sich zunächst erst einmal entfalten. So stellte sich dem Publikum als erster Marco Minnemann vor – ein Spitzen-Schlagzeuger, der 2011 haarscharf die permanente Mitgliedschaft bei Dream Theater verpasste, als diese einen Ersatz für den »entflohenen« Mike Portnoy suchten. Da ist das berühmte Cool #9, und die Band nimmt vollen Anlauf! Auf der Bühne neben Satch der genannte Marco Minnemann (Vinnie Colaiuta, der die Drums und Percussion für Satchs neues Album einspielte, ist offensichtlich zu sehr mit seinem Hauptarbeitgeber Sting beschäftigt), außerdem Bassist Bryan Beller… Hallo? Minnemann – Beller? Klingt irgendwie bekannt. Rechne Guthrie Govan dazu und du hast The Aristocrats. Beller ist übrigens Vais Kollege, und wo Vai ist, ist Zappa nicht weit, und wo Zappa ist, ist sein Sohn Dweezil noch näher. Kurzum, das sind die Kreise der weltweit höchstrangigen Rockmusiker. Und nicht zuletzt: Wo Vai und Zappa sind, ist auch Mike Keneally, ein Multi-Instrumentalist, der Satriani bereits in der Ljubljaner Hala Tivoli beim Konzert im November 2010 unterstützte, ebenso wie Steve Vai, als dieser am 13.04.2000 ebenfalls in der Hala Tivoli auftrat. Um Satch also eine sensationelle Super-Begleitband versammelt!

Bei der beschriebenen Überlegenheit der Begleitcrew waren jedoch alle Augen auf die Überlegenheit des einen und einzigen gerichtet. Josephs! Der beeindruckte zunächst einmal wieder mit seiner Präsenz, die ein Gefühl außerordentlicher Zugänglichkeit, Freundlichkeit und Bescheidenheit erzeugt. Joe bleibt im Herzen ein ekstatischer Teenager, und das Kind in sich zeigt er ohne Vorbehalt in seinem Bühnenspiel. Zu seinem außergewöhnlichen Spiel aus dem reinrassigen Schulbuch, das die Ohren und Augen der versammelten Gitarren-Gelehrten unter den Besuchern der Cvetličarna an diesem Abend fast sprachlos in sich aufsaugten, fügte er das bekannte »verrückte« Sentiment seiner Auftritte hinzu. »Whammy« links, »Whammy« rechts, »Pull-offs«, die mit ihren »Bends« das Dach der Cvetličarna in die Luft rissen, die berühmten Tapping-Figuren, außergewöhnliche Kontrolle über den Tremolo-Arm,… An Fertigkeit in der Beherrschung der Bibel der Sechssaiter-Theorie mangelt es dem Kerl mit gut 56 Jahren keineswegs. Mit den Jahren vertieft er seine Fertigkeit höchstens noch und erweitert ihre expressive Reichweite.  

Satriani sorgte für eine ausgezeichnete Setlist. Darin dominierten natürlich die Songs des aktuellen Studioalbums, die er aber kräftig mit seinen wiedererkennbaren Standards anreicherte – den Goldstücken früherer Studioalben. Einen echten Leckerbissen warf Satriani dem Publikum mit der Darbietung seines legendären Singles The Crush Of Love hin, entnommen der prähistorischen EP „Dreaming #11“. Das gut zwei Stunden dauernde Spektakel würzte der Kerl punktuell mit so manchem saftigen Improvisationseinschub. So erlebte das berühmte Instrumental Always With Me, Always With You, das Satriani mit den Worten ankündigte, es sei der Song, den das Publikum bei Konzerten aus einem ihm unbekannten Grund immer mitsingt, eine epische Länge von neun Minuten. Satriani hängte nämlich an den regulären Teil des Stücks noch einen »With The Little Help From My Friends«-Einschub an, bei dem Beller und der mit Gitarre ausgestattete Keneally (wie so oft während des Konzerts) erneut in den Lichtkegel der Scheinwerfer traten. Der The Beatles-Einschub verlängerte sich theatralisch in einen phänomenalen improvisierten Abschluss-Jam als Dialog zwischen Satchs Gitarren-Salven und den Meisterwerken auf den Keyboards von Mike Keneally.

Die effektive Mischung aus Songs des neuen Albums – wie das im zweiten Konzertteil nacheinander gespielte, überaus unterhaltsame Jumpin‘ In und direkt danach Jumpin‘ Out, oder das verspielte Three Sheets To The Wind – sowie natürlich der berühmten Highlights aus Satrianis Diskographie wie Ice 9, Flyin‘ In A Blue Dream, Satch Boogie, Summer Song, die ausgezeichnete Platzierung von Surfing With An Alien am Ende des regulären Konzertteils und die Überraschung ganz am Schluss des Konzerts mit dem Stück Rubina (gewidmet Satrianis Ehefrau), entnommen aus Satrianis Studioerstling »Not Of This Earth« (1986), erschuf eine Parallelwelt eines einzigartigen Stimmungszustands. Etwas, das man nur bei Satriani-Konzerten erwarten und erleben kann. Und auch dieses war vorbei, ehe man sich versah. Im Nu.

Der Sound im Raum war ausgezeichnet. Auch auf dem Balkon störte das leichte Abschneiden der Bässe kaum – was keineswegs vom Soundtechniker abhängt. Der hat nämlich seinen Job ausgezeichnet gemacht. Im Parterre war der Sound von der ersten bis zur letzten Minute ausgezeichnet. Gelegentlich stachen die von Riffs leicht überdeckten Keyboards von Keneally ins Ohr, doch ist das bei der Bewertung des Gesamteindrucks des Konzert-Sounds eine völlig »schmerzlose« Anmerkung. Joe Satriani hält sich also in ausgezeichneter Form – kreativ und in der Bühnendarbietung. Der Mann bewahrt jugendliche Verve und Begeisterung im Umgang mit seinen täglichen künstlerischen Aktivitäten! Bei diesem erneuten einzigartigen Erlebnis hoffen wir, dass Satriani diese beiden Charaktereigenschaften in der Fertigkeit der einzigartigen Brillanz des Exhibitionismus seines Gitarrenspiels niemals verlassen.

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Setlist:
1. Cool #9
2. Devil’s Slide
3. Flying in a Blue Dream
4. Unstoppable Momentum
5. The Weight of the World
6. Ice 9
7. The Crush of Love
8. I’ll Put a Stone on Your Cairn
9. A Door into Summer
10. Lies and Truths
11. Satch Boogie
12. Shine On American Dreamer
13. Three Sheets to the Wind
14. Cryin‘
15. Jumpin‘ In
16. Jumpin‘ Out
17. A Celebration
18. Always with Me, Always with You
19. Surfing with the Alien
—Zugabe—
20. Crowd Chant
21. Summer Song
22. Rubina


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