Steve Grimmett’s Grim Reaper: At the Gates
Label: Dissonance Productions
Erscheinungsdatum: 11.10.2019
Produktion: Steve Grimmett
Albumlänge: 50.45 min
Genre: Heavy Metal
Wertung: 7.5 / 10
Grim Reaper ist eine Band, die sich in den Achtzigern mit drei hochkarätigen Alben einen äußerst respektierten und geschätzten Status erarbeitet hat. Den Ruf schlechthin. An erster Stelle muss dabei der ikonische Sänger Steve Grimmett hervorgehoben werden, der in jenen fernen Zeiten mit seiner Explosivität und autoritativen Durchschlagskraft schlicht als einer der ausgefeiltesten Vokal-Asse galt. In seinem Stil hat Grimmett seine Faszination für Ronnie James Dio nie verleugnet, der schon immer als große Inspiration galt. Wer alt genug ist, wird sich sogar daran erinnern, dass Grimmett die Vocals für das dritte Album der britischen Thrash-Metal-Legenden Onslaught beisteuerte – das damalige Label hatte die Band dazu gedrängt, weil es eine stilistische „Kommerzialisierung“ der Gruppe erreichen wollte, obwohl die erste Version desselben Albums bereits mit Sänger Sy Keeler eingespielt worden war.
Spulen wir dreißig Jahre vor. Die Jahre vergehen lautlos. Grimmett hatte in der Zwischenzeit eine Menge anderer Dinge unternommen – in den Neunzigern führte er die Band Lionsheart, danach war er an verschiedenen Projekten beteiligt. Auch wenn es lange so aussah, als würde es nie passieren, erlebten wir 2018 doch noch die Rückkehr von Grim Reaper. Unter dem erweiterten Namen Steve Grimmett’s Grim Reaper veröffentlichten sie das solide Werk „Walking In the Shadows“. Grimmett umging bewusst die Verwendung des Originalnamens und ließ damit auf respektvolle Weise einen Teil der Vergangenheit hinter sich. Die energetischen Kraftlinien also, die ohne Nick Bowcott nie wieder zur Truppe zurückkehren. Bowcott galt nämlich als die treibende Kraft hinter den Gitarren-Riffs in den klassischen Jahren der Band.
Das Album hat Potenzial. Definitiv. Aber es gibt ein paar wesentliche Schwächen, die seinen Wert mindern und dafür sorgen, dass beim Hören die Augenbrauen des Zuhörers nicht wirklich hochgehen – denn das Hören hinterlässt nicht das richtige Maß an Sog, an Stempel. Steve Grimmett, der kürzlich unglaubliches Pech hatte aufgrund einer schweren Infektion, in deren Folge ihm ein Teil des Beins amputiert werden musste, gibt hier zwar alles. Hundert Prozent Seele und Herz hat er auch in dieses Werk gesteckt. Dennoch klingt sein Gesang mehrfach müde. Hörbar! Der Gesang „verdünnt“ sich in den höchsten Lagen, besonders dort, wo Steve versucht, Stimmkraft aufzubauen und zu halten. In diesen Momenten wird der Gesang leicht näselnd, und das lässt sich nicht überhören. Das erste Mal begegnet man einer solchen Situation recht früh auf dem Album – im Track Venom –, und dieses Gefühl stellt sich danach noch mehrere Male ein. Das zweite Problem sind all die zahlreichen, ja geradezu verflixten Refrain-Wiederholungen. Genau durch diese Wiederholungen geht das Element der Variabilität verloren, das ein Album braucht, um den Zuhörer zu packen und bei sich zu halten. Das Album entwickelt keine echte Dynamik im Wechsel der Stimmungslagen. Jener sogenannte „dritte“ Refrain, der in solchen Songwriting-Schablonen immer vor dem Ausgang gesetzt wird, dauert und dauert und zieht sich, als würde er nie enden – und wenn man das Album mehrfach hört, kann man beim besten Willen kein zufriedenstellendes Maß an Variabilität zwischen den Tracks feststellen. Das Album muss sehr schnell geschrieben und eingespielt worden sein. Daran besteht kein Zweifel. Es handelt sich um ein Team erfahrener Songschreiber, denen es in dieser kreativen Geschwindigkeit offenbar nicht ganz gelungen ist, sich von der „Naivität“ der frühen Jahre zu lösen.
Ein echter Magnet sind neben Grimmetts nach wie vor sehr gutem Gesang die exzellenten Gitarrensoli, die beim Hören des Albums eine Fülle an großen Genussmomenten liefern – besonders in jenen Passagen, in denen ein Track in die Mid-Eight-Passage übergeht. Auch die Produktion ist sehr gut, ausgewogen, warm und lebendig-organisch genug, und es fehlt keineswegs an Momenten, die an die Gefühle der Retro-Nostalgiker appellieren. Klar ist: Das hier ist ein Old-School-Album. Ja, das ist nicht schwer herauszuhören. Freunde von Judas Priest und Saxon werden sich bestens in der Ernte neuer Gitarren-Riffs zurechtfinden, die das Album At the Gates liefert. Auch an Düsterheit, dem Gefühl des Okkulten, des Verderbens und überhaupt jener ganzen „Schwärze“, die ein echtes Heavy-Metal-Album braucht, mangelt es nicht. Drama hat es mehr als genug.
Vielleicht sollte Grimmett künftig etwas vom Gaspedal gehen und damit seinen Instrumentalisten mehr Raum lassen. Ganz einfach: Er ist mit seinem Gesang überall zu präsent. Auch in den Übergängen, wo Platz für allerlei Gitarrentricks oder witzige rhythmische Wechsel entsteht, füllt er diesen Raum mit vokalen Einwürfen.
Summa summarum. Ein schönes Album eines legendären Musikers. Einen Versuch wert. Aber alle drei Kultklassiker der Achtziger bleiben unangetastet.
Autor: Aleš Podbrežnik
Trackliste:
1. At the Gates
2. Venom
3. What Lies Beneath
4. The Hand That Rocks the Cradle
5. Knock At the Door
6. Rush
7. Only When I Sleep
8. Line Them Up
9. Break Neck Speed
10. Under the Hammer
11. Shadow in the Dark
Besetzung:
Steve Grimmett – Gesang
Ian Nash – Gitarre
Julian Hill – Bassgitarre
Mark Pullin – Schlagzeug
