Metaldays 2019 (dritter Tag) – Trommelfell-Folter à la Dream Theater
Die goldene Mitte hat sich diesmal als höllische Mitte entpuppt, denn in Tolmin erlebten wir wohl eine der heftigsten Hitzewellen des diesjährigen Sommers. Aber das schönste Festivalgelände der Welt kann mit der Soča aufwarten, die für Abkühlung erhitzter Köpfe sorgt, dazu jede Menge Strandaktivitäten rund ums Festival (ich bin mir immer noch nicht ganz sicher, ob morgendliches Yoga bzw. Aufwärmen mit Tanzchoreografie zu Metal das Bescheuertste oder das Beste unter der Sonne ist), einer großen Bierauswahl im Slowenischen Dorf und einer herrlich entspannten Atmosphäre. Den Bands aber, die in der nachmittäglichen Gluthitze die Hölle der Lemmy Stage betreten mussten, den beneide ich wirklich nicht.
Der heimische Grind-Bulldozer Glista hatte dabei das Glück, auf der BB Stage im relativen Schutz des Blätterdachs der Bäume aufzutreten. Wenn die Natur schon keinen Windhauch lieferte, sorgten Glista selbst für den richtigen Orkan von der Bühne. Die Jungs lieferten trotz leicht angedröhntem Zustand einen echten Grind-Schuss ab. Das Genre trifft auf der BB Stage immer auf super Resonanz beim Publikum, und diesmal war es nicht anders – unter der Bühne sammelten sich ordentlich viele Leute, und Glista servierte ihnen gnadenlos Tracks vom Debüt Death Machinery. Dieses Konzert war das letzte mit Schlagzeuger Tegla, der seinen Job ausgezeichnet erledigt hat – dem restlichen Quartett drücken wir die Daumen, dass es so schnell wie möglich einen passenden Ersatz findet. Disco fever!
Die Fortsetzung war deutlich eintöniger, denn die katalanischen Black/Death-Metaller Atrexial übernahmen die Bühne – sie hatten letztes Jahr beim Winterdays of Metal gespielt und schon damals klargemacht, dass sie ein schmerzlich offensichtlicher Klon der polnischen Schwergewichte Behemoth sind. So gab es unzählige Blast Beats, Riff-Geballer, quasi-epische Einlagen mit Cleansängen und Songs, die sich alle ähnelten wie ein Ei dem anderen. Also lieber schon mal die Temperatur vor der Lemmy Stage checken – die war alles andere als menschenfreundlich, und ein paar Grad draufgelegt haben dann auch noch die irischen Metalcorer Dead Label. Das Genre ist persönlich nicht so meins, aber die Iren haben ordentlich die Nackenmuskulatur in Gang gebracht, weil sie in den Breakdowns fette Groove-Elemente einbauen, die sie ziemlich nah an die aufgelösten Chimaira und Sepulturas Roots-Ära heranrücken. Neben dem energiegeladenen Sänger, der mit vielseitigem und kräftigem Gesang überzeugte, überraschte am meisten die zierliche Claire Percival, die in der schlimmsten Nachmittagsglut gnadenlos auf die Drums einprügelte.
Auf der BB Stage war inzwischen Zeit für eine Lektion in brutalem Death Metal, und die übernahmen die erfahrenen Italiener Hour of Penance, die schon mehrfach in Slowenien gespielt haben. Von der Band erwartet man nichts anderes als schnelle Riffs, schnelle Doppelpedale und Blast Beats vom Schlagzeug, dazu den ein oder anderen technisch anspruchsvollen Einschub. Dazu passend war auch der Gesang von Gitarrist Paolo Pieri, der die instrumentale Brutalität mit einem ordentlichen Grunzen unterstrich. Trotz der eingespielten Crew wirkte die Show von Hour of Penance eintönig. Bis auf ein paar Ausnahmen drehte sich alles um Geschwindigkeit, was auf Kosten der Abwechslung geht. Ein solider Auftritt, der vor allem den Liebhabern brutaler Musik schmeichelte.
Derweil wartete man an der Lemmy Stage auf etwas für zartere Death-Metal-Seelen, denn nach langer Zeit konnte man endlich wieder die finnischen Melodic-Death/Power-Metaller Kalmah auf der Bühne erleben, die nach fünf Jahren Studiopause letztes Jahr mit dem Album Palo zurückgekehrt sind. Die Finnen haben zu Beginn ihrer Karriere mit den ersten vier starken Studioalben (Swamplord, They Will Return, Swampsong, The Black Waltz) ordentlich Staub aufgewirbelt, danach aber mehr oder weniger in der Versenkung verschwunden. Kalmah lieferten diesmal eine sehr solide Show, die – anders als bei ihren Landsleuten – in die Melodic-Death-Metal-Basis kaum die typische finnische Melancholie einwebt. Mehr als das gab’s aber auch nicht. Am meisten auf die Beine gebracht hat das Publikum das Material von den „Sumpf“-Alben, ansonsten haben Kalmah die bescheidenen Appetize auf Melodic Death Metal zufriedengestellt.
An Hardcore hat’s auf dem Festival in diesem Jahr wirklich nicht gemangelt. Diesmal war’s aber ein etwas anderer Hardcore. Auf die BB Stage trat das Sextett Une Misere. Die isländische Band präsentierte einen knackigen Hardcore mit einer gehörigen emotionalen Note. Mit drei Gitarren sorgte die Gruppe dafür, dass man sie ordentlich zu hören bekam. Das Rad wurde damit zwar nicht neu erfunden, aber der emotionalere Ansatz und der fette Sound geben dem Ganzen eine gewisse Eigenständigkeit. Die Band hat noch nicht viel Material hinter sich, dennoch ist da Potenzial, dass daraus noch was Größeres werden kann.
Auf der großen Bühne wartete was anderes: Zum ersten Mal in der Geschichte des Festivals flogen die norwegischen Eulen Kvelertak ein, die auf unseren Bühnen allerdings keine Unbekannten sind – in Ljubljana haben sie schon (mindestens) zweimal gespielt. Die Norweger haben ihre Fans letztes Jahr mit der Nachricht geschockt, dass Ikone und Originalsänger Erlend Hjelvik die Band verlässt. Der Sänger, bekannt für seinen Eulen-Kopfschmuck und sein wildes Toben oben ohne auf der Bühne, war das eigentliche Maskottchen der Band, und der neue Sänger Ivar Nikolaisen wurde mit viel Skepsis aufgenommen. Aber die norwegischen Black-’n‘-Roller wussten, wen sie sich rauspicken – Ivar machte schon nach dem instrumentalen Intro zu Apenbaring klar, dass er ein eigenständiges Tier ist, das zwar weniger nach betrunkenem norwegischen Holzfäller aussieht und eher nach einer MTV-Reality-Show, aber egal. Kvelertak haben mit einer der energiegeladensten und positivsten Shows des Festivals das Publikum mühelos auf ihre Seite geholt und mit einer starken Darbietung ihrer Hits Bruane Brenn, Blodtørst, Berserkr, Mjød und der Abschlusshymne Kvelertak begeistert – die auch nachdem die Norweger längst Tschüss gesagt hatten, einfach nicht aus den Ohren gehen wollte.
Bei Stoned Jesus füllte sich das Gelände vor der BB Stage richtig. Dem Aroma nach hatte sich so mancher Besucher ein Tütchen angezündet. Der Bandname sagt da wohl schon alles. Offensichtlich hat sich die Mühe von Stoned Jesus ausgezahlt. Noch vor ein paar Jahren spielte die Band in der Metelkova im Gromka, jetzt hatte sie ein volles Gelände vor der BB Stage. Das ukrainische Trio spielt ziemlich durchschnittlichen Stoner Metal. Die Riffs entwickeln sich langsam, die Songs sind lang, und bis die Musik ein bisschen schneller wird, dauert’s eine Weile. Für reinen Stoner nichts Umwertendes. Und auch bei Stoned Jesus hatte man das Gefühl, dass sie Black-Sabbath-Riffs oft recycelt haben. Offenbar ist das eine Formel, der man nicht entkommen kann. Aber irgendwas muss an Stoned Jesus dran gewesen sein, dass sie so viel Publikum angezogen haben.
Unter den Festivalbesuchern war – interessanterweise – zu spüren, dass die griechischen Black-Metal-Schwergewichte Rotting Christ zu den meisterwarteten Bands gehörten, erst recht nachdem man den ursprünglich angekündigten, später abgesagten Phil Anselmo & The Illegals als einen der klangvollsten Namen des Metaldays 2019 ersetzen musste. Die Griechen nahmen ihre Mission teuflisch ernst, betraten die Bühne wie Könige und versetzten das Publikum für eine gute Stunde in einen Zustand absoluter Trance. Der charismatische Sakis Tolis hatte das Publikum schon beim ersten Song, dem etwas eintönigen Hallowed Be Thy Name, in seiner Faust – und ließ es bis zum letzten Atemzug der Hymne Non Serviam nicht mehr los. Sakis‘ monumentale Silhouette sah in manchen Momenten aus wie die bekannte Baphomet-Statue, und die überragende Performance der ganzen Band verzauberte mit top Lichtshow und Pyro-Einlagen bis zum Schluss. Schade nur um das etwas (zu) kurze Set, das mehrheitlich aus neuerem Material bestand – abgesehen vom uralten The Forest of N’Gai und dem abschließenden Non Serviam. Überragend!
Auf der BB Stage hatte inzwischen bereits das dänische Doom-Metal-Ensemble Saturnus übernommen, das laut Beschreibung auch Sludge Metal spielen soll – was sich als komplett falsch herausstellte. Die Band startete langsam, wie etwa Funeral Doom. Ein bisschen wenig verheißungsvoll, doch dann kam die Wende. Mit dem nächsten Song stieg das Tempo, die melodische Gitarre rückte in den Vordergrund und ließ einfach nicht locker. Saturnus schwammen während des gesamten Konzerts in melancholischen Melodien. Alles passte zusammen, aber genau diese Melodieverliebtheit macht sie besonders. Definitiv die Überraschung des Festivals und gleichzeitig der Beweis, wie vielfältig Doom/Death Metal sein kann. Zu hoffen bleibt, dass die Band bald ein neues Album rausbringt, denn das letzte erschien 2012. Saturnus verdienen aufgrund dieser Show definitiv mehr Anerkennung.
Am dritten Tag war die Hauptbühne für Dream Theater reserviert, die sogenannten Pioniere des Progressive Metal. Die Band hat in diesem Jahr das neue Album Distance Over Time rausgebracht, das laut Kritiken um Längen besser ist als das Debakel namens The Astonishing. Logischerweise lag der Schwerpunkt auf dem aktuellen Werk, aber einen allzu guten Setlist haben Dream Theater nicht präsentiert. Sie ließen sogar das legendäre Album Images & Words komplett weg. Vom Album Scenes from a Memory, das in diesem Jahr seinen 20. Jahrestag feiert, wurde nur Dance of Eternity gespielt. Dream Theater liefern nach wie vor solide ab. John Petrucci zeigt im gekürzten Repertoire ein kleines Meer an Kunststücken. Die Rhythmussektion John Myung/Mike Mangini ist souverän. Keyboarder Jordan Rudess bleibt weiterhin ein Virtuose, aber beim Einsatz bestimmter Keyboards ruiniert sein Beitrag das gesamte Klangbild und macht es kitschig – passend eher für einen Walt-Disney-Zeichentrickfilm. Was bei Dream Theater in den letzten Jahren extrem nervt, ist der Gesang. James LaBrie ist schon längst nicht mehr in echter Form. Die Stimmfarbe schneidet in die Ohren, und die hohen Gesangslinien sind schlicht und einfach eine Katastrophe. Auch bei der Musik selbst war nicht zu spüren, dass Dream Theater allzu Progressives zeigen wollen. Die Songauswahl ließ eher den Eindruck entstehen, dass die Band ihre technischen Fähigkeiten unter Beweis stellen will. Bei den langen Solopassagen hatte man das Gefühl, die Mitglieder führen untereinander ein Jam wie bei der Probe auf. Es gab zwischendurch auch Lichtblicke, wie der Song Lie vom Album Awake und das abschließende As I Am vom Album Train of Thought. Aber für eine Einordnung unter die besten Auftritte des Festivals reichte es nicht. Damit Dream Theater den Erwartungen gerecht werden können, muss man ihnen eine Chance auf einem eigenen Konzert geben. Schließlich haben sie für nächstes Jahr eine Tour angekündigt, auf der sie das komplette Album Scenes from a Memory spielen werden.
Nach LaBries Gejaule waren die britischen Progressive-Black/Death-Metal-Urgesteine Akercocke zum Abschluss des dritten Tages echter Balsam für die Ohren. Die kultische Londoner Band hat sich vor allem mit den legendären Alben Choronzon und Words That Go Unspoken, Deeds That Go Undone in die Geschichte eingeschrieben – dazu mit einem einzigartigen Ansatz zum Genre, erotisch-satanistischer Thematik und dem Auftreten in echten Smokings. Akercocke haben 2012 aufgehört und kehrten vor drei Jahren überraschend in Originalbesetzung zurück – und obendrauf erschien letztes Jahr noch das überragende Comeback-Album Renaissance in Extremis. Wer vor ihrem Auftritt beim Metaldays ihre Live-Aufnahmen gesehen hatte, durfte durchaus um die Qualität der Show bangen, aber Jason Mendonca und seine Crew haben jeden Zweifel sofort im Keim erstickt. Akercocke glänzten nämlich in absolutem Ausnahmelicht: perfektes Zusammenspiel, bösartiger, lauter Sound und der animalische Gesang Mendonças, der ultra-tiefe Growls direkt aus dem neunten Höllenkreis heraufzog und dabei auch noch mit sauber ausgeführten Cleansängen überraschte. Zweifellos einer der fünf besten Auftritte des diesjährigen Festivals – ich hoffe, dass das Duo, das für die BB-Stage-Acts verantwortlich ist, Akercocke auch noch für ein Hallenkonzert holt und künftig für den ein oder anderen britischen Kult beim Metaldays sorgt, wie etwa Mithras. Ein großartiger Abschluss des dritten Tages!
Fotos Glista, Atrexial, Dead Label, Hour of Penance, Kalmah, Kvelertak, Rotting Christ, Dream Theater: Nina Grad
Fotos Une Misere, Stoned Jesus, Saturnus, Dream Theater, Akercocke: Sebastijan Videc
Video: Sebastijan Videc
Text Dream Theater, Hour of Penance, Une Misere, Stoned Jesus, Saturnus: Primož Novak
Text Dead Label, Kalmah, Kvelertak, Rotting Christ, Glista, Atrexial, Akercocke: Rok Klemše





































































































































































