The Darkness – unaufhaltsamer Tornado erstklassiger Rock-’n‘-Roll-Parodie wirbelt durchs Friaul (2019)

foto: ALEŠ PODBREŽNIK 2019
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Ort: Majano (Udine) / Area Concerti Festival / Italien
Datum: Sonntag, 21.07.2019


Es passiert gar nicht oder äußerst selten, dass The Darkness so nah an die slowenische Grenze kommen. Na ja. Schon letztes Jahr standen die Sterne günstig und wir sahen die Band völlig umsonst beim Harley Davidson Biker’s Weekend am Faaker See in Österreich (Konzertrezension HIER), wo es die ganze Zeit leicht nieselte… Diesen Sommer aber machte die Band im Rahmen ihrer Festivalauftritte auch bei zwei aufeinanderfolgenden eigenständigen Italien-Shows Station, von denen eine eben in Majano datierte, einem charmanten Städtchen einen Steinwurf von Udine entfernt.  

Den Ruf als berüchtigte Rock’n’Roll-Spaßvögel und hoffnungslos eitle Lausbuben mit einem üppigen Schuss erstklassiger Parodie und einer Prise Glam erwarben sich The Darkness sofort mit dem Debüt »Permission to Land« im Jahr 2003, was zwei Jahre später sein nicht minder starker Nachfolger »One Way Ticket To Hell… And Back« krönte – danach versank die Band infolge allgemeiner Erschöpfung und des Verschleißes des Antriebsmotors, nämlich des wunderbaren Justin Hawkins, für fünf Jahre in der Versenkung, um 2012 das Comeback-Album »Hot Cakes« rauszuschmeißen. Mit der Rückkehr und zwei weiteren Klasse-Alben, nämlich »Last Of Our Kind« (2015) und dem aktuellen »Pinewood Smile« (2017) – man könnte diese spaßige Wortschöpfung als »Kiefernholzlächeln« übersetzen – hat die Band bestätigt, dass The Darkness keine Eintagsfliegen sind, sondern eine außergewöhnlich talentierte Truppe, die nicht nur über gewaltige Bühnencharisma und überzeugende Bühnenpräsenz verfügt, wenn sie von der Kette gelassen werden und ein dynamisches Theater voller erstklassiger Streiche entfesseln, sondern die gleichzeitig auch exzellente Komponisten sind, die auf hervorragende Weise Riff-Finesse, Party-Theater unablässigen Blödsinns und, wie erwähnt, eine verschmitzt-spitzbübische Prise Parodie in jede Show verpacken. Für den kommenden Herbst ist bereits das neue Album »The Easter Is Cancelled« angekündigt, ebenso wie eine neue Europatournee fürs nächste Jahr, bei der The Darkness am 10.02.2020 auch im Simm City in Wien Station machen.

Kommen wir zurück zum Sommer 2019, ins heiße Majano, wo schon sehr, sehr lange vor dem Konzert ordentlich was los war. Die riesige Grünfläche, auf der jedes Jahr die Bühne steht und uns mit Konzerten von Alice Cooper, Deep Purple, Toto bis Anthrax usw. erfreut, wird durch eine Parkanlage ergänzt, die während des Festivals buchstäblich übersät ist mit Ständen für Essen und Trinken (du kannst dir auch ein helles Weizenbier Wiehenstephanner bestellen, das dir in ein Originalglas eingeschenkt wird – einen Halbliter natürlich, eine Sünde wert). Die Italiener sind Genussmenschen und tun alles für eine gute Party, und dabei bekommt man oft das Gefühl, dass das Ganze funktioniert, als wäre das Konzert am Ende eigentlich nur noch das Tüpfelchen auf dem »i« der gesamten Zeremonie, für die man sich stets sehr gewissenhaft ins Zeug legt.

Den Abend eröffneten um neun Uhr Rock Hysteria, angeführt von der renommierten und geschätzten italienischen Sängerin Cindy Cattaruzza. Das ist das neue Projekt der erfahrenen und bestens bekannten Sängerin  und das Publikum machte während der vierzig Minuten langen Konzertshow ordentlich Krawall, denn Cindy und ihre Truppe sind hier bestens bekannt. Die erfahrene Crew besteht neben Cindy  noch aus Schlagzeuger Carlo Bonazza, der bei Eros Ramazzotti und Peter Maffay gespielt und auch den Legenden Le Orme ausgeholfen hat, Bassist Mauro Tolot, den wir bei Bluesani mit Ian Siegal gesehen haben und der auch Mike Sponzo begleitet hat, sowie den Gitarristen Fabrizio De Ros und Mattia Toso. Anything You Want, Cut That Crap und die übrigen Eigenkompositionen, die die Band an diesem Abend losließ, bringen zwar nichts bisher Ungehörtes, werden aber ungemein impulsiv und souverän gespielt, was nur von der Erfahrung der Musiker zeugt – natürlich mit der unverwechselbaren und ansteckenden Cindy, die mit ihrem Theater die gesamte Aufmerksamkeit auf sich zog. Toller Gesang, und das Publikum fraß der heimischen Band buchstäblich aus der Hand. Nach dem energischen und erstklassigen Auftritt kam die Band an die Absperrung, ließ sich fotografieren, plauderte mit den Fans, verteilte Autogramme und verkaufte auch einige T-Shirts. Einen offiziellen Merchandise-Stand gab es diesmal nicht, sodass The Darkness-T-Shirts nicht zu haben waren (also blieb uns die Jagd nach Plektren).  

Genau um zehn Uhr abends war alles bereit für die Hauptstars des Abends. The Darkness! Nach dem aufgezeichneten Intro, für das man kaum eine passendere Wahl hätte treffen können als das Instrumental Arrival (orig. Abba), stürmte das Quartett auf die Bühne, und die Hauptscheinwerfer verfolgten mit voller Intensität natürlich das größte Teufelchen des Abends, das die Bühne kreuz und quer durchpflügte – Justin Hawkins natürlich.

Der unglaubliche Andrang und die Begeisterung des Publikums feuerte die Crew an, und an diesem Abend lieferte die Band wirklich eine außergewöhnliche Konzertperformance ab.  Justin machte ordentlich Sport und erteilte auch in den Pausen einige Gesangslektionen (unglaublich, wie schnell das Publikum gefügig wird), womit er scheinbar die ohnehin kostbaren Minuten der Konzertzeit kaufte – andererseits hielt er mit dieser Art selbstironischen Spaßes die Unterhaltung die ganze Zeit auf absolutem Höhepunkt. Über gute eineinviertel Stunden. »Die Pillen ließen nicht nach!« Justin Hawkins entledigte sich Minute für Minute seiner Klamotten. Er war in weißer Montur auf die Bühne geschlendert, und dann flogen die Fetzen nach und nach von ihm. Das letzte Drittel des Konzerts absolvierte er in einem Zebra-Slip, und in seiner inzwischen bewährten Gewohnheit leistete er sich bei Stuck In A Rut das Manöver, bei dem ihn die »Gorillas« aus dem Security-Team auf die Schultern nehmen und ihn durchs Publikum tragen, während der Wüstling gnadenlos ein Gitarrensolo hinlegt. Beim letzten Song des regulären Teils I Believe In A Thing Called Love vollführte er auch einen theatralischen Kopfstand (neben Taylors Schlagzeug – auf dem zusätzlichen Bühnenpodest), und einen besonders amüsanten Moment erlebten wir, als einige hitzige Köpfe in den vorderen Reihen ihm ein Foto mit David Hasselhoff entgegenstreckten, von dem Justin sagte, er sei sein erstes Idol, eine große Inspirationsquelle und ein Mann, der…. »The Man who definitely made America great again!« (diese Sätze lohnt es nicht zu übersetzen, weil sie mit halber Intensität zünden). Und das war noch nicht alles. Justin schob sich dann ein A4-Blatt mit Hasselhoffs Bild in den Slip und kam anschließend auf die Idee, möglichst viele Hasselhoff-Fotos aus dem Publikum einzusammeln, die er sich auf den Körper klebte – mit dem Hinweis, dass sie eben auf der verschwitzten Haut haften bleiben. The Darkness vergaßen im Schlussteil auch nicht, einen Sack voller Luftballons unters Publikum zu schmeißen, die zwischen den verrückten Köpfen herumgekickt wurden.

Kurzum: Ein Konzertbericht über The Darkness liest sich tatsächlich wie die Beschreibung einer Stand-up-Comedy, nur eben so, wie eine Rock’n’Roll-Band das angeht (ähnlich würde ein Konzertbericht über Steel Panther oder Perro Deformero aus Novi Sad verlaufen). Ansonsten sind The Darkness spieltechnisch unaufhaltbar, was das Element der Parodie rechtfertigt. Justin ist ein ausgezeichneter Sänger. Er ist geblieben und wird eigentlich immer besser. Er trifft mit seiner Stimme noch immer die fünfte Oktave mit federleichter Leichtigkeit, und dabei ist er so durchdringend, dass einem die Haare zu Berge stehen. Dieses Talent setzt er ganz gezielt ein, um das Theater anzuheizen und in die Ausführung der Songs noch mehr Parodie einzubauen. Zugleich ist Justin auch ein ausgezeichneter Gitarren-Solist und sein Bruder Dan fungiert auf der Bühne oft nur in der Rolle des Rhythmusgitarristen. Rufus Tiger Taylor ist genau die richtige Adresse für den Posten des festen Schlagzeugers der Truppe, und mit ihm haben The Darkness genau das gefunden, was sie suchten. Er ist wild, er ist präzise, kümmert sich problemlos auch um die Begleitharmonien beim Gesang (The Darkness sind unter anderem auch Meister der Harmonisierung von Gesangslinien mit zusätzlichem Singen) – und wisst ihr was? Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, auch was die Gesichtszüge betrifft. Er ähnelt seinem berühmten Vater Roger (dem aus Queen, nicht Duran Duran J). Und dann ist da noch der donnernde Frankie Poullain am Bass seiner Lieblingsmarke Gibson Thunderbird, der nach all den Jahren immer noch nicht weiß, wie man Plektren ins Publikum wirft, und der natürlich auf ausdrückliche Anweisung seines Chefs Justin den Auftakt von One Way Ticket mit der berühmten Kuhglocke einläutete!

Die Band spielte ein etwas kürzeres Set als letztes Jahr am Faaker See in Österreich, strich zum Beispiel das neue Solid Gold aus der Setlist, was etwas überraschte, fügte aber The Roaring Waters aus dem Album »Last Of Our Kind« wieder hinein (von diesem Album brennt The Barbarian noch immer grandios und giftig), während der Großteil der Setlist auf das Debüt »Permission To Land« ausgerichtet war, von dem The Darkness insgesamt gleich neun Songs spielten. Die Parodie ist nicht zu überhören – weder in Friday Night (der Refrain ist im Klangbild bewusst an Robert Smith – The Cure angelehnt) noch beim berühmten Intro-»The Cult She Sells Sanctuary-Trick« in Open Fire und all dem übrigen Taktieren mit erstklassigem Necken und funkensprühender Zündung, von der das Konzert von Anfang bis Ende nur so wimmelt.

The Darkness bleiben eine erstklassige Bühnenatraktion, wenn nicht gar eine Konzertsensation. Justin verkaufte dieses Mal seinen Sinn für erstklassig-britischen schwarzen Humor nicht so üppig wie letztes Jahr in Österreich bei der Harley Davidson-Gemeinde, dafür hat er sich über das Konzert hinweg ordentlich ausgepowert und sich maximal ausgetobt. In alle Richtungen. Das ist eine Band, die dich einfach sofort auf ihre Seite zieht. Weil sie die erste und goldene Regel des Rock’n’Roll kennt und versteht. Nämlich die Tatsache, dass man ihn mit einer erstklassigen Dosis verschmitzter Unverfrorenheit dosieren muss, die das Publikum begeistert. Und so war es an diesem Abend in Majano. Ein Ereignis also, bei dem es weder an breiter Heiterkeit noch an einem Überfluss positiver Schwingungen, sprudelnder Ausgelassenheit und Lebensfreude mangelte – und bei dem dieses Zusammentreffen mit The Darkness durch die geniale chemische Interaktion zwischen dem zahlreichen Publikum und dem bis auf die Knochen entfesselten Quartett viel zu schnell verging.

Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Setlist:
1. Black Shuck
2. Growing on Me
3. Open Fire
4. Love Is Only a Feeling
5. One Way Ticket
6. Barbarian
7. Southern Trains
8. Friday Night
9. Roaring Waters
10. Givin‘ Up
11. Japanese Prisoner of Love
12. Stuck in a Rut
13. I Believe in a Thing Called Love
—Zugabe—
14. Get Your Hands Off My Woman
15. Love on the Rocks With No Ice


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