Bluesland 2019 (Dritter Tag) – phänomenaler Abschluss mit Eric Gales

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Ort: Ljubljana / Ljubljanski grad / Slovenija
Datum: Samstag, 29.06.2019


Den dritten und letzten Tag der ersten Ausgabe des Bluesland-Festivals auf dem Ljubljanski grad eröffneten Shuffle Truffle! Das ist ein österreichisches Blues-Rock-Trio mit Jörg »Dr. J.« Horina (Gitarre, Gesang), Michael Scarpatetti (Bass) und Helfried Grygar (Schlagzeug). Es sind erfahrene Musiker, die sich erst kürzlich zum Trio zusammengefunden haben, aber jede Menge Meilen auf dem Tacho haben – vorher waren alle in verschiedenen Formationen unterwegs. Die Band legte ihre Karriere mit einem Studiodebüt los, das in diesem Jahr erschienen ist. Sie pflegen einen ziemlich vorhersehbaren Stil und halten sich im Songwriting an bewährte Blues-Schablonen. Man merkt, dass die Jungs davor viel Coversongs gespielt haben, und der Einfluss der White-Blues-Boom-Bands der Sechziger ist deutlich spürbar – aber neben den vorhersehbaren Formen störte die ausgeprägte Bühnenstatik ein wenig. Klar, Jörg kann sich nicht weit vom Mikro entfernen, aber er könnte zumindest während der Soli in die Bühnenmitte rücken und damit etwas Dynamik in den Konzertauftritt bringen. Also: ein solides Warm-up für den dritten Festivaltag, aber ohne die dringend nötige Prise Salz, die die Truppe offensichtlich noch sucht.

Danach folgte der Auftritt des französischen Duos Rosedale – eine Formation, die nach Dienstjahren noch relativ jung ist, aber schon zwei Alben im Gepäck hat: Vor zwei Jahren erschien das Debüt »Long Way Home«, letztes Jahr folgte »Wide Awake«. Amandyn Roses und Charlie Fabert stehen zwar mit einem üppigen Backing-Ensemble auf der Bühne, mit dem sie sich bei der diesjährigen Premiere des Bluesland präsentierten – sie sind aber eindeutig der zentrale Fokus des prägnanten, ausgefeilten Auftritts. Schon von Anfang an nahm Amandyns außergewöhnlich schöne, polierte Stimme die volle Aufmerksamkeit in Beschlag. Auch wenn man den Gesamtausdruck der Band als Rhythm And Blues bezeichnen könnte, hat Amandyn eine schöne Soul-Note eingebracht, während Rosedale im Laufe der Show und bei der Darbietung einzelner Songs klar über den Rahmen des »Blues« hinausgingen – der ohnehin nicht ihr eigentlicher Ausgangspunkt ist. Charlie ist als Gitarrist noch sehr jung und man merkt, dass er noch Meilen sammelt – aber er ist ein ungemein selbstbewusster Musiker, was er besonders in einem ins Progressiv-Rock bis Psychedelic-Rock ausschweifenden Extended Song in der zweiten Konzerthälfte unter Beweis stellte. Bis zu Steve Hackett ist es freilich noch ein sehr langer Weg. Der Hammond-Sound gab dem Ausdruck eine Note klassischer Rock-Acts der späten Sechziger wie The Animals und/oder Procol Harum. Zum Finale zogen sie noch eine Coverversion von Nutbush City Limits aus dem Hut, das im Original Tina Turner gehört – Hand aufs Herz: Alvin Lee war da interessanter. Im Grunde musikalisch gesehen eine Band, die noch weit davon entfernt ist, eine musikalische Revolution zu liefern, aber durchaus inspirierend – eben in der Tradition des Rock-Pioniergeistes des White-Blues-Booms der Sechziger und der erwähnten Psychedelik der Siebziger.

Kirk Fletcher ist ein Gitarrenass. Nichts mehr, nichts weniger. Der schwarze Gitarrist lieferte auf dem Ljubljanski grad mit seiner cremefarbenen Telecaster eine außergewöhnliche Show ab. Dabei braucht er auf der Bühne gar keinen Bassisten – die Basslinien übernimmt der Keyboarder/Organist per Pedal, während natürlich ohne Schlagzeug nichts geht. Fletcher ist ein britischer Blues-Singer-Songwriter. Er hat trotz langer Erfahrung erst fünf Studioalben im Gepäck, ist aber ein ungemein erfahrener Mann, dem es an Meilen im Musikgeschäft wahrlich nicht mangelt. Letztes Jahr erschien Fletchers aktuelles Album »Hold On«, das beim Konzert in Ljubljana etwas mehr Aufmerksamkeit bekam. Der ausgelassene, schelmische Musiker kann sich eines ansteckenden Lächelns und unglaublicher Sympathie rühmen – aber das ist eigentlich nicht das Entscheidende. Was zählt, ist seine Feinfühligkeit und die unglaubliche Feinmechanik, mit der er jeden Aspekt seines Spiels angeht. Ein pedantischer, zugleich aber extrem instinktiver und einfühlsamer Musiker. Jede Note bekommt diese unverwechselbare Färbung einer sensitiv klagenden Sinnlichkeit und eines charaktervollen Sentiments. Und Fletcher erweist sich gleichzeitig als bemerkenswert solider Sänger, der mit seiner vokalen Ausdruckskraft das i-Tüpfelchen auf den Auftritt setzt und ihm das Prädikat der Perfektion verleiht. Der Auftritt von Kirk Fletcher war wirklich ein Blues-Konzert von Kopf bis Fuß. Irgendwie rief sein Auftritt die Erinnerung an den Auftritt des verstorbenen Michael Burke beim Postojna Blues Festival 2006 wach. In seiner Musik lassen sich natürlich Soul- und R&B-Elemente heraushören, auch Jazz – aber so viel reinblütige Blues-Schule auf einmal, wie Kirk Fletcher in seinem Stil auf einen Schlag liefert, hatte das Bluesland bis zu diesem Moment noch nicht erlebt. Fletcher kann unglaublich offensiv spielen – praktisch ohne Bremsen –, wenn er im Verweben plötzlicher Übergänge zwischen stillen, feinfühligen Soli und unvermittelten Eruptionen aufgepeitschter Dezibel-Salven und gezacktem Gitarren-Auftrumpfen schier unerschöpflich wird. Aber eines ist klar. Das Gefühl. Das unglaubliche Gefühl, das dieser perfekte Gitarrist in den Fingern hat, ist einzigartig und übertrifft so manchen Namen, der auf der Bühne des modernen Blues viel, viel größer ist – obwohl Kirk mehr Medienaufmerksamkeit und einen höheren Rang, sprich mehr kommerziellen Erfolg, verdient hätte. Kein Wunder, dass ihn Joe Bonamassa persönlich auf die Bühne holt und dass er sogar mit Eros Ramazzotti zusammengearbeitet hat – um nur diese zwei Kaliber zu nennen. Fletchers Konzert war so dynamisch, so abwechslungsreich und unglaublich gut, dass die Stunde mit diesem Gitarristen im Handumdrehen verging. Absolut viel zu schnell.

Eric Gales übernahm die Rolle des Hauptacts des dritten Bluesland-Festivaltags. Völlig zu Recht. Sein Auftritt lieferte zweifelsohne den Höhepunkt des gesamten Festivalprogramms. Eric trat mit derselben Backing-Crew auf wie ein Jahr zuvor beim Pordenone Blues Festival. Die Rhythmussektion bilden Orlando Thompson am Bass und Nick Hayes am Schlagzeug, während für zusätzliches Programming, Sampling, Perkussion und Backing-Vocals Erics Lebensgefährtin LaDonna Gales zuständig ist. Also dieselbe Besetzung, mit der er 2013 auch im Jamski dvorec vor der Postojna-Höhle aufgetreten ist – eine Crew, die auf maximaler Wellenlänge ist und keinerlei Geheimnisse voreinander kennt. Eric mit Bart und einer deutlich anderen Frisur – was auch für seine Lebensgefährtin gilt. In diesem Jahr hat Eric Gales das neue Album »The Bookends« veröffentlicht und es beim Bluesland auch vorgestellt. Was diesen Gitarristen auszeichnet, ist ein außergewöhnliches Maß an Unvorhersehbarkeit. Ja, das kompakte Fundament seines Ausdrucks stützt sich auf den Blues – aber Gales gilt als vielschichtiger Künstler und Gitarrenmeister, dem es in der Fusion oft gelingt, eine Synthese aus »fürs Ohr unvereinbaren« Elementen zu schaffen. Jazz! Ohne Jazz geht gar nichts! Aber gleichzeitig ein unglaublich treffsicheres Gespür für den Fluss der Melodie. Seine Spieltechnik ist einzigartig, und niemand kommt ihm gleich. Wie Hendrix hat Gales die Gitarre »falsch herum« umgehängt, dabei aber die Saiten nicht umgedreht – seine Griffe (Akkorde) und sein Spiel sind also eigentlich ein Spiegelbild des konventionellen Gitarrenspiels (sprich: das Spiel von Rechtshändern). Dabei amüsiert die Tatsache, dass auch Gales eigentlich Rechtshänder ist – aber als er klein war, brachte ihm sein älterer Bruder das Gitarrenspiel bei, und der spielte als Linkshänder. Bekannte Gitarristen, die auf diese Weise spielen, sind Albert King und Coco Montoya sowie natürlich unser unglaublicher Matej Magajne (Feedback, Bakalina Velika, Salamandra Salamandra, Poltrona Express). Gales kann alles spielen, und darin ist er schlichtweg ungreifbar. Manchmal, wenn er in experimentelles Herumtüfteln abdriftet, kann man nicht mal einen Ton im Voraus ahnen, welchen Zug er im nächsten Moment machen wird. Und genau deshalb ist es so verlockend, seine Konzerte zu erleben – weil er einen die ganze Zeit überrascht, wenn er einen mit seiner atemberaubenden Art des Gitarrenspiels anfeuert. Bei It Just Beez That Way gönnt sich die Truppe einen Spaß: Hayes überlässt Gales seinen Schlagzeughocker, und der Gitarrist verwandelt sich für ein paar Minuten seelenruhig in ein aufgedrehtes Schlagzeugtier. Zum großen Finale lud Gales noch Kirk Fletcher auf die Bühne, und das Duo lieferte einen phänomenalen Abschluss-Jam, der das Festival bis zu seinem absoluten Schlusshöhepunkt trug.

Das war noch nicht alles. Auf der Hauptbühne endete das Festival zwar, aber danach verlagerte sich das Geschehen ins Innere der Burg, wo auch Kirk Fletcher und Eric Gales mit ihren Crews gemächlich einzogen. Dort setzte sich das Feiern in endlosem Blues-Jamming bis in die frühen Morgenstunden fort. Ein außergewöhnlicher Abschluss der ersten Ausgabe des Bluesland-Festivals also. Das Festival war, kann man sagen, ein voller Erfolg. Alles hat gestimmt, wie es stimmen muss – nur mehr Publikum wäre schön gewesen. Der Veranstalter kündigt aber schon für nächstes Jahr eine neue Festival-Ausgabe an, die wieder einige namhafte Namen aus der Welt der Blues-Musik mitbringen wird. Der Countdown hat also begonnen.

Text: Aleš Podbrežnik & Primož Novak
Fotos: Aleš Podbrežnik


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