Too Late to Hate
Autor: Peter Podbrežnik
Künstler: Lucifer's Friend
Label: Lucifer's Records
Erschienen: 2016
Laufzeit: 47:59
Wertung: 4/5
Selbst die größten Optimisten unter ihren Fans hätten wohl nicht damit gerechnet, dass Lucifer's Friend, die kultigen deutschen Progressive-Hard-Rocker, die in ihrer langen Karriere die Musikstile gewechselt haben wie andere die Hemden, noch einmal zusammenfinden und ein neues Studioalbum aufnehmen würden. Ihr letztes Comeback, als sie 1994 unter dem Namen Lucifer's Friend II das Album »Sumo Grip« aufnahmen und danach wieder in der Versenkung verschwanden, war nämlich ein Misserfolg – und es schien, als würden sie von da an für immer den ‚guten alten Zeiten‘ angehören. 2014 kündigte der legendäre Sänger John Lawton, Originalsänger und einziger Engländer in dieser deutschen Band, der sich seinen Weltruhm als Mitglied von Uriah Heep verdient hatte, an, dass Lucifer's Friend in der Originalbesetzung wieder zusammenkommen und neues Studiomaterial aufnehmen würden.
Leider verstarb in dieser Zeit der Originalschlagzeuger Joachim ‚Addi‘ Rietenbach, während Original-Keyboarder Peter Hecht nicht am Comeback der Originalbesetzung teilnehmen wollte. Die Keyboards auf dem ‚hybriden‘ Album »Awakening« (2014), das neu eingespielte alte Songs und einige neue Stücke enthielt, übernahm kurzerhand Originalgitarrist Peter Hesslein. Anstelle von Rietenbach übernahm Stephan Eggert den Schlagzeugsessel, während an den Keyboards »Sumo Grip«-Rückkehrer Jogi Wichmann zum Einsatz kam. Lawton, Wichmann, Eggert, Hesslein und Originalbassist Dieter Horns gingen ins Studio und nahmen ein neues Album mit dem Titel »Too Late to Hate« auf, das ihre reiche Tradition des Stilmix-Ansatzes fortsetzt.
Lucifer's Friend, die ihre Laufbahn 1968 unter dem Namen Asterix begannen, waren nämlich während ihrer gesamten Karriere für ihre totale klangliche Unberechenbarkeit bekannt – fast jedes ihrer Alben trug einen anderen Musikstil. Vorrangig beschäftigten sie sich mit Progressive Rock, Soul und Hard Rock (Anfang der Siebziger), Jazz Fusion (Mitte der Siebziger) sowie Heavy Metal (Anfang der Achtziger, als sie noch auf den NWOBHM-Zug aufsprangen), während das düstere selbstbetitelte Debüt von 1970 vor allem bei Doom-Metal- und Early-Heavy-Metal-Fans hoch im Kurs steht.
Auch »Too Late to Hate« enthält eine Mischung verschiedener Stile mit Schwerpunkt auf melodischem Hard Rock, wobei rauschende Hammond-Orgel-Passagen, mächtige Gitarrenpassagen, bravouröse Soli und Lawtons nach wie vor bewundernswerte Gesangsdarbietungen nicht fehlen. Johns Stimme ist trotz seines vollendeten siebzigsten Lebensjahres immer noch unglaublich kraftvoll und geschmeidig – und ist eigentlich der entscheidende Faktor dafür, dass »Too Late to Hate« schlicht und einfach nicht schlecht klingen kann, auch wenn nicht alle Songs darauf gleichermaßen interessant sind. Das Eröffnungsstück, »Demolition Man«, ist ein melodischer Heavy-Rocker mit einigen ungewöhnlichen Soundideen, wie dem gelegentlichen Einsatz eines Vocoders, während die klangliche Tradition durch geschliffene Gitarrenpassagen aufrechterhalten wird, über denen Wettons mächtige Stimme autoritär das Kommando führt – und die Synthesizer-Texturen klingen, als wären sie direkt aus den Achtzigern entnommen.
Das romantische, dabei aber nach wie vor mitreißende »Jokers & Fools« wird so manchen mit seinen melancholischen Gitarrenphrasen und subtilen Keyboard-Passagen, die in einem epischen Refrain gipfeln, sofort an die unvergessliche Lawton-Ära von Uriah Heep erinnern – auch wenn Hesslein eine deutlich andere Gitarrentechnik hat als Wah-Wah-Meister Mick Box. »When Children Cry« ist ein gesellschaftskritischer Hybrid aus energetischem Rocker und sinnlicher Power-Ballade, der dank Lawtons phänomenaler, bis ins Mark gehender Gesangsdarbietung deutlich besser ausfällt als in den Händen eines weniger versierten und talentierten Sängers. »Straight for the Heart« ist ein solider, melodisch ausgerichteter Heavy-Rocker mit Retro-Flair der Achtziger, dem aber ein besonderer Reiz fehlt, während »Tell Me Why«, das für alle Verehrer der Lawton-Ära von Uriah Heep besonders interessant sein dürfte, vor allem dank der Klavier-Arrangements eine etwas bluesigere Note hat. Das leicht funky gewürzte »Don’t Talk to Strangers« bietet einen epischen Refrain und zählt zu den interessantesten Momenten des Albums. Ohne Lawtons Gesangseinsatz wäre das wohl eine völlig durchschnittliche Nummer – so aber macht es Spaß, von Anfang bis Ende zuzuhören.
Das AOR-lastige »I Will Be There« bietet epische Mehrstimmigkeit vollkommen im Uriah Heep-Stil mit einem melodischen Refrain als Höhepunkt. Im Grunde liefert der Song eine ziemlich gute Antwort auf die Frage, was gewesen wäre, wenn Lawton bei Uriah Heep durch die Achtziger durchgehalten hätte. »This Time« ist eine katharische Power-Ballade, die dank Lawtons vokaler Glanzleistungen verdammt gut dasteht – auch wenn sie instrumental, abgesehen von den bewegenden Hammond-Orgel-Passagen, nichts Besonderes zu bieten hat. John ist eben einer jener seltenen Sänger, der aus jeder Liebesballade, unabhängig von Struktur und Text, eine Delikatesse macht.
»Tears« ist purer AOR mit einem ultramelodischen Refrain und positivem Schwung, der schon an Pop Rock grenzt, und dürfte Fans von Uriah Heep und Bands wie Mike + The Mechanics gleichermaßen gefallen. Auf »Sea of Promises« übernehmen wieder hardrockerische Gitarrenpassagen und massive Hammond-Orgel-Schichten das Ruder, während Lawton zu einem kämpferischen Gesangsansatz zurückkehrt. »Brothers Without a Name« gehört mit seinem nostalgischen Charakter, dem feierlichen Refrain, einem epischen Gitarrensolo und Lawton auf emotionalem Höhepunkt zu den Highlights von »Too Late to Hate«. Am Ende findet sich als Bonustrack noch die kurze Ballade »When You’re Gone (Live), die eigentlich eher an den Abschluss eines Konzertalbums passen würde.
Lucifer's Friend haben mit »Too Late to Hate« ein beeindruckendes ‚Comeback‘-Album abgeliefert, das vor allem dank des außergewöhnlichen Gesangstalents des (immer noch) unglaublichen John Lawton besser ausfällt, als die meisten von einer Band erwartet hätten, die schon so oft abgeschrieben wurde. Diesmal haben sie sich für eine Retro-Produktion und einen überwiegend hardrockorientierten bzw. melodic-rock-orientierten Ansatz entschieden, während Prog-Rock- und Metal-Elemente nur in homöopathischen Dosen vorhanden sind – dazu gibt es auf »Too Late To Hate« einige Momente, die an Lawtons Zeit mit Uriah Heep erinnern. Schade, dass so viele Rock-Liebhaber Lucifer's Friend noch gar nicht kennen, während ihre alten Alben in den Plattenläden nach wie vor eine ziemliche Rarität sind. Vielleicht wird sich dieser Zustand nach dem Erscheinen von »Too late To Hate«, das beim bandeigenen Label erschienen ist, zumindest ein wenig zum Besseren wenden – was das Mindeste wäre, was Lucifer's Friend verdient hätten.
https://www.youtube.com/watch?v=gUxpXWrVgAE
Besetzung
John Lawton – Gesang
Peter Hesslein – Gitarre
Dieter Horns – Bass
Jogi Wichmann – Keyboards
Stephan Eggert – Schlagzeug
Produktion
Lucifer’s Friend
Trackliste
1. Demolition Man
2. Jokers & Fools
3. When Children Cry
4. Straight for the Heart
5. Tell Me Why
6. Don’t Talk to Strangers
7. I Will Be There
8. This Time
9. Tears
10. Sea of Promises
11. Brothers Without a Name
12. When You’re Gone (Live)