Severnica – Zgodbe o odhajanju
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Čedahuči
Label: HAD
Erscheinung: 2014
Laufzeit: 43:27
Wertung: 4.5/5
Čedahuči, eine neue slowenische Mehrpersonen-Folk-(Rock)-Band, die 2013 mit der beachtlichen EP »Čedahuči« auf sich aufmerksam machte, hat den kreativen Schwung auch ins Jahr 2014 mitgenommen und so genug eigenes Material für die Veröffentlichung ihres ersten abendfüllenden Studiodebüts zusammengebracht.
Dieses trägt den Titel »Severnica – Zgodbe o odhajanju«. Es handelt sich um ein Konzeptalbum mit der Geschichte eines verliebten Paares, das jedoch vor eine schicksalhafte Versuchung gestellt wird: Das Mädchen entscheidet sich, in die Welt aufzubrechen und ein besseres Morgen zu suchen. Die Aktualität des Glanzes und des Elends, in das slowenische Bürger seit Jahren gedrängt werden, spiegelt sich also in dieser Geschichte wider. Die Hoffnung bleibt. Der Nordstern, der leuchtet. Die Glut der Liebe wird vom Schmerz gespalten, der mit der Zeit heilt. Mit der Zeit verblasst ihre Liebe langsam, und das Mädchen wie der Junge finden neue Partner. Doch irgendwo tief in ihnen bleibt die Erkenntnis, dass es hätte anders sein können. Das Rad des Schicksals, das uns Tugenden und Gesetze lehrt, dreht sich weiter. Nicht umsonst heißt es: Weit von zuhause, weit vom Herzen. Auch grenzenlose Treue und Hingabe an den geliebten Menschen helfen da nicht. Vergeben, Verstehen, Annehmen – das ist die neue Art von Liebe, die als einziges Band zwischen ihnen bleibt, bis der Tod sie scheidet.
Čedahuči sind Meister darin, Emotionen zum Leben zu erwecken und in den Gemütszustand und das Gefühlsleben der Hauptfiguren der Geschichte einzutauchen. Dieses Talent der Band hat bereits die EP »Čedahuči« (2013) bewiesen. Das grundlegende Prinzip des Arrangierens bleibt ein organischer Wohlklang, bei dem durch eine unprätentiöse und geschmeidig-raffinierte Entwicklung zarter Klangpastelltöne und eine malerisch-mosaikartige Anordnung der eingebetteten Instrumente in weiträumige Klanglandschaften eine außerordentliche Überzeugungskraft beim gefühlvollen Vortrag der Verse erreicht wird. Gegenüber der EP »Čedahuči« haben Čedahuči für das Studiodebüt die Arrangements der Kompositionen zusätzlich erweitert und aufgelockert, sie mit einer noch breiteren Palette an Instrumenten ausgebaut und auch mit genreübergreifendem Kokettieren bereichert.
Auch das Album »Severnica – Zgodbe o odhajanju« bietet 10 klar definierte Stücke, die eine hohe Flussdynamik in der Verknüpfung von Strophen und Refrains aufrechterhalten. Jedes Stück trägt im lyrischen Sinne eine abgeschlossene Geschichte in sich, die gleichzeitig durch einen roten Faden sinnvoll mit den anderen Geschichten verbunden ist. Zu einem stimmigen Gesamtkonzept. Obwohl die Folk-Komponente extrem stark und deutlich betont ist und auch auf dem Studiodebüt heraussticht, können Čedahuči auch ihre »Rocker-Zähne« zeigen, wie etwa im hervorragenden Ko drvišč ez poljane, wo das Stück bei seiner discoiden Rhythmik sogar etwas Indie-(SKA-)Rock-Schleier aufnimmt. Dieser Track könnte – mit dem richtigen »Schubs« Richtung kommerziell ausgerichteter Musiksender (MTV, Radiofrequenzen) – der Band, obwohl er angesichts des restlichen Albums und insbesondere der Präsentationssingle und des Videos zu Tišina nicht für die musikalische Ausrichtung der Gruppe typisch ist, zu größerer Bekanntheit verhelfen. Es ist nämlich ein optimistisch gestimmtes Stück voller sprudelnder Freude, das durch eine ausgezeichnete Kombination aus ansteckend kompakter Melodie und plastischer Aneinanderreihung von Emotionen Massen im Handumdrehen mitreißen kann. Angesichts der vorherrschenden melodischen Motivform lässt sich in Kombination mit der Geschichte vom Aufbrechen assoziieren, dass das Mädchen jenseits des Atlantiks in Richtung Nordamerika aufgebrochen ist. Dieses Gefühl verstärken stellenweise auch die Integration von Banjo und der Einsatz von Harmonika (Ljubo doma). Das Stück Je minilo leto besitzt einen bewusst verdichteten Rhythmus mit Schlaginstrumenten und Becken, die das Gefühl einer fahrenden Dampflokomotive erzeugen, was sich phänomenal in das Konzept der Geschichten vom Aufbrechen einfügt.
Das Markenzeichen der hohen Qualität, mit der Čedahuči sofort und mitreißend überzeugen, ist die filigrane Detailarbeit bei allem, was sie angehen. Das Musikerteam dosiert erneut wirkungsvoll die Gesten kurzer, aber prägnanter Bewegungen nach dem Axiom »weniger ist mehr«. Es gibt auf dem Album keinen Moment, der in den Arrangements nicht sinnvoll ausgefüllt wäre. Sei es in den ruhigeren, sinnlich-intimeren Partien, wo sich im Hintergrund der Begleitung nur ein weicher, unaufdringlich bescheidener Ton von Harmonika oder Violine einschleicht, bis hin zu außerordentlich vollendeten Übergangsteilen, die die hohe Dynamik der Ereignisentwicklung bzw. das Auf und Ab der Stimmungslagen (das sogenannte »Dramatheaterstück« der Geschichte) auf einem hochvibrierten Niveau aufrechterhalten. Bei Čedahuči funktioniert alles an seinem Platz. Das vokale Zusammenspiel von Männer- und Frauenstimme bleibt ein unverzichtbarer Baustein der aufrichtig und wahrhaftig wirkenden Atmosphäre, die Čedahuči durch ihr gewähltes Konzept vermitteln (gleich zu Beginn des Albums trifft das Stück Med hrupom in tišino diesen Kern). Die Theatralität wird auch von den engagiert definierten mittleren »Mid-Eight«-Teilen aufrechterhalten, die durch ein funkensprühend einfallsreiches Auflockern der Arrangements den Stücken eine große Kompaktheit verleihen.
Das Album »Severnica – Zgodbe o odhajanju« ist im künstlerischen Sinne ein außerordentlich vollendetes Werk und eines der besten Alben der slowenischen Szene im Jahr 2014. Čedahuči haben darauf eine außergewöhnliche Lebendigkeit der Leitideen entwickelt, die arrangierungstechnisch geschmackvoll verteilt und optimiert sind. Obwohl die nachempfundene Sinnlichkeit der vokalen Interpretation in ihrer ausgeprägten melodischen Wirkung durchgehend den Hauptfokus einnimmt, ist das ausgearbeitete Gespür für das pragmatische Hinzufügen von Arrangements der Instrumentalbegleitung das Zünglein an der Waage, das dem Werk eine außergewöhnliche inhaltliche Greifbarkeit verleiht. Gefühle sehnsüchtigen Verlangens, Beklemmung, Freude, Trauer und alles dazwischen strömen über das Album! Čedahuči entwickeln dabei durch eine brillante Mischung aus Folk-Elementen, in die Formen des Rocks, sogar Ansätze des Blues und die erwartete Pop-Zugänglichkeit eingeflossen sind, eine eigensinnige Ursprünglichkeit und künstlerische Wiedererkennbarkeit, die gegenüber der EP »Čedahuči« ihre Weiterentwicklung erfährt!
Besetzung
Blaž Učakar – Gesang, Gitarre, Bassgitarre, Harmonium, Akkordeon, Hammond, Klavier, Kontrabass, Perkussion
Matjaž Jakin – Gesang, Gitarre, Trompete, Banjo, Hintergrundgesang
Romana Prosenc – Gesang, Hintergrundgesang
Andrej Ilar – Akkordeon
Danijel Bogataj – Violine, Mandoline, Hintergrundgesang
Ivan Zuliani – Schlagzeug, Perkussion, Hintergrundgesang
Miha Lampe – Bassgitarre
GASTMUSIKER:
Gal Gjurin – Kontrabass, Bugarija, Flöten, Mandoline, Brač, Akkordeon, Perkussion, Posaune
Jean Markič – Keyboards
Jan Misir – Perkussion, Congas
Matej Meglič – Kontrabass
Produktion
Blaž Učakar & Gal Gjurin
Trackliste
1. Js in ti (04:20)
2. Med hrupom in tišino (03:56)
3. Glejva navzgor (03:20)
4. Severnica (03:38)
5. Ljubo doma (03:49)
6. Sveča na oknu (07:49)
7. Ko drvišč ez poljane (04:41)
8. Vem, da že spiš (04:11)
9. Je mimo leto (03:18)
10. Tišina (04:30)