Blood In, Blood Out
Autor: Aleš Podbrežnik
Interpret: Exodus
Label: Nuclear Blast
Erscheinungsjahr: 2014
Laufzeit: 67:01
Bewertung: 4/5
Na dann! Bay Area Thrash Metal lebt! Verdammt nochmal lebt er. Exodus melden sich mit ihrem insgesamt zehnten Album ihrer Karriere zurück, dem ersten seit vier Jahren. Im Sommer dieses Jahres ist der verlorene und wiedergefundene Nachfolger des verstorbenen Paul Baloff, Steve »Zetro« Souza, wieder ins Boot gesprungen. Seine Rückkehr war genauso überraschend wie sein Abgang im Jahr 2004. Offensichtlich wechselt der Wolf nie sein Fell. Wie auch immer, Rob Dukes musste im Juni dieses Jahres gehen, und bereits im Juli traten Exodus unter anderem beim deutschen Bang Your Head!!! Festival mit »Zetro« als Frontman auf.
Exodus sind das neue Album mit gewaltigem Ehrgeiz angegangen. Fast schon zu viel Ehrgeiz. Schon allein die Tatsache ist ambitioniert, dass es mit Dukes in der Besetzung entstand, kurz vor den Gesangsaufnahmen aber wieder Souza ins Boot geholt wurde. Manchmal tut die Verkomplizierung gut, aber klar ist: Bay Area Thrash Metal braucht keine Songs, die länger als sechs Minuten sind. Davon gibt es auf dem neuen Album aber einige.
Angesichts von Holts Verpflichtungen bei Slayer ist eine Wartezeit von vier Jahren für ein neues Album leicht zu rechtfertigen. »Blood In, Blood Out« entstand in den letzten zwei Jahren. Die Band hat ihre aggressive Haltung seit Dukes‘ Einstieg als Sänger von Album zu Album nur noch gesteigert. Das bestätigen auf dem neuen Album auf Anhieb der Opener Black 13 und der Titeltrack, die besser auf die gelegentliche Punk-HC/Metal-HC-Kreischerei von Dukes zugeschnitten wären als auf die traditionelle vokale Bay-Area-Thrash-Metal-Schule von Souzas Gesangsansatz. Wenn ihr euch bis zu einem Song wie Food for Worms vorgearbeitet habt, gilt eines als gesetzt: Das spielerische Können von Exodus in der traditionellen Bay-Area-Schule zählt nach wie vor zu den schnellsten auf dem Planeten.
Das Album ist definitiv sehr gut. Daran besteht kein Zweifel. Zetro hat vokal auf dem gesamten Album voll aufgedreht. Der Vokalist liefert genau das, was man von ihm erwartet, und zwischendurch werden einem so manche Anklänge an das Album »Tempo of the Damned« auf dem Silbertablett serviert, auch wenn diese diesmal wegen der gedehnten Arrangements leicht maskiert sind. Zu den ersten nostalgischen Anspielungen auf das Kultalbum gehört Collateral Damage, dann Numb und Wrapped In The Arms of Rage. Kurzum: Es sind die kürzeren Songs des Albums, aber auch Abschnitte der längeren wie etwa der abschließende Food For Worms. Zetro zeigt auf dem gesamten Album eine außergewöhnliche Explosivität – besonders giftig sind seine »Screams« in den höchsten Lagen, die noch immer eine vampirhafte Schärfe besitzen, bei der empfindlicheren Gemütern die Ohren bluten dürften, und auch Zetros unheilverkündende Kreischerei in den höchsten Höhen lässt dem Sänger weder die Luft noch die Kraft so schnell ausgehen!
Zu den neuen Exodus ist also mehr Melodie zurückgekehrt, die Zetros traditionell ausgerichteter Gesangsvortrag mit seinem charakteristischen Stil mitbringt – er hat seinen Job, wie bereits erwähnt, phänomenal erledigt. Das Gitarren-Duo Holt/Altus bleibt eines der markantesten in der Geschichte der Metal-Musik, und wieder einmal ist ihr Spiel einer der größten Reize dieses Albums: vor allem die unvermittelten Modulationen in ausgewählten Tonalitätswechseln, die Kombination verschiedener Rhythmen unter ihren Phrasen sowie das sinnvolle Ergänzen mehrteiliger Soli – in ihrer Gesamtheit eine grenzenlos faszinierende, technisch ausgefeilte und virtuose Spielkunst beider Gitarrenmeister, die einem beim Hören den Atem verschlägt. Trotzdem ist einige Spielzeit für die Wiederholung von Riffs reserviert, in denen nicht viel passiert (oder gar nichts), und an diesen Stellen hätte das Album mit kürzeren Arrangements definitiv den gleichen oder sogar einen noch stärkeren Eindruck hinterlassen können!
Den Gastauftritt von Kirk Hammett (Metallica) kann die Band in offiziellen Statements und Interviews auf unzählige Weisen rechtfertigen, aber er dient zu nichts anderem als kosmetischem Schmuck, da sowohl Holt als auch Altus ihn in puncto spieltechnischer Gitarrenleistung weit, weit hinter sich lassen. Vielleicht war es aber genau Hammetts Gastauftritt im Solo von Salt the Wound, der dazu beigetragen hat, dass »Blood In, Blood Out« in der Bandgeschichte als jenes Album gilt, das eine Woche nach Veröffentlichung auf dem ewigen Billboard 200 der meistverkauften Alben auf Platz 38 einstieg. So gut hatte sich bislang noch kein Exodus-Album auf dieser Hitliste geschlagen. Genauso wenig hinterlässt der Gastauftritt von Chuck Billy – Zetros Testament-Nachfolger noch aus der Zeit, als Testament sich Legacy nannten – einen besonderen Eindruck, außer dem, dass beide Stimmen gemeinsam und ohne nennenswerte Wirkung den Ausklang von BTK brutalisieren. Der Bonus-Track bzw. das Cover des Slayer-Klassikers Angel of Death ist eine interessante Sache. Die Band hat sich ausgetobt und kurzerhand Schlagzeuger Tom Hunting ans Mikro gestellt, der einen sauber melodisch gestimmten Gesang beisteuert. Ein unterhaltsamer Studiomoment, der das Produkt definitiv aufwertet – wenn ihr euch die limitierte Auflage davon zulegt. Für die erneut hervorragende Produktion des Albums hat diesmal Exodus-Bassist Jack Gibson gesorgt, der sich zuletzt bestens mit Pro Tools vertraut gemacht hat. Andy Sneap stieg nur für den abschließenden Mix und das Mastering ein.
»Blood In, Blood Out« ist ein Album, dem es am unverkennbaren Exodus-Gift nicht mangelt. Es besitzt alle Markenzeichen eines echten, hochkarätigen Exodus-Produkts. Rückkehrer Zetro hat seine Arbeit erstklassig erledigt, das Duo Holt/Altus beeindruckt erneut mit seinen Qualitäten und der makellosen Gitarrenarbeit, und die Chemie der Rhythmusgruppe bleibt die unverzichtbare Substanz des verdammt scharfen Zahnwerks des Metal-Monsters namens Exodus. Die Band hat ein ambitioniertes Werk abgeliefert, das in den Arrangements abwechslungsreich und stellenweise sogar übermäßig ausgedehnt ist, weshalb die inhaltlich stärkeren Teile der Songs etwas untergehen und nicht so kraftvoll zur Geltung kommen, wie sie eigentlich könnten. Da die Band das Album nach dem Arrangement-Muster der früheren Alben mit Dukes geschnitten hat, dürfen wir in Zukunft ein kürzeres Album mit mehr jener musikalischen Substanz erwarten, die sich intensiver an die Zeiten von »Tempo of the Damned« anlehnt.
Besetzung
Steve „Zetro“ Souza – Gesang
Gary Holt – Gitarre
Lee Altus – Gitarre
Jack Gibson – Bassgitarre
Tom Hunting – Schlagzeug, Perkussion, Gesang auf Track Nr. 12
GASTMUSIKER:
Dan the Automator – Programmierung (Intro von Track Nr. 1)
Kirk Hammett – Gitarrensolo auf Track Nr. 4
Chuck Billy – Gesang auf Track Nr. 6
Produktion
Exodus
Trackliste
1. Black 13
2. Blood In Blood Out
3. Collateral Damage
4. Salt The Wound
5. Body Harvest
6. BTK
7. Wrapped In The Arms Of Rage
8. My Last Nerve
9. Numb
10. Honor Killings
11. Food For The Worms
12. Angel Of Death*
*…. Bonus-Track