Memoirs

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Autor: Aleš Podbrežnik

Künstler: Kick
Label: Escape Music
Erscheinungsjahr: 2013
Laufzeit: 51:38
Wertung: 4.5/5

Mitte September dieses Jahres erschien das Comeback-Album der exzellenten britischen AOR-Band Kick in digitaler Form über iTunes. Auf die richtige physische CD-Veröffentlichung mussten wir noch ein bisschen warten, bis Montag, den  11.11.2013, an dem über Escape Music Records auch die »greifbare« Version des Produkts erschien. Ich kann nur eines sagen: Willkommen zu Hause, Jungs. Ohne Nick Workman, was natürlich ein gewisser Verlust ist – der Mann hat entschieden, sich diesmal nicht Kick zu widmen, da ihm der Erfolg mit seiner neuen Band Vega zu viele Verpflichtungen auferlegt. Er hat sich also entschieden, sich ausschließlich auf seine Aktivitäten mit Vega zu konzentrieren. Das Album »Memoirs« war ursprünglich als eigenständiges Studioalbum der treibenden Kraft hinter Kick geplant – das ist Bassist und Hauptkomponist Mickey Jones. Am Ende hat er seine Entscheidung aber geändert. Fast zehn Jahre sind vergangen, seit das letzte Kick-Album »New Horizon« (2004) erschien.

Das lange Warten wurde etwas durch die Veröffentlichung des Albums »Megalomania« des Projekts WildKard im Jahr 2007 gemildert. Dieses Album erschien genau 10 Jahre nach seiner Entstehung, und es spielten die Gebrüder Jones und Nick Workman mit – es handelt sich also um Material, das vor der Aktivierungsphase von Kick entstand. Die lange Inaktivitätspause von Kick wurde auch teilweise durch das Solowerk von Mickey Jones aus dem Jahr 2006 (»The Light Of Day«) aufgefrischt.

Man kann sagen, dass sich bei Kick rein gar nichts verändert hat. »Memoirs« ist die Fortführung der Tradition der ersten drei Studioalben der Band. Es trägt eine ausgezeichnete Produktion, hervorragende Arrangements der klanglichen Bausteine. Das ist eine Symbiose aus entschlossen knurrenden Gitarren, die meisterhaft mit Keyboards – Synthesizer-Teppichen belastet sind und im Klangbild geschickt mit der wuchtigen, felsenfesten Rhythmussektion kontrastiert werden. Das Grundelement, das die Veränderung bringt, ist also der Gesang von Mickey Jones. Während Workmans Stimme hell ist, in der Kraftentfaltung deutlich impulsiver und auch effektiver beim Optimieren der bombastischen Qualitäten der Hauptrefrains – und dabei mühelos selbst die anspruchsvollsten Lagen bewältigt –, ist Mickeys Stimme etwas dunkler, und der Mann gleicht das Defizit der zuvor beschriebenen vokalen Charakteristika Workmans aus, indem er reichlich auf Kehligkeit zurückgreift. Der Gesang ist leicht rotzig, leicht näselnd, entspricht aber dennoch den Ansprüchen des ausgezeichneten melodischen Charakters dieses Albums. Vergleiche sind möglich mit Jon Bon Jovi auf der einen Seite, Klaus Lessmann (Bonfire) und sogar mit Ratt-Sänger Stephen Pearcy oder dem Urgestein der Schocktherapie Alice Cooper (Mickey trägt in seiner Vokalfarbe eine Komponente des »Lausbubenhaften«). Wo es sanfter zugehen muss, nähert er sich sogar Darell Wharton (Dare) an – zum Beispiel beim Song Words Of Advice. Kurz gesagt: Vokal fehlt diesem Album absolut gar nichts. Aber aufgrund des anderen vokalen Ansatzes strahlt es eben eine andere Vibration und eine andere Energie aus, als es mit Nick Workman der Fall wäre. Die dunkle Komponente wäre da definitiv nicht vorhanden.

»Memoirs« ist also in der Tradition des britischen Ansatzes in der AOR-Musik geschnitzt. Es trägt eine ordentlich aufgedrehte Produktion, und damit ist nicht zu spaßen. Die Gitarren ziehen giftig die Karren vorwärts und lassen keine Gefangenen zurück! Nicht vergessen: Wir bleiben dabei im Bereich von AOR und Melodic Rock. Man kann den Kompositionsstil nicht überhören, der von den Stärken von Def Leppard aus den Achtzigern geerbt wurde (wieder zum Beispiel der Song Words Of Advice, und Never Lost That Feeling) – mit all der feinsinnigen Färbung der Refrainmelodien durch Harmonien der Begleitstimmen, der typischen »mid-eight«-Übergangsfigur vor dem letzten Refrain. Gleichzeitig ist das Album mit 11 Songs ein außergewöhnlich abwechslungsreiches Abenteuer im kompositorischen Sinne und langweilt keinen einzigen Moment. Auf dem Album gibt es keine Füllsongs. Am Ende sind zwar drei Bonustracks angehängt, die nicht an die Qualität der 11 Hauptsongs des Albums heranreichen, aber genau deshalb tragen sie das Etikett »Bonus«-Songs. Und »Memoirs« gilt daher als sehr kompaktes und bis ins Detail geschliffenes Werk, in dem man kaum einen kompositorischen Ausrutscher findet. Schon Mickey Jones‘ Soloalbum »The Light Of Day« aus dem Jahr 2006 erntete einen ganzen Haufen ausgezeichneter Kritiken, und angesichts des brillanten Inhalts des neuen Kick-Albums »Memoirs« hat der Musiker offensichtlich mehr als genug kreative Inspiration auch in die neue Zeit gerettet. Der abschließende Song Nothing More To Say gilt als eines der kreativen Highlights des Albums »Memoirs« und ist ein erstklassiger Beweis dafür, dass Mickey Jones genau weiß, wie man ein Album mit Stil zu Ende bringt.

Solange Mickey so verführerische Rock-’n‘-Roll-Riffs kreiert, wie sie zum Beispiel im »Boston-esken« The Future Ours eingefangen sind, ist klar, dass die Geschichte von Kicks musikalischer Perfektion so schnell kein Ende finden wird. Hoffen wir nur, dass es der Band gelingt, »aus dem Tief« der kommerziellen Unbekanntheit aufzutauchen und sich mit einer Tour durch den alten europäischen Kontinent zu melden – oder sich zumindest in die Lineup eines bedeutenderen Hard-Rock-Festivals im nächsten Jahr einzureihen. Das Album »Memoirs« verdient es nämlich mehr als genug, auf Konzertbühnen präsentiert zu werden. Allen Liebhabern perfekter melodischer Ausgefeiltheit, pompöser Eingängigkeit, die sofort Gänsehaut verursacht – kurz gesagt, allen AOR-Begeisterten lege ich es ans Herz, dieses Werk unbedingt zu checken. Nick Workman hin oder her: Jones‘ Gesang hat auf »Memoirs« die entstandene Lücke ausgezeichnet gefüllt und das Album gerettet! Und damit auch Kick. Ich sage es noch einmal: Willkommen wieder zu Hause, Jungs!

p.s.: Wenn ihr mich ehrlich fragt, welcher Song des Albums „Memoirs“ mein persönlicher Favorit ist, würde ich den Song Thrill Seeking Junkie auf der Stelle zum Präsidenten der Republik Slowenien ernennen! „Strrrrrrrupeno“ ansteckend von der ersten bis zur letzten Sekunde. Der Typ von Song, der ein Evergreen-Hit geworden wäre, wenn er in den Achtzigern erschaffen worden wäre.

Besetzung

Mickey Jones – Gesang, Bassgitarre
Chris Jones – Gitarre
Olli Cunningham – Keyboards
Benjy Reid III. – Schlagzeug

Produktion

Mickey Jones & Chris Jones

Trackliste

1. Doesn’t Take Much
2. Thrill Seeking Junkie
3. Radio
4. Come Back
5. Urban Refugee
6. Round & Round
7. Words Of Advice
8. Highway To The Sun
9. The Futures Ours
10. Never Lost That Feeling
11. Nothing More To Say
12. The Miracle*
13. Devoted?
14. From This Day On*

*… Bonustracks des Albums

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