Out Run
Autor: Aleš Podbrežnik
Interpret: Kavinsky
Label: Mercury Records
Erschienen: 2013
Laufzeit: 44:26
Bewertung: 3.5/5
Kavinsky ist kein anderer als der französische House- und Synthpop-Klangmanipulator Vincent Belorgey! Recycling ist heute total in Mode. Kavinsky hat dementsprechend in seinem musikalischen Schaffen eine Richtung eingeschlagen, die die Retro-Soundkultur des Achtziger-Synthpops heraufbeschwört. Auf seinem Studioerstling »Out Run« erwachen also die legendären Synthesizer-Sounds und rhythmisch-tanzorientierten Loops wieder zum Leben, die Anfang der Achtziger ihren üppigen Aufschwung erlebten. Die zentralen Arrangements der Songs sowie die Evergreen-Hits der bekanntesten Klangvertreter jener Zeit laufen durch sie hindurch.
Für unseren Vincent, Jahrgang 1975, ist das überhaupt nichts Ungewöhnliches. Als er Teenager war, tauchten die ersten Videospiele auf (als Orientierungshilfe, wie die damals aussahen, schau dir das Video von Rush aus dem Jahr 1982 zur Nummer Subdivisions an). 1986 entwickelte die japanische Sega ein Arcade-Spiel namens »Out Run«, in dem man das Steuer eines rasend schnellen Ferrari Testarossa übernehmen musste. Das Album »Out Run« ist eigentlich Kavinskys Hommage an dieses Spiel – und dahinter steckt eine Geschichte. Im Jahr 1986 kracht der Protagonist (Kavinsky) mit einem Ferrari Testarossa und macht sich auf in die ewigen Jagdgründe. Doch 2006 kehrt er als Zombie in unsere Welt zurück – einer, der jetzt elektronische Musik macht. Und weil er nicht aus seiner Haut kann, macht er sich auf die Suche nach seiner damaligen Freundin – zwanzig Jahre älter natürlich –, lädt sie im Song Night Call zum näheren Gespräch ein, doch die ehemalige Partnerin lässt ihn abblitzen. Ein ziemlich billiger und kläglicher Gag, oder? Aus diesem Ausgangspunkt lässt sich eine Art Gedankenteleportation von Vincent Belorgey herauslesen – von den Träumen als Teenager bis zu dem Moment 20 Jahre später, als der Typ diese Träume tatsächlich verwirklicht hat (Album »Out Run«).
Dank der Verwendung des Songs Night Call im Soundtrack zum Film »Drive« (2011) erntete Kavinsky schon vor der Veröffentlichung des Albums »Out Run« beachtliche Aufmerksamkeit. Es ist einer der besten Songs des Albums – zwei Stimmungslagen, die einen wirkungsvollen atmosphärischen Kontrastwechsel erzeugen. Die Strophe wird von einer soundeffekt-verfremdeten Vocallinie von beängstigenden »Zombie«-Ausmaßen getragen, die in ihrer künstlerischen Kühnheit sogar Marilyn Manson gefallen dürfte, und wächst im Refrain zu einer positiv aufgeladenen, ansteckend melodiösen Versuchung heran, die sogar an frühe Pet Shop Boys erinnert.
Für das Werk eines Einzelnen, der sich auf Klangfiguren der Achtziger beschränkt, ist das, was auf »Out Run« etabliert wurde, definitiv von beachtlicher Qualität. Es besitzt eine hohe motivische Lebendigkeit zwischen den Tracks, auch wenn diese in ihren klanglichen Charakteristika begrenzt sind. Die Wiederholung der Leitmotive des strikten Minimalismus der Synthpop-Rhetorik wirkt oft zerebral. Wenn du dich davon lösen kannst, kann es auf deine Stimmung regelrecht wohltuend wirken, weil es direkt in die mittleren Harmonielinien haut. Als solche ist die Musik des Albums »Out Run« bestens geeignet fürs Hören auf langen nächtlichen Autofahrten. Diese Feststellung ist für Kavinsky eine wichtige Bestätigung, dass er einen der Kernpunkte der Albumbotschaft getroffen hat. Kavinsky hat die Arrangements der Synthpop-Rhetorik mit Einlagen von E-Gitarre und Vocals verschiedener Interpretationsansätze eingefärbt und damit die dynamische Entwicklung des Albums angehoben. Wenn du das Album mit dem Kopf angehst, kann die Synthetik der sich wiederholenden Loops anfangen zu nerven. Deshalb ist das ein Album, das du zur richtigen Zeit am richtigen Ort auflegen musst.
Heute orientieren sich viele sehr erfolgreiche moderne Bands am Retro-Klangstil des Achtziger-Synthpops. Zu diesen zählen etwa M83 oder Empire Of The Sun, während sich auch Parallelen zwischen dem, was »Out Run« bietet, und dem ähnlichen Werk von Daft Punk ziehen lassen, als diese den Film »Tron Legacy« vertonten. Die Arbeit an Out Run lässt sich auch mit den Werken ähnlicher Solokünstler vergleichen, die mit elektronischen Sounds hantieren, wie etwa College und Danger.
»Out Run« ist also ein ansprechendes Werk, aber Kavinsky wird sich in zukünftigen musikalischen Abenteuern neuen künstlerischen Herausforderungen stellen und eine andere musikalische Substanz bieten müssen. Die Synthetik der Achtziger-Kultur hat er gut verarbeitet. Sollte er aber auch auf dem nächsten Werk identisch an der inhaltlichen Botschaft von »Out Run« festhalten, droht die Gefahr der Selbstwiederholung und der daraus folgenden Degradation des künstlerischen Schöpfertums – was Kavinsky definitiv nicht mal im Traum will.
Besetzung
Kavinsky – Programmierung, Gesang
José Reis Fontão – Hintergrundgesang auf Track Nr. 11
Paul Hahn – Stimme auf Tracks Nr. 1 und 13.
Havoc – Gesang auf Track Nr. 6
Lovwfoxxx – Gesang auf Track Nr. 8
Tyson – Gesang auf Track Nr. 11
Raw Man – Gitarre auf Tracks Nr. 2, 3 und 11
Produktion
Kavinsky
Tracklist
01. Prélude [01:55]
02. Blizzard [03:28]
03. ProtoVision [03:26]
04. Odd Look [04:50]
05. Rampage [02:56]
06. Suburbia [03:29]
07. Testarossa Autodrive [03:38]
08. Deadcruiser [03:33]
09. Nightcall [04:18]
10. Grand Canyon [03:13]
11. First Blood [03:04]
12. Roadgame [03:44]
13. Endless [03:00]