Red Queen to Gryphon Three
Autor: Peter Podbrežnik
Künstler: Gryphon
Label: Transatlantic Records
Erscheinungsjahr: 1974
Laufzeit: 38:32
Wertung: 5/5
»Red Queen to Gryphon Three« war das dritte Studiowerk der britischen Folk-Prog-Rock-Troubadoure Gryphon und zugleich das beste Werk ihrer kurzen, aber großartigen Karriere. Multi-Instrumentalist Richard Harvey und Allround-Bläser Brian Gulland machten sich gemeinsam mit dem Rest der Truppe daran, ein Konzeptalbum zu erschaffen, das durch variable, oft ausgesprochen üppige und prächtige mittelalterlich-Renaissance-barocke Arrangements von einer Schachpartie erzählt – was schon aus dem Titel selbst und dem großartigen Cover hervorgeht. Diesmal entschieden sie sich, ein komplett klassizistisch ausgerichtetes Instrumentalalbum zu kreieren, auf dem sie ihren ursprünglichen Folk-Rock-Orchestral-Stil noch weiter ausbauten und so für außergewöhnliche atmosphärische Weiten sorgten, die den Hörer in längst vergangene Welten entführen, wo Geschichte und Fantasie sich vermischen. Arrangementtechnisch war das ihr ambitioniertestes und abenteuerlustigstes Werk überhaupt, da es eine Reihe äußerst komplexer Variationen sowie plötzlicher avantgardistisch gewürzter ‚Ausbrüche‘ enthält, die bei den ansonsten vorwiegend melodisch ausgerichteten Gryphon eher die Ausnahme als die Regel waren.
Das Maß an Komplexität und Virtuosität auf diesem Werk begeistert bis heute selbst die anspruchsvollsten Prog-Rock-Gourmets, daher ist es keine Überraschung, dass »Red Queen to Gryphon Three« bei allen Liebhabern qualitätsvollen Prog-Folk-Rocks so hoch geschätzt wird. Alle vier Kompositionen auf dem Album sind von pompösen Renaissance-Barock-Arrangements und einer kampflustigen, aufgewühlten Atmosphäre durchdrungen, die den Effekt eines Schachduells überzeugend nachbilden.
»Opening Move« enthält ein ständiges Wechselspiel klassizistischer Passagen, wobei besonders Keyboarder Harvey überzeugt, während Gitarrist Graeme Taylor mit neobarocken Gitarren-Variationen glänzt und damit eine feierlich-enigmatische Atmosphäre schafft. Virtuose Geschwindigkeit, außergewöhnliche Präzision und kompositorischer Perfektionismus reichen sich zwischen den einzelnen, ausgesprochen komplexen Arrangements ständig die Hand, ohne dass die atmosphärische Intensität auch nur für eine Sekunde nachlässt. Für einige komische Einlagen, die an das Schnattern von Dorfgänsen erinnern, sorgen vor allem Gullands Bläser – angeführt von Fagott und Horn – während die Schlagzeugeinlagen von Dave Oberle für die Atmosphäre eines Kriegsmarsches sorgen. Im Schlussteil verwickeln sich die Dinge durch wildes Improvisieren, und es entsteht kurzfristig eine regelrecht chaotische Stimmung, als würde der Kampf vor der Burgmauer gerade entfachen. Ein feierliches Klavierarrangement und ’schnatternde‘ Bläser sorgen dennoch für einen eleganten Ausgang und einen schönen Abschluss dieser vorzüglichen Eröffnungskomposition.
»Second Spasm« eröffnet mit einem beinahe tänzerischen Renaissance-Arrangement, in dem ausgelassene Bläser und akustische Gitarre die zentrale Rolle spielen und eine echte Troubadour-Atmosphäre entstehen lassen. Das Tempo der Komposition wird mit der Zeit schneller, und die Bandmitglieder flechten schnell zahlreiche unvorhersehbare rhythmische Variationen ein, bewahren dabei aber den melodischen Grundfaden. Fagott-Improvisationen sorgen erneut für den Effekt des ‚Schnatterns von Dorfgänsen‘, während die klassizistischen Keyboard-Passagen wieder einmal die Hauptquelle des epischen Pomps sind – ländliche Rustikalität und feierliche, beinahe geweihte Sakralität vermischen sich erneut. In den Schlussabschnitt schleichen sich rhythmische Elemente des Tudor-Madrigals, während die supersonischen Gitarrenpassagen in herrlichem Einklang mit den ausgelassenen Bläser- und Keyboard-Arrangements stehen.
»Lament« verrät schon mit seinem Titel, dass es sich um ein Werk mit ausgesprochen melancholischer, nachdenklicher Atmosphäre handelt – was bei den traditionell verspielten und ausgelassenen Gryphon eher die Ausnahme als die Regel ist. Alle Liebhaber folk-rockiger Raffinesse werden beim Hören auch heute noch ungemein genießen, denn das Stück biegt sich unter der Last subtiler symphonischer Arrangements und angenehmer Gitarrenakkorde, die die tragende Melodie bilden. Nach den ersten drei Minuten verändert sich die rhythmische Natur des Stücks erheblich und gewinnt dunklere, aber nach wie vor vorherrschend romantische Nuancen. Im Schlussteil folgt der nächste stilistische Wandel hin zu temperamentvolleren und schnell geführten Rhythmen, wobei die akustische Gitarre weiterhin im Vordergrund steht. Der feierliche Orgelklang sorgt für einen wahrhaft epischen Abschluss. Das atmosphärische Bild des Mittelalters hat durch Gryphons klingendes Erbe stets ausgesprochen romantisch und idealistisch gewirkt. Den Begriff ‚finsteres Mittelalter‘ hat es für sie offensichtlich nie gegeben.
Das abschließende Meisterwerk »Checkmate« bietet eine weitere Gelegenheit für ausgeprägte Arrangements-Komplexität, flinke Virtuosität und rhythmische Variabilität, wobei die Stimmung sich beinahe ununterbrochen wandelt, ansonsten aber mehr oder weniger eine ausgesprochen leidenschaftliche, kämpferische Atmosphäre herrscht. Elegante Klavierarrangements weichen mehrfach der energischen Bläsersektion mit mächtigen Gitarren-Variationen. Manchmal ist es schier unglaublich, mit welcher scheinbaren Leichtigkeit die Mitglieder von Gryphon komplexe Improvisationen aufbauen und dabei gleichzeitig die melodische Natur dieses vorzüglichen kompositorischen Werks aufrechterhalten. Beim Hören kann man sich als Zuhörer erneut zahlreiche bildhafte, romantische Visualisierungen vorstellen, die reichlich durch das bereits erwähnte Album-Cover angeregt werden.
Eine Schachpartie hat klanglich nie besser geklungen als auf Gryphons Meisterwerk »Red Queen to Gryphon Three«, ihrem besten Werk überhaupt und einem Klassiker des troubadourhaft gewürzten progressiven Folk-Rocks. Schade, dass es Gryphon nie gelungen ist, in die Reihen der angesehensten und bekanntesten Prog-Rock-Bands aufzusteigen. Zu den Besten von ihnen gehörten sie zweifellos kurzzeitig im Jahr 1974, als sie neben der Erstellung exzellenter Alben Musik für Bühnenproduktionen bzw. Shakespeares Theaterstücke wie ‚Der Sturm‘ schrieben und die ersten und bis heute einzigen Rock-Band waren, die im renommierten britischen Nationaltheater aufgetreten sind.
Besetzung
Richard Harvey – Keyboards, Horn
Brian Gulland – Bläser
David Oberle – Schlagzeug, Perkussion
Graeme Taylor – Gitarre
Philip Nestor – Bassgitarre
GASTMUSIKER:
Ernest Hart – Orgel
Peter Redding – Akustikbass
Produktion
Gryphon
Tracklist
1. Opening Move (9:42)
2. Second Spasm (8:15)
3. Lament (10:45)
4. Checkmate (9:50)