The Chair In The Doorway

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Künstler: Living Colour
Label: MegaForce Records
Erschienen: 2009
Bewertung: 4.5/5

Living Colour sind die Könige des Funk-Metal-Grooves. Unterschätzte Könige vom Ende der Achtziger. Die wenigen unter euch, ihr hartgesottenen Slowenen, die es vielleicht geschafft haben, die Band tiefer zu erforschen und kennenzulernen, wissen, dass sie aus vier erstklassigen und vielseitigen Musikern besteht, denen Jazz durch die Adern fließt. Wenn diese Individualisten aber nicht gerade über verschiedene experimentelle Musikprojekte verteilt sind, in denen sie volle kreative Freiheit genießen, sind sie Living Colour! Die Band, der Ende der Achtziger der große Wurf misslang – sodass die meisten sie nur wegen des großen Hits Cult Of Perosnality kennen –, während ähnlichen Experimentatoren jener Zeit und neben Living Colour auch in vielerlei Hinsicht Pionieren wie Jane’s Addiction und Fate No More dasselbe gelang, kehrt mit erst dem fünften Studioalbum ihrer Karriere zurück. „Kaleidoscope“ aus dem Jahr 2003 war zwar ein ausgezeichnetes Album, weit „weicher“ als das aufbrausende, 10 Jahre ältere „Stain“ (1993),  gleichzeitig aber in vielerlei Hinsicht dem Avantgarde-Experimentalismus zugetan, was im Falle der Namen des Quartetts innerhalb von Living Colour durchaus verständlich ist und was auch dieses Album auf einen besonderen Platz in ihrer Karriere hob.

„The Chair In The Doorway“ geht im Gegensatz zu „Kaleidoscope“ mit viel mehr Fluss und Zugänglichkeit für die Ohren ans Werk. Es ist also ein ziemlich leichtgängiges Album in dem Sinne, dass es egal ist, wann du es auflegst. Auf einer Beerdigung oder beim guten Sex. Es passt in jeden Moment und verlangt nicht die volle Konzentration des Hörers, wie es „Kaleidoscope“ tat. Wenn man dazu noch die Tatsache rechnet, dass „The Chair In The Doorway“ bei weitem nicht so knallig ist wie das wütende „Stain“ (1993) und dass die Songs meistens blitzschnell ins Ohr gehen, nähern sich Living Colour hier – mit der typisch abwechslungsreichen Dynamik – ihren Anfängen mit „Vivid“ (1988) und „Time’s Up“ (1990). „The Chair In The Doorway“ ist natürlich eine Geschichte für sich – was besonders überzeugt, ist die Produktion, die lebendig, organisch klingt und wirkt, als hätten Living Colour das Album gemeinsam im Studio eingespielt und das Material gespielt, als würden sie live auftreten.

Wenn man sich nur bei den kompakteren und einfacheren Songs aufhält, die wie potenzielle Hits wirken – was schon immer eine Charaktereigenschaft der Ausdrucksstärke der Band war, wie in den Songs Behind The Sun und Blese Those (mit einem nackt-minimalistischen, aber ungemein witzigen, abwechselnden Auf-und-Ab auf der Tonleiter über die Durakkorde A-C-D), Hard Way (bluesige Konnotationen, in der typisch zynisch-frechen Manier, die einmal mehr von Glovers geistreichen Texten angeführt wird) und That’s What You Taught Me –, ist es nicht schwer zu schlussfolgern, dass Living Colour mit einem Maß an Selbstkontrolle an die Sache herangegangen sind, das verlangte, ein Album abzuliefern, das gefällt und breiteren Massen leichter zugänglich ist. Das neue Album ist also ein Wurf der Band, der sie wieder auf prominentere Plätze der Bestseller-Charts bringen könnte. Mal sehen.  

Und doch… Der erste Teil des Albums, der mit den wuchtigen Burned Bridges und The Chair eröffnet, besitzt ein schönes Maß an experimenteller Extravaganz, deren Hauptakteur vor allem Vernon Reid in seinen typischen solotechnischen Ausbrüchen ist. Der Song Dekadence ist geprägt von einem giftig rollenden Riff-Wälzer, was einen Moment größerer Metallisierung des Albums bringt. Wieder steckt darin jener bekannte Geist des Aufbegehrens und der Spottlust der Band, die ihren (Mittel-)Finger einmal mehr furchtlos auf den Gestank von Yuppies richtet, die vor Angst zittern, dass das erste Bakterium, das an ihnen vorbeischleicht, sie umbringt! Living Colour bleiben standhaft und unerschütterlich in ihrer Predigt – und das hält sie ewig jung, funkensprühend  und in jedem Moment attraktiv!

Der Song, der die Beine in Bewegung bringt, ist Young Man. Das ist der Song, in dem Living Colour am stärksten darin sind, Metal mit verführerischen Funk-Rhythmik-Impulsen zu fusionieren. Achte auf den Kontrast zwischen dem Funk-Rhythmus – mit hinzugefügtem Schlagzeug-Unterrhythmus –, dem Metal-Riff und einem aufgewühlten Glover, der in expressiver Raserei eine Reihe erschreckend aufregender Parallelen echter apokalyptischer Skepsis aneinanderreiht. Es folgt das hochatmosphärische und mittelschnelle Method, in dem die Band einen ungemein massiven Klangteppich des Hintergrunds aufbaut, für den das sporadische Herabrieseln von Vernons Riff-Lawinen als kontrastierendes Gegengewicht zu Glovers unglaublicher vokaler Ausdrucksstärke charakteristisch ist. In Method ist Glover geheimnisvoll, tragisch und ohne den kleinsten Anflug von Humor – schonungslos bis zum Äußersten. Dieser Song wird auch allen Faith No More-Fans gefallen!

Den ersten Teil des Albums, der  etwas mehr experimentelle Extravaganz enthält, ohne dabei die Waage zugunsten leichterer  Zugänglichkeit für die Ohren zu kippen, lösen fließend die in einem der obigen Absätze erwähnten potenziellen Hits ab. So entsteht das kontrastierende Gefühl, dass „The Chair In The Doorway“ eigentlich ein Album aus zwei Teilen ist. Dem ersten, dem musikalischen Experiment aufgeschlossenen, aber ganz und gar der typischen Living Colour-Fusion von Funk und Metal verpflichteten Teil, und dem zweiten, in dem die Jungs etwas vom Gas gehen und Songs mit höherem Maß an Melodiosität und verführerischer Sofortwirkung auf den Hörer aneinanderreihen. Das knallige Element bleibt auch in diesem Teil dank Songs wie Hard Time erhalten. That’s What You Taught Me ist der typische Living Colour-Trick. Schlichte Melodie, vereinfachte Figuren – aber was ihm das Element der Ausdrucksstärke und die Gleichwertigkeit mit den anderen Songs verleiht, ist Glovers außerordentlicher Ansatz, bei dem der Sänger auch in einem außergewöhnlichen Gespür für das Ausformen (für Living Colour anspruchsloser, aber geforderter) Wendungen der Vokalimprovisation glänzt. Gerade Glover rettet die „einfacheren“ Momente des Albums, damit diese gleichwertig mit den anderen „ausdrucksstärkeren“ Songs wirken – in allem authentisch und wahrhaftig.

Interessant ist, dass das Album nach dem beeindruckend aufgewühlten Out Of My Mind – in dem sich Glover durch bestialische Wutausbrüche mit dem Thema des Seele-an-den-Teufel-Verkaufens auseinandersetzt – mit Not Tomorrow nicht in der intensiven Manier endet, die für den Rest des Albums charakteristisch ist. Not Tomorrow ist der zweite Song, der einen Blues-Moment besitzt. Zwar ein interessanter Kniff, aber vielleicht wäre es besser gewesen, die beiden auf der Trackliste von „The Chair In The Doorway“ mit Out Of My Mind zu tauschen. Zum Glück gibt es den „versteckten“ Song Asshole, in dem sich die Jungs einen generischen Rock-’n‘-Roll-Trick ausleihen, der aber in der Living Colour-Philosophie des Fusionierens einmal mehr hervorragend funktioniert und so am Ende jenes Gefühl zaubert, das dich dazu treibt, „The Chair In The Doorway“ immer wieder aufzulegen!

„The Chair In The Doorway“ ist ein Album, das ungemein entspannend und unaufdringlich wirkt und zugleich in allem durchtränkt von der einzigartigen, unwiederholbaren musikalischen Extravaganz der Living Colour ist. Wie erwähnt handelt es sich um ein leichter zugängliches Album, das nach zwei oder drei Durchläufen im CD-Player schnell unter die Haut geht. Es trägt Momente typischen experimentellen Werts in sich, die ausgewogen und kontrolliert sind, damit das Album nicht aus dem Ruder der hohen Zugänglichkeit für die Ohren läuft – aber auch jene Momente, die der Band das Potenzial geben, wieder die Musikcharts zu besetzen. Zugegeben, wir befinden uns nicht am Anfang der Neunziger, aber „The Chair In The Doorway“ ist ein weiteres Album, das dir keinerlei Kopfschmerzen bereiten wird, wenn du eine energetische Annäherung sowohl an „Vivid“ als auch an den Entwicklungsblick der Band nach vorne verlangst. Letzteres ist jene Garantie, die auch dem Album „The Chair In The Doorway“ Siegerpunkte einbringt. Es handelt sich also um ein Album, über das sich Fans dieser Band in allem ungemein freuen werden! Living Colour bleiben eigenständig, eigensinnig, einzigartig inspiriert und mit dem Ausdruck eines unstoppbaren rebellischen Funkens teuflischer Arroganz, der sie ewig jung, attraktiv und in jedem Moment ausdrucksstark musikalisch hochavantgardistisch hält.

Besetzung

Corey Glover – Gesang
Vernon Reid – Gitarre
Doug Wimbish – Bassgitarre
William E. Calhoun – Schlagzeug

Trackliste

01. Burned Bridges
02. The Chair
03. Decadance
04. Young Man
05. Method
06. Behind The Sun
07. Bless Those (Little Annie’s Prayer)
08. Hard Times
09. That’s What You Taught Me
10. Out Of My Mnd
11. Not Tomorrow
12. Asshole (Hidden Track)

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