Live In Gdansk
Autor: Aleš Podbrežnik
Interpret: Gilmour, David
Label: EMI Records
Erscheinungsjahr: 2008
Laufzeit: 149:10
Wertung: 4/5
Gibt es noch irgendwo ein ungesagtes Wort über diesen einzigartigen Gitarristen und Sänger, der sich mit seinem Ausdruck so tief in unseren Alltag eingebrannt hat – sei es als Mitglied der großen Pink Floyd oder als Soloartist?
Das vorliegende Werk ist die Rekapitulation eines Konzerts, das am letzten Tag der „On An Island“-Tour 2006 stattfand, als David mit seiner „Super“-Band vor 50.000 Zuschauern spielte. Die gesamte Sache, die sich am 26.08.2006 abspielte, markierte auch den Jahrestag der Revolution in Polen aus dem Jahr 1980. Zu diesem Anlass spielte David auf dieser Tour ausschließlich in Danzig das Stück A Great Day For Freedom („Division Bell“, 1994) – allerdings nicht als Zugabe zum Repertoire, sondern als Ersatz für Coming Back To Life (ebenfalls „Division Bell“, 1994). Coming Back To Life wiederum ersetzte im Sommerteil der Tour auf der Setliste Wearing The Inside Out („Division Bell“, 1994), das die Jungs im ersten Teil der Tour (durch März 2006) gespielt hatten.
David Gilmour hatte in das zweieinhalb Stunden umfassende Konzertrepertoire das komplette aktuelle Studioalbum „On An Island“ (2006) aufgenommen. Da ihn natürlich der megalomane Großteil des Publikums bei Konzerten nur wegen des Pink Floyd-Repertoires besucht, hatte er die Setliste für den Sommerteil etwas angepasst. Im Frühjahrsteil der Tour hatte er sich in der ersten Stunde ausschließlich der Darbietung von „On An Island“ gewidmet. Offensichtlich hatte er jedoch festgestellt, dass das Pink Floyd-hungrige Publikum davon etwas ermüdet und gelangweilt wird, weshalb er für den Sommerteil der Tour gleich zu Beginn drei „Dark Side Of The Moon“-Klassiker einschob.
Diese Aufnahme ist auch deshalb einzigartig, weil die Band von einem polnischen Philharmonieorchester begleitet wird, das einigen Pink Floyd-Klassikern wie auch Gilmours neueren Werken einen besonderen musikalischen Moment verleiht, der die stets atmosphärische, mit einem ewigen Schleier aus Psychedelik durchwobene Stimmung, die natürlich von Pink Floyd geerbt wurde, zusätzlich vertieft. Dennoch bleibt dieser kosmetische Zusatz (das Orchester) größtenteils im Schatten des Rocksounds, den Gilmour mit seinen engsten Mitstreitern produziert. Besonders an Wert gewinnen durch die Einbeziehung des Orchesters von den Klassikern Fat Old Sun (mit seinem allerdings rockig aufgedrehten Schlussteil), weiter A Great Day For Freedom, High Hopes und Echoes.
Der Sound der Aufnahme ist erstklassig, ganz im Einklang mit der Tradition des großen Perfektionismus dieses Musikers. Im Vergleich zu „P.U.L.S.E.“ (1995) klingt „Live In Gdansk“ deutlich „heimeliger“, organischer und weniger distanziert, gemessen an der manchmal schon geradezu kosmischen oder extraterrestrischen Vibration des eingefangenen Sounds jenes Pink Floyd-Konzertalbums. Ebenso ist deutlich weniger Masseneuphorie spürbar, die die Aufnahme begleiten würde. Über diesen Leckerbissen werden sich also auch alle Audiophilen ganz besonders freuen.
Den Kerl begleitete eine wirklich erstklassige Besetzung, darunter Gitarrist Ray Manzanera, einer der ersten Namen der legendären Art-Rocker Roxy Music, dazu Saxofonist Dick Perry mit seinem unverzichtbaren Solo im Auslaufteil von Shine On You Crazy Diamond; weiter sind mit David seine langjährigen Konzertgefährten noch aus den Zeiten der „Waters-less era“-Konzerte von Pink Floyd, Jon Carin (Keyboards) und Guy Pratt (Bassgitarre), und keineswegs darf man auf dieser Liste Gilmours Pink Floyd-„Buddy“ Rick Wright (Keyboards) übersehen. Apropos Rick Wright – genau eine Woche vor der offiziellen Veröffentlichung dieser Konzertaufnahme erschütterte uns die tragische Nachricht, dass Rick am 15.09.2008 einer schweren Krankheit erlegen ist, weshalb diese Ausgabe in dieser Hinsicht eine Art Abschied vom großen Musiker und Davids lebenslangem Freund darstellt. Es ist wohl die letzte offizielle Aufnahme, auf der man das Vergnügen hat, Rick Wright zu hören – sofern in Zukunft nicht noch irgendwelche „verlorenen“ Aufnahmen veröffentlicht werden. In diesem Zusammenhang sei auch erwähnt, dass während der Sommertour von David Gilmour, aus der diese Aufnahme stammt, das originale Pink Floyd-Mitglied Syd Barrett verstarb, sodass dieses Dokument auch von daher zusätzliches Gewicht und symbolische Bedeutung erlangt. Der Beginn und das Ende des Veröffentlichungsprozesses von „Live In Gdansk“ ist also vom Tod zweier originaler Pink Floyd-Mitglieder markiert.
Erwartungsgemäß ist die zweite CD deutlich lebhafter, da sie aus lauter Pink Floyd-Klassikern besteht. Gilmour ist präzise wie immer. Der großartige Meister der „langsamen Hand“, den er mit einer nicht greifbaren Phalanx von für ihn einzigartig komponierten Abfolgen aus „Pull-offs“ sowie dem Spielen mit Klängen über den Tremolohebel umsetzt, begeistert auch diesmal mit seinem brillanten Spiel – die Höhepunkte seiner Gitarrenarbeit verbergen sich im Outro-„Steel Pedal“-Solo bei High Hopes wie auch im stets einzigartigen und zauberhaften Comfortably Numb. Das Ensemble auf der Bühne erweist sich zudem als unglaublich eingespielter Gesangschor. Vieles lässt sich hinterher im Studio „waschen“ und aufhübschen, und auch diese Aufnahme ist an diesem Prozess nicht vorbeigegangen – doch z. B. der einleitende „Slide“ im Solo von High Hopes ist so kraftvoll und voll, und Gilmour wird gleichzeitig von den anderen Bandmitgliedern mit Vokalharmonien phänomenal abgedeckt, dass du kaum bemerkst, dass David an dieser Stelle überhaupt keinen Vokalpart beiträgt. Das ist vollständig authentisch erhalten geblieben.
Die Band hält sich durchgehend treu an das Pink Floyd-Erbe, und das Pink Floyd-Material wird mit filigran abgemessenem und präzisem Folgen der Spuren der Originale dargeboten. Etwas Spielraum gönnen sie sich natürlich beim bereits erwähnten Fat Old Sun, weiter bei Gilmours vokalem Ansatz in Shine On You Crazy Diamond, beim mit zusätzlichen Klavierlinien (Piano) angereicherten, megalomanen Echoes – dieses Stück wird für Pink Floyd-Feinschmecker der definitive Höhepunkt des „Live In Gdansk“-Albums sein. Echoes sticht dabei besonders heraus durch seine prestigeträchtige rock – sinfonische „Politur“ und reif vollendete Weiterentwicklung gegenüber der rebellisch-authentischen Vibration des Originals mit seinem Heroin-Beigeschmack von 1971.
Die Tradition des erfolgreichen Schröpfens der Geldbörsen des gemeinen Volkes setzt sich nach der unvermeidlichen jahrelangen Pause von Pink Floyd auch mit „Live In Gdańsk“ erfolgreich fort – doch die musikalischen Glanzleistungen darauf sind derart, dass kein Rockmusik-Liebhaber an dieser Veröffentlichung gleichgültig vorbeigehen kann. Mit „Live In Gdansk“ bleibt der Begriff der Perfektion, der musikalischen Eleganz, der allumfassenden Einzigartigkeit des eigenen künstlerischen Ausdrucks von Pink Floyd als Rock-Giganten unbefleckt. Das „On An Island“-Repertoire wiederum ist als Soloalbum von David Gilmour so stark mit Pink Floyd verbunden, dass es beim Gleiten durch den Genuss des Albums „Live In Gdansk“ quasi von selbst sehr bald zur reinen Pink Floyd-Folklore wird.
Besetzung
David Gilmour – Gitarre, Gesang, Cümbüş auf dem Stück „Then I Close My Eyes“, Altsaxophon auf dem Stück „Red Sky at Night“
Richard Wright – Keyboards, Synthesizer, Gesang, Backing Vocals
Jon Carin – Keyboards, Backing Vocals, Lap-Steel-Gitarre
Guy Pratt – Bassgitarre, Backing Vocals, Gitarre auf dem Stück „Then I Close My Eyes“
Phil Manzanera – Gitarre, Backing Vocals
Dick Parry – Saxophon
Steve DiStanislao – Schlagzeug, Perkussion, Backing Vocals
GÄSTE:
Zbigniew Preisner – Dirigent, Orchesterarrangements
Leszek Możdżer – klassisches Klavier
Polish Baltic Philharmonic Orchestra
Produktion
David Gilmour & Ray Manzanera
Songliste
CD 1.:
1. Speak To Me
2. Breathe
3. Time
4. Breathe (Reprise)
5. Castellorizon
6. On An Island
7. The Blue
8. Red Sky At Night
9. This Heaven
10. Then I Close My Eyes
11. Smile
12. Take A Breath
13. A Pocketful Of Stones
14. Where We Start
CD 2.:
1. Shine On You Crazy Diamond
2. Astronomy Domine
3. Fat Old Sun
4. High Hopes
5. Echoes
6. Wish You Were Here
7. A Great Day For Freedom
8. Comfortably Numb