Minutes To Miles

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Autor: Sandi Sadar Šoba

Interpret: Crash Romeo
Label: Trustkill Records
Veröffentlichung: 2006

Die Emo-Flut mehr oder weniger guter sowie weniger guter Bands wählt als zentrales Thema ihres Musikschaffens unglückliche Liebesgeschichten und zerrüttete Beziehungen zwischen Mann und Frau, Tod und Vergänglichkeit – und diesem Grundprinzip wollten sich auch die Jungs von Crash Romeo nicht entziehen. 2006 versuchten sie, mit dem Album Minutes To Miles, das über Trustkill Records erschien, ihr Neuland zu betreten und sich so tief wie möglich in euer Bewusstsein und Gedächtnis einzubrennen. Ein Quintett tätowierter Punk-Wannabe-Lookalikes, die sich lieber dem Jammern über ihr trauriges Liebesschicksal widmen als der Revolte gegen das System, und das in spärlichen, aber trotzdem sorgfältig dokumentierten, sorgfältig gestalteten Songs: Dazu gehören Travis Weber, Frontstimme und Gitarrist der Band, dem sein Bruder Ryan Weber am Schlagzeug zur Seite steht, und den Rest der Truppe bilden noch Gitarrist und Sänger Steve Anderson, Keyboarder Adam Nordmeyer und Bassist Steve Mathews.

New Jersey wird zur Kulisse einer Collage aus zwölf Nummern, einer Reise, die die Zeit in Minuten und Meilen misst. Romeo ist ein Tragiker, versetzt in moderne Zeiten, und statt funkelnder Leidenschaft und Zärtlichkeit serviert er gleich zum Auftakt eine ziemlich bittere Salve Weltschmerz. ‚Minutes To Miles‘ ist ein eingängiger, punkpopiger Song, bei dem ihr viel eher an etwas tenorhafter klingende Green Day denkt als etwa an die kreischenden Aiden. Die Jungs verabschieden sich und ziehen weiter über die Grenze. Hinein in den ungewissen Nebel von morgen. Wenn die Heimat gestern noch ein Ort war, der außer Traurigkeit und Entfremdung bei einer Flasche billigem Wein herzlich wenig zu bieten hatte, dann fließt jede Hoffnung auf ein besseres Morgen in Bewegung und Flucht. Als würde man eine Bearbeitung der Anfangskapitel von Jack Kerouacs Kultwerk On the Road lesen, nur dass es hier nicht ums Vertiefen in schön formulierte Absätze geht, sondern das Quintett das Thema deutlich lockerer und unbeschwerter angeht.

‚Serious‘ ist eine Lobeshymne auf „Liebes“-Errungenschaften und aufs Feiern, bei dem Fleisch eben nur Fleisch ist. Das Herz ist zwar auch nur ein Stück Fleisch, aber durch die Adern kann noch etwas anderes fließen als das abgekühlte Blut zweier Liebender, die sich, nachdem sie sich leidenschaftliche Küsse geschenkt und in der Mathematik des Kleider-Subtrahierens und Körper-Addierens festgestellt haben, dass das tatsächlich alles ist, was sie verbindet. Verantwortung gegenüber dem Mitmenschen und sich selbst ist nicht mal als Option im Angebot, und so rattert der Song in seinem süßlichen Rhythmus an euch vorbei wie Ringelreihen. Auf Hirn und Herz hinterlässt er herzlich wenig, denn das flache Dramolett unbeantworteter Fragen, die sich Ryan stellt, berührt euch nicht gerade übermäßig.

‚Get Up Shut Up‘ ist die Fortsetzung der vorigen Geschichte. Nach einer Reihe wiederholter Fehler beschließt Ryan, dass es Zeit für die Endabrechnung und das Ende der Romanze ist, die man euch im vorigen Song eingeflößt hat. „Get Up! Shut Up! / And get the fuck out of here! / We’ll Say it was the last time!“ Verlogen und lahm.

Deutlich polierter und schon beim ersten Hören bemüht, die rauen Kanten zu glätten, kommt dagegen der Song über das Bekenntnis ewiger Liebe daher. ‚Die In Your Arms‘ erzählt, was passiert, wenn euch der Blitz der wahren Liebe tatsächlich entzweireißt. Liebe ist eine Krankheit, und wenn sie echt ist, besteht der nächste Schritt nur noch darin, die Sandkörner in den Sanduhren unseres Lebens zu zählen, und im immer klareren Bewusstsein, dass in 50 oder 60 Jahren einer der Liebenden vor dem anderen sterben wird und im Leben des Zurückbleibenden eine unausgefüllte Lücke ewigen, schmerzhaften Vermissens hinterlässt. Im Arm des Liebsten zu sterben ist das Hauptthema, mit dem euch die durchgeknallten Romeos in die Seele pusten, Sentiments erzeugen und dann in etwas völlig anderem ausklingen.

‚Actions Not Words‘ kehrt zum Zustand zurück, etwas Verfehltes zu beenden. Man muss Ordnung schaffen und überflüssige, belastende Faktoren abschneiden? Am einfachsten redet man sich damit raus, es sei nur eine momentane Schwäche gewesen und nichts so gemeint, wie es tatsächlich klang. Ryan und Kompanie sind Meister im Sand-in-die-Augen-Streuen. ‚Heading West‘ setzt das Epos von der Reise weit weg fort. Offenbar sind sie auf dem Weg über die Grenze wieder dorthin zurückgekehrt, wo sie hergekommen sind, weil ihnen der Sprit für die längere Strecke ausgegangen ist. Um weit wegzugehen, braucht man Eier, und die hat das dünn piepsende, zwar hübsch und poliert poppig klingende, mikrofonbewaffnete Duo der Truppe Crash Romeo nicht. Bevor sie gehen, brauchen sie noch die Bestätigung, dass der Plan das einzig Gerechte und Richtige ist. Richtig juvenil und runtergesungen. Und dabei sind wir tatsächlich erst am Anfang!

Die akustische Einleitung des nächsten Songs, ‚Hang Your Head‘, verstummt bald in einer Explosion aus Saitenschrubben mit vollem Schwung. Ich höre auf, mich mit den Texten herumzuschlagen, und lausche der Chemie der handwerklichen Präzision des Instrumentals, das, muss ich zugeben, makellos und bis aufs Amen „durchgestylt“ ist. Es fehlt nur die Seele. Die Soli klingen, als hätte man sie von Platten von Pop Design gesampelt und nach dem Backen im Ofen bei falscher Temperatur versucht zu verchromen und mit Süßstoff zu übergießen, damit die Scheiße, von der es ohnehin wenig gibt, halbwegs genießbar wird. In der Welt von Crash Romeo gibt es nämlich nur zwei Dimensionen, und es existieren nur Schattierungen von Rot, leidenschaftlich, und Weiß, leer.

Und die Jungs sind sich dessen offenbar bewusst, denn in ihrer taufrischen Jugend suchen sie Trost im Trinken und im alkoholischen Rausch, der sich das Recht nimmt, fremde Tränen zu zapfen. ‚From The Bottom Of This Bottle‘ ist ein Ausbruch von Glück und Rache. Betrogen, gekränkt und besoffen. Der Abschied ist noch unausgesprochen. Das Verabschieden ist in vollem Gange, und vielleicht ersetzt der Alk den Mangel an Eiern? „Thank You from teh bottom of this bottle!“? Offenbar haben wir im Diskurs der Liebe den Boden erreicht. Zeit für die unterhaltsamere Sprache der Selbstzerstörung. Party! Die Steigerung dazu ist das Pathos des Songs ‚The Hot Comodity‘: „You’ve got nothing on me / And I will go in history / for being the best you’ll ever see in your life…“. Und genau an diesem Punkt erreichen wir den sensibelsten Moment der Platte, und der Song wird zum Trumpf von allem, was sie bisher aneinandergereiht haben. Die Gitarren sind fast U2-haft, ein leichter Disco-Beat und Keyboards, die euch im Stil der Achtziger aus dem Hintergrund anheizen, sind eine passende Ergänzung. Die Söhne wiederholen die Fehler der Väter und verfallen in die verhaltene Wollust der aufrichtigsten Rache für eine gestohlene und niedergetrampelte Vergangenheit.

‚Dial „M“ For Murder‘ ist ein Song, inspiriert vom gleichnamigen Film des Suspense-Meisters – Alfred Hitckok. Außer dem Titel hat er nichts mit der Meisterschaft dieses legendären Regisseurs gemein. Die Jungs hat eben der schön klingende Filmtitel überzeugt. Sentimentaler und pompöser klingt dagegen der völlig glattgebügelte abschließende Abschied, der einen etwas weniger süßlichen Geschmack im Mund hinterlässt als die Hüpfpolka des Rests der Platte. Crash Romeo machen all den übrigen Quatsch mit dem wahrscheinlich am wenigsten klischeehaften Stück ihres musikalischen Werks wieder gut, und der Sieger der Platte ist, zumindest in meinen Augen, der Song ‚On Deaf Ears We Ride Tonight‘. Sie bringen Leidenschaft und Sehnsucht tatsächlich auf den Punkt, und allein dabei hätte man es auch belassen können, und es würde euch nichts fehlen.

Die Besprechung der Platte könnte ich mit dem Gedanken schließen, dass Crash Romeo ein tatsächlicher Spiegel der Amerikanisierung, der amerikanischen Popkultur und ein symbolisches Abbild der Entfremdung in einer Welt sind, die uns in ihrer strengen, kalten Umarmung permissiver Erlaubnis hält, damit wir uns in der Zerfahrenheit bis an den Rand des Wahnsinns bringen. Der nächste Schritt hängt nur von der Kühnheit oder der Pose desjenigen ab, der die Aufrichtigkeit des Dahergeredeten vortäuscht. Crash Romeo sind auf ihre Art sogar tiefgründig. Wie ein halbmetertiefer Pool. Melodik haben sie zweifellos drauf. Nächstes Mal sollen sie lieber auch den Inhalt etwas mehr ausarbeiten, denn in Zellophan gewickelte und mit Perlen bestreute Scheiße bleibt immer noch Scheiße, und weil man über Fäkalien nicht zu lange sinnieren sollte, sage ich lieber: Bis zur Perfektion fehlte ihnen viel, als Anfang ist aber immerhin vielversprechend, dass sie zumindest das nötige Minimum mitbringen: Instrumente, Gehör und den Willen, etwas zu sagen.

Besetzung

Travis Weber – Gesang, Gitarre
Ryan Weber – Schlagzeug, Percussion
Steve Anderson – Gitarre, Gesang
Lil‘ Steve Mathews – Bass, Gesang
Adam Nordmeyer – Keyboards, Gesang

Produktion

Chris Badami

Tracklist

1. Minutes To Miles
2. Serious
3. Get Up, Shut Up
4. Die In Your Arms
5. Actions Not Words
6. Heading West
7. Hang Your Head
8. From The Bottom Of This Bottle
9. Hot Commodity
10. Dial M For Murder
11. On Deaf Ears We’ll Ride Tonight

LAUFZEIT DES ALBUMS:

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