Poison’d
Interpret: Poison
Label: EMI Records
Erschienen: 2007
Wer hätte gedacht, dass es Bands, die uns in der zweiten Hälfte der Achtziger des letzten Jahrtausends mit ihren tropisch geformten Frisuren unterhalten haben, heute so schwer haben würden. Sicher eine hochinteressante Feststellung. Wenn du dich nur für einen Moment ein bisschen umschaust, wirst du ohne Zweifel an fast jeder Ecke einen der uralten Rocker-Dinosaurier entdecken, die diesen Sommer über Europas Konzertbühnen wüten. Was ist daran also so interessant. Vor allem die Tatsache, dass du unter ihnen nirgends die Ikonen der MTV-Glam-Rock-Szene finden wirst, die sich in diesem goldenen Zeitalter des zirkushaften Rock & Roll so unaufhaltsam im gelobten Ländchen jenseits des großen Teichs ausgebreitet hat.
Zur Kategorie der oben erwähnten gefallenen Glam-Helden gehört auch das Grüppchen Poison, eine Truppe aus Los Angeles, die dieses Jahr schon ihr (du wirst es nicht glauben) 23-jähriges Bestehen feiert. Die Zeit rennt für manche eben zu schnell. Wie auch immer, nach dem Desaster Hollyweird kehren Poison nach fünf Jahren zurück. Aber nicht auf den Schwingen von sehnlich erwartetem neuem Material, sondern bewaffnet mit einem prall gefüllten Beutel zweitklassiger Coverversionen! Was uns die Herren damit sagen wollen, ist unklar, denn obendrein stellen sie sich damit auch noch als Haufen verwöhnter Jugendlicher dar, die sich nach all den Jahren immer noch auf keinen Fall mit dem tragischen Cock-Rocker-Schiffbruch Anfang der Neunziger abfinden wollen. Hier geht es vor allem um einen unangenehm bitteren Beigeschmack, den dieser hastig zusammengeklaubte Kranz von Songs legendärer Interpreten dank der übertriebenen Glam-Bedienung hinterlässt. Natürlich ist es normal, dass die Herrschaften unbedingt ihren Wiedererkennungswert behalten wollen. Hätten die Onkels ihn nur in ein überzeugenderes musikalisches Gewand gießen können, dann könnte man beim Hören vielleicht sogar ein bisschen in Bewegung kommen.
Die Auswahl an Songs, die Poison diesmal mit einem Hauch kalifornischen Charmes veredeln wollten, bedient sich übrigens in einem ziemlich beneidenswerten Rocker-Fundus. Neben den großen Namen Rolling Stones, Alice Cooper, Who, Tom Petty und Kiss findet sich hier eine ganze Reihe von Musikern, die der großen Mehrheit weniger bekannt sein dürften, etwa The Romantics, Jim Croce und das Duo Loggins & Messina. Das Duo kennst du wahrscheinlich von Your Momma Don’t Dance, das in identischer Form (!) schon 1988 auf dem sehr erfolgreichen Open Up And Say … Ahh! erstmals auftauchte. Und das ist dann auch schon alles, was auf Poison’d erwähnenswert ist. Wenn Bowies Suffragette City, Townsends Squeezze Box und Rock & Roll All Night der New Yorker Meister des theatralischen Rock, Kiss, schon völlig verdaulich sind, dann endet der Versuch, die Magie von Dead Flowers der Stones nachzuerschaffen, in einem totalen Fiasko. Die meisten Sympathien sammelt das ordentlich aufgedrehte We’re And American Band der guten alten Grand Funk Railroad ein, das interessanterweise mit für Poison unerwarteter Schärfe und Rohheit aufwartet! Noch interessanter wäre es allerdings, Coopers Gesicht zu sehen, wenn ihm in Zukunft I Never Cry frech in die Ohren dringt. Ähnliche Nummern auf Poison’d bleiben einfach viel zu oft im engen Griff der klischeehaften Tricks von Bret und DeVille gefangen. Die beiden spielen im Jahr 2007 offenbar immer noch mit denselben Karten, was für Poison sicher nichts Gutes bedeutet.
Besetzung
Bret Michaels: Gesang
CC DeVille: Gitarre
Rikki Rockett: Gitarre
Bobby Dall: Schlagzeug
Produktion
Don Was
Tracklist
1.Little Willy
2.Suffragette City
3.I Never Cry
4.I Need To Know
5.Can’t You See
6.What I Like About You
7.Dead Flowers
8.Just What I Needed
9.Rock & Roll All Night
10.Squeeze Box
11.You Don’t Mess Around With Jim
12.We’re An American Band