Resurrection
Autor: Sandi Sadar Šoba
Künstler: Chimaira
Label: Nuclear Blast
Release: 2007
Nennt sie, wie ihr wollt, aber die Jungs sind alles andere als poppiges Wegwerfmaterial, das nur den kommerziellen Anforderungen der Musikindustrie dienen würde. Die Besetzung wechselte oft. Mitglieder kamen und gingen, und die Band stand wegen interner Unzufriedenheit schon mehrmals kurz vor dem endgültigen Aus. Auch wegen der gefräßigen Gelüste ihres Stammlabels RoadRunner Records bis 2006, das ihnen viel nahm und obskur wenig bot. In dieser Zeit legten sie die Streitigkeiten mit dem ehemaligen Drummer Andy Herrick bei, der die Band schon 2002 verlassen hatte. Sie hatten ein paar gemeinsame Proben und merkten, dass die Energie zwischen ihnen intensiv ist und dass sie ein neues Konzept, neue Musik erschaffen und sich ein neues Label suchen können. Die Lösung kam in Gestalt von Ferret Records, einer Tochter des Mutterlabels Nuclear Blast Records, das ihnen eine dringend nötige finanzielle Bluttransfusion verpasste und ihnen, mehr noch als das, volle kreative Freiheit und künstlerische Rückendeckung bot. Das Schwermetall-Monster aus Cleveland, Chimaira, konnte so wieder von den fast Toten auferstehen und zeigt in Form des neuen, vierten Longplayers Resurrection noch entschlossener die Zähne.
Und das, obwohl es an Metal, besonders dem neumodischen, in letzter Zeit beileibe nicht mangelt. Mehr noch: Weil das Geschäft mehr als nur lukrativ geworden ist, hat sich ein kleines Meer an Bands aufgetan, die glauben, es reiche, sich in Schwarz zu kleiden, ins Mikro zu brüllen, ohne echtes Konzept auf den Gitarrensaiten rumzuschrubben und dann nur noch die Scheinchen zu zählen. Bei der Platte Resurrection hört man aber tatsächlich mehr als nur Form. Man hört ein Konzept, eine Idee und – das Wichtigste – hochwertige Musik. Wie sollst du eine Platte sonst anfangen, wenn du dich nicht erst mal würdig von der Vergangenheit verabschiedest, einen Strich ziehst und ein positives Fundament für die nächsten Schritte suchst. Der Song ‚Resurrection‘ ist der Abschied von RoadRunners Hölle. „Free at last/ Finally tasting hapiness/ Five years of hell for nothing/ Trapped inside the minds of failures…“. Der energetische Hochspannungsschlag startet entschlossen und stählern. Arnold und Devries servieren präzise dosierte Kanonaden an Gitarrenwildheit, die schön unterlegt sind von Herricks chirurgisch genauem Drumming und dem kompromisslosen Growling des Chefschlächters Mark Hunter. Wenn das Vorgängeralbum etwas klaustrophobisch klang, wird hier sofort klar, dass die Jungs sich für epischere Ansätze entschieden und Songs geschrieben haben, die ihr euch wirklich ganz leicht und natürlich merken könnt. Das beweist auch die phänomenale Fortsetzung beim Hören. ‚Pleasure In Pain‘ beweist mit ungebremster Entschlossenheit und Geschwindigkeit, dass sich Chimairas Arsenal in der Zwischenzeit nur vergrößert hat und sie keinerlei kreative Krise mehr haben – im Gegenteil, sie stehen in voller Blüte. ‚Worthless‘ rattert auf Hardcore- und Metalcore-Art Widerstand und Revolte runter und rechnet aggressiv mit allem ab, was Verachtung verdient. Von konkreten Personen bis zu Institutionen. ‚Six‘ bremst das Rasen etwas ab und bringt die Platte ins Gleichgewicht. Episch und wunderschön. Es geht um die dämonische Anziehungskraft von Tod und Zerstörung, die weder als positiv noch als negativ definiert ist. Nach dem messerscharfen ersten Teil geht es wieder hinauf über die Horizonte, wohin uns Arnolds süchtig machende, zuckersüße Gitarre zieht. Nur damit Hunter uns, nachdem wir die Sonne erblickt haben, endgültig erledigt und das abschließende, sich wiederholende Riff langsam ausklingt. Deutlich konkreter flammt nach einem fast mexikanischen Intro der brutale Diskurs des gesellschaftskritischen Tracks ‚No Reason To Live‘ auf. Sucht, Armut, Zerfall auf der einen Seite und die Umrisse von Reichtum irgendwo weit weg auf der anderen Seite des Elends. ‚Killing The Beast‘ ist ein Wink, ein Aufruf, sich aufzurappeln und nicht in Apathie zu verfaulen. Ein Aufruf zu Revolution, Aufstand und Abrechnung. Ein Aufruf der Hoffnung, diesmal in die höllischen Farben der Gewalt gehüllt. Und das Band ist stählern. Das Bindeglied zwischen Mensch und Welt ringsum ist die Abhängigkeit. ‚The Flame‘ nimmt sich als Motiv die totale Perversion eines Serienvergewaltigers und -mörders vor. Parallel dazu entfaltet sich die Geschichte eines verdeckten Schicksals, das keine Hoffnung hat und gefangen ist, während das Endziel schon gewählt und festgelegt ist. Der Mensch dem Menschen ein Gott. Der Mensch dem Menschen ein Henker. Aneignung, Wahnsinn und zu späte Reue… ‚End It All‘ ist dagegen die Fortsetzung der Geschichte übers Musikbusiness und das Leben von Musikern. Über den Gemütszustand, in dem auch Chimaira vor ihrer Wiederauferstehung dahinschwanden. Hunter beschreibt seine Erinnerungen an das sklavenhalterische Verhältnis zwischen Künstler und den Forderungen des Geschäfts luzide und ohne Blatt vor dem Mund: „Another show another state another country / It’s always been the same/ Commanding troops just like a general / Leading the warriors in the battle / Pathetic isn’t it / After all these years still not content…“. ‚Black Heart‘ schreit vor Entmenschlichung und vor dem Wunsch, in den natürlichen Zustand und zum Glück zurückzukehren. Fast vergeblich und mit verlorener Hoffnung. Die Lösung lässt sich auch in Abkürzungen zur eigenen Abstumpfung und Selbstzerstörung suchen, wovon ‚Needle‘ handelt, Hunters Diktat der Leere, Entfremdung und allmählichen Versiegens, das aber auf einmal abgeschnitten wird. Die Schwärze wird schön ergänzt und im stürmischen Pessimismus des pompösen Abschlusses zusammengeführt – ‚Empire‘. Als würdest du Dimmu Borgir mit Eiern hören. Bald verwandelt sich die Pompösität in ein dahinrasendes Monster, das neben melodischem Death Metal auch nach einer Prise alten Thrash Metals duftet. Die Vorhänge fallen. Die alten Welten sind erledigt, und Entmenschlichung hat noch nie – oder zumindest schon sehr lange nicht mehr – so süß und brutal direkt geklungen. Aus der Asche des Alten kann sich nur ein noch glanzvolleres Bild einer fernen Zukunft winden.
Nach dem Hören von Resurrection bleibt ein Gefühl von Kraft, Vitalität und Energiegeladenheit, die nur sehr langsam abfließt, deshalb rate ich beim Hören dringend von zusätzlichem Koffein ab. Im Metal-Angebot dieses Jahres ist das zweifellos eine der ersten wunderbaren Perlen, die selbst den anspruchsvollsten und feinsten Metal-Geschmack stillt. Und das Jahr hat gerade erst angefangen. Stellt euch vor, wie die Ernte erst gegen Jahresende aussehen wird… Auch Wählerische kommen auf ihre Kosten, und zwar in Form der hochoktanigen Platte des Phänomens aus Cleveland, Chimaira. Meinung: Über allen Erwartungen, endlich mal wieder ein bisschen echter Metal ohne Verstellung. Auf der Richterskala der Lautsprecherlautstärke, gemessen von eins bis zehn, haben sich die Jungs wegen ihrer konzeptionellen Fülle und qualitativ hochwertigen Mucke mindestens eine glatte Elf verdient!
Besetzung
Rob Arnold – Leadgitarre
Matt Devries – Rhythmusgitarre
Andy Herrick – Schlagzeug
Mark Hunter – Gesang
Jim Lamarca – Bass
Chris Spicuzza – Keyboards, Gesang
Produktion
Jason Suecof
Tracklist
1. Resurrection
2. Pleasure In Pain
3. Worthless
4. Six
5. No Reason To Live
6. Killing The Beast
7. The Flame
8. End It All
9. Black Heart
10. Needle
11. Empire
LAUFZEIT DES ALBUMS: 51:43