Mirror
Autor: Peter Podbrežnik
Interpret: Blind Ego
Label: Inside Out Records
Veröffentlichung: 2007
Bewertung: 4/5
Blind Ego ist ein Nebenprojekt von RPWL-Gitarrist Kalle Wallner, das alle nötigen Voraussetzungen mitbringt, um zu einer Art neuer Prog-Superband zu werden, denn es besteht aus ziemlich klangvollen Namen des heutigen (Neo-)Progrocks. Neben Kalle wirken auf dem Album nämlich noch John Mitchell (Arena, It Bites, Kino, The Urbane, John Wetton, ex-Frost*) am Gesang, John Jowitt (IQ, Jadis, ex-Arena) am Bass, Tommy Eberhardt (Legazy, Beatfreaks) am Schlagzeug sowie der große Rückkehrer mit – der unvergessliche Sänger Paul Wrightson (ex-Arena), den wir seit Jahren vermisst haben und von dem wir uns fragten, was nach seinem Abschied von Arena und dem Release ihres Magnum Opus „The Visitor“ (1998) aus seiner Karriere geworden ist. Irgendwie habe ich es geschafft herauszubekommen, dass einer der besten Sänger des Progrocks der 90er (jemand, der mit seinem Gesangsstil das war, was Peter Gabriel in den 70ern und Fish in den 80ern waren) nach der Zusammenarbeit mit den renommierten Keyboardern Oliver Wakeman und Clive Nolan (letzterer ist hier als Backing-Sänger dabei) auf dem Album „The Hound Of Baskervilles“ in völliger Obskurität versunken ist, weil er sein Talent (das hätte ich lieber nicht erfahren) als Sänger einer Deep-Purple-Tribute-Band verheizt hat! Paul ist in Topform zurück, auch wenn er nur die Hälfte der Songs singt, denn er und sein früherer Kumpel John Mitchell, der diesmal ausschließlich als Sänger agiert, haben die Gesangsprioritäten klar (und erfolgreich) untereinander aufgeteilt.
Was darf also ein Fan der oben genannten Bands von so einem ambitionierten Projekt erwarten? Puren Profihandwerk und mehr als reichlich gut durchdachten, intelligent strukturierten und tiefgründigen (Neo-)Progrock, der von Space-Rock-Wogen bis zu proggig-metallisch geschärften Rhythmen reicht. Das Endergebnis ist mehr als begeisternd. Auf dem Album spürt man die ganze Zeit deutlich die Einflüsse all der vorher erwähnten Bands, mit denen die genannten Musiker in ihrer bisherigen Karriere zusammengearbeitet haben, vor allem aber die von Kalles Stammband RPWL. Das hört man vor allem an seinen kosmischen Gitarrensoli in bester David-Gilmour-Tradition (Pink Floyd), mit denen er auch diesmal nicht spart. Andererseits sorgen Wrightsons Gesangsbeitrag und die Struktur der Songs, bei denen er singt, dafür, dass auf dem Album auch genug Elemente drin sind, die typisch für Arena sind. „Mirror“ ist laut Kalle übrigens ein zutiefst persönliches Album, dessen lyrische Themen oft um unerfüllte Liebe und Enttäuschungen im Leben kreisen.
„Obsession“ ist mit seinem kompromisslosen Ansatz eines der härtesten Stücke auf dem Album. Johns facettenreicher Gesang, der die ganze Zeit einen Hauch Pop-Charme in sich trägt, ist voller Emotionen und beweist, dass er als Sänger einen deutlichen Schritt nach vorn gemacht hat, was auch alle It-Bites-Fans freuen wird. Bei „Moon And Sun“ stellt sich auf dem Album zum ersten Mal Paul Wrightsons unverkennbar geheimnisvolle und mächtige Stimme vor, im Hintergrund begleitet von einer groovenden Rhythmuslinie und jeder Menge interessanter Gitarreneffekte. Die besten Stücke kommen aber erst noch. Die subtile Ballade „Black Despair“ kippt nach einem ruhigen, akustischen Intro im zweiten Teil in eine hervorragende Demonstration von Kalles wie immer subtilen Soli. Den größten Kontrast zum typischen RPWL-Sound bilden vor allem die starken Instrumentals „Open Sore“ und „Moorland“ sowie das vielschichtige „Break You“, in dem sich die harte und die subtile Seite der Band äußerst gelungen vereinen. Der RPWL-Ausdruck kommt dann beim kurzen, aber unheilvollen Instrumental „Hollowed“ wieder etwas stärker zum Vorschein, das ein bisschen an einen Teil des Pink-Floyd-Klassikers „Welcome To The Machine“ erinnert. Der Titelsong „Mirror“ wird dagegen jeden Arena-Fan begeistern, denn von allen Stücken auf dem Album klingt er am meisten nach dem, was Arena zur Zeit von „The Visitor“ gemacht haben, und auch Kalles Gitarrenansatz ist diesmal verblüffend nah an Mitchell. Das großartige „Don’t Ask Me Why“ wird mit extrem leidenschaftlichem Gesang vorgetragen, voller unaussprechlichem Pathos, der am ehesten an Peter Gabriel erinnert und damit Mitchells gesanglichen Höhepunkt auf dem Album darstellt. Das „weinende“ Gitarrensolo zum Schluss ist einfach zum Fingerablecken. Das majestätische Epos „Forbidden to Remain“ könnte problemlos ein Stück von Arena sein, so viele wiedererkennbare Elemente dieser Band stecken darin. Vielleicht sogar der Höhepunkt des Albums. Trotzdem sollte man auch den starken Bonustrack „Artist Manque“ nicht übersehen, der von der Struktur her ein bisschen an eine Mischung aus Yes und Saga erinnert (vor allem dank der Gitarrenriffs). Im Grunde ist es eine neu arrangierte Version eines Songs, den Kalle noch für seine erste Band Violent District geschrieben hat, aus der später RPWL hervorgingen. Das war, als er beschloss, Profimusiker zu werden – was sich (wie ich vor allem nach diesem Release immer mehr feststelle) als überaus weise Entscheidung erwiesen hat.
„Mirror“ ist ohne Zweifel eines der Prog-Highlights dieses Jahres, ein hervorragendes Projekt, das enormes Potenzial und offene Türen für eine kreative Zukunft in sich trägt. Schon bald werden wir auch erfahren, ob es erst das Debüt einer neuen Band ist, bei der in dieser Besetzung wirklich nichts unmöglich ist. Kalle versteht nämlich sehr gut, dass kunstvoll angelegte Kompositionen das wichtigste Element beim Schreiben von gutem Progrock sind, und er hat die Talente all dieser außergewöhnlichen Musiker mehr als bravourös eingesetzt. „Mirror“ ist vollgepackt mit einer Reihe starker Stücke, die sowohl Professionalität als auch grenzenloses musikalisches Talent widerspiegeln – die zwei Hauptgründe, die alle Fans des modernen Progrocks begeistern werden.
Besetzung
Kalle Wallner – Gitarre (RPWL)
Tommy Eberhardt – Schlagzeug (Legazy, Beatfreaks)
John Jowitt – Bass (IQ, Jadis, ex-Arena)
John Mitchell – Gesang (It Bites, Kino, The Urbane, Arena, ex-Frost*)
Paul Wrightson – Gesang (ex-Arena)
GASTMUSIKER:
Yogi Lang – Keyboards, Sounddesign (RPWL)
Clive Nolan – Backing Vocals (Pendragon, Arena, ex-Shadowland)
Mischa Schleypen – Backing Vocals
Stefan Obermaier – zusätzliches Sounddesign
Produktion
Yogi Lang
Tracklist
1. Obsession (4:25)
2. Moon and Sun (5:09)
3. Break You (6:19)
4. Black Despair (6:48)
5. Open Sore (3:16)
6. Hollowed (1:27)
7. Mirror (4:26)
8. Don’t ask me why (8:12)
9. Moorland (4:14)
10. Forbidden to remain (10:02)
12. Artist Manqué (6:43)
Spielzeit:61:07