Kokos Kokos Presenta: Intimn Frizurn

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Autor: Sandi Sadar Šoba

Künstler: Intimn Frizurn
Label: 57 Records
Veröffentlichung: 2006

 Seid ihr bereit für völlig kontrollierte Psychotik und geordnetes Chaos auf bei uns bisher ungehörte Art? Intimn Frizurn verpassen euch schon mit ihrem ersten Release eine fast schon zu hohe Dosis von alldem, Kokos Kokos Presenta strahlt aber alles aus, was jede qualitativ hochwertige Musik enthalten sollte – Pioniergeist und musikalischen Mut sowie unbändige Lust zu experimentieren und in den Gulasch des eigenen Sounds kompromisslos jeden musikalischen Einfluss zu rühren, für den sich die Macher eben entscheiden, aber auf vielschichtige Weise und nicht als bloßes Nachahmen und musikalischer Diebstahl. Eigentlich hab ich sie schon zweimal live spielen gehört und ich hatte so ungefähr eine Ahnung, was mich auf Platte erwartet, aber schon beim ersten Hören des ersten Werks dieses Ljubljanaer Musikphänomens war mir klar, dass sie sich immer wieder aufs Neue extrem selbst übertreffen können – und auch die Erwartungen eines zufälligen, mehr oder weniger trainierten und an alles gewöhnten Publikums. Eines Publikums, das zwischen Dub, Reggae, Rock, Klangexperimenten und etwas schweben kann, was man als IF sound bezeichnen könnte, als den ganz eigenen Intimn-Frizurn-Sound.

Das Training beginnt mit einer Eröffnungsreise durchs Weltall besonderer Dimensionen, in das wir nur segeln können, wenn wir das konventionelle, alltägliche, fade Dasein unterbrechen. ‚Coitus Interruptus‘ kündigt sich auf Mr.-Bungle-Art an, mit fast karnevalesker Stimmung, harter Erotik des Sounds und konzeptueller Zerfahrenheit, Provokation. ‚Chobanska‘ beweist, dass die Jungs es ernst meinen. Beschleunigter Reggae, der mit Ska-artigem Synkopieren bald das Schweben mit effektgetränkter Gitarre verbindet, ist genau das richtige Gegengewicht zur sich entfaltenden Melodie von Jerkots Gesang, der mit dem Englisch eines algerisch-jamaikanischen Psychos mit Mikro in der Hand daherkommt. Schlagzeug und Bass koordinieren das Rasen eines wilden Tiers, dann entwickelt sich die Rhythmik und die schreiende Gitarre bricht die Stimmung mit einem fast schon Surf-artigen Solo. Und schon sind wir im fast funkigen Ambient von ‚Augh (Higway Songa)‘, das mit Pop-Keyboards zu melodischer Fülle anwächst. Der Gesang ist Waffe und Werkzeug. Die Texte sind ziemlich im Hintergrund, dafür ist die Kehle ein Pinsel, mit dem die Lücken gefüllt werden. Die Kehle ist eine rhythmische Maschine, die auf Volldampf mahlt. Schlagzeug, Bass und Gitarre sind die Füllung. Den Jungs gehen weder Dynamik noch Intensität aus, mit denen sie schon im ersten Drittel der CD ein wiedererkennbares Markenzeichen und ein eigenes Gesicht bis auf das Fundament aufbauen, das alles andere als zimperlich ist. Wir fallen in den synkopierten Tanzhüpfer ‚Snow‘, der das Muster der Eröffnung der Platte wiederholt. Der Reggae ist unwiderstehlich und trotz der Wiederholungen ziemlich frisch, durch die Keyboards aber untypisch. Pop und orientalische Griffe gibt es genug für alle, die in jeder Musik nach Exotik suchen. Und schon sind wir wieder durchgefunkt und wissen nicht, wo uns der Kopf steht und wo der Arsch. Auch wegen der sanften Übergänge in wohlklingende Ambient-Passagen wie ‚Monday Morning‘, das völlig unangekündigt kommt, organisch natürlich und stimmig. Der Überdruss des Montagsaufstehens nach einem durchzechten Wochenende hat nie so metaphorisch voll geklungen, und dafür verwenden Intimn Frizurn nicht mal eine einzige zusammenhängende Wortgruppe. Ein schönes, kohäsives Geflecht aus Instrumentalem und Ideen entwickelt sich weiter in die elektrifizierte Version von Toccata und Fuge, den Song ‚Track 6‘, und der gleitet in einen Aufruf an alle, die bis jetzt nicht kapiert haben, dass sie nach dem Hören keine Gleichgültigkeit mehr tolerieren werden. ‚Hide Baby!‘ ist urbanes Ambient aus sanften Keyboards und wogender Melodie, auf das mit etwas mehr Distortion und Lautstärke auch System Of A Down stolz wären, aber auch so mancher zartere Ambient-Fan. Erwartet ihr einen Tritt ins Dunkle? Auf dieser CD gönnen sie euch den keinen Moment lang. ‚Shupak‘ und ‚The Fall‘ stellen die Songs auf die gewohnten Gleise des Herumspielens und Herumprobierens, was einen überhaupt noch überraschen kann. Die Orchestrierungen sind ausgewogen und voller erotischer Ladung. Ich glaube, genau das ist es, was uns an Musik anzieht. Kein Vortäuschen und kein Schielen auf kommerzielle und allgemein akzeptierte Sentimentalitäten. ‚Track 10‘ ist nur ein Intermezzo. Ein leichter Hauch von Samba oder Salsa und schon rasen wir weiter. Einer der Höhepunkte der Platte ist der Song ‚Maria‘. Am leichtesten ließe er sich mit dem Wort Schönheit beschreiben und mit der Sinnlichkeit zärtlichen Liebemachens, und es liebkost uns Musik, die sich jazzig zu einer Klangblüte entfaltet und die Transzendenz auf Saiten, Tasten und Fellen berührt. Die Vielschichtigkeit der Stimmen ist wie ein Geflecht aus Idrija-Spitze und kunstvoll geschriebenen Arabesken. ‚Kataifikataifi‘ bringt die Platte souverän und entschlossen zu Ende, sodass ‚Tease Me (Summer Dub Rmx)‘ zweifellos viel zu schnell kommt. Der fast 14-minütige Dub-Remix ist der Epilog des Debüts, das man ohne übertriebenes Lob als die süßeste und heißeste Zuckerschnecke des vergangenen Jahres bezeichnen könnte.

Intimn Frizurn sind zweifellos ein neuer Name auf der slowenischen Szene, der schon jetzt das Etikett Reife, Qualität und musikalische Innovation verdient hätte, woran es unserer Musikszene immer mangelt. Sie sind kein typisches slowenisches Produkt. Eher würden sie es, ohne Zweifel, irgendwo auf der anderen Seite unserer Gefilde schaffen, wo nicht selten geistige Grenzen und Engstirnigkeit herrschen. Nicht dass ich Slowenien keine guten Bands gönnen würde! Ohne Zweifel sind die Intimn-Jungs Visionäre und musikalische Malocher, denen der Erfolg zu Recht gelingen könnte. Das Debüt ist erst der Anfang eines Weges, auf dem sie mit komplett erhobenem Haupt gehen können. Obwohl in Eigenproduktion veröffentlichte Musikwerke oft ziemlich obskur und unhörbar sind, geht es in diesem Fall um einen Mehrwert, der ein gutes Kapital für die weitere Arbeit sein kann. Wenn ihr nicht musikalisch tot seid und wenigstens einen Funken Gehör für gute Musik habt, empfehle ich euch diese Platte auf jeden Fall. Selbst wenn ihr sie nur hören würdet, wenn ihr euch daheim einen Joint dreht und einfach nur Ruhe im Kopf wollt – das ist ohne Zweifel ein Werk, das mit jedem Takt jeden Euro aufwiegt, den ihr hineingesteckt habt, ohne vorher irgendetwas über Intimn Frizurn gewusst zu haben.

Besetzung

Milan Jerkić – Gesang, Backing Vocals, Kazoo, Darbuka
Igor Iskra – Schlagzeug, Percussion
Žiga Kranjc – Bass, zusätzliche Keyboards
Žiga Rangus – Gitarren, zusätzliche Keyboards

Produktion

Kokos Kokos, Intimn Frizurn & Boštjan Pirnar

Tracklist

1. Coitus Interruptus
2. Chobanska
3. Augh (Highway Song)
4. Snow
5. Monday Morning
6. Track 6
7. Hide, Baby!
8. Shupak
9. The Fall
10. Track 10
11. Maria
12. Kataifikataifi
13. Tease Me (Summer Dub Mix)

GESAMTLAUFZEIT: 62.26

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