A Twisted Christmas
Interpret: Twisted Sister
Label: Razor And Tie Records
Veröffentlichung: 2006
Was zum Teufel kann man von einem Weihnachtsalbum erwarten, noch dazu, wenn es von einer Band wie TWISTED SISTER kommt? Wenn man bedenkt, dass das eine der bekanntesten Hard-Rock-/Glam-Metal-Bands aller Zeiten ist, landet man wohl bei einem ungewöhnlichen Schluss und einer noch schwierigeren Aufgabe, wenn es um die Review so eines Teils geht. Es geht um das Album mit dem vielsagenden Titel A Twisted Christmas. Die Übersetzung ins Slowenische ist zweideutig, deshalb überlasse ich die Wahl der Übersetzung aus religiöser Toleranz in dieser Vorweihnachtszeit jedem selbst ;-). Trotz dieser Vorzeichen wird die Review für den Einzelnen noch mal ein Stück schwieriger. Na dann, legen wir los.
Der erste Song, der Opener „Have Yourself A Merry Little Christmas“, beginnt mit einsamen Akustikgitarrentönen und betörendem Gesang, bis ein lauter Ausruf diese Stille der musikalischen Kulisse grob zerreißt: „Hey guys, what is this crap?!“ („Hey Jungs, was ist das denn für ein Scheiß?!“). Es folgt ein Umschwung auf den Kopf, im Grunde ein komischer Teil mit ein paar Heavy-Gitarreneinlagen, während Sänger Dee Snider auf dem Level von Ruhe und Feingefühl bleibt. Ein schockierender, großartiger und zugleich komischer Kontrapunkt, den Twisted Sister schon in der Vergangenheit mit Vorliebe praktiziert haben. Wenn der Hörer schon denkt, die Überraschung sei vorbei, servieren sie uns im zweiten Drittel des Songs noch eine. Der Song erinnert in diesem Teil am ehesten an den alten Ramones-Song „Blitzkrieg Bop“, doch statt des Punk-Rufs „Ay Oh, Let’s Go“ verwenden die Schwestern hier den Ruf „Ho Ho Ho, Let’s Go!“, was am Ende sehr einfallsreich und zündend rüberkommt. Ein verdammt vielversprechender Start für die Weihnachtsplatte, was?!
Der zweite Song „Oh Come All Ye Faithful“ ist wieder ein „Throwback“. Er beginnt mit der Einleitungsmelodie ihres berühmtesten Songs „We’re not gonna take it“ und verbindet sich dann mit der Textur eines Weihnachtsliedes. Wie schon in der Einleitung erwähnt, geht es um Zweideutigkeit. Einerseits komisch und einfallsreich, andererseits kann so eine Kombination auf dem konservativen Boden der USA (trotz zahlreicher Organisationen zum Schutz dieser oder jener Rechte) auf allerlei Hindernisse stoßen. Aber die Schwestern wissen schon, warum. Schlechte Werbung ist meistens die beste. Das Interessanteste an diesem Song ist, dass die Fusion der beiden Varianten unglaublich gut zusammenpasst und überraschend gut klingt. Abgerundet wird das Ganze von einem ausgewählten Gitarrensolo, das die Weihnachtsstimmung noch lebendiger malt. Zwei solche Überraschungen auf A Twisted Christmas reichen, um den Hörer zum Weiterhören zu bewegen, und so war es auch bei mir.
An dieser Stelle muss ich persönlich zugeben, dass ich kein ausgewiesener Kenner aller Twisted-Sister-Alben bin, ich kann also nicht behaupten, dass sie auf diesem Album in jeden der Weihnachtssongs einen ihrer Hits eingebaut haben. Trotzdem folgt jetzt der dritte Song mit dem Titel „White Christmas“. Der Einstieg wird bombastisch von rohen Gitarrenriffs und hämmerndem Schlagzeug im Hintergrund begleitet, und Lob gebührt hier Sänger Dee, der nicht gleich zum gewohnten Rocker-Gekreische aus voller Kehle gegriffen hat, sondern lieber den cleanen Gesang beibehalten und den Song damit irgendwie geerdet und beruhigt hat. Der Text passt gut zur musikalischen Kulisse, und der Song endet typisch rockig, mit Gitarren und einer Drum-Sequenz. Alles in allem: wieder Daumen hoch!
„I’ll Be Home For Christmas“ beginnt mit lautem Gitarrentremolo und fantastischem Gesang und wirkt auf den ersten Blick irgendwie ruhig, doch nach einer Weile folgt wieder ein Umschwung in Form eines albernen und sinnlosen Gitarrensolos. Keine Ahnung, ob das hier am Platz ist?, aber ich habe immer noch den Eindruck, dass es sich um ein Weihnachtsalbum handelt, und vier Minuten Gesäge am Heiligabend sind selbst für meine rockgeschulten Ohren ein klarer Overkill.
Weiter geht’s mit dem Song „Silver Bells“, der wieder ganz sanft und ruhig anfängt, und beim Hören bin ich mir nicht ganz sicher, ob ich im Hintergrund nicht wieder einen ihrer alten Hits höre, aber es klingt zumindest danach. Am verblüffendsten an diesem Song ist der Refrain. Den singen alle Schwestern chorisch im Kanon. Das Ganze klingt großartig und, anders als bei den vorherigen Songs, sehr aufmunternd und passend für den Heiligabend. Von allen bisher besprochenen Songs trägt jedenfalls gerade „Silver Bells“ die weihnachtlichste Botschaft. „I Saw Mommy Kissing Santa Claus“ ist zweifellos der schlagkräftigste Song des Albums, sein Höhepunkt ist ein unerwarteter Cut-off mitten im Song, gefolgt von superbem Gesang und einem exzellenten Gitarrensolo, das sich sage und schreibe eine ganze Minute zieht. Für meinen Geschmack etwas zu lang, denn mit solchen Soloeinlagen zerstören sie eher die Struktur der einzelnen Songs und machen das Album eintönig repetitiv. Wenn du aber ein eingefleischter Heavy-Metaller bist, ist dir diese Formel auf den Leib geschneidert.
Das Album geht weiter mit dem Song „Let It Snow“. Das ist ein weiteres Stück in der Reihe der weihnachtlichen Schwestern, und Dee fordert uns hier zum gemeinsamen Mitsingen auf: „Hey, it’s christmas, you need songs to sing along with, right?“. Schließlich strahlt der Song die volle Weihnachtstradition aus, gute Laune und harten Sound. Kurz: eine perfekte Rock-Party.
Das Album kippt in die zweite Hälfte, meiner Meinung nach die bessere und hörbarere. Man spürt, dass hier viel mehr Mühe reingesteckt wurde, wobei es am Ende ohnehin größtenteils nur um Auswahl und Reihenfolge der einzelnen Songs geht. Kurz: Es folgt das typische Weihnachtslied „Deck the Halls“. Nach Let it snow wieder ein Song, der in jeder Hinsicht zündet; hervorzuheben sind vor allem wieder die meisterhaften Backing Vocals aller Schwestern, mit einem Singsang im Stil von „Falala lala lala lala“, begleitet von Schellengeklingel und all den anderen zu dieser Zeit obligatorischen Arrangements. Ich muss sagen, das Ganze klingt fantastisch und zwingt dich unwillkürlich zum Headbangen oder zumindest zum gemeinsamen Schwesterngesang.
Twisted Sister haben mit diesem Release ins Schwarze getroffen, und mit passender Promotion könnte das Album leicht zum rockigen Weihnachtshit werden. Es folgen zwei Schlusssongs, zuerst „The Christmas Song (Chestnuts Roasting on an Open Fire)“, der eher ruhiger Natur ist und dem Hörer, ein bisschen im Stil jedes schönen Märchens, das Ende des Albums ankündigt.
Dann kommt noch die Abschlusshymne „Heavy Metal Christmas (The Twelve Days Of Christmas)“, wo die Schwestern statt des obligatorischen Weihnachtsrefrains „Twelve Days Of Christmas“ ihre eigene Ableitung im Stil von „Heavy Metal Christmas“ verwenden. Der Refrain wird vom schon fast markenzeichenhaften Sound der schneidenden Twisted-Sister-Gitarren und Dees unverwechselbar gefärbter Stimme begleitet. Nach einer Weile verheddert sich der Song in einer endlosen Wiederholung des Refrains, die irgendwie komisch-lustig wirkt, denn die Schwestern überholen sich mit dem unaufhaltsamen Wiederholen des Singsangs selbst und erzeugen so eine besoffene Partystimmung. Wie schon in der Einleitung gesagt, zieht das Ganze irgendwie in Richtung unserer Drinkers aus dem Zasavje. Die Limited Edition des Albums enthält noch einen Bonussong, in dem uns die Schwestern im Chor „A Twisted Christmas“ und „Twisted new year“ wünschen. Letztlich eine nette Geste, und wenn schon nichts anderes, dann ist es zumindest ein Album für die Party bis in die frühen Morgenstunden!
Besetzung
Dee Snider – Gesang
Jay Jay French – Gitarre und Backing Vocals
Eddie „Fingers“ Ojeda – Gitarre und Backing Vocals
Mark „The Animal“ Mendoza – Bass und Backing Vocals
A.J. Pero (Anthony Jude Pero) – Schlagzeug und Backing Vocals
Produktion
Mark »The animal« Mendoza
Tracklist
1. Have Yourself a Merry Little Christmas
2. Oh Come All Ye Faithful
3. White Christmas
4. I’ll Be Home for Christmas – Lita Ford, Twisted Sister
5. Silver Bells
6. I Saw Mommy Kissing Santa Claus
7. Let It Snow, Let It Snow, Let It Snow
8. Deck the Halls
9. Christmas Song (Chestnuts Roasting on an Open Fire)
10. Heavy Metal Christmas (The Twelve Days of Christmas)
Spielzeit: 41.47