First Base

0 10

Autor: Peter Podbrežnik

Interpret: Babe Ruth
Label: Repertoire Records
Veröffentlichung: 1972
Bewertung: 4.5/5

„First Base“ war das erste Album dieser legendären Band und zugleich ihr größter kommerzieller Erfolg. Völlig zu Recht, denn es ist eines der besten Rock-Debüts der ersten Hälfte der 70er. Das Album bewegt sich äußerst erfolgreich auf jener Grenze, die Hard Rock vom Progressive Rock trennt. Die beiden tragenden Säulen der Band sind zweifellos die zupackende Gitarre des übersehenen Gitarrenzauberers Alan Shacklock, der auf seiner Rhythmusgitarre nicht mit ungemein einfallsreichen Motiven geizt und zugleich den Großteil der Songs geschrieben hat, sowie der überaus energiegeladene Gesang von Janita „Jennnie“ Haan, die von der Stimmfarbe her oft wie eine Reinkarnation von Janis Joplin klingt. Neben der Originalbesetzung der Band wirkt auf dem Album auch ein Streicherensemble mit (vier Musiker spielen Cello, Brent Carter Saxofon und Caspar Lawal zusätzliche Percussion). Shacklock schrieb alle Arrangements und war gemeinsam mit Nick Mobbs Co-Produzent des Albums. Interessant: Auf den meisten Songs weht der Geist des Wilden Westens beziehungsweise der mexikanischen Grenze, was darauf hindeutet, dass die Bandmitglieder offenbar begeisterte Western-Fans waren. Ihren Teil dazu bei trägt auch der typische Blues-Sound von Shacklocks Gitarre.

Das Album eröffnet mit dem glühend heißen Hard-Rock-Brecher „Wells Fargo“, einem Song, der nach der bekannten Firma benannt ist, die in zahlreichen Western auftauchte. Shacklocks zupackendes, bluesgeprägtes Riff, die groovende Rhythmusfigur und der enorm energiegeladene Gesang von Haan packen dich sofort. Janita war eine dieser extrem seltenen Rocksängerinnen mit hervorragender Stimme und außergewöhnlichem Stimmumfang, die es mit ihren männlichen Kollegen locker aufnehmen konnte. Vergleiche mit Janis Joplin liegen da auf der Hand. Backing-Vocals und üppige Saxofon-Parts geben dem Song zusätzlich musikalische Breite. Ein echter Leckerbissen für alle Liebhaber von ehrlichem Hard Rock. Nach diesem zupackenden Auftakt erwarten die meisten Hörer, vor allem die Hard-Rock-Fans, natürlich, dass die Band im gleichen „geschärften“ Tempo weitermacht. Doch Babe Ruth sind weit mehr als bloß eine Hard-Rock-Band, und ihr musikalischer Horizont ist zu groß, um nur bei einem einzigen musikalischen Aspekt zu verharren. Ihr progressiver Sound kommt mit einer waschechten keltischen symphonischen Ballade zum Vorschein, „The Runaways“, einem Song völlig anderer Art, bei dem man im Grunde eine völlig andere Band hört. Es ist ein Stück voller keltischer Melodik, wie sie für viele britische Prog-Rock-Bands jener Zeit typisch war, mit dem wichtigen Unterschied, dass man hier auch einen Hauch mexikanischer Melodik heraushört. Auch Janitas Gesang ist hier komplett anders, ohne ihre sonst so „maskuline“ Färbung, was sich in dieser melodischen und schönen Ballade natürlich bestens ergänzt. Damit beweist sie, dass sie nicht nur eine außergewöhnlich kraftvolle Stimme hat, sondern auch ein ungemein vielseitiges Timbre. Die orchestralen Arrangements auf Keyboards, Oboe, Cello und Klavier sind sehr solide und zeigen, dass die Band einen weiten musikalischen Horizont hatte. Klar gab es damals viele Bands, die solche symphonischen Arrangements besser beherrschten, aber Babe Ruth haben nie besonders in Richtung Symphonik gedrängt, weil sie im Kern eben eine Bluesrock-Band waren. Es folgt eine großartige Version von Frank Zappas bekanntem Instrumental „King Kong“ (Uncle Meat, 1969), die in puncto Witz und musikalischem Perfektionismus dem Original in nichts nachsteht. Shacklock hat den Song in ein fast komplett jazziges Gewand gesteckt, und so hört man hier ein weiteres der vielen musikalischen Gesichter der Band. Im Song steckt ein wunderschönes Solo auf Keyboards und E-Piano. Vor allem aber lohnt es sich, Shacklocks Kunststücke an der Gitarre zu bewundern. Zweifellos eine begeisternde und mutige Coverversion, denn nur wenige Bands trauten sich damals, einen so außergewöhnlichen Gitarristen und musikalischen Genius wie Zappa zu interpretieren. „Black Dog“ ist der Song, der die beiden musikalischen Gesichter der Band, das zupackende und das experimentelle, am besten vereint, und er ist von der Stimmung her so schön wie traurig. Im ersten, größtenteils instrumentalen Teil gibt es hervorragende Klaviersoli zu hören. Im zweiten Teil kehrt Janita in ihrem ganzen energiegeladenen Element und mit einer Explosion von Emotionen zurück, mit hohem Register, bei dem man das Gefühl hat, dass es alles andere als klug wäre, sich mit ihr anzulegen, denn mit ihr ist nicht gut Kirschen essen. Shacklocks Gitarrensoli erzeugen dazu enorme Melancholie und waschechte Terzharmonien, sodass man beim ersten Hören den Eindruck bekommt, es würden gleichzeitig zwei Gitarren statt einer spielen. Der Song endet auf äußerst dramatische Weise. „The Mexican“ ist ein Klassiker der Band, der mit einem ungemein witzigen und originellen Riff beginnt, zu dem sich ein glänzendes Klaviersolo gesellt. Im letzten Teil steckt außerdem ein bekanntes Motiv, das Fans von Spaghetti-Western sofort erkennen werden. Es stammt nämlich aus einem klassischen Stück von Ennio Morricone, das im Film von Sergio Leone „Für ein paar Dollar mehr“ (im Original „Per Qualche Dollaro in Piu“) mit Clint Eastwood in der Hauptrolle zu hören ist. Der Song erkundet erfolgreich Elemente mexikanischer Musik durch eine Kombination aus dynamischen Keyboards, solider Basslinie, einfallsreichen Gitarrensoli und energiegeladenem Gesang. In seinem epischen Kern ist er sehr erhebend. „Joker“ ist dagegen ein weiterer originaler Hard-Rock-Song im mittleren Tempo, stark vom Blues beeinflusst, in dem man einen waschechten Gesangsdialog zwischen Janita und Shacklock hören kann. Haan legt hier noch einmal ihre ganze Seele hinein und zeigt, warum sie eine der großartigsten Sängerinnen ihrer Zeit war. Shacklocks flinkfingrige Soli führen den Song zu seinem Ende.

Die Version von Repertoire Records enthält auch zwei Bonustracks: eine gekürzte Fassung von „Wells Fargo“ und „Theme From a Few Dollars More“, bei dem du im Grunde eine Interpretation des Morricone-Klassikers hören kannst.

Mit ihren komplexen Songs, geschmackvollen Arrangements, dem wunderbaren Gesang und den innovativen und intelligenten Gitarrensoli wird „First Base“ sowohl Fans von gutem, intelligentem Hard Rock begeistern als auch jene Prog-Rock-Liebhaber, die nicht nur auf maximale Komplexität und Länge der Kompositionen schwören, sondern den Begriff „progressiv“ viel weiter fassen. Schade, dass es der Band nicht gelungen ist, größere Bekanntheit zu erreichen, denn sie hatte alles, was dafür nötig war. Bandleader Alan Shacklock ist meiner Meinung nach eines der am meisten übersehenen Gitarrengenies. Dasselbe gilt für Haan, die jeder Janis-Joplin-Fan gehört haben sollte. Das Cover des Albums hat der bekannte Coverkünstler Roger Dean gezeichnet, den Musikfans als Gestalter der Artworks zahlreicher bekannter (am bekanntesten sind die von Yes) und weniger bekannter Rockbands kennen. Das Album ist ein reiner Triumph und eines der besten Debüts in beiden Genres (sowohl im Prog als auch im Hard Rock). „First Base“ ist einer dieser vergessenen Klassiker, die man auf keinen Fall links liegen lassen darf.

Besetzung

Janita Haan – Gesang
Alan Shacklock Gitarre, Backing-Vocals, Orgel, Percussion
Dave Hewitt – Bass
Dick Powell – Schlagzeug
Dave Punshon – Klavier

GASTMUSIKER:
Gaspar Lawal – Conga, Bongo, Cabasa
Brent Carter – Saxofon
Harry Mier – Oboe
Peter Halling – Cello (Leitung)
Clive Anstee – Cello
Manny Fox – Cello
Boris Rickleman Cello
Jeff Allen – Schlagzeug (auf „The Runaways“)

Produktion

Alan Shacklock, Nick Mobbs

Tracklist

1. Wells Fargo (6:17)
2. The Runaways (7:27)
3. King Kong (6:44)
4. Black Dog (8:03)
5. The Mexican (5:49)
6. Joker (7:43)

Spieldauer: 42:03

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies