Very ‚eavy… Very ‚umble

0 8

Autor: Aleš Podbrežnik

Künstler: Uriah Heep
Label: Bronze Records
Veröffentlichung: 1970
Bewertung: 3.5/5

Im späten Frühling 1970 beginnt die Geschichte eines neuen Mediums, das die Entwicklung der Rockszene grundlegend beeinflusst und ihr mit seiner Einzigartigkeit für immer einen unauslöschlichen Stempel aufgedrückt hat. Die Geschichte, wie die Kritiker das Debüt aufgenommen haben, ist ja schon fast berüchtigt. Von Melissa Mills‘ Spruch im Musikmagazin Rolling Stone: „Wenn diese Band es jemals schafft, bin ich gezwungen, Selbstmord zu begehen!“, bis hin zu denen, die sich in ihren Reviews verbissen auf das Wörtchen „heavy“ im Titel des Uriah-Heep-Debüts versteiften und dann den Verzerrungsgrad der Band mit Deep Purple und Led Zeppelin verglichen, zwei Bands aus einem ganz anderen Holz. Was für ein infantiler Ansatz. Huh, um die eigenen „Schreibereien“ besser zu verkaufen, muss man sich irgendeine saftige Story aus den Fingern saugen, und Uriah Heep waren dafür das perfekte Opferlamm.

Gypsy killt. Die Wucht des Duetts aus Hammond-Orgel und Gitarrenriffs, Byrons ausdrucksstarker Gesang in Gesellschaft majestätischer, vielschichtiger Backing-Vocal-Linien, dazu ein Mittelteil voller Improvisation und ein (für die damalige Zeit moderner) psychedelischer Schluss, machten gleich am Anfang klar, was Uriah Heep wollen. Bekanntes wird mit Unbekanntem verbunden, mit „typisch heepschen“ frischen musikalischen Ansätzen. Stilistisch tendiert Gypsy zum Progressiven. Mit ihrer Originalität stellten sich Heep sofort neben die etablierten Namen und eröffneten der Musikszene schon mit dem Debüt weitere, noch unentdeckte neue Dimensionen am Horizont, die die Kritiker absichtlich oder unabsichtlich einfach übersehen haben.

Die acht Songs sind als variable Kompositionen klar voneinander abgegrenzt und jeweils gleichwertige, in sich geschlossene Ganze. Walking In Your Shadow, das auf Gypsy folgt, baut wieder auf einem kraftvollen, ausdrucksstarken Riff auf, ist aber kompakter oder besser gesagt fürs Ohr leichter strukturiert. I’ll Keep On Trying ist praktisch Gypsys schlagkräftiger „Equalizer“, voller ausdrucksstarker Motive, unvorhersehbarer Wendungen im Song und einem clever platzierten Solo von Mick im Mittelteil, das sich sorgfältig ins Gesamtbild der Komposition einfügt. Das progressive Experiment namens Wake Up (Set Your Sights), vollgepackt mit abwechslungsreichen Verzierungen auf den Drums und Rhythmuswechseln, die den Song regelrecht durchlöchern, endet mystisch mit Davids eindringlichem Gesang im Vordergrund, umgeben von einem phänomenalen Orchesterarrangement. Ein genialer Abschluss der Platte, der die Geschichte unabgeschlossen zurücklässt.

Besondere Aufmerksamkeit verdient aber die Coverversion von Tim Roses Come Away Melinda. Die Strophen sind als Dialog zwischen Tochter und Vater angelegt. Davids „weichere“ und unglaublich gefühlvolle Seite in Reinform, getragen von Akustikgitarre und phänomenalen Orchestrierungen (Intro mit Flöte und weitere Gewürze), die einen mit ihrer Überzeugungskraft im Nu packt. Der Junge hat sich dem musikalischen Ausdruck völlig ehrlich hingegeben, also mit vollem Einfühlungsvermögen. Mit feinem Gespür passte er die Stimmfarbe flexibel an und spielte beide Rollen im Song hervorragend. Außerdem ist der Band bei der Produktion dieses Songs noch ein Kniff eingefallen. Sie trennten den Dialog auf linken und rechten Monitor, um einen zusätzlichen, gewünschten Kontrast zu erzielen, und das ist ihnen voll und ganz gelungen.

In Dreammare tritt dann wohl zum ersten Mal am deutlichsten das Markenzeichen der Band hervor, das später noch ausgebaut wurde und für das Uriah Heep bis heute berühmt sind, als unübertroffene Meister dieses musikalischen Elements. Der Einsatz fünfstimmiger, vielschichtiger Vokalharmonien erzeugt innerhalb der Komposition eine unnachahmliche Stimmung, die nur die Chemie der Uriah Heep der Byron-Ära heraufbeschwören konnte. Die Magie war geboren.

Besetzung

David Byron – Lead-Gesang
Ken Hensley – Orgel, Slide-Gitarre, Mellotron, Klavier und Backing Vocals
Mick Box – E- & Akustikgitarre und Backing Vocals
Paul Newton – Bassgitarre, Backing Vocals
Ollie Olsson – Schlagzeug, Percussion

Besonderer Dank der Band:
Alex Napier – Schlagzeug bei allen Songs außer ‚Dreammare‘ und ‚Lucy Blues‘
Colin Wood – Keyboards bei ‚Come Away Melinda‘ und ‚Wake Up (Set Your Sights)‘

Produktion

Gerry Bron

Tracklist

1. Gypsy (6:37)
2. Walking In Your Shadow (4:31)
3. Come Away Melinda (3:46)
4. Lucy Blues (5:09)
5. Dreammare (4:39)
6. Real Turned On (3:37)
7. I’ll Keep On trying (5:24)
8. Wake Up (Set Your Sights) (6:22)

Spielzeit des Albums: 40:05

BONUSTRACKS DER REMASTERED-AUSGABE VON 1996:
1. Gypsy (2:57) edited and remixed version, released on several singles and compilations
2. Come Away Melinda (3:42) alternate version, previously unreleased
3. Born In A Trunk (3:45) out-take, previously unreleased alternate version of a song released for the first time on ‚The Lansdowne Tapes‘ (1993)

BONUSTRACKS DER REMASTERED-AUSGABE VON 2003:
1. Bird Of Prey – original single b-side version (=US album version)
2. Born In A Trunk – alternate version, previously unreleased
3. Come Away Melinda – alternate version, previously unreleased
4. Gypsy – extended mix, previously unreleased version
5. Wake Up (Set Your Sights) – alternate version, previously unreleased
6. Born In A Trunk – instrumental version, previously unreleased
7. Dreammare – BBC live version, previously unreleased
8. Gypsy – BBC live version, previously unreleased

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies