Dirk Schlächter und Gamma Ray beim ersten Konzertauftritt in Slowenien (2013)

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Ljubljana / CUK Kino Šiška/ Slowenien
Interviewdatum: 18.03.2013

Dirk Schlächter ist die rechte Hand von Kai Hansen – einer wichtigen Figur, die das Bild des europäischen Power Metals schon während seiner Zeit bei Helloween mitgeprägt hat, also in der ersten Hälfte der Achtziger. Kai ist seit 1989 der Chef der Power-Metaller Gamma Ray aus Hamburg. Und Dirk Schlächter kennt Hansen wie seine eigene Westentasche. Er ist von Anfang an im Gamma Ray-Team dabei, offiziell aber erst ab dem Album »Sigh No More«. Der gestandene Bassist und Gitarrist, der auch als Produzent der Gamma Ray-Alben fungiert, hat im ausführlichen Gespräch für RockLine verraten, wie die Stimmung beim Gamma Ray-Team im Rahmen der neuen Auflage der Hellish Rock-Tournee ist, die die Band zusammen mit den Landsleuten Helloween auch nach Ljubljana geführt hat – wo Gamma Ray in ihrer Karriere damit endlich zum allerersten Mal auch in Slowenien aufgetreten sind!  

RockLine: Dirk, hallo! Wie geht’s dir?
Dirk: Ich bin ein bisschen müde. Wir haben einen langen Weg hinter uns. Bis zu diesem Tag haben wir schon über 12.000 Kilometer zurückgelegt. Aber alles ist okay. Im Bus vertreiben wir uns die Zeit, wir wissen uns zu beschäftigen. Wir reden viel.

RockLine: Das ist die zweite gemeinsame Tournee von Gamma Ray und Helloween nach der ersten, die ihr im Herbst 2007 gemacht habt. Wie kam es zur erneuten Zusammenarbeit – was steckt hinter der Geschichte?
Dirk:  Als Helloween auf ihrer letzten Tournee zur Promotion des vorherigen Albums waren – wie hieß das noch mal?…

RockLine: „Seven Sinners“.
Dirk: Genau….  Als Helloween damals mit der Tournee bis nach Hamburg kamen, haben wir uns dort natürlich getroffen. Und die sagten dann Folgendes: »Wisst ihr, die Tournee läuft super, aber mit euch war’s viel lustiger!« Mit Helloween haben wir ein sehr gutes Verhältnis, wir sind große Freunde. Und wir dachten uns: Warum zum Teufel sollten wir nicht noch eine solche Tournee machen. Schon 2012 haben wir unseren Plan festgelegt, das zu tun. Gamma Ray hatten eigentlich geplant, in dieser Zeit ein neues Studioalbum zusammenzustellen, aber Kai war die ganze Zeit sehr beschäftigt mit seiner neuen Band Unisonic. Also haben wir entschieden, nur eine EP mit vier im Studio aufgenommenen Songs zu machen.

RockLine: Wenn meine Berechnungen stimmen, ist genau an dem Tag, an dem ihr hier in Ljubljana auftretet, eure neue EP »Master Of Confusion« offiziell erschienen. Ich finde das eine sehr gute Aktion – sie füllt nämlich diesen relativ langen Zeitraum, in dem Gamma Ray-Fans die Zähne zusammenbeißen und noch ein bisschen auf euer neues Studioalbum warten müssen.
Dirk: Genau das war auch unsere Absicht mit der Veröffentlichung der neuen EP. Darauf sind zwei neue Songs, und uns war es dabei sehr wichtig, mit dieser EP auch unseren neuen Schlagzeuger Michael Ehre vorzustellen. Die Sache lief sehr reibungslos – beide Songs hat natürlich Kai Hansen beigesteuert, und gemeinsam haben wir die Arrangements ausgefeilt. Der Sinn der EP ist, dass die Fans unserer Musik spüren, wie Gamma Ray mit dem neuen Schlagzeuger funktioniert. Beide neuen Songs sind ganz in der Gamma Ray-Tradition komponiert. Wir haben aber mit Michael Ehre auch schon mehr neues Material aufgenommen. Damit werden wir uns weiterem Experimentieren widmen. Gamma Ray sind ausgereifte Musiker. Große Entwicklungsüberraschungen von unserer Seite wirst du keine bekommen. Was du siehst, das kriegst du. Trotzdem trägt jeder von uns – also jeder im Team – in sich einen »kleinen Jungen«, den wir im Studio rauslassen, damit er sich ausdrücken kann. Wir probieren gerne Sachen aus, und für das neue Album kann ich ankündigen, dass es einige besondere Überraschungen geben wird. Das Album wird abwechslungsreich sein, aber natürlich werden wir nicht von unserem traditionellen Gamma Ray-Sound abweichen.

RockLine: Du hast den neuen Schlagzeuger Michael Ehre erwähnt. Kannst du die ganze Geschichte rund um den Schlagzeugerwechsel schildern – und welches die entscheidenden Gründe waren, warum der langjährige Schlagzeuger Daniel Zimmerman die Band verlassen hat?
Dirk: Nachdem Daniel viele Jahre mit Gamma Ray verbracht hatte – sowohl im Studio als auch vor allem auf Tournee, und ich muss betonen, dass Daniel buchstäblich für die Tourneen gelebt hat –, waren wir bei Gamma Ray von Anfang an mit dem Umstand konfrontiert, dass Daniel aus Nürnberg stammt. Und diese Stadt liegt ziemlich weit von Hamburg entfernt, wo die anderen drei von uns wohnen.  Daniel musste jedes Mal eine 700-km-Anreise auf sich nehmen. Deshalb mussten wir ständig auf die zeitliche Koordination achten. Weißt du, wenn Daniel nach Hamburg kam, kam er ausschließlich wegen der Proben und Aufnahmen. Wir anderen drei kehrten nach den gemeinsamen Proben ins normale Leben zurück, schnell wieder rein in den Rhythmus der Stadt Hamburg. Daniel fing langsam an, sich mit den gelegentlichen Aufenthalten in Hamburg zu langweilen. Und er hatte natürlich auch das Reisen und das Pendeln von einem Ende Deutschlands zum anderen satt. Auch wenn man auf Tournee ist. Weißt du, auf Tour lebst du für anderthalb Stunden Auftritt am Tag. Alles andere ist einfach »Rumhängen«, Zeitvertreib. Er wollte eine Veränderung in seinem Leben. Dann passierte gegen Ende 2011 außerdem, dass Gamma Ray ein sehr ernstes Angebot bekamen, im deutschen Fernsehen aufzutreten. Wir riefen Daniel an und fragten, ob er nach Hamburg kommen könne, damit wir den Auftritt spielen. Daniel antwortete,  dass er nicht könne, da er zu dieser Zeit gerade mit einer anderen Band ins Studio gehe. Er sagte, die hätten ihn gefragt, ob er ihnen helfen könne, und er werde leider genau zu diesem Termin nicht für Gamma Ray trommeln können. Ich sagte ihm, dass dieser Auftritt sehr wichtig für Gamma Ray sei, er sah das aber anscheinend nicht so. Es geschah also zum ersten Mal, dass wir Daniel brauchten und er einfach nicht da war. Da dieser Auftritt für uns sehr wichtig war, mussten wir eine Vertretung suchen. Kai und ich grübelten, wer den Schlagzeugerjob übernehmen könnte. Kai erinnerte sich daran, dass er einmal mit Uli Jon Roth gespielt hatte. Er sagte, Roths Schlagzeuger sei sehr gut gewesen. Das war Michael Ehre. Also kontaktierten wir ihn und sagten ihm, dass wir ihn für gerade mal 20 Minuten vor der TV-Kamera brauchen – für unseren Live-Fernsehauftritt. Michael stimmte zu, und das war das erste Mal, dass wir in dieser Besetzung aufgetreten sind. Wir haben uns ausgezeichnet zusammengefunden, Michael kam bestens vorbereitet zu diesem Konzert. Dann kam der Tag, an dem Daniel erklärte, Gamma Ray verlassen zu wollen. Es war 2012, und Gamma Ray hatten bereits vier Auftritte bei größeren Festivals gebucht. Wir versuchten ihn zu überreden, durchzuhalten – es seien schließlich nur vier Auftritte, was er normalerweise gewohnt ist. Die Antwort war negativ. Daniel sagte, er wolle aufhören. Wieder wandten wir uns an Michael und fragten, ob er Gamma Ray bei diesen vier Auftritten aushelfen könne. Als wir beim zweiten Festival auftraten – das war in Frankreich –, hatte ich bereits das Gefühl, als würde ich seit Jahren mit Michael spielen und nicht erst beim zweiten Konzert. Es sprach sich langsam herum, dass wir ohne Schlagzeuger dastehen. Verschiedene Drummer begannen uns zu fragen, ob wir Hilfe brauchen, weil sie gerne bei Gamma Ray spielen würden. Angebote regneten aus allen Ecken der Welt ein. Nachdem wir diese Auftritte gespielt hatten, sagte Kai, dass es keine Vorspielen für den neuen Gamma Ray-Schlagzeuger geben werde, sondern dass wir nur Michael fragen würden, ob er der Band als neues festes Mitglied beitreten wolle. Und die Antwort war natürlich positiv.

RockLine: Kai Hansen kennst du länger als irgendjemand sonst in der Band – du bist bei Gamma Ray mit dem Album »Sigh No More« eingestiegen,…
Dirk: Nein, nein. Das war früher. Mit dem Album »Sigh No More« wurde ich offiziell als festes Mitglied bei Gamma Ray aufgenommen. Mitgewirkt hatte ich aber schon beim Album »Heading For Tomorrow«. Auf diesem Album habe ich den Song Money gespielt, außerdem einige zusätzliche Basslinien für die Ballade Silence. Obwohl ich anfangs auf diesen zwei Songs Bassgitarre gespielt habe, bin ich bei Gamma Ray zunächst als Gitarrist eingestiegen. So hat es sich einfach ergeben. Kai und ich kennen uns seit 1989. Wir haben uns auf einer Mittelschule für Musik getroffen. Der Hamburger Schule für Theater und klassische Musik. Wie üblich hatte auch diese Schule Semesterferien. In dieser Ferienzeit wurden verschiedene Musik-Workshops organisiert, Ausschreibungen für neue Studenten, und es wurden auch so eine Art Tests und Prüfungen abgehalten. Für einen dieser Workshops habe ich mich auch beworben. Die Anzeige hatte ich in einer Musikzeitschrift entdeckt. Es bewarben sich 300 Musiker, davon wurden 60 ausgewählt. Unter diesen Sechzig waren Kai und ich. Das ist wirklich verrückt. Wenn es diese Ausschreibung nicht gegeben hätte, hätten wir uns sicher nie getroffen. Kai ist aus Hamburg, ich war in der Hamburger Umgebung ansässig. Bei den Aufnahmen zur ersten Gamma Ray-Platte bin ich dann nach Hamburg gezogen.

RockLine: Die Songs, die die aktuelle Setlist der Gamma Ray-Auftritte ausmachen, bieten eine außergewöhnliche Auswahl.
Dirk: Die Setlist ist eigentlich eine Ableitung der Setlist von der Tournee 2011, bei der wir unsere Konzert-DVD »Skeletons and Majesties« aufgenommen und veröffentlicht haben. Dazu haben wir zwei ganz neue Songs von der EP »Master Of Confusion« hinzugefügt, eingemischt sind auch Nummern vom aktuellen Album »To The Metal«. Ursprünglich hatten wir zwar mehr Änderungen geplant, andere Songs, aber wir waren mit dem zufrieden, was wir hatten, und haben uns entschieden, eine gekürzte Version davon auch für die Hellish Rock-Tournee beizubehalten.

RockLine: Ich würde dich gerne etwas über Kai Hansen fragen. Er ist jemand, der gleichzeitig mit Michael Kiske und Michael Weikath kommunizieren kann. Von beiden wissen wir, dass sie schon länger nicht mehr miteinander reden. Wo hat Kai diese geschickte Diplomatensprache geerbt?
Dirk: Kai ist ein sehr offener Mensch. Mit ihm kommt man gut aus. Er hat eine außergewöhnliche Toleranz und nimmt die Leute einfach so, wie sie sind. Egal ob dieselben Leute untereinander Groll hegen oder ob zwischen ihnen Dinge ungeklärt geblieben sind – Kai steht darüber und akzeptiert die Sichtweise beider Seiten. Die Gerüchte, die das alles umkreisen, sind für ihn irrelevant. Die lassen ihn einfach kalt. Beide Michaels – sowohl Kiske als auch Weikath – sind extrem kreative Persönlichkeiten, und Kai arbeitet gerne mit ihnen. Kai und Michael Kiske haben sich beim Projekt Avantasia und auf dessen erster Tournee wieder angenähert.

RockLine: Welche Musiker haben dich als junger Mann inspiriert, ein Instrument in die Hand zu nehmen und dich selbst mit Musik zu beschäftigen?
Dirk: Mich als Bassisten hat Jerry „Wyzard“ Seay von Mother’s Finest tief beeindruckt. Ich bin immer noch ein großer Fan dieser Band, vor allem wegen seiner Art, Bassgitarre zu spielen. Ansonsten steht für mich, wenn ich schon wählen muss, Stanley Clarke an erster Stelle der Bassisten. Unglaublich unberechenbar und gleichzeitig so natürlich in allem, was er anpackt. Dasselbe Motiv spielt er immer wieder anders. Er hat ein außergewöhnliches Rhythmusgefühl. Wenn ich dann noch meine Idole unter den Gitarristen nennen soll: Anfangs war ich ein großer Fan von David Gilmour, später begeisterte ich mich für Carlos Santana, und in den Achtzigern zog mich die Fusion in der Musik an. Dann tauchte irgendwo Eddie Van Halen auf. Er hat den Blues auf den Kopf gestellt und ihn mit seiner Spieltechnik völlig modernisiert. Derjenige, der von überall ein Stückchen von dem und jenem mitgenommen hat, ist natürlich Steve Vai. Und ich darf Frank Zappa und sein Werk nicht vergessen. Zappa war ein echtes Genie. Er konnte alles spielen. Buchstäblich alles.

RockLine: Gamma Ray waren schon immer faszinierend wegen eurer außergewöhnlichen Cover-Versionen. Ihr habt Songs von Judas Priest, Uriah Heep, Pet Shop Boys, Birth Control gecovert, neuerdings auch The Sweet,… Woher kommt diese große Vorliebe der Band fürs Coverspielen und auch fürs Aufnehmen davon?
Dirk: Das passiert einfach so. Jemand bei uns kommt mit einer Idee, die wir ausprobieren. Was uns beim Spielen von Songs anderer Künstler immer antreibt, ist die Neugier, wie ein bekannter Song irgendeines Interpreten klingen wird, wenn wir unsere gecoverte Version davon als Gamma Ray angehen. Es muss nicht so sein, ist aber meistens so, dass der Song, den wir covern wollen, allen in der Band gefallen muss. Wir probieren ihn aus. Auch in verschiedenen Variationen – und behalten diejenige, bei der wir alle vier auf einen Nenner kommen und bei der der Geist des Gamma Ray-Charakters rüberkommt. Wenn uns das nicht gelingt, lassen wir die Idee fallen und suchen andere.

RockLine: Auch dieses Interview nähert sich dem Ende. Ich habe noch eine Frage. Was sind die nächsten Pläne für Gamma Ray?
Dirk: Wir müssen diese Tournee mit Helloween zu Ende bringen, dann haben wir ein paar Festival-Auftritte. Im August planen wir dann mit den Aufnahmen zum neuen Studioalbum zu beginnen. Ende Juni sind Ferien. Da muss ich mich der Familie widmen. Das neue Gamma Ray-Album soll voraussichtlich im Januar oder Februar 2014 erscheinen. Noch davor verlegt sich unsere Hellish Rock-Tournee mit Helloween Ende Oktober dieses Jahr nach Südamerika. Und wenn das Album draußen ist, folgt eine neue Tournee. Als Headliner!

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