Bleeding Fist – Der Durchbruch im Ausland ist unser Ziel (2007)
Datum des Interviews: 03.08.2007
RockLine: Ich muss gleich zugeben, dass ich erst im letzten Augenblick von Bucot (Lady’s First) erfahren habe, dass man euch beim diesjährigen Biker’s Festival in Baredi vielleicht live sehen kann, gestern habe ich es erfahren…
Etienne: Ja, alles rund um diesen Auftritt ging sehr schnell…
RockLine: Ihr habt ja schon einiges an Erfahrung gesammelt… Umreiß uns doch erst mal ein paar Basics: Wann ist die Band entstanden, was für Musik macht ihr und was sind eure musikalischen Einflüsse?
Etienne: Angefangen haben wir 2004, die Idee war, aggressive und schnelle Musik zu spielen. Wir sind das, was uns an der slowenischen Küste gefehlt hat. Was es vor uns in der Küstenszene musikalisch nicht gab, genau das haben wir uns vorgenommen. In der ersten Besetzung waren wir anfangs ein Trio, so wie jetzt, dann kam noch ein Gitarrist dazu, Matej Latin, der uns nach den Aufnahmen zum Album „Immortal Hate“ (2006) verlassen hat. Vor unserem ersten Album haben wir noch zwei Demos rausgebracht. Im Moment arbeiten wir am Material für das neue Album, eigentlich ist schon die Hälfte geschrieben. Langsam gehen wir ins Studio, und irgendwann in der ersten Hälfte nächsten Jahres bringen wir das neue Album raus, und dafür suchen wir natürlich ein Label.
RockLine: Woher kommt der Name Bleeding Fist?
Etienne: Wenn du nach einer Idee für einen Namen suchst, ist es meistens so, dass du sie nie findest. Es ist passiert, dass ich einem Kumpel eine geliehene CD zurückgeben musste. Es war die Anthrax-Platte „A Fistfull Of Metal“. Auf dem Cover des Albums ist eine Faust und ein von ihrem Schlag entstelltes Gesicht samt Blut. Faust und Blut – Bleeding Fist, so ist das entstanden.
RockLine: Der Name kommt mir überhaupt treffend vor, um nicht zu sagen ideal, vor allem nach dem, was ich bei eurem Auftritt heute hier auf dem Festival erlebt habe.. Er bringt diesen Zorn, diese Wut, diesen Schmerz rüber, die ihr den Leuten direkt zeigen wollt…
Etienne: Ja, ja, ja… genau das ist es! Direkt – straight in your face, das sind wir.
RockLine: Was ich vorhin gehört habe, als ihr gespielt habt, war eine extrem brutale Variante von Thrash, der Gesang kam mir kreischend vor, so core-mäßig. Wie viel hab ich mit dieser Beschreibung getroffen, wie viel verfehlt?
Etienne: Ich gebe mir echt Mühe, dass mein Gesang nicht nach Core klingt. Ich versuche, möglichst nach Thrash zu klingen. Die Band vereint übrigens Einflüsse aus Thrash, Black und Death Metal, dazu kommen ein paar Garagen-Zutaten von Motorhead, frühen Venom und so weiter… All das zusammen haben wir als „Chaos Thrash“ bezeichnet, was wir spielen. Das ist ein Genre, das alles Genannte vereint. Thrash überwiegt, alles andere ist Chaos.
RockLine: Unglaublich, wie diese Genre-Bezeichnungen über Nacht ins Kraut geschossen sind, wenn ich nur an all die Varianten denke, die um das Wort „Core“ herumschwirren… Mich hat da die Zeit überrollt, ich bin irgendwo tief in den Achtzigern stehen geblieben….
RockLine: Slayer, oder?
Etienne: Heh, das ist wieder ein anderes Lied.
RockLine: Ihr habt dieses Jahr auf dem Metal Camp gespielt! Super, dass ihr dort wart, bravo. Sag mir, wie war das Gefühl, auf dem Metal Camp zu spielen?
Etienne: Die Auswahl war wirklich heftig. Wenn ich mich nicht irre, gab es insgesamt 7 oder 9 slowenische Bands, alle anderen Bands waren hauptsächlich deutsch und große Namen, wir haben auf der Talent Forum Stage gespielt. Auch der erste Eindruck war einmalig, auch das Publikum… Es waren mehr Leute da, als ich mir anfangs zu erwarten getraut hätte, auch die Resonanz. Ich dachte, es stehen ein paar Leute vor der Bühne, und dann hat es sich gefüllt…
RockLine: Haben sie zu eurer Musik auch ordentlich die Rübe kreisen lassen?
Etienne: Oh ja, ja… Auch das gab’s, gab’s, ha, ha, ha…
RockLine: Hast du dir als Fan dann auch Motorhead auf dem Metal Camp 2007 angeschaut? Hält sich Lemmy noch?
Etienne: Ja ja, absolut. Lemmy wird weitermachen, solange es Zigaretten und Alkohol gibt, um den muss man sich überhaupt keine Sorgen machen.
RockLine: Sag mal, wie siehst du die Thrash-Metal-Szene in Slowenien heute? Ich persönlich finde, dass es ein paar Bands in diesem Genre gibt, die aber ziemlich unterschiedlich sind. Da hast du Negligence, die Wiederbeleber des Bay-Area-Sounds mit ausgefeilt verschnörkelten Soli und komplex gebauten Harmonien unter den Thrash-Riffs, dann ist da das Trio Fosgen, wieder eine andere Geschichte, und jetzt tauchen ihr auf…
Etienne: Uff ja, Negligence sind super, Fosgen spielen, soweit ich weiß, eher Coversongs, und wir sind im Vergleich zu beiden Bands noch direkter darin, Aggression rüberzubringen, und in den Ausbrüchen von Brutalität.
RockLine: Strikter Schwerpunkt auf Halbton-Riffs?
Etienne: Ja ja. Und mit einem Garagen-Feeling, mit dem, was Bands wie Motorhead, Slayer, Venom, Sodom… in die Musik gebracht haben. Wie würde ich das alles zusammenfassen? Krieg, Krieg… „positiver“ Krieg, so ungefähr.
RockLine: Habt ihr in naher Zukunft feste Gigs?
Etienne: Ja. Zuerst spielen wir auf dem Metal Mania Festival 2007 (10.08.2007 – 11.08.2007, Anm. d. A.) in Komen, wo wir das Festival am Freitag, dem 10.08.2007, um 17.00 Uhr eröffnen, dann spielen wir zum Fischerfest in Izola, in irgendeinem Club. Danach weiter in Koper, ich glaube am 07.09.2007, diese drei Termine stehen schon sicher fest.
RockLine: Ganz allgemein: In welche musikalischen Richtungen gehen die jungen Bands hier an der slowenischen Küste und im Küstenhinterland?
Etienne: Eher dürftig. An der Küste gibt es viel Indie, zum Beispiel in Izola, in Koper wird der sogenannte Metalcore immer beliebter.
Etienne: Ja, ja. Und Bands wie uns unterstützt man hier an der Küste nicht. Deshalb waren wir gezwungen, selbst Konzerte an der Küste auf die Beine zu stellen, auf denen wir dann spielen konnten. Zum Beispiel hier, jetzt auf diesem Biker’s Festival in Baredi, ist es uns gelungen…
RockLine:… ich persönlich war total überrascht und begeistert, als ich euren Bühnenterror gehört habe. Mir ist aufgefallen, dass ihr auch auf den äußeren Auftritt viel Wert legt und euch darum kümmert. Das ist sehr wichtig, ich glaube, den Slowenen fehlt das. Sie können technisch super spielen, aber auf der Bühne ist es ihnen egal, ob sie in zerfetzten Traktor-Klamotten rumstehen. Fasziniert haben mich auch dein außergewöhnliches Selbstbewusstsein und dein entschlossenes Auftreten.
Etienne: Ja, in Slowenien gibt es viele, viele, viele Bands, die spielerisch super sind, echte ausgefeilte Maschinen, Perfektion bis zum Gehtnichtmehr, wirklich. Aber gleichzeitig gibt es hier in Slowenien wenige Bands, die Eier haben. Und das ist in der Musik sehr, sehr wichtig. Technik kommt mit der Zeit, aber Eier kannst du dir nicht holen oder irgendwo kaufen. Du musst sie haben. Und genau das fehlt wirklich, nicht nur den Slowenen, sondern heute weltweit. Ich glaube, Bleeding Fist haben diese Eier.
RockLine: Ich hab sie vorhin zweifellos gespürt, als ihr losgelegt habt…. Wie läuft das bei euch als Trio untereinander, wie ist das Verhältnis? Passt alles zwischen euch, wenn ihr im Studio Songs schreibt?
Etienne: Ja ja, alles läuft, und es ist auch leichter jetzt, wo wir wieder zu dritt in der Band sind. Der Punkt ist, dass du dem Publikum was geben musst. Dass das Publikum was spürt. Wenn das Publikum was spürt, spürst du auch was, und umgekehrt. Wenn dir das gelingt, bist du auf der Siegerstraße. Und genau das wollen wir dem Publikum geben. Der Kern ist, dass wir unsere ganze Wut und diese ganze Negativität in die Musik packen und sie den Leuten unter der Bühne zeigen. Auch die geben diese Energie, wenn sie sich schubsen und schreien, an die Band zurück. Da muss ein Energieaustausch zwischen dem Volk und der Band stattfinden. Dazu muss es kommen.
RockLine: Was wollt ihr in den Songtexten vermitteln?
Etienne: Politik interessiert uns nicht so sehr, die Texte sind eher militärisch, etwas Mystizismus und Okkultismus ist natürlich auch dabei. Mich ziehen Themen an, die Black-Metal-Bands wählen, oder Themen, wie sie Slayer wählen.
RokcLine: Wie arbeitet ihr mit Leuten in Slowenien zusammen, die vom Musikgeschäft leben?
Etienne: Fakt ist, dass es bei uns keinen Professionalismus gibt. Die meisten antworten gar nicht auf unsere Mails und Anfragen, meistens machen sie leere Versprechungen oder Versprechungen, die dann nicht eingehalten werden, und das hat mich bisher von der slowenischen Szene sehr enttäuscht. In Slowenien bekommt man das Gefühl, dass dich alle schief angucken, wenn du anfängst, eine Band aufzubauen und sie mit deiner Musik zu präsentieren, was Ernsthaftes in der Richtung zu machen. Klar ist, dass du das in erster Linie für dich selbst machst, aber du musst diese Musik auch präsentieren, du musst die Chance bekommen, sie den Leuten näherzubringen. Denn es ist schön, etwas zu machen, aber Musik ist nicht gerade billig.
RockLine: Das können die Leute im Musikbusiness in Slowenien wirklich nicht schätzen, das ist traurig. Und wie sieht’s im Ausland aus, was sind die Erfahrungen mit dem Ausland und die Reaktionen aus dem Ausland auf eure Musik?
Etienne: Es sind ein paar Termine für Konzerte im Ausland im Spiel, und zwar reden wir über Auftritte in Tschechien, aber das ist noch nicht endgültig bestätigt, wir sind auch zu irgendeinem Festival nach Mailand eingeladen, darüber hinaus wissen wir nicht…. Wir werden sehen. Aber das Ausland ist ansonsten unser Ziel, denn hier in Slowenien hat die Band keine Zukunft. Versteh mich nicht falsch. Slowenien packen wir sowieso, aber das ist nicht unser Ziel, wir zielen nicht auf Slowenien, das reicht nicht.
RockLine: Das ist schön zu hören, zum ersten Mal höre ich es ehrlich von jemandem, der Musiker ist und zur Riege der slowenischen Schwergewichts-Bands gehört, dass er von sich aus sagt, sein Ziel sei der Durchbruch im Ausland, daran sollten sich wirklich auch die anderen slowenischen Bands ein Beispiel nehmen…
Etienne: Genau. Man muss raus. Aber wenn du das hier bei uns sagst, kriegst du als Antwort, du seist eine Tunte und wolltest nur Geld. Wieso Geld, wenn wir nur unsere Musik machen wollen und das ist alles. Geld brauchst du ja sowieso. Am Anfang kannst du von der Musik nicht leben, das sicher nicht. Deshalb musst du arbeiten, sonst ist nichts.
RockLine: Es ist großartig, dass ihr die allgemeine slowenische Bescheidenheit überwunden habt, die in der genannten Riege slowenischer Bands herrscht.
Etienne: Für mich ist der Gedanke ans Ausland dabei völlig logisch. Zum Beispiel ist eine solche Band Laibach, Hut ab, wirklich. Dann seh ich Noctiferia, bei denen mein Kumpel Matjaž Schlagzeug spielt,… Die sind für mich die beste slowenische Metal-Band. Die haben was auf die Beine gestellt, auch im professionellen Sinn, und zielen „aufs Große“, die respektiere ich wirklich. Bleeding Fist können sich die zum Vorbild nehmen, auch wenn wir noch mehr wollen.
RockLine: Wenn ich andeuten und ein bisschen spekulieren darf: Euch wird man wahrscheinlich zuerst im Ausland entdecken, zum Beispiel ähnlich wie die Geschichte von Laibach…
Etienne: Sehr wahrscheinlich wird es so kommen.
RockLine: Danke dir für deine Zeit, Etienne, ich wünsche Bleeding Fist wirklich alles Gute auf eurem Weg nach oben! Sag, hast du zum Abschluss des Interviews noch irgendein Statement, was Interessantes, eine wichtige Botschaft?
Etienne: Vielen Dank für dieses Interview, ansonsten sehen wir uns auf der Metal Mania, und besucht unsere Website www.bleeding-fist.com und ich hoffe, dass wir irgendwann mal wieder so zusammenarbeiten.
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