Slayer – Christ Illusion und die Rückkehr zu den Wurzeln (2007)
Autor: Sandi Sadar Šoba
Datum des Interviews: 16.06.2007
Am selben Tag, an dem wir mit Clawfiner gesprochen hatten, stand noch der journalistische Höhepunkt des letzten Tages von Nova Rock 2007 an – das Interview mit den Thrash-Größen Slayer. Je näher die Stunde des großen Galaabends rückte, desto klarer wurde, dass die Stars des Abends sterngemäß launisch sind und dass das ganze Gespräch durchaus ins Wasser fallen könnte, denn laut den Veranstaltern und den immer nervöseren Promotern waren sie bis in den späten Nachmittag noch immer aus den Niederlanden unterwegs. Trotz der langen Fahrt haben sie sich aber doch ein paar Minuten auch für die Medien abgezwackt. Der Gesprächspartner stand fest. Für die Printmedien war der bärtige Gitarrist und Ikone der amerikanischen und weltweiten Metal-Szene, Kerry King, bereit, seinen Sack voller Geheimnisse zu öffnen. Um neun Uhr abends machten wir, die Vertreter der Pressezunft, uns also in einer Reihe aufgestellt auf den Weg zu dem gemauerten Gebäude hinter der Hauptbühne, wo die Wartezeit in die Schlussphase kippte. Uns erwartet eine Pressekonferenz. Wir bekommen grünes Licht und gehen durch die Tür. Im Vorraum redet sich Bassist Tom Araya für ein Interview mit dem nationalen Fernsehen ORF in Fahrt. Wir anderen gehen vorbei, betreten einen Holzraum und setzen uns. Kurz darauf geht die Tür auf und herein kommt, ein Glas Coca-Cola in der Hand, Mister King persönlich …
Press: Hallo. Wir hatten schon fast die Hoffnung aufgegeben, dass ihr heute überhaupt noch herkommt.
Kerry King: Die Sache ist die, dass wir selbst nicht wussten, dass wir heute hierher müssen. Das haben wir erst vor knapp einer halben Stunde erfahren.
Press: Es ist uns wirklich eine Ehre, dass es doch noch geklappt hat. Gleich steht ihr beim Nova Rock auf der Bühne, das von letztem auf dieses Jahr epische Ausmaße angenommen hat. Was erwartet ihr vom heutigen Auftritt?
Kerry: Ist halt nur wieder ein Festival in einem weiteren Land. Gestern haben wir auf einem Festival in den Niederlanden gespielt, und das war wieder ein intensives Konzert an einem Ort, an dem wir noch nie gespielt hatten. Angefangen hat es in Venedig. Und als zweites in der Reihe der Festivalauftritte kamen die Niederlande. Trotz Regen war es echt einmalig, und ich denke, heute wird es genauso. Eigentlich sind hier ziemlich viele Freunde von mir.
Press: Das Line-up ist echt grandios.
Kerry: Genau das sag ich dir ja (lacht).
Press: Und auch bei Konzerten, die nicht eure sind, rufen viele Fans euren Namen? Wie kommt das?
Kerry: Wenn du die Namen Slayer und Metallica vergleichst – Slayer lässt sich leichter skandieren (lacht). Metallica hat in den letzten paar Jahren zum Beispiel zu viele Zweifel geweckt. Wir bezeichnen uns gern als die Thrash-Version von AC/DC. Wenn wir in die Stadt kommen, wisst ihr, was wir gemacht haben und was euch bei unserem Auftritt erwartet. Wir sind quasi eine Garantie.
Press: Ich habe gehört, in Göteborg ist etwas passiert. Was ist da wirklich passiert?
Kerry: Dort haben wir nur einen Auftritt gespielt, aber wegen der Festivalbeschränkungen sind wir um den zweiten Gig gekommen. Total sinnlos. Das Publikum hat gebrüllt und das Beste aus sich herausgeholt. Vor dem Auftritt haben sie uns ein Papier zum Unterschreiben hingelegt, dass wir die erteilte Erlaubnis nicht überschreiten. Da war ziemlich viel Polizei. Und die Stimmung war echt angespannt. Ich persönlich hatte da eigentlich eine super Zeit, weil ich dort spielen durfte. Es war einer der kleinsten Gigs, die wir in den letzten paar Jahren gespielt haben, und ich habe mich echt auf die Rückkehr gefreut, aber sie haben es mit dem ganzen Scheiß versaut, der schon abging, bevor wir überhaupt angekommen waren.
Press: Kommen wir zur Platte. Manche Medien vergleichen die Platte Christ Illusion. Auch Medien, die Rockmusik gegenüber sehr kritisch sind, räumen ein, dass ihr ein richtig gutes Album veröffentlicht habt, das das Thrash-Genre nicht nur Metal-Fans, sondern auch durchschnittlichen Rock-Hörern näherbringt. Was sagt ihr zu alldem?
Kerry: Gerade weil wir schon so lange in der Szene sind, sind die Leute aufmerksamer geworden und haben sich tatsächlich die Zeit genommen, das zu analysieren, was wir machen – davon hätte man vor 25 Jahren nur träumen können. Das ist eine gewisse Anerkennung. Die Leute hören zu, und die Möglichkeiten sind so, dass alles, was wir gemacht haben und machen, ganz leicht zugänglich und griffbereit ist. Und was Journalisten und Rezensionen angeht – ist mir echt egal. Wenn ich mir alles zu Herzen genommen hätte, was die Medien schreiben, hätte ich mir schon vor 15 Jahren eine Kugel in den Kopf gejagt.
Press: Und was sagst du zu allem, was in der Musikszene gerade abgeht, und zu all den neu entstandenen Thrash-Metal-Bands der neuen Generation?
Kerry: Ehrlich gesagt höre ich da nur selten rein. Viele von denen schütten das Zeug kistenweise raus. Trotzdem liebe ich Bands wie Chimaira. Ich wüsste nicht, wohin ich mich sonst wenden sollte, um etwas Neues und wirklich Frisches zu sehen. Die Jungs haben in Amerika ein neues Album rausgebracht. Trotzdem ist das alles super, denn Metal ist wieder angesagt und hat das Schwert in der Hand. Es ist gut, dass junge Bands wieder die Chance bekommen, ihr Glück zu versuchen.
Press: Neulich haben hier auch Mastodon gespielt…
Kerry: Hab sie gestern in den Niederlanden gesehen…
Press: Ihr seid Referenz und Einfluss – wer sich in den Metal einarbeitet, kommt nicht daran vorbei, sich eure Einflüsse anzuschauen. Welche Bands würdest du als die vielversprechendsten der Gegenwart hervorheben?
Kerry: Chimaira, Children Of Bodom, In Flames, Arch Enemy, Lamb Of God, Machine Head…Das Album Burning Red mochte ich nicht, aber sie haben sich ein paar großartige Korrekturen an den Gürtel gesteckt. Sie sind zur echten Schärfe zurückgekehrt. Und jetzt versuchen sie, in den USA wieder auf den Thron zu kommen. Viel Glück, Jungs!
Press: Kommen wir nochmal zurück zur letzten Platte. Viele ziehen Parallelen zwischen den Alben Reign In Blood und Christ Illusion. Was wäre deine Parallele zwischen den beiden? Abgesehen vom Artwork, das vom selben Künstler stammt?
Kerry: Ich glaube, wir haben das Album God Hates Us All thematisch weiterentwickelt. Das war das härteste Album, das wir seit Seasons In The Abyss gemacht haben. Außerdem finde ich, dass Christ Ilusion nur eine härtere Version von Reign In Blood ist. So hat sich die Platte ihren Platz in meinem Kopf erkämpft. Und das Artwork… Als wir einmal mit Larry (Carroll, dem Designer) zusammengearbeitet hatten, fanden wir es super, das zu wiederholen. Bei Seasons In The Abyss haben wir ihn ins Boot geholt, und so wurde er Teil des Puzzles, wie wir die ursprüngliche Energie der Band zurückholen, die ursprünglich die wahren Slayer waren.
Press: Das Werk ist einmalig und drückt Understatement aus.
Kerry: Mir kommt es in erster Linie niedlich vor, weißt du. Endlich habe ich das Wörtchen „niedlich“ benutzt, das ich sonst nie sage. Ich dachte, es wäre cool, weil wir so lange nicht mit ihm gearbeitet haben. Dave ist zurückgekommen, und wir haben festgestellt, dass er wieder verfügbar und selbst heiß auf die Sache ist.
Press: Deswegen hattet ihr auch Probleme. Findest du es wirklich so extrem, dass Leute so empfindlich reagieren, wenn es um religiöse Themen geht?
Kerry: Es ging um die Beurteilung eines Künstlers, der religiös inspirierte Bilder malt, aber die Sache ist die, dass wir ihm gar nicht gesagt haben, was er malen soll. Wir haben ihm nur gesagt, dass wir ein paar Texte und Titel haben. Wir wussten überhaupt nicht, wie das Ergebnis aussehen würde. Wir haben ihm nur grünes Licht gegeben und voll darauf vertraut, dass er etwas Verrücktes schaffen würde. Er hat die erste Version gemacht, dann haben wir sie uns angeschaut und gefragt, ob er ein paar Sachen ändern kann. Zum Beispiel Christi Hände, die es auf dem Album nicht gibt (da sind nur Stümpfe), aber das war ursprünglich ganz seine Idee.
Press: Und Tom? Wie weit kann er mit seiner antikatholischen Haltung gehen?
Kerry: Keine Ahnung. An die äußersten Grenzen ist er noch nicht gekommen… (lacht)
Press: Und wie beurteilst du selbst seine Überzeugungen?
Kerry: Ich denke, alle, das ist ja das Schöne daran, sich zum Atheisten zu erklären … Es ist egal, woran du glaubst. Sag mir bloß nicht, woran ich glauben soll! Es ist mir egal, was ihr oder Tom gut findet. Das ist ganz eure Sache, solange ihr mir eure Glaubensansichten nicht aufdrückt.
Press: Mir hat ein Medienzitat gefallen, in dem es hieß, dass Thomas Jefferson Slayer hören würde, wenn er noch lebte. Ihr seid Kritiker des Systems, an dem die heutige Welt verfault. Was würdest du bei der heutigen Weltlage als Zentrum deiner persönlichen Kritik hervorheben?
Kerry: Politische? Ich verfolge Politik überhaupt nicht. Das ist nicht mein Gebiet. Es ist keine Herausforderung, die Schritte von George Bush zu kritisieren, denn alle wissen schon, dass er ein Idiot ist (lacht). Das weiß die ganze Welt. Und wir zählen alle schon die Sekunden, bis er endlich das Oval Office verlässt, nämlich nächstes Jahr. Ich weiß aber nicht, ob sein Nachfolger die Lage ändern und verbessern wird.
Press: Christ Illusion klingt anders als die beiden Vorgängeralben. Es ist eine Rückkehr in alte Gewässer. Was wäre der nächste Schritt, den ihr Slayer gehen werdet?
Kerry: Hab keinen blassen Schimmer! Dazu kann ich was sagen, wenn es so weit ist (lacht). Darüber habe ich tatsächlich noch nicht nachgedacht.
Press: Das Album hat ziemlich scharfe Reaktionen und Bombenalarme ausgelöst.
Kerry: Von Mohammed und ähnlichen Sachen habe ich nicht gerade eine klare Ahnung. Deshalb kann ich nur über Dinge urteilen und schreiben, die ich kenne. Das Christentum ist so ein Fall, denn ganz Amerika ist davon durchdrungen. Es gibt Fraktionen, die Buddha und Mohammed lieben. Es gibt Christen und Lutheraner. Im Grunde ist es aber nur eine Goldgrube, denn sie verkaufen Ablässe, wenn du Mitglied bist, aber dafür musst du zahlen. Das ist pervers! Wenn ich über etwas schreiben würde, wovon ich keine Ahnung habe, wären die Songs ziemlich beschissen und bedeutungslos.
Press: Schreibt ihr schon neues Material?
Kerry: Eigentlich habe ich neulich ein paar Ideen bekommen, die ich mir aufschreibe. Songtitel zum Beispiel, gute Verse. Aber weil ich auf Tour bin, kann ich daheim in Amerika nichts in Bewegung bringen. Es dauert also noch acht bis zehn Monate. Eine Tour ist ein Prozess, der alle Routine auf den Kopf stellt. Ich würde ja gern etwas Konkreteres machen, aber ich bin ausgebremst, bis ich nach Hause komme und mich auf meine kreativen Energien konzentrieren kann.
Press: Und was sagst du zu den Aussichten auf ein neues Metallica-Album?
Kerry: Ich hoffe, Rick bringt sie dazu, endlich das zu tun, was sie tun sollten.
Press: Wird es ihnen gelingen?
Kerry: Nach der letzten Platte zu urteilen, nein!
Press: Und was sollten sie deiner Meinung nach tun?
Kerry: Wenn sie Metallica sein wollen. Als St. Anger rauskam, haben sie gelabert, das sei eine Rückkehr zu den Wurzeln, aber das war einfach nur Müll. Hacken wir nicht nur auf Metallica rum. Wir alle wissen, dass sie Scheiße produziert haben. Ich selbst sehne mich nach einem neuen Master Of Puppets oder so was. Das war einmalig, und das ist das, was für mich das Konzept von Metallica ausmacht.
Press: Oder es geht um Evolution in der Musik…
Kerry: Alter! Das kann man kaum Evolution nennen (lacht).
Press:Und dass alles in die Achtziger zurückkehrt?
Kerry: Nicht alles! Nur der Stil! Das ist es, was wir versuchen.
Press: Du hast vorhin von Rick gesprochen. Auf der letzten Platte habt ihr mit Josh Abraham gearbeitet, was nach sehr langer Zeit die erste Zusammenarbeit mit einem neuen Produzenten war. War die Umstellung für euch schwierig?
Kerry: Eigentlich war die Arbeit richtig elegant, denn als wir loslegten, hat es einfach gepasst, als würden wir mit Rick arbeiten. Produzenten haben den besten Job der Welt – sie tauchen auf und gehen wieder. Aber Josh hat einen großartigen Job gemacht. Ich habe viel mit dem Engineer John Ewing gearbeitet, tatsächlich mehr als mit Josh. Mit Josh habe ich mich ein paar Mal an den Tisch gesetzt und über den gesamten Sound diskutiert, und das ist besser, als jemandem zu nah zu sein, denn dann fällt das Entscheiden schwerer.
Press: Mit Rubin habt ihr viele Jahre gearbeitet, und plötzlich haben ihn andere Projekte wie Linkin Park und Metallica von euch weggelockt. Habt ihr ihm das übelgenommen, und könntet ihr noch mal mit ihm arbeiten?
Kerry: Das ist kein Groll. Dann soll er lieber eine großartige Platte produzieren! Ich wusste schon, bevor sie rauskam, dass die Platte großartig wird. Über dem Metallica-Lager hängt aber ein großes Fragezeichen.
Press: Und in zehn Jahren? Wie stellst du dir die Zukunft vor, ihr seid ja schon sehr lange dabei?
Kerry: Eine Garantie kann ich nur für zehn Jahre im Voraus geben, denn ich kann nicht so funktionieren wie die Rolling Stones oder Black Sabbath. Iommi macht seit dem ersten Tag dasselbe – er steht auf der Bühne. Bei uns ist viel mehr körperliche Arbeit dabei, und das unterscheidet uns von den anderen und macht die Slayer-Show aus. In 10 Jahren werde ich 53, und wenn ich dann noch kann, was ich jetzt mache, in zehn Jahren – das wäre super (lacht).
Press: Was würdest du denn machen bzw. was wirst du machen, wenn die Garantie abläuft und ihr den „Laden dichtmacht“?
Kerry: Ich habe viele Dinge, mit denen ich mich beschäftigen könnte. Ich habe wieder mit der Reptilienzucht angefangen. Davon könnte ich tatsächlich leben. Auch die Schufterei für Slayer hat sich ausgezahlt, und ich kann von den Vertragsboni bei der Plattenfirma leben. Merch-Verkauf und so weiter. Es gibt jede Menge.
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