Motörcity festival 2018 – zweiter Tag

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Tolmin / Sotočje / Slowenien
Datum des Konzerts: 18.08.2018
Besucherzahl: 550
Kartenpreis: 70,00€ (Dreitageskarte)

War der erste Tag des Motörcity Festivals im internationalen Sinne farbenfroher, so bot der zweite Tag, der insgesamt sechs Acts auf die Bühne brachte, nur das Wehen slowenischer und britischer Fahnen. Mitten am Tag fiel urplötzlich eine ordentliche Portion »weich gewordenes« Wasser vom Himmel, das den ausgetrockneten Festivalboden kräftig tränkte und in der Folge auch eine respektable Dosis Schlamm lieferte, der den Rasenuntergrund des Festivalgeländes beträchtlich »schmückte«. Das ist aber eigentlich egal, denn das Wetter hielt während der Auftritte am zweiten Tag perfekt. Wichtiger als das: Beim Festivalglücksrad wurde jemand auch glücklicher Gewinner eines neuen eisernen Rössleins.

Den zweiten Festivaltag eröffneten die slowenischen Bluesrocker El Kachon. Die Band mit einer langen Karriere, zahlreichen gespielten Konzerten im In- und Ausland und drei Studioalben im Gepäck bewahrt ihre unverkennbare musikalische Haltung, Fokussiertheit und Bühnendynamik. Der elementare, organische Sound, das reiche Geflecht aus Gitarrenphrasen und Soli auf der Achse Tomi Perinčič – Andrej Barbič »Krt«, einem Duo, das tatsächlich das Gerüst des Klangs und des Stils der musikalischen Wiedererkennbarkeit der Gruppe schafft, hält die Ausdruckskonstante sowie die Klarheit, die Tomi auf der Slidegitarre keineswegs fehlt. Neben der vollblütigen Rhythmussektion, die den Riffs Leben und Farbe einhaucht, ist da natürlich noch der Gesang von Tina, der der Gruppe eine besondere Note verleiht und die Bühnenpräsenz sowie ihre Zugkraft noch verstärkt. Man hört dem Sound allerdings an, dass die Besetzung mit zwei Mitgliedern weniger auftrat, als wir es einst gewohnt waren. Auf der Bühne fehlten nämlich Keyboards und Perkussion. Das Quintett bereitete ein Repertoire vor, das sich stärker auf die frühen Schritte der Karriere konzentrierte. Wenn du ein Fan der The Allman Brothers Band oder der Tedeschi Trucks Band bist, wirst du bei El Kachon so manches Verwandtes, Unterhaltsames und Interessantes finden – und auch Einzigartiges.

The Bad Flowers sind ein britischer Rock’n’Roll-Haufen aus drei geschliffenen Rüpeln, der nach der Feinheit von El Kachon ein deutlich höheres Maß an rockerischer Ungeschliffenheit, Zügellosigkeit und unbekümmerte Direktheit auf die Bühne brachte. Sänger Tom Leighton zeigte eine außerordentlich gelungene Kombination aus Gitarrenspiel und vokaler Rüpelhaftigkeit. Er ist wirklich außergewöhnlich – seine Gitarre und sein durchdringender Gesang füllen enorm viel Raum auf der Bühne und im Sound. Ihm zur Seite stehen der rasende Schlagzeuger Karl Selickis und Bassist Dale Tonks, der bei der furiosen Darbietung schnell ins Schwitzen geriet. Hard Rock übergossen mit oktan-glühendem Rock’n’Roll und dem geschickten Ausfüllen des verfügbaren Raums innerhalb der Phrasen mit erstklassigem Solospiel. Kurzum: Revivalismus, aber herzlich und aufrichtig in neue Zeiten übertragen. Eine Band, die irgendwie genau die Energie mitbrachte, für die am Tag zuvor auf dem Festival The Brew gesorgt hatten. Das Studioalbum »Starting Gun« wird von der Gruppe also noch in diesem Jahr erwartet, und die Band präsentierte Songs davon bereits mit Feuereifer. Amüsant war, dass sich die Band auch an einem Cover von Black Sabbaths War Pigs versuchte, das am Tag zuvor Popa Chubby auf dem Festival gespielt hatte.

Es folgte der Auftritt der Band The Kris Barras Band, die von? Kris Barras natürlich angeführt wird. Mit dabei sind Josiah J Manning (Keyboards), Elliott Blackler (Bass) und Will Beavis (Schlagzeug). Ein unglaublich attraktiver Musiker – und das nicht wegen eines trendigen Haarschnitts, Tattoos oder Gesichtsbehaarung, sondern aufgrund seiner unglaublichen Vielseitigkeit, die sein Gitarrenspiel charakterisiert. The Kris Barras Band überbrückt daher mühelos die Genres Blues, Folk – genauer gesagt Country –, fügt dem Ganzen eine gehörige Dosis Southern Rock hinzu, und man muss dabei im Hinterkopf behalten, dass The Kris Barras Band dabei auch stattliche Hard Rocker sind. Kris Barras hat eine äußerst raffinierte Spieltechnik entwickelt, bei der er im selben Atemzug Pick und Fingerpicking einsetzt. Vom letzten Album »Divine And Dirty« spielte die Band Hail Mary und Propane, vom Album »Lucky 13« I Got Time, Heart On Your Sleeve sowie den Hard-Rock-Kracher Rock ’n’ Roll Running Through My Veins, bei dem auch Fans eines Free die Ohren gespitzt hätten. Ein super Auftritt – sowohl in der Ausführung als auch in Bezug auf die arrangierte und kompositorische musikalische Schichtung, die eine kräftige Portion prägnanter Stimmungsebenen hervorbrachte als Resultat einer mutigen Genrefusion. Es muss nicht extra erwähnt werden, dass Kris auch ein Meister der Slidegitarre ist und auf die National Steel schwört.

Stray Train ist eine slowenische Hard-Rock-Band, die zuletzt auch beim Durchbruch auf die internationale Bühne außerordentlich erfolgreich ist. Zwei mutige Alben im Gepäck, unermüdliches Bühnenschuften. Stray Train sind am Zusammenfluss von Tolminka und Soča irgendwie zuhause. Eigentlich Lokalmatadore des Geländes. An diesem Tag brachten Stray Train das genremäßige Äquivalent zu dem, was am Tag zuvor auf dem Festival The New Roses geliefert hatten. Jedes Mal, wenn man sie sieht, wirken Stray Train wie eine konstante Weiterentwicklung ihrer selbst. Das ist der Beweis, dass die Band noch immer wächst, stetig reift und kontinuierlich ihre Kunst verfeinert – auch in der Ausführung, was sich auch bei diesem Konzert widerspiegelte. In Sachen Professionalität und professioneller Einstellung zu ihrem Handwerk können sie eigentlich ein echtes Vorbild für andere slowenische Künstler sein, die sich in ähnlichen Genresphären bewegen. Die Jungs haben so einige außerordentlich beherzt gezimmerte Rockzünder im Gepäck, mit denen sie während der Show durchgehend geschickt und wirkungsvoll eine hohe, vibrierende Atmosphäre aufrechterhalten. Die Band ist in diesem Jahr reifer geworden. Sie haben Konzerte als Vorband für Größen wie Nickelback (Moskau, St. Petersburg) und Scorpions (Ljubljana) gespielt und den Geschmack ausverkaufter Stadien gekostet. Beim Motorcity sah das Bild zwar etwas anders aus, aber die Band ließ sich davon kaum beirren. Sie lieferte das Beste, was sie kann und vermag. Und das ist außerordentliche Eingespieltheit, Kompaktheit, chemisches Gespür, eine Menge Bühnendynamik. Ein abgestimmter und fest geschliffener, druckvoller Hard-Rock-Sound, angeführt von einem ausgearbeiteten, souveränen und autoritativen Gesang von Luka Lamut. Gespielt eigentlich ohne Aussetzer oder wahrnehmbare Fehlschüsse. Ein Rock ‚N‘ Roll-Sturm, der das Gelände erschütterte. Dank der spritzigen Bühnendynamik, dem Gewitter harter Phrasen und der musikalischen Ansteckungskraft sowie der ganzen frohen Stimmung, die sich auf die Zuhörer übertrug, hatte man das Gefühl, dass das Konzert auch blitzschnell verging. Wie immer. Stray Train bewahren eine große Bühnenansteckungskraft. Die geschickt gezimmerten Soli des gitarristischen Feinmechanikers Jure Golobič sind dabei so oder so ein Kapitel für sich. Rechtgläubige Direktheit, wie sie die Beherrschung der Doktrin des Rock and Roll verlangt.

Laurence Jones hat seinen Status als Headliner des zweiten Festivaltages mehr als gerechtfertigt. Er lieferte tatsächlich eine der größten Bühnenattraktion dieser Ausgabe des Motorcity Festivals – wenn nicht sogar die größte. Die Bühne vibrierte und bebte richtig! In der neuen Welle von Blues-Rock-Gitarristen, die vor Jahren mehr als offensichtlich durch den globalen Boom mit Joe Bonamassa ausgelöst wurde, gehört Laurence zu den jüngeren Gitarrenhelden seines Fachs. Mit sechsundzwanzig Jahren hat er bereits sechs Alben im Gepäck, das jüngste davon »Truth«, erschien letztes Jahr. In einer Stunde und zwanzig Minuten demonstrierte Jones eine außerordentliche Reife und schlicht das Blues-Rock-Gitarrenspiel der »Allroundkönnerschaft«. Der Typ ist im Spiel durchgehend feurig und völlig ungezügelt. Bei dem unglaublichen Talent, das der Mann besitzt, spürst du eine außerordentliche darstellerische Glut und den Drang, sich zu beweisen. Neben dem gefälligen Gesang, der in puncto Wiedererkennbarkeit und auch Qualität nicht sonderlich weit oben rangiert, trat natürlich sein durchgehend faszinierendes und bravouröses Gitarrenspiel absolut in den Vordergrund, wo er mit unglaublicher Geschwindigkeit und gleichzeitiger Kontrolle über das Instrument verblüffte. Unglaublich, was der alte, gute Fender Telecaster alles kann. Eigentlich erledigt Laurence auf der Bühne alles mit nur einer einzigen Gitarre. Von den Covers begeisterte er – gewissermaßen erwartungsgemäß – Hendrix’… pardon, Dylan-Fans, als er sich an All Along the Watchtower wagte. Der zentrale Punkt des Auftritts war aber der Eigenkomposition Thunder In the Sky, ein langsamer, erotogener Blues, bei dem Laurence richtig explodierte und das Publikum mit sinnlicher Zügellosigkeit und Leidenschaft bezauberte. Jones spielte zusammen mit seinen zwei Kumpanen neben Thunder In the Sky folgende eigene Songs: What Would You Do?, Don’t You Let Me Go, I Will, Before You Accuse Me, Never Good Enough, What’s It Gonna Be und Live It Up. Zu den Covers kehrten wir erst bei der Zugabe zurück, als sich der Mann vor Clapton verbeugte und After Midnight (orig. J. J. Cale) anstimmte, in das er geschickt einen Teil von Claptons Layla einwebte. Gegen Ende marschierte er vom die Bühne ins Publikum und beglückte die vorderen Reihen mit seiner Feurigkeit! Eine außergewöhnliche Vorstellung. Laurence ist zwar nicht der einzige Bluesrock-Held der neuen Welle auf dem Planeten, gehört aber sicher zur Liga der heißesten Handvoll Blues-Rock-Asse seiner Generation, die mit ihrem Verständnis der Blues-Rhetorik sofort bezaubern und überzeugen. Das gelang ihm also auch mit dem Auftritt beim Motörcity Festival.

Und zum Schluss: »Bilo kuda, Hamo svuda!« Unser Matevž Šalehar also, »genannt Hamo« und seine Tribute 2 Love. Von ihm lässt sich sagen, dass er im Moment als einer der umtriebigsten slowenischen Rockmusiker gilt, auch wenn er das selbst nicht zugeben wird. Sagen wir lieber: ein Rockmusiker, der mit seiner Band im Moment einer der durchdringendsten Artikel auf der slowenischen Mainstream-Szene ist. Mit einem Konzert am Delta, das heißt…. Ja. Im Kontext der Blues-Natur des Festivals buchstäblich am Delta des Zusammenflusses von Tolminka und Soča. Auf dem verdichteten Sand, den der Mittagsregen schön »zusammengedrückt« und -geschlagen hatte – was auf seiner Kehrseite auch der schrullige Autor der Fotogalerie dieses Beitrags zu spüren bekam, als er bei einem der wagemutigen Spaziergänge vor der Bühne amüsant ausrutschte. Kommen wir zum Kern. Bei Hamo gibt es kein Versteckspiel. Es ist keine Neuheit mehr, geschweige denn eine Revolution, dass den charismatischen Sänger eine außerordentlich gute Musikerband »schützt«, und die Band servierte für das große Finale der zweiten Ausgabe des Motörcity Festivals eine 100% akustische Vorstellung. Die Besetzung blieb gegenüber dem Vorjahresauftritt am selben Gelände unverändert. Sitzend und in einer Reihe aufgestellt: Buco mit dem Cajón, Peter und Hamo mit Gitarren, Hipi mit der Hofner-Bassgitarre, und ganz rechts saß der Keyboarder Denis. Der unterhaltsame musikalische Zwischenstopp, der kurz vor ein Uhr morgens begann, streute Publikumslieblinge ein, und vor der Bühne erschien – erwartungsgemäß – auch ein beträchtlicher Anteil fröhlich johlender und tanzender Mädels, einige lautstarke Groupies der Band, die den Kern mitsangen. Der »predigende« Hamo entwickelt sich zum unterhaltsamen Moderator, der die jeweilige Situation geschickt in einen guten Gag verpackt, wobei ihm auch das Team erfahrener Musiker hilft. Kurzum: eine intime Atmosphäre, in der die Songs zu lebhaften Liedchen werden – voller greifbarer Melodien, und auch ein Blues-Schleier liegt darüber. Geschickt rearranziert. Das Team amüsierte sich köstlich und bot eine Menge Lachen und gute Laune. Das alles übertrug sich im Nu auf das Publikum und das Feiern zog sich kräftig in die Zeit zwischen zwei und drei Uhr morgens. Kein Schlaf!

Unter dem Strich lässt sich sagen, dass das Festival im zweiten Jahr erfolgreich eine weitere Bewährungsprobe bestanden hat auf dem Weg, sich endgültig zu etablieren und im bunten Festivalangebot zu verankern, das jedes Jahr den Zusammenfluss bei Tolmin ziert. Hoffen wir, dass Motörcity mit einem solchen Team, das so herzlich an das Festival glaubt, dafür schuftet und so sorgfältig dafür gesorgt hat, dass alles wie am Schnürchen lief, nach und nach zu einem der bedeutendsten europäischen Blues- und Rockfestivals heranwächst. Und damit ich es nicht vergesse zu erwähnen: Möge es gleichzeitig auch zu einem der wichtigsten europäischen Treffpunkte für Biker werden!

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