Metaldays 2018 (dritter Tag) – endlose Menschenwellen bei Kataklysm

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Autor: Rok Klemše, Aleš Podbrežnik, Primož Novak
Fotos: Nina Grad, Sebastijan Videc
Video: Sebastijan Videc

Ort: Tolmin, Slowenien
Konzertdatum: 25.07.2018
Besucherzahl: 12.000
Ticketpreis: 150,00€ (Wochenticket)

Auch in Luxemburg leben genug Menschen, dass das Land nicht nur für die Skierfolge des unvergesslichen Marc Girardelli bekannt ist. Dort finden sich auch Musiktalente, die sich überzeugend mit der Magie des Metal messen können. Das sind Sleeper’s Guilt. Das modern klingende Melodic-Death-Metal-Quintett  Die Band, die seit 2011 aktiv ist, hat vor einiger Zeit ihr ambitioniertes Doppel-Studiodebüt »Kilesa« veröffentlicht. Ein ambitioniertes Werk. Und auch das Konzert entwickelte sich in dieser Manier. Schon in der Nacht davor hatte uns ein Typ im Vorbeigehen eifrig mit Tonnen von Promo-CDs der Band eingedeckt und zum Konzert eingeladen: »Morgen spielt auf der Hauptbühne eine ziemlich shitty Band!« Wie auch immer, Sleeper’s Guilt sind alles andere als »shitty«. Vielleicht nicht gerade die originellsten, aber enorm engagiert und professionell. Spaß verstehen sie keinen, denn sie wissen, wie hart und unerbittlich das Brot im Musikgeschäft Mitte 2018 ist. Ich schreibe es nochmal: Eine Revolution haben sie nicht angezettelt, aber sie verbinden äußerst geschickt die Wurzeln der alten Schule des Melodic Death Metal aus Göteborg mit Elementen eines modern klingenden Grooves der neuen Zeit. Auch ideenmäßig sind sie abwechslungsreich, und so langweilen sie auch live nicht, mit genau der richtigen Portion Bühnendynamik. Kompakt, eifrig, aggressiv, bestens abgestimmt und eingespielt. Von der kräftigen Growl-Darbietung des Sängers über die stimmigen, geschlossenen Gitarrenriffs und Soli bis zur farbenreich strukturierten Rhythmuslinie, umgürtet von abwechslungsreichen Drumpassagen. Ein scharf brennender Einstieg in das Geschehen auf der Hauptbühne und in die sonnige Nachmittagshitze!

In den angenehmen Schatten der Boško Bursać-Bühne zogen wir um, als die erste Band des dritten Festivaltags sie betrat: die Death-Metal-Fleischer aus Prekmurje, Vasectomy. Die Jungs hatten letztes Jahr auf der New-Forces-Bühne überzeugt und als Belohnung einen Auftritt auf der größeren Bühne bekommen. Diesmal standen sie sogar mit Bassist auf der Bühne, was bei den Auftritten, die ich von ihnen sehen konnte, überhaupt das erste Mal war. Entsprechend war ihr Sound deutlich voller, auch die Performance war zuverlässig und souverän, der Gesang von Patrik Ritlop kraftvoll, überzeugend und abwechslungsreich. Starker Auftritt der Chirurgen aus Prekmurje, weshalb mich noch mehr interessiert, wo das seit geraumer Zeit angekündigte Debüt Deathcon 1 bleibt.

Die griechischen Stoner-Rocker 1000 Mods brachten an diesem Tag eine äußerst willkommene Abwechslung auf die Hauptbühne. Die Spielzeit war zwar noch nicht die richtige, und leider hatten sie deshalb kein sonderlich zahlreiches Publikum. Die meisten kühlten sich um diese Uhrzeit lieber in der Soča ab oder bei einem Krug Bier irgendwo in Tolmin. Die Hitze wurde von Minute zu Minute konkreter und gnadenloser. Wie gemacht für den »Wüsten«-Sound, wie ihn das Genre Stoner Rock eben entwickelt. 1000 Mods sind eine Band, die direkt wirkt. Ohne Umwege geht sie die Sache an, und so entwickelte sich auch das Konzert. Von Song zu Song reihten sie sympathische Eigenkompositionen aneinander, und Fans von Monster Magnet, Dozer oder Corrosion of Conformity mussten dabei doch irgendeine Schnittmenge finden. Das dritte und aktuelle Album »Repeated exposure to…« ist ein künstlerisches Upgrade der beiden Vorgänger, und die Band widmete ihm auf der Bühne auch mehr Aufmerksamkeit. 1000 Mods sind äußerst fokussiert. Auf der Bühne aufgekratzt. Alles ist verdammt gut zusammen»geklebt«. Vom Gesang, der live »zugedröhnt und abwesend« genug ist und dabei kontrastreich durchdringend wirkt, wenn man ihn neben das heulende und spöttische, rock’n’rollerisch lausbübische Rasen der Gitarrenphrasen stellt, bis zur rollenden Rhythmusmaschinerie. »Kranker« griechischer Stoner Rock!  

Weiter ging es mit den italienischen Black-Metallern Selvans. Italien und Black Metal in einem Satz wecken normalerweise keine übertrieben großen Hoffnungen, doch die Band, die offiziell nur aus zwei Mitgliedern besteht, Sethlans Fulguriator und Selvans Haruspex, überraschte in dieser Hinsicht positiv. Selvans legen enormen Wert auf reiche Atmosphäre sowie folkloristische und heidnische Elemente, was sie stark in die Nähe von Bands wie Negura Bunget, Moonsorrow oder Winterfylleth rückt. Selvans spielten nur eine Handvoll Songs, da die meisten ihrer Stücke ordentlich Überlänge haben, und die meisten stammten vom bisher einzigen Studioalbum Lupercalia. Ohne besondere Höhepunkte, aber überraschend solide.  

Sprung zur Lemmy-Bühne und zum deutschen Metalcore-Fünfer Any Given Day, der angesichts seiner Genre-Ausrichtung sogar etwas besser klang als erwartet. Innerhalb der Genre-Leitplanken waren die Deutschen zwar völlig generisch, überzeugten aber mit energischer Bühnenshow und dem starken Frontmann Dennis Diehl, der das Publikum ohne größere Mühe in der Hand hatte. Hängen blieb es natürlich bei den Clean-Vocals, die zum Genre dazugehören und übertrieben weinerlich wirkten, völlig im Gegensatz zu Dennis‘ Macho-Image. Any Given Day ließen sich überstehen, aber ich bezweifle stark, dass sie je wieder absichtlich auf meinem Speiseplan landen.

Die Boško Bursać-Bühne setzte nach Selvans in genrenahen Gewässern fort: Auf die Bühne kamen die belgischen Symphonic-Black-Metaller Saille, nach The Lurking Fear die zweite Band des diesjährigen Metaldays, die sich thematisch stark an Lovecrafts Werken orientiert. Saille erfinden im symphonischen Black Metal das Rad nicht neu, aber was sie tun, tun sie sehr gut. Die Belgier übertreiben es nämlich nicht so sehr mit den symphonischen Elementen, dass diese nervig würden, sondern arbeiten vor allem an Tempo und Wut, was sie mit Tremolo-Riffs und rasenden Drums erreichen, während die symphonischen Elemente das Ganze aufwerten. Saille klingen so nach etwas, das den kultigen Enthrone Darkness Triumphant oder In the Nightside Eclipse nicht so fremd ist, allerdings wurden sie gegen Ende ihres Sets wegen des ständigen Durchballerns etwas eintönig. Wieder ein überraschend guter Auftritt einer relativ unbekannten Band, und es ist kaum zu glauben, wie die Qualität der Acts auf der kleineren Bühne in den letzten Jahren gestiegen ist. Wenn man in den vergangenen Jahren gute Bands auf dieser Bühne suchen musste wie die Nadel im Heuhaufen, ist es heute genau umgekehrt.

Die Band Tremonti hat ihr neues Studioalbum »A Dying Machine« veröffentlicht. Ihr Chef und Alter-Bridge-Gitarrist Mark Tremonti schlüpft neben dem Gitarrespielen diesmal auch in die Rolle des Leadsängers. Mark Tremonti ist ein herausragender Gitarrist. Angesichts der Songstrukturen bei Tremonti fällt das vielleicht nicht so stark auf, denn die Songs folgen ultramelodischer Ansteckungskraft und Groove-Kompaktheit, strahlen gleichzeitig aber gelegentlich auch eine eingebettete Doktrin des Thrash-Metal-Erbes aus. Lieber aber tragen sie einen »alternativen«, bis MTV-haften Anklang, den sich der Metal in der Ära der Post-Grunge-Boom-Bands zugelegt hatte. Die Band verteilte ihr Repertoire und übertrieb es mit dem extrem ausgefeilten und konzeptionellen Album »A Dying Machine« nicht, sondern streifte die ganze Schaffensära. Vor den Soli nahm Mark immer die Mittelposition ein. Immer wenn er ein Solo anging, bewegte er sich vom Mikrofon in die Mitte und direkt an die Bühnenkante. Damit durchbrach er die scheinbare Bühnenstatik der Band. Tremonti sprangen direkt von der Iron-Maiden-Tour nach Tolmin, auf der sie als Vorband fungieren. Am Vortag spielten sie in Zagreb, und RockLine hat sie zusammen mit Maiden schon in Triest erwischt, am 17.7.2018. Mark Tremonti lieferte mit seiner Band einen äußerst souveränen und routiniert überzeugenden Auftritt. Trotzdem hätte man vor der Bühne mehr Besucher erwarten können, vor allem Alter-Bridge-Fans. Offenbar sparten alle ihre Energie für die abendlichen Auftritte von Soulfly und (besonders) für die Headliner der Lemmy-Bühne am dritten Festivaltag, das heißt die heißen kanadischen Death-Metaller Kataklysm.

Es folgte echte Exotik aus dem Osten, die chinesischen Heavy-/Folk-Metaller Dreamspirit, die klingen wie Nine Treasures auf Heavy-Metal-Steroiden. Also etwas weniger Folk-Elemente und etwas mehr Heavy/Power Metal, der dem europäischen Power Metal sehr nahe ist, bei Dreamspirit aber kräftig von atmosphärischen Keyboards und stellenweise traditionellen Instrumenten unterstützt wird. Dazu Texte auf Chinesisch. Der Anfang war noch recht vielversprechend, doch dann ging alles schnell bergab. Die traditionellen Elemente waren aufdringlich, Pfuscher und Patzer zahlreich, die Backing-Vocals offensichtlich vom Band. Bei mehreren technischen Problemen unterhielt der Sänger mit A-cappella-Gesang, der schnell nerviger wurde als das Summen einer Mücke am Ohr mitten in der Nacht, noch mehr nervte er mit wirren Ansagen und gebrochenem Englisch (»Do you want to dancing?«). Dreamspirit brachten das Publikum zwar ohne größere Mühe in Bewegung, mich persönlich aber in beschleunigte Bewegung Richtung dritte Bühne.

Dort besserte ich meinen Geschmack deutlich beim Auftritt des brasilianischen Heavy/Power-Metal-Fünfers Armahda auf, die am Mittwoch den Headliner-Platz der New-Forces-Bühne einnahmen. Die Brasilianer veröffentlichten vor fünf Jahren ihr selbstbetiteltes Debüt, von dem sie in gut vierzig Minuten den Großteil der Songs präsentierten. Diese sind vor allem thematisch interessant, da sie Ereignisse aus der brasilianischen Geschichte besingen, musikalisch bewegen sie sich in Gewässern nahe Bands wie Blind Guardian und Pegazus, in komplexeren Momenten erinnern sie etwas an die Landsleute von Angra. Auf dem Metaldays überzeugten sie mit energischer Show und hervorragender Umsetzung, angeführt vom kraftvollen Gesang von Mauricio Guimaraes, der im Intro der aktuellen, wenngleich schon zwei Jahre alten Single Last Farewell sogar an den großen Warrel Dane erinnerte. Armahda sagten nichts Neues, sorgten aber trotzdem für einen der besseren Momente klassischen Heavy/Power Metals des diesjährigen Metaldays.

Rage sind Legenden des europäischen Heavy Metal, wie er Anfang der Achtziger in Hamburg gebraut wurde! Frontmann Peter »Peavy« Wagner, der sich in Tolmin mit Sonnenbrille erfolgreich gegen die sengende Hitze wehrte, hatten wir vor einigen Tagen mit Refuge in Balingen beim Bang Your Head!!!-Festival erwischt (Refuge sind eigentlich die Rage-Besetzung aus der Ära zwischen 1987 und 1994). Diesmal begab sich der unzerstörbare Chef der Band mit der aktuellen Besetzung seiner Rage in slowenische Gefilde, zu der noch Marcos Rodriguez (Gitarre) und Vassilios “Lucky” Maniatopoulos (Schlagzeug) gehören. Die zeitlich begrenzten Rage eröffneten das Konzert mit dem Klassiker Sent By The Devil vom Album »Black In Mind« (1995), dann reihten sie so schnell wie möglich Song an Song, und das Konzert lief entsprechend auch rasend schnell ab. Vom neuen Album »Seasons of the Black« spielten sie erwartungsgemäß beide Hit-Singles My Way sowie den Titeltrack, würzten das Repertoire mit dem Klassiker Nevermore vom Album »The Missing Link« (1993), dazu kam noch die (heimlich erwartete) und äußerst sangliche From the Cradle to the Grave. Dann sagte Peavy, die Band gehe nun in die Ära des Auftritts über, in der auch das Publikum mitsingt, und schmetterte End Of All Days, gefolgt von den erwarteten Don’t Fear the Winter und der verlängerten Higher Than The Sky, in der Marcos äußerst gelungen die unsterbliche Gestalt Ronnie James Dio jagte, als die Band neben eigenen Stücken auch die Black-Sabbath-Klassiker Heaven And Hell sowie Holly Diver (Dio) einflocht. Rage hatten sichtlich Spaß und genossen das Konzert. Peavy strahlt bei aller enormen Erfahrung und beim eifrigen Bass-Schrubben noch immer echte vokale Durchschlagskraft und Engagement aus. Hoffen wir, dass der legendäre deutsche Musiker den Karren der Band noch viele Jahre weiterzieht.

Eines der verlockendsten Angebote der Borško Bursać-Bühne war an diesem Tag, zumindest für Death-Metaller, die amerikanische Formation Gruesome, die auf wunderbare Weise das Erbe des Paten des Death Metal (auch wenn er diesen Begriff selbst nie mochte) Chuck Schuldiner und der legendären Death feiert. Der Death-Spross wurde als Idee von Gitarrist und Sänger Matt Harvey (Exhumed) und Schlagzeuger Gus Rios (ex-Malevolent Creation) geboren, die auf der Tour mit Death To All Lust bekamen, das frühe Material der Urväter des Death Metal zu spielen, also vom Debüt Scream Bloody Gore bis irgendwo zu Spiritual Healing. Da das im Rahmen der DTA-Touren nicht in diesem Maße möglich war, gründeten Harvey und Rios Gruesome, deren Ziel die vollständige Emulation von Death in chronologischer Reihenfolge ist. Das Debüt Savage Land ahmte also Scream Bloody Gore nach, die EPs Dimensions of Horror und Fragments of Psyche Leprosy, das diesjährige Twisted Prayers dagegen Spiritual Healing. Gruesome geben völlig offen zu, dass es ihr Ziel ist, Death so respektvoll wie möglich zu kopieren, und damit sind sie zweifellos vielleicht sogar die ehrlichste Hommage an den verstorbenen Schuldiner überhaupt. Gruesome walzten unter Leitung des bestens aufgelegten Harvey und seines bestialischen Gesangs bei ausgezeichnetem Sound mit Abrissbirnen wie Dimensions of Horror, Forces of Death, Legal Legacy, Savage Land alles nieder und brachten das Publikum sofort in einem brutalen Moshpit in Bewegung. Die Rhythmusgruppe Robin Marzen/Gus Rios erschütterte die ganze Zeit gnadenlos die Eingeweide, und die Gitarren von Harvey und Daniel Gonzalez (Possessed) bissen, schnitten und rissen wie hungrige Kannibalen im kultigen Schundfilm Cannibal Holocaust (einem der Horrorfilme, der Inspiration für Savage Land war). Eines der besten, wenn nicht sogar das beste Death-Metal-Konzert des Metaldays 2018!

Loudness sind Legenden des japanischen Hard Rock, aber auch des Metal. Die langlebige Band aus Osaka spielt, mit Ausnahme von Schlagzeuger Masayuki Suzuki, eigentlich in Originalbesetzung, zu der natürlich obligatorisch der Gitarren-Conan gehört, eine Art japanischer Malmsteen (und mehr), der herausragende Akira Takasaki. Der Hauptmagnet, an dem Rockfans der Achtziger kleben und schon immer klebten, und zwar global, auf dem ganzen Planeten. Die Band war bestens gelaunt. Offenbar gefiel ihnen die Position auf der Hauptbühne, mit Blick zwar gegen die Sonne, aber zugleich auf den hügeligen Westen Sloweniens, dorthin Richtung Kobarid und weiter in den Breginjski kot. Eingebettet in den Schoß der unberührten Weiten von Nord-Primorska. Ein hervorragendes Gefühl strahlten sie aus. Das galt zum Glück diesmal auch für Bassist Masayoshi Yamashita, der beim Auftritt auf dem Bang Your Head!!!-Festival am 14.07.2018 unverständlich reserviert war. Der Loudness-Auftritt klang unterm Strich auf einem höheren Niveau, verglichen mit der zwar wunderschönen Show der Band auf dem diesjährigen Bang Your Head!!!, und übertraf zugleich den Auftritt der Formation im Vorjahr, ebenfalls beim Metaldays, als die Band bei teils regnerischen Bedingungen und mit reichlich Soundpannen den Auftritt auf der zweiten, also der Boško Bursać-Bühne, glücklich über die Bühne brachte! In den ersten Reihen standen einige Anhänger der Band, die gekommen waren, ihre Helden in echten Loudness-Shirts anzufeuern. Sänger Minoru Niihara hält ein zufriedenstellendes vokales Niveau und ebensolche Souveränität auch in höheren und höchsten Gesangslagen. Die Band hat im Februar dieses Jahres ein neues Studioalbum »Rise To Glory« veröffentlicht und eröffnete die Show mit dem neuen Soul On Fire (Niihara hatte diesen Schriftzug auch auf dem Rücken seiner Lederweste eingenäht, weshalb er sich absichtlich mehrmals mit dem Rücken zum Publikum drehte), gefolgt von I’m Still Alive. Das Publikum erwachte erstmals richtig beim Klassiker Crazy Nights, ab da verbrüderten sich auch Loudness mit ihren klassischen Zeiten, mit denen sie sich in den Achtzigern große Wertschätzung und Weltruhm erworben hatten. Akira Takasaki bleibt der König der E-Gitarre. Seine Soli sind fast nicht zu fassen, wenn überhaupt, und der Mann gehört in die Generationsliga der Größten seines Fachs, zu denen man (unbescheiden gesagt) Asse wie Paul Gilbert, Steve Vai, Chris Impellitteri und den bereits erwähnten Yngwie J. Malmsteen zählt. Takasaki ist ein geschulter Gitarrist, in seinem Spiel steckt viel saftige Neoklassik, barocke, fast Bach’sche Ornamente, und er spielt mit höllischer Überschallgeschwindigkeit. Oft sind beide Hände buchstäblich am Gitarrenhals „festgeklebt“! Die Gitarre »schüttelte« er bei den Soli auch oft, und zwar mit attraktivem Hängen am Tremolohebel. Sein Spiel raubt Zuhörern und Zuschauern den Atem. Die Band spielte außerdem Like This, Let it Go, The Sun Will Rise Again, Heavy Chains, This Lonely Heart, Crazy Doctor, In the Mirror,und beendete das Konzert erwartungsgemäß mit S.D.I. Hoffen wir, dass Loudness wieder nach Europa kommen. Toll wäre es, wenn sie irgendwann auch bei einem Clubkonzert in Slowenien auftreten könnten. Niihara verbarg seine Begeisterung nicht und sagte während des Konzerts: »Wir kommen nächstes Jahr zurück!«. Hoffen wir, dass es stimmt.   

Die Schweizer waren dieses Jahr mit einigen Vertretern auf dem Festival, und nach Coroner, Eluveitie, Virvum und Bölzer betrat nun auch das Basler Schammasch die Bühne, mysteriöse Vertreter des Avantgarde-Black-Metal. Schammasch, die sich nach dem babylonischen Sonnengott benannt haben, würden nachts zwar viel besser wirken, denn ihre Hauptstärke ist eine stark atmosphärische Mischung aus Black und Death Metal, die Bands wie Behemoth, Deathspell Omega und Triptykon nahekommt, sowie die Ikonografie der Band, gehüllt in eine Art Halbkutten, während der Sänger mit schwarz bemaltem Gesicht unter einer Kapuze verborgen ist. Das Schweizer Quartett überträgt die Themen Spiritualität, Okkultes und Meditation geschickt in die Musik, die aus den Schlägen von Black/Death Metal schön in experimentellere und ätherische Gewässer übergeht. Noch ein guter Schweizer Auftritt.

Wahrscheinlich eine der besonderssten Bands des Festivals war die französische Formation Igorrr. Es ist eine Formation unter Leitung von Gautier Serre. Serre hat im letzten Jahr die Besetzung erweitert und ist so bei einem größeren Label gelandet, seine Musik wurde plötzlich erkennbar. Die Band zeigte mit ihrem Auftritt ein breites Genrespektrum. Einerseits war elektronische Tanzmusik präsent, andererseits Brutalisierung im Death- und Black-Metal-Stil. Als wichtiges Element kommt noch Barockmusik mit schönen Operngesängen hinzu, was dem Kuriosum der Band noch das Sahnehäubchen aufsetzt. Damit es authentischer ausfiel, waren auch ein Schlagzeuger sowie ein Sänger und eine Sängerin dabei. Die beiden Sänger sorgten für Opern- und Schreigesang. Kurz: Man hörte Operngesang, EDM-Einlagen und Blastbeats. Es tat sich ein kleines Meer an Assoziationen auf, in manchen Passagen wirkte es, als hätten die legendären Prodigy eine extreme Version bekommen. Auf jeden Fall eine chaotische und durchgeknallte Sache, stellenweise aber ziemlich sinnlos. Die Songs wirkten, als hätten sie weder Hand noch Fuß. Doch offenbar steckt bei Igorrr gerade genug Einzigartiges drin, dass das Publikum die Band stark unterstützte, und wie es aussieht, werden Igorrr in den nächsten Jahren bald den Headliner-Platz des Festivals bekommen.

Auf der zweiten Bühne begannen parallel zu den Sonderlingen Igorrr ihren Auftritt Sorcerer. Die schwedische Doom-Metal-Formation begann ihren Weg schon zu Zeiten, als noch auf Demokassetten aufgenommen wurde, doch das Debüt erschien erst 2015, als sich die Band nach einer erfolgreichen Reunion entschloss, ein Debüt aufzunehmen, auf dem viel altes Material landete. Letztes Jahr veröffentlichte die Band bereits ihr zweites Album, mit dem sie ihre Vision bestätigt. Sorcerer stellten zweifellos jene zufrieden, die auf traditionelleren Doom Metal schwören. Die längeren Songs hatten durchaus einen epischen Touch. Es gab Assoziationen mit Candlemass, doch Sorcerer sind keine Nachahmer. Die Band bietet langsame Rhythmen, schlagkräftige Riffs und kann sich mit herausragendem Gesang und Gitarren brüsten. Auch die beiden Gitarristen begeisterten, an virtuosem Soloing mangelte es nicht, unter anderem spielt bei Sorcerer der erfahrene Kristian Niemann (ex-Therion). Die Band präsentierte Songs von beiden Alben und verabschiedete sich mit dem schlagkräftigen »The Sorcerer«, das in den Neunzigern aufgenommen wurde. Sorcerer waren für Doom-Fans ein echter Leckerbissen, deshalb hätten wir auch künftig nichts gegen Ähnliches.

Soulfly waren nicht zum ersten Mal in Tolmin. Sie waren auch schon Headliner des Tages, doch diesmal spielten sie als Vorletzte. Ruhm kann offenbar auch verblassen. Logisch, dass sich das bei Soulfly in ein paar Songs zeigte. Die Band, in der der legendäre Max Cavalera wirkt, ist jetzt in recht schwachem Zustand. Max Cavalera bringt seit über einem Jahrzehnt keine gewaltige Energie mehr auf, diesmal zeigte sich, dass wirklich Zeit für eine längere Pause ist. Der Gesang hat keine Kraft, das Spiel ist katastrophal. Zum Glück gibt es auf der anderen Seite Gitarrist Marc Rizzo, der Soulfly seit 2003 mit seinem präzisen und geradezu brillanten Spiel rettet. Auch die anderen Mitglieder sind nicht zu vernachlässigen. Der aktuelle Bassist Mike Leon verträgt sich gut mit Rizzo und mit Zyon Cavalera am Schlagzeug, also Cavaleras Sohn. Man muss Soulfly zugestehen, dass sie mit dem Repertoire überrascht haben. Neben Dauerbrennern wie Back to the Primitive, Frontlines, Prophecy, Blood Fire War Hate spielte die Band auch einige Songs vom Debüt, das dieses Jahr schon 20 wurde. Und endlich gab es kein »Mitschleppen« von Sepultura-Songs, womit die Band aufgehört hat, die Vergangenheit endlos aufzuwärmen. Das größere Problem ist, dass Cavalera keinerlei Charisma mehr hat. Das Publikum sprach er mit ständigem Fluchen und unaufhörlichem Anstacheln zum Moshpit an. Die Resonanz war auf jeden Fall da, doch der Ansatz wurde schlicht abstoßend. Cavalera wird offenbar nicht aufhören, er hat schon ein neues Album angekündigt, von dem er einen neuen Song spielte, doch angesichts des aktuellen Zustands können Soulfly sich abschreiben. 

Während Max Cavalera mitten auf der Hauptbühne des Festivals von einem lenkbaren Bataillon seiner Soulfly-Untertanen erfolgreich eine Vielzahl an »Wall of Death«-Theater vermarktete, traten in der stillen und mystischen Atmosphäre des Wäldchens, in dem die zweite Bühne des Festivals regiert, fast unbemerkt die portugiesischen Sinistro auf, die Sängerin Patricia Antrade anführt. Die Band hat in diesem Jahr ihr ganz frisches und insgesamt drittes Studioalbum »Sangue Cassia« veröffentlicht. Sicher Sonderlinge, die auf absoluten Atmosphärenaufbau schwören. Diese saugt dich mühelos auf und führt dich in eine Welt jenseits der Realität. Deshalb stützt die Band ihren Ausdruck auch kräftig auf Post-Metal-Elemente. Beide Gitarristen waren mit einem Haufen Delay- und Sustain-Effekten beladen, auf denen sie einen massiven Klangteppich entfalteten. Patricia stellte sich mehrfach in die Rolle der zentralen Predigerin, und die Bühnendramaturgie der Band grenzte zeitweise geradezu an Rezital. Wie viele Zauber Patricia aufgelöst und mit wie vielen Zaubern sie uns an diesem Abend verzaubert hat, hat vermutlich niemand herausgefunden, denn sie benutzt strikt die portugiesische Sprache, die den Ausdruck der Band aber besonders und einzigartig macht. Sinistro haben mehr Aufmerksamkeit und mehr Publikum verdient. Noch eine absolut besondere Formation, die den musikalischen Puls der diesjährigen Ausgabe des Festivals wirksam bereicherte.  

Die kanadischen Hyperblaster Kataklysm sind längst keine Unbekannten mehr. In Tolmin traten sie erstmals schon 2005 auf, spielten aber in den frühen Nachmittagsstunden in ziemlicher Hitze. Mit jedem weiteren Besuch kletterten Kataklysm auf der Leiter nach oben, und so kamen sie nach 13 Jahren endlich auf den Headliner-Platz des Tages. Dafür musste man schuften, aber bei Kataklysm ist bekannt, dass sie fleißig Alben machen und auf Tour gehen. Kataklysm ruhen nicht, und die harte Arbeit zahlte sich diesmal auch aus. Die Band ist zwar nicht mehr taufrisch, was für Death Metal, der viel Kondition verlangt, von entscheidender Bedeutung ist. Doch Kataklysm zeigten gleich zu Beginn ihres Auftritts ihre gute Form und rechtfertigten ihren Ruf.  Die Band hat dieses Jahr das neue Album Meditations veröffentlicht, das sie zwar anrissen, aber angesichts der zahlreichen Besucher lieber mit ihren größten Hits aufwartete. Als Überraschung spielte die Band nach langer Zeit 10 Seconds from the End, wo Maurizio Iacono, der Sänger der Formation, das Publikum zu einem großen Circle Pit überreden konnte. Iaconos Kommunikation mit dem Publikum war deutlich besser als Cavaleras, deshalb drehte das Publikum auch umso mehr durch. Bei As I Slither fielen die Sicherheitsleute durch den Stresstest, als Iacono das Publikum aufforderte, massenhaft Richtung Bühne zu »crowdsurfen«. Kataklysm bestätigten mit ihrem Death Metal, der mit den letzten Alben ziemlich melodisch geworden ist, dass sie eine hervorragende Liveband sind. Die Eingespieltheit ist auf dem Höhepunkt, viel trägt dazu der aktuelle Schlagzeuger Oliver Beaudoin mit seinem schnellen und präzisen Spiel bei. Trotz guter Animation übertrieb Iacono es etwas mit der Emotionalität, als er seine Frau auf die Bühne holte, von der er verkündete, dass sie ein neues Metalbaby erwarten. Blendet man das aus, ging das Geschehen des dritten Tages auf der großen Bühne auf jeden Fall mehr als gut zu Ende.

Für ein blasphemisches Ende des dritten Festivaltags sorgten alte Bekannte, die österreichische Black/Death-Metal-Institution Belphegor, die bei Metaldays/Metalcamp diesmal schon mindestens zum dritten Mal auftrat, erstmals als Headliner einer der Bühnen. Deshalb konnten sich die Jungs etwas mehr gönnen, und die Bühne war für sie schon typisch kitschig, voller Knochen und mit zwei gehäuteten Tierkadavern auf jeder Seite von Helmuths Mikrofon. Persönlich sind Belphegor für mich einer der überschätzteren Vertreter des Genres, und auch diesmal haben sie mich nicht vom Gegenteil überzeugt. Eintöniger Gesang, ständiges Drum-Torpedieren und nicht gerade originelle Riffs wurden schnell langweilig und ziemlich repetitiv, und auch der schlechte, verschmierte Sound half Belphegor nicht. Statt der Fortsetzung von Belphegor passte deshalb zum Abschluss des dritten Tages ein »Nightcap« viel besser.

Nina Grad (Fotos): Vasectomy, Selvans, Any Given Day, Saille, Gruesome, Schammasch, Sorcerer, Sinistro, Kataklysm
Sebastijan Videc (Fotos): Sleeper’s Guilt, Tremonti, Dreamspirit, Rage, Loudness, Igorrr, Soulfly, Belphegor
Aleš Podbrežnik (Text): Sleeper’s Guilt, 1000 Mods, Tremonti, Rage, Loudness, Sinistro
Primož Novak (Text): Igorrr, Sorcerer,  Soulfly, Kataklysm
Rok Klemše (Text): Vasectomy, Selvans, Any Given Day, Saille, Dreamspirit, Armahda, Gruesome, Schammasch, Belphegor

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